Rede von Johann-Henrich Krummacher (CDU/CSU) – Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter.
Text
Rede von Johann-Henrich Krummacher (CDU/CSU) – Grindel, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Peter
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
bestehende Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“ ist
gegenwärtig die Grundlage der EU-Politik im
audiovisuellen Bereich. Sie stammt aus dem Jahr 1989. Nicht nur
die politische, auch die technologisch-mediale Situation
war damals eine völlig andere. Auch der Nutzungs- und
Verbreitungsgrad dieses Mediums ist gestiegen. In
vielen Haushalten läuft der Fernseher im Schnitt drei bis
vier Stunden am Tag. Das mag man bewerten, wie man
will. Es zeigt aber, dass wir hier über einen
gesellschaftlich höchst relevanten Lebensbereich sprechen.
(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]:
Richtig!)
Durch den bislang erreichten Stand der Diskussion
darüber, wie die notwendige Neufassung der Richtlinie
Johann-Henrich KrummacherGestalt annehmen könnte, ist – lassen Sie den Stuttgarter
Abgeordneten das so sagen – ein viel versprechendes
Pflänzle entstanden. Wir wollen dafür Sorge tragen, dass
dies nun in die richtige Richtung wächst.
Ich darf nochmals unterstreichen: Fernsehen – egal
in welcher Form – ist in erster Linie – das haben wir
heute gewissermaßen zu einer gemeinsamen
Überzeugung gemacht – ein Kulturgut.
(Beifall bei der CDU/CSU – Wolfgang
Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Das kann man
nicht oft genug hören!)
Man kann und muss mit Kulturgütern gut wirtschaften.
Aber diese deswegen zu reinen Wirtschaftsgütern
umzudeuten oder sie so zu behandeln, wäre im wahrsten Sinne
des Wortes kurzsichtig.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Das zu verstehen ist wichtig, weil sich bereits hier
entscheidet, ob das Vorhaben richtig eingefädelt wird.
Das hat Folgen für das, was letztlich entscheidend sein
wird, nämlich das Kleingedruckte. Zum Wesenskern
öffentlicher Leistungserbringung im so genannten
Informationszeitalter gehört, auch medial niemanden
zurückzulassen. Wie Lesen und Schreiben werden auch
Medienkompetenzen immer mehr zur Res publica, zur
öffentlichen Angelegenheit: je größer diese
Kompetenzen, desto besser für den Menschen selbst und desto
besser für unser Gemeinwesen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Um es etwas salopp, aber mit durchaus ernstem Kern
zu formulieren: Von der „Sendung mit der Maus“ oder
der ZDF-Produktion „Löwenzahn“ können auch viele
Erwachsene noch etwas lernen, während durch zu viele
andere Angebote aus Kindern eher lethargische, nicht
unbedingt lernbegierige Erwachsene werden.
Dies zeigt abermals die Notwendigkeit einer guten
Balance zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten
Anbietern. Wenn der freie Informationsfluss sozusagen
das Öl im Getriebe unserer Demokratie ist, dann leisten
beide – öffentlich-rechtliche wie private Anbieter –
einen wichtigen Beitrag.
(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Das ist
ja eine richtig vernünftige Rede!)
Aber durch die Privaten allein ist dieser Fluss nicht
hinreichend gewährleistet.
(Jörg Tauss [SPD]: Sie wollen es auch nicht!
Das haben sie doch gesagt!)
Das heißt schlicht und einfach: ARD, ZDF und die
dritten Programme der ARD-Familie senden auf sehr hohem
Niveau, wenn nicht sogar höchstem Niveau. Dafür sind
wir dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen
dankbar.(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Deshalb gilt glasklar: Das muss auch im Rahmen einer
neuen Richtlinie so bleiben.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Ein weiterer wichtiger Punkt – er wurde bereits
angedeutet – ist das Thema Werbung. Es ist nicht
überzeugend, Art und Umfang der Werbemöglichkeiten lockern
zu wollen, aber den eigentlichen Kern, das heißt die
quantitative Werberegulierung, an sich beizubehalten.
Noch weniger überzeugend ist es vor diesem
Hintergrund, bei einer anderen Art der Werbung die Schleusen
zu öffnen, nämlich bei der Produktplatzierung. Einen
positiven Weg weisen beispielsweise die
Transparenzrichtlinien des Zweiten Deutschen Fernsehens auf, bei
denen die Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen wie
privaten Kooperationspartnern ein Controllingverfahren
durchläuft.
(Beifall des Abg. Wolfgang Börnsen
[Bönstrup] [CDU/CSU] – Hans-Joachim Otto
[Frankfurt] [FDP]: Wie wirksam ist das?)
– Das ist sehr wirksam und wird bereits jedes Jahr
abgefragt, dem Fernsehrat vorgetragen und von dort
kontrolliert.
Der Vorschlag der Kommission hingegen würde eine
generelle Öffnung für Produktplatzierung ermöglichen.
Dass für bestimmte Sendungen wie Nachrichten oder
Kinderprogramme Ausnahmen gelten sollen, kann den
Wirkungsradius dieser fast schon als perfide zu
bezeichnenden Form der Werbung nicht seriös eingrenzen.
Darum sind Produktplatzierungen schlicht und ergreifend
abzulehnen. Sonst müsste es nach jeder Sendung heißen:
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren
Drehbuchautor oder Produzenten.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Gute Zeichen gibt es hingegen beim
Jugendmedienschutz. Die Ausdehnung des Jugendmedienschutzes auf
nicht lineare, das heißt individuell abrufbare Dienste, ist
ebenso richtig wie wichtig. Jugendschutz hat viele
Facetten. Eine solche Ausweitung des medialen
Jugendschutzes ist ein wichtiger Teil des Ganzen.
Es macht wenig Sinn, Verrohungen und
Orientierungslosigkeit bis hin zur Gefahr gewaltverherrlichender
Computerspiele zu beklagen und dann diese mediale
Flanke zu öffnen.
Nochmals: Wir begrüßen die Ausweitung des medialen
Jugendschutzes auf die nicht linearen Medien.
Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Insgesamt
gibt es mit Blick auf den bisherigen Diskussionsstand
sowohl Licht als auch Schatten. Um dazu beizutragen,
dass das Licht mehr wird und die Schatten weniger
werden, sollte die Debatte über audiovisuelle Dienste zu
Johann-Henrich Krummachereinem Schwerpunkt der deutschen Medien- und
Kommunikationspolitik auf europäischer Ebene werden.
Sowohl die Landesregierungen als auch
Kulturstaatsminister Neumann tragen dazu auf erfreuliche Weise bei.
Wenn dies dazu führt, dass ein kohärenter
europäischer Rechtsrahmen geschaffen wird, dann ist das gut:
für die Medienlandschaft, für die Medienkultur und für
den Medienstandort, und zwar in Europa und in
Deutschland gleichermaßen.
Danke schön.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und der FDP)