Rede von Dr. Lothar Bisky (DIE LINKE) – Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter.
Text
Rede von Dr. Lothar Bisky (DIE LINKE) – Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Den
Koalitionsantrag zur EU-Fernsehrichtlinie tragen wir Linken
aus inhaltlichen Gründen weitgehend mit. Maßgeblich
für unsere Zustimmung ist, dass Sie bei aller
Notwendigkeit, die neuen Entwicklungen im Medienbereich auf
EU-Ebene zu revidieren, anerkennen, dass die
Mitgliedstaaten weiterhin ihren Rundfunk in den für sie zentralen
Bereichen selbstbestimmt regulieren können. Das ist uns
ausgesprochen wichtig.
Lassen Sie mich das anhand von zwei Punkten
erläutern. Erstens. Die Fernsehrichtlinie harmonisiert
zuallererst Geschäftsbeziehungen. Sie dereguliert
Werbebeschränkungen und definiert Bedingungen der
kommerziellen Kommunikation, also auch der Werbung, für
die Anbieter von audiovisuellen Dienstleistungen auf
dem europäischen Binnenmarkt.
In einem dürften wir uns alle einig sein: Den
Anbietern geht es primär ums Geldverdienen und um Rendite
und zuvörderst nicht um den Jugendschutz, nicht um
Verbraucherrechte,
(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Gilt das
auch für die Öffentlich-Rechtlichen?)
nicht um ein vielfältiges kulturelles Programmangebot
und schon gar nicht darum, die Autonomie
journalistisch-redaktioneller Arbeit abzusichern.
Das aber sind für uns als Linke Kernpunkte einer
guten Medienpolitik.
Deshalb gehören insbesondere der Jugend- und
Verbraucherschutz, aber auch das Gebot der Trennung von
Werbung und Programm in den Verantwortungsbereich
der Politik. Diese sollten nicht nach dem
Herkunftslandprinzip bewertet werden, sondern nach den jeweils
nationalen Schutzbestimmungen der Mitgliedstaaten.
Das Herkunftslandprinzip wird nämlich in den
Ansiedlungsbemühungen um Medienunternehmen schnell zu
Dr. Lothar Biskyeinem medienrechtlichen Unterbietungswettbewerb
führen. Den lehnen wir eindeutig ab.
Die Verbraucherzentrale und andere
Interessenverbände – darunter übrigens auch das Zentralkomitee der
deutschen Katholiken – befürchten zu Recht, dass
Jugend- und Verbraucherschutz in Europa mit der
Fernsehrichtlinie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner
reduziert würden. Darum unterstützen wir ihre Forderung,
die etablierten Qualitätsstandards zu erhalten und das
Herkunftslandprinzip aus dem Richtlinienentwurf
herauszunehmen. Dazu haben Sie sich leider nicht
durchringen können.
Zweitens. Wir sind für den Erhalt eines
öffentlichrechtlichen Medienangebots. Sicherlich müssen wir uns
die zentrale Frage stellen, wie dieses Angebot
organisiert und finanziert werden soll, ohne beständig
Gegenstand von Beihilfeverfahren der Europäischen
Kommission zu sein und ohne sich den Privaten in Inhalt und
Form immer mehr anzunähern.
Was die Finanzierung betrifft, so sind wir gegen das
einfallslose „Weiter so“ der Ministerpräsidenten. Die
beschlossene Ausweitung der Gebührenpflicht auf
internetfähige PCs und Handys wird daher von uns
abgelehnt. Für eine trag- und zukunftsfähige Grundlage ist
eine grundsätzliche Revision des Gebührensystems
erforderlich.
Davon unbestritten bedarf es Regulierungen, die auf
der Ebene der Mitgliedstaaten angesiedelt sind und die
unterschiedliche nationale Verfassungen, kulturelle
Traditionen und medienpolitische Konzepte nicht
missachten. Gleiches gilt für die Deregulierungsbemühungen,
die die Bedingungen weiter zugunsten des privaten
Rundfunks und der kommerziellen Medienanbieter
verschieben. Unsere Auffassung ist: Product Placement
soll die Ausnahme sein und nicht zur Regel werden. In
bestimmten Programmformaten, in denen es die
Zuschauer und Zuschauerinnen erkennen können, wie etwa
bei Fernsehfilmen und -serien, sollte es maßvoll erlaubt
sein, als Themenplacement allerdings nicht.
Themenbeiträge als bezahlte Marketingmaßnahmen lehnen wir
prinzipiell ab.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum
Schluss. Wir brauchen ein vielfältiges und kulturelles
öffentlich-rechtliches Medienangebot, das durch Werbung
angemessen begleitet sein kann. Darüber, wie dies
konkret ausgestaltet werden muss, haben wir in diesem
Hause unterschiedliche Auffassungen. Darüber, dass wir
es erhalten sollten, hoffentlich nicht.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der LINKEN – Hans-Joachim Otto [
Frankfurt] [FDP]: Temperamentvolle Rede!)