Sachstand zu Abhängigkeiten der Gesundheitsversorgung von Energie- und Rohstoffimporten über die Seewege der Straße von Hormus, dem Golf von Aden und dem Roten Meer
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Sachstand zu Abhängigkeiten der Gesundheitsversorgung von Energie- und Rohstoffimporten über die Seewege der Straße von Hormus, dem Golf von Aden und dem Roten Meer
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6470
21. Wahlperiode 12.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Janosch Dahmen, Dr. Sandra Detzer, Simone Fischer,
Dr. Armin Grau, Linda Heitmann, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Johannes Wagner,
Julian Joswig, Michael Kellner und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sachstand zu Abhängigkeiten der Gesundheitsversorgung von Energie- und
Rohstoffimporten über die Seewege der Straße von Hormus, dem Golf von Aden
und dem Roten Meer
Die Straße von Hormus sowie der Golf von Aden und das Rote Meer zählen zu
den bedeutendsten maritimen Handelsrouten für den globalen Transport von
Energie- und Rohstoffen. Vor dem Hintergrund der angespannten
sicherheitspolitischen Lage im Persischen Golf sowie wiederkehrender Einschränkungen
des Schiffsverkehrs entstehen erhebliche Risiken für internationale
Lieferketten. Daraus resultierende Versorgungsengpässe können die Verfügbarkeit
medizinisch notwendiger Ressourcen beeinträchtigen und somit die
Funktionsfähigkeit der Gesundheitsversorgung in der Bundesrepublik Deutschland gefährden.
Rund 20 Prozent des weltweiten Rohölverbrauchs passieren die Straße von
Hormus (International Energy Agency (IEA), 2026). Gleichzeitig exportiert
Katar als weltweit größter Anbieter von Flüssigerdgas (LNG) etwa 20 Prozent
des globalen LNG-Bedarfs über diesen Seeweg (IEA, 2025). Die erhöhte
Gefährdungslage im Persischen Golf und die damit verbundenen
Energiepreissteigerungen können zu steigenden Betriebskosten für Krankenhäuser,
pharmazeutische Unternehmen sowie deren Zulieferer führen. Dies birgt Risiken für die
wirtschaftliche Stabilität von Gesundheitseinrichtungen, erhöht die finanzielle
Belastung der Beitragszahlenden und kann die Versorgungssicherheit insgesamt
beeinträchtigen. Steigende Kerosinkosten wirken sich ebenfalls auf
Lieferketten von für die medizinische Versorgung relevanten Rohstoffen und
Endprodukten aus.
Die Bevölkerung, insbesondere vulnerable Gruppen, ist darauf angewiesen,
dass ambulante und stationäre Einrichtungen sowie präklinische
Versorgungssysteme die gesundheitliche Versorgung rund um die Uhr zuverlässig und
wirtschaftlich tragfähig sicherstellen. Der Energiebedarf eines Krankenhausbettes
liegt bei durchschnittlich 6 000 kWh Strom und 29 000 kWh Wärme jährlich.
Für die rund 2 100 Kliniken in Deutschland ergibt sich daraus eine
Gesamtbelastung von etwa 1,5 Mrd. Euro (Viamedica Stiftung, 2020). Durch
energetische Sanierungen könnten schätzungsweise 40 Prozent des Strom- und 32
Prozent des Wärmeverbrauchs eingespart werden (Viamedica Stiftung, 2020).
Arztpraxen weisen einen durchschnittlichen Jahresverbrauch von 26 000 kWh
auf, was bei etwa 65 000 Praxen einem Gesamtenergiebedarf von rund
1,68 Milliarden kWh entspricht (Deutsches Ärzteblatt, 2022). Die
pharmazeutische Industrie benötigt zudem erhebliche Energiemengen für Produktion,
Kühlung und Lüftung, die sich auf rund 24,4 Millionen Gigajoule belaufen
(Kirchhoff & Schuhmacher, 2023).
Neben energiebezogenen Risiken hat eine Beeinträchtigung der Handelswege
durch die Straße von Hormus und ihren angrenzenden See- und Luftwegen
auch unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung mit kritischen Rohstoffen.
