Rede von Grietje Bettin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter.
Text
Rede von Grietje Bettin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter
Herr Präsident! Meine liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die meisten von Ihnen kennen wahrscheinlich die
Geschichte von Robinson Crusoe,
einem Seemann, der einige Jahre auf einer Insel als
Schiffbrüchiger verbringt. Vielleicht haben einige von
Ihnen aber auch den Film „Cast Away“ mit Tom Hanks
in der Hauptrolle gesehen.
Er spielt darin Robinson Crusoe, allerdings nicht im
18. Jahrhundert, sondern im Heute. Sein Freund Freitag
ist in diesem Film kein Mensch, sondern ein Ball. Der
Ball hat den Namen Wilson, nicht Freitag. Warum ist das
so? Weil der Ball von einer Firma ist, die den Namen
Wilson trägt.
Ich bin mir sicher, dass einige Menschen diesen Film
über alles lieben, vor allem die Vorstände des
amerikanischen Paketdienstes Fed-Ex; denn der Film „Cast Away“
hebt vor allem die Pakete dieser Firma hervor. Ich weiß
nicht, wer von Ihnen sich daran erinnert, aber mir ist das
sehr eindeutig vor Augen geblieben: Er ernährt sich vom
Inhalt dieser Pakete.
Dieser Kinofilm macht nur zu deutlich, was auf uns
zukommt, wenn wir Produktplatzierungen oder auch
Produktionsbeihilfen ganz offiziell zulassen:
Das Fed-Ex-Logo zog sich durch den ganzen Film. Das
kann nicht das sein, was wir uns wünschen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ein anderes lustiges Beispiel ergab sich in einem
Fachgespräch zu dem Thema. Da sagte ein Produzent,
ein Schauspieler wollte bei einer Nacktszene seine Uhr
nicht abnehmen. Er hat sich die ganze Zeit gewundert,
warum der Schauspieler seine Uhr nicht abnimmt.
Dieser Schauspieler hatte – das stellte sich am Ende
heraus – einen Werbevertrag mit der Uhrenfirma. Das war
in der Sache nicht besonders dramatisch,
aber man kann sich natürlich andere Beispiele
vorstellen, wo das ein bisschen mehr Einfluss auf die Inhalte
des Programms nehmen kann.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)
Wir Grünen wollen die Rahmenbedingungen so
gestalten, dass auch in Zukunft ein qualitativ hochwertiges
und unabhängiges Programm sichergestellt werden
kann. Deshalb wollen wir, dass die gezielte Platzierung
von Produkten, gleich welcher Art, nicht erlaubt wird.
Grietje BettinUnserer Meinung nach ist die große Koalition auf halber
Strecke stehen geblieben: Sie will zwar
Produktplatzierungen verbieten, Produktionsbeihilfen aber nicht.
(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Da hat
sie Recht!)
Der Film „Cast Away“ zeigt ganz eindeutig, dass auch
Produktionsbeihilfen das Bild und die Handlung
dominieren können.
Eine besondere Gefahr sehen wir bei journalistischen
Formaten – zumindest hierbei sind wir uns, glaube ich,
alle einig –; denn die Unabhängigkeit der Redaktion
kann durchaus gefährdet sein. Die unzähligen
Schleichwerbeaffären der letzten Monate zeigen, dass
Produktplatzierung durchaus attraktiv ist und definitiv Einfluss
auf Drehbücher nehmen kann.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN)
Wir müssen an der klaren Trennung von Werbung
und Programm festhalten. Deshalb bedauern wir, dass
im EU-Parlament gestern in erster Lesung für die
Zulassung von Produktplatzierungen gestimmt wurde. Wir
können die Vorteile der Zuschauer durch
Produktplatzierungen überhaupt nicht sehen.
Wir gehen davon aus, dass sich der Werbekuchen
insgesamt nicht ausweiten würde, sondern die Stücke des
Werbeetats insgesamt nur anders verteilt würden, dass
die Verbraucher vom Fernsehen nur noch genervter
wären und das Programm inhaltlich nicht besser würde, es
zum Beispiel nicht – was wir uns alle wünschen
würden – mehr investigativen Journalismus oder mehr
bessere Filme geben würde. Wir sehen da keinen
direkten Zusammenhang und keine Verbesserung für die
Verbraucherinnen und Verbraucher.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Für uns ist klar – das hat auch der Kollege Grindel
schon angesprochen –, dass Medien nicht nur ein
Wirtschaftsgut, sondern auch Kulturgut sind.
– Für uns sind sie sicherlich in erster Linie Kulturgut.
Wir akzeptieren aber, dass es sich dabei natürlich auch
um ein Wirtschaftsgut handelt.
Bei der Fernsehrichtlinie gibt es viele Punkte, die
wir durchaus positiv finden. Im Zeitalter der
Digitalisierung ist es natürlich notwendig, die Fernsehrichtlinie
anzupassen. Wir brauchen europaweit einheitliche
Regelungen für Fernsehen und Internet. Wir unterstützen das
abgestufte Regulierungsverfahren und die Regulierung
im Jugendschutzbereich. All das sehen wir sehr positiv.
Wir hoffen, dass die Bemühungen des Kollegen
Neumann Erfolg haben und es im Rahmen der EU-Ratspräsi-dentschaft noch zu Veränderungen kommt. Allerdings
hat das Hoffen bei der großen Koalition bisher meist
sehr wenig genützt.
(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]:
Das stimmt nicht! Erfolgreiche Kultur- und
Medienpolitik im ersten Jahr!)
Wischiwaschikompromisse werden wir in diesem
Bereich nicht unterstützen.
Leider habe ich nicht mehr viel Zeit. Deshalb zur PC-
Gebühr nur so viel: Wir, die Grünen, haben hierzu ein
eigenes zukunftsfähiges Modell auf den Tisch gelegt,
weil wir die Einführung einer PC-Gebühr zum
1. Januar 2007 für nicht zukunftsfähig halten. Wir
brauchen endlich eine geräteunabhängige,
haushaltsbezogene Mediengebühr.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]:
Das ist eine Steuererhöhung! Das geht nicht!)
Für weitere Details reicht die Zeit hier und heute nicht
aus. In die Debatte, die im nächsten Jahr mit den
Ländern geführt werden wird, werden wir uns natürlich
konstruktiv und kritisch einbringen.
Im Parlament werden wir in einigen zentralen Fragen
der Medienpolitik, nämlich bei der Vielfaltsicherung,
dem Verbraucherschutz und der Qualitätssicherung,
zusammenhalten müssen; sonst überrollt uns die EU-
Kommission mit Verschlechterungen. Das können wir alle
nicht wollen. Deshalb hoffe ich, dass wir zu
verschiedenen Punkten Diskussionen führen und zu positiven
Lösungen kommen werden.
Danke schön.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie des Abg. Jörg Tauss [SPD])