Grundlage, Verwendung und außenpolitische Einordnung generalisierender Aussagen der Bundesregierung über Russland
Text
Grundlage, Verwendung und außenpolitische Einordnung generalisierender Aussagen der Bundesregierung über Russland
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6439
21. Wahlperiode 11.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Udo Theodor Hemmelgarn, Steffen Kotré, Tobias Teich, Uwe
Schulz, Stefan Keuter, Dr. Alexander Gauland und der Fraktion der AfD
Grundlage, Verwendung und außenpolitische Einordnung generalisierender
Aussagen der Bundesregierung über Russland
Öffentliche Äußerungen hochrangiger Vertreter der Bundesregierung prägen
die außenpolitische Kommunikation der Bundesrepublik Deutschland in
besonderer Weise und wirken sowohl auf die diplomatischen Beziehungen als auch
auf die innenpolitische Meinungsbildung ein.
In jüngerer Zeit haben führende Regierungsmitglieder, darunter Bundeskanzler
Friedrich Merz sowie der Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Johann
Wadephul, im Kontext des Ukraine-Krieges wiederholt Äußerungen getätigt, in
denen Russland in stark generalisierender Weise charakterisiert wird.
So äußerte Bundeskanzler Friedrich Merz am 19. Februar 2026 in einem
Interview auf die Frage, ob eine Normalisierung der deutsch-russischen
Beziehungen künftig wieder möglich sei, er halte dies „für nahezu ausgeschlossen“ und
weiter: „Wenn ich mir dieses Regime anschaue und diesen blindwütigen Terror,
habe ich wenig Hoffnung.“ In diesem Zusammenhang bezog er sich zudem auf
ein Werk des französischen Autors Astolphe de Custine aus dem 19.
Jahrhundert („La Russie“, 1839), in dem Russland als ein Land „tiefster Barbarei“
beschrieben wird, und stellte fest, dass dies auch dem gegenwärtigen Zustand
entspreche und sich daran in absehbarer Zeit nichts ändern werde (www.rheinpfal
z.de/politik_artikel,-land-in-einem-zustand-der-tiefsten-barbarei-kanzler-merz-
%C3).
Bundesaußenminister Dr. Johann Wadephul erklärte am 31. März 2026 im
Rahmen eines informellen Treffens der EU-Außenminister in Kiew: „(W)ohin auch
immer Putins Russland geht, dahin kommen Mord und Barbarei“, und führte
im selben Zusammenhang aus, Sicherheit in Europa sei „nicht mit, sondern nur
gegen Putins Russland möglich“ (www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/276
2518-2762518).
Derartige Formulierungen werfen nicht nur Fragen nach ihrer tatsächlichen
Grundlage und ihren möglichen Auswirkungen auf die langfristigen
diplomatischen Beziehungen zu Russland auf, sondern auch nach ihrer Wirkung auf die
Wahrnehmung Deutschlands als Akteur bei der Findung einer Friedenslösung.
Zugleich stehen sie im Kontext einer öffentlichen Debatte über
pauschalisierende Zuschreibungen, insbesondere deren Rolle bei der Verstärkung von
Vorurteilen und der Begünstigung von Diskriminierung gegenüber russischen
Staatsangehörigen sowie Personen russischer Herkunft in Deutschland (was in der
Öffentlichkeit auch russischsprachige Ukrainer betrifft). In diesem
Zusammenhang wird vermehrt auch der Begriff der „Russophobie“ verwendet (www.hrw.
org/de/news/2022/06/01/ukraine-krieg-fuehrt-zu-hassverbrechen-deutschland).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Was versteht die Bundesregierung unter dem Begriff „Barbarei“,
insbesondere im außenpolitischen Kontext (vgl. Vorbemerkung der
Fragesteller)?
2. Bezieht sich die Verwendung des Begriffs „Barbarei“ durch die
Bundesregierung im Zusammenhang mit Russland auf konkrete Handlungen im
Rahmen des Ukraine-Krieges oder auf eine weitergehende
Charakterisierung des politischen Systems, staatlicher Strukturen oder
gesellschaftlicher Verhältnisse in Russland, und welche Grundlagen liegen dieser
Einordnung jeweils zugrunde?
3. Inwieweit beruht die Wortwahl in außenpolitischen Stellungnahmen der
Bundesregierung zum Ukraine-Krieg auf abgestimmten
Kommunikationslinien mit ukrainischen Stellen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass
die damalige stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Hanna
Maliar in der Sendung „Maybrit Illner“ vom 14. September 2023 den
Ukraine-Krieg als „einen Krieg der östlichen Barbaren gegen die
westliche Zivilisation“ bezeichnete?
4. Wie bewertet die Bundesregierung die getätigte Aussage, Sicherheit in
Europa sei „nicht mit, sondern nur gegen Russland möglich“,
insbesondere im Hinblick darauf, ob es sich hierbei um eine situative Einschätzung
oder um eine langfristige außen- und sicherheitspolitische Leitlinie
handelt?
5. Inwieweit sieht die Bundesregierung die Verwendung generalisierender
Begriffe in ihrer öffentlichen Kommunikation zum Ukraine-Krieg als
vereinbar mit der Rolle Deutschlands als potenzieller diplomatischer Akteur
im Kontext einer künftigen Beilegung des Konflikts?
6. Inwieweit berücksichtigt die Bundesregierung bei der Verwendung
pauschalisierender oder zugespitzter Begriffe in ihren öffentlichen
Äußerungen zum Ukraine-Krieg, dass entsprechende Aussagen von russischer
Seite propagandistisch aufgegriffen und genutzt werden können, und
welche Auswirkungen erwartet sie hiervon auf die Bemühungen um eine
Beilegung des Konflikts?
7. Inwieweit ist es nach Auffassung der Bundesregierung mit den
Grundsätzen einer differenzierten Außenpolitik vereinbar, Staaten oder gar ganze
Gesellschaften pauschal als unveränderlich zu charakterisieren, und
welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung von derartigen
öffentlichen Äußerungen auf die langfristigen diplomatischen Beziehungen
zur Russischen Föderation?
8. Hat sich die Bundesregierung eine Arbeitsdefinition des Begriffs
„Russophobie“ erarbeitet und wenn ja, wie lautet diese (bitte auch die Quellen
nennen, auf die sich die Bundesregierung hierbei stützt)?
9. Liegt nach Auffassung der Bundesregierung eine Instrumentalisierung des
Begriffs der „Russophobie“ durch Russland vor, und wenn ja, wie äußert
sich diese (bitte begründen und Fallbeispiele nennen)?
10. Inwieweit sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen
generalisierenden Zuschreibungen gegenüber Russland und der Verstärkung
von Vorurteilen oder Diskriminierung gegenüber russischen
Staatsangehörigen sowie deutschen Staatsangehörigen mit russischem
Migrationshintergrund in Deutschland?
11. Wie viele politisch motivierte Straftaten, die sich gegen russische
Staatsangehörige, gegen deutsche Staatsangehörige mit russischem
Migrationshintergrund oder gegen diplomatische Vertretungen der Russischen
Föderation in Deutschland, richteten, wurden seit dem Jahr 2022 in
Deutschland erfasst (bitte jeweils nach Deliktart und Jahren aufschlüsseln), und
welche über die statistisch erfassten Straftaten hinausgehenden
Erkenntnisse liegen der Bundesregierung darüber vor, ob und in welchem Umfang
russlandbezogene Ressentiments oder Diskriminierungen in Deutschland
seit 2022 zugenommen haben?
12. Wie viele politisch motivierte Straftaten, die sich gegen ukrainische
Staatsangehörige, gegen deutsche Staatsangehörige