Das Edelgas Helium, das bei der Erdgasförderung gewonnen wird, ist für
zahlreiche medizinische und industrielle Anwendungen unverzichtbar. Deutschland
ist vollständig auf Heliumimporte angewiesen (Verband Pharma Deutschland,
2026). Helium wird unter anderem zur Kühlung von
Magnetresonanztomografen (MRT) und Computertomografen (CT) sowie zur Qualitätssicherung in der
Arzneimittelproduktion eingesetzt.
Etwa 40 Prozent des weltweiten Heliumbedarfs werden durch Katar gedeckt
und über den Seeweg exportiert. Nach Angriffen auf die Industrieanlagen in
Ras Laffan und Mesaieed wurde die Produktion von LNG und Helium
zeitweise eingestellt, die Instandsetzung dieser Anlagen kann bis zu 5 Jahre in
Anspruch nehmen (Handelsblatt, 2026). Dies verdeutlicht die hohe
Verwundbarkeit globaler Lieferketten (Deutsche Rohstoffagentur (DERA), 2026).
Für die Zulassung und das Inverkehrbringen von Arzneimitteln ist für jede
Charge eine heliumgestützte Prüfung erforderlich. Alternative Verfahren auf
Basis von Wasserstoff oder Stickstoff sind zwar technisch möglich, erfordern
jedoch umfangreiche Entwicklungsarbeiten, Validierungen und behördliche
Genehmigungen (Verband Pharma Deutschland, 2026).
Flüssiges Helium ist zudem essenziell für den Betrieb von MRT-Geräten, da es
zur Kühlung der Magnetspulen benötigt wird. Der Verbrauch reicht dabei von
wenigen Litern bis hin zu etwa 1 700 Litern pro Gerät (RadMag, 2025).
Lieferengpässe können nicht nur zu erheblichen Kostensteigerungen führen, sondern
auch die diagnostische Versorgung beeinträchtigen.
Darüber hinaus spielt Helium eine zentrale Rolle in der Halbleiterproduktion.
Dort wird es als Kühl- und Schutzgas eingesetzt, um empfindliche Bauteile vor
Sauerstoff und Feuchtigkeit zu schützen (Alcimed, 2024). Halbleiter sind
wiederum unverzichtbare Komponenten moderner Medizinprodukte wie MRT- und
CT-Systeme, Beatmungsgeräte, Laborgeräte und Implantate. Eine Störung der
Heliumversorgung kann somit weitreichende Auswirkungen auf die gesamte
medizinische Infrastruktur haben. Auch weitere petrochemische Stoffe wie
Naphtha, Acrylnitril und Butadien werden durch die genannten Seewege
transportiert und beispielsweise zur Produktion von Einmalhandschuhen,
Abdecktüchern und OP-Kitteln benötigt. Die Preise von Butadien sind seit der
Beeinträchtigung der Straße von Hormus um 35 Prozent, die von Acrylnitril um
60 Prozent angestiegen (Deutsches Ärzteblatt, 2026). In Krisenzeiten besteht
zudem das Risiko, dass Unternehmen und Arzneimittelhersteller ihre
Lagerbestände an Helium vorsorglich aufstocken, um Lieferunterbrechungen zu
überbrücken. Eine solche erhöhte Nachfrage kann die krisenbedingte Verknappung
zusätzlich verstärken und die Versorgungslage weiter verschlechtern.
Die Fragesteller möchten anhand folgender Fragen an die Bundesregierung
herausfinden, inwieweit die aktuelle sicherheitspolitische Lage in der Straße von
Hormus sowie seiner angrenzenden Seewege Auswirkungen auf die
Versorgungssicherheit des deutschen Gesundheitssystems hat. Dabei interessiert
insbesondere, welche Folgen sich für energieabhängige Infrastrukturen,
medizinische Lieferketten sowie kritische Ressourcen ergeben. Zudem stellt sich die
Frage, welche Maßnahmen zur Sicherstellung der Funktionsfähigkeit und
Resilienz des Gesundheitssystems in entsprechenden nationalen Krisenszenarien
vorgesehen sind.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung die aktuelle Versorgungslage von
Helium in Bezug auf mögliche Auswirkungen für die Leistungsfähigkeit des
Gesundheitssystems der Bundesrepublik Deutschland?
2. Aus welchen Staaten und über welche Transportwege bezog die
Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen zehn Jahren Helium, und wie
groß war der Anteil der Importe, der für die Nutzung in medizinischen
Einrichtungen benötigt wird (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
3. Wie hoch sind die strategischen Reserven an den Rohstoffen Erdöl,
Erdgas, Kerosin und Helium für das Gesundheitssystem, und für welchen
Zeitraum ist eine Versorgungssicherheit sichergestellt (bitte nach
einzelnen Stoffen aufschlüsseln)?
4. Wie beziffert die Bundesregierung den aktuellen Bedarf an Helium in
medizinischen Einrichtungen und die Anzahl an Patientinnen und Patienten,
die auf CT- und MRT-Untersuchungen angewiesen sind, und die Zahl der
in Deutschland in der Versorgung eingebundenen CT- und MRT-Geräte
(bitte aufschlüsseln)?
5. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung einer belastbaren
Lieferverfügbarkeit von Helium für die Funktionsfähigkeit des deutschen
Gesundheitssystems bei, und liegen Erkenntnisse über bereits bestehende
Versorgungsengpässe und Preissteigerungen vor?
6. In welchen Bereichen der Gesundheitsversorgung liegen nach Kenntnis
der Bundesregierung besondere Abhängigkeiten von Helium vor?
7. Welche Akteure des Gesundheitssystems, der Pharmaindustrie und der
Hersteller von Medizinprodukten in der Bundesrepublik Deutschland
benötigten in den vergangenen zehn Jahren welche Mengen an Helium, und
wie wird der zukünftige Bedarf eingeschätzt (bitte aufschlüsseln)?
8. Welche Szenarien liegen der Bundesregierung hinsichtlich möglicher
Lieferkettenunterbrechungen vor, und welche Auswirkungen werden durch
die Einschränkungen des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus und
angrenzenden Seewegen auf die Gesundheitsversorgung in Deutschland
erwartet?
9. Welche konkreten Unsicherheiten bestehen nach Ansicht der
Bundesregierung im Hinblick auf die Herstellung von Halbleitern und weiteren
Vorprodukten im Rahmen von Lieferengpässen beim Rohstoff Helium?
10. Welche Auswirkungen sieht die Bundesregierung bei der Produktion und
der Verfügbarkeit von Medizinprodukten oder pharmazeutischen
Erzeugnissen infolge von Lieferengpässen bei den Rohstoffen Erdöl, Erdgas und
Helium?
11. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse über bevorstehende
Produktionsverzögerungen von Medizinprodukten und pharmazeutischen
Erzeugnissen durch Heliummangel, und welche Branchen im Gesundheitssektor
sind besonders betroffen?
12. Welche konkreten Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zur
Abhängigkeit asiatischer Produktionsstandorte für Medizinprodukte,
pharmazeutische Erzeugnisse und Halbleiter von Rohstoffen wie Erdgas, Erdöl,
Helium und petrochemischen Stoffen vor, die über den Seeweg der Straße von
Hormus, den Golf von Aden und das Rote Meer transportiert werden?
13. Für welche konkreten Medizinprodukte und pharmazeutischen
Erzeugnisse erwartet die Bundesregierung Lieferengpässe im Falle von
eingeschränkten Produktionskapazitäten in Asien aufgrund einer
eingeschränkten Nutzung des Seewegs in der Straße von Hormus und den
angrenzenden Seewegen?
14. Welche konkreten medizinischen Leistungen könnten nach Erkenntnis der
Bundesregierung infolge solcher Engpässe eingeschränkt oder verzögert
werden, und welche Versorgungsstandorte sind besonders gefährdet?
15. Für welche der genannten Endprodukte stehen nach Kenntnis der
Bundesregierung aktuell keine oder nur begrenzte alternative Bezugsquellen zur
Verfügung?
16. Wie haben sich die Preise für den Rohstoff Helium in den vergangenen
zehn Jahren auf dem Weltmarkt entwickelt, und welche Auswirkungen
hatten die Preisentwicklungen auf die Gesundheitsversorgung der
Bundesrepublik Deutschland (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
17. Welche konkreten Mehrkosten sind Krankenhäusern aller
Versorgungsstufen, stationären Einrichtungen und niedergelassenen Praxen in den
vergangenen zehn Jahren durch steigende Energiekosten entstanden, und wie
schätzt die Bundesregierung zukünftige Entwicklungen und Belastungen
für das Gesundheitssystem ein?
18. In welchem Umfang erwartet die Bundesregierung eine Steigerung der
Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2026 und
den Folgejahren aufgrund steigender Kosten von Energie und Helium,
welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung, um einer
solchen Beitragssteigerung entgegenzuwirken, und in welchem Umfang
beeinflussen steigende Kosten für Energie und Helium Patientinnen und
Patienten (insbesondere vulnerable Personengruppen), Beitragszahlende und
Betriebe finanziell (bitte aufschlüsseln)?
19. Welche Auswirkungen haben steigende Kerosinpreise infolge der
angespannten Lage im Persischen Golf nach Einschätzung der
Bundesregierung auf die Luftfrachtkapazitäten für Arzneimittel und Medizinprodukte,
und welche konkreten Versorgungsengpässe sind dadurch für die
Arzneimittelversorgung in Deutschland zu erwarten?
20. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um einer
Beeinträchtigung der Arzneimittelversorgung durch steigende Luftfrachtkosten
entgegenzuwirken, und welche alternativen Transportwege stehen für
zeitkritische Arzneimittel zur Verfügung?
21. Wie hat sich der Preis für den in der deutschen Luftrettung verwendeten
Flugturbinenkraftstoff (insbesondere Jet A-1) seit Beginn des Jahres 2026
entwickelt, welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, ob und
in welchem Umfang sich die Preisentwicklung dieses Kraftstoffes von der
allgemeinen Kerosinpreisentwicklung unterscheidet, und welche
Mehrkosten sind den Betreibern luftgebundener Rettungsmittel und den
Beitragszahlenden durch die Preissteigerungen bisher entstanden (bitte nach
Monaten aufschlüsseln)?
22. Wie soll nach Auffassung der Bundesregierung die Refinanzierung der
durch gestiegene Treibstoffpreise entstandenen Mehrkosten der
Luftrettung erfolgen, wenn die Vergütungsentwicklung im Rettungsdienst durch
die im Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen
Krankenversicherung vorgesehene Änderung des § 133 des Fünften
Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) zugleich gedeckelt werden soll, und
welche konkreten Mechanismen sieht die Bundesregierung vor, damit
unverzichtbare präklinische Rettungsleistungen weiterhin wirtschaftlich
erbracht werden können?
23. Plant die Bundesregierung ein Nothilfeprogramm aus Bundesmitteln, um
die durch Treibstoffpreissteigerungen entstandenen Mehrkosten in der
Luftrettung gezielt abzufedern, damit die Belastung nicht ausschließlich
von den Beitragszahlenden der gesetzlichen Krankenversicherung
getragen wird, und wenn ja, in welchem zeitlichen und finanziellen Umfang,
sind vergleichbare Programme auch für weitere energieintensive Bereiche
der Notfall- und Akutversorgung in Vorbereitung?
24. In welchem Umfang können die Krankenkassen perspektivisch gestiegene
Kosten durch eine Erhöhung der Energiekosten und den Mangel an
kritischen Rohstoffen, wie Helium, auf Patientinnen und Patienten umlegen?
25. Mit welchen nationalen und internationalen Akteuren steht die
Bundesregierung zur Sicherung der Versorgung mit dem Rohstoff Helium für
medizinische Einrichtungen im Austausch?
26. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die Auswirkungen
einer Mangelversorgung mit Helium auf das Gesundheitssystem zu
begrenzen, und welche konkreten Schritte zur Diversifizierung von
Bezugsquellen werden verfolgt, ist eine Einstufung von Helium als strategisch
relevanter Rohstoff geplant, und werden die Bedarfe medizinischer
Einrichtungen hierbei prioritär behandelt?
27. Verfügt die Bundesregierung über Monitoring-Tools, Frühwarnsysteme
oder Lagebilder zur Überwachung der Verfügbarkeit und der Lieferketten
kritischer Rohstoffe für medizinische Einrichtungen?
28. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, den Heliumverbrauch
im Gesundheitssektor zu reduzieren, und welche staatlich geförderten
Forschungsprogramme zur Substitution existieren?
29. Gibt es auf EU-, Bundes- oder Landesebene Mindestvorgaben für die
Bevorratung von Helium in medizinischen Einrichtungen, und wie lange ist
deren Durchhaltefähigkeit bei eingeschränkten Lieferungen sichergestellt?
30. In welchem Umfang und über welche Formate werden
Gesundheitseinrichtungen über die Folgen eines möglichen Heliummangels informiert?
Berlin, den 8. Juni 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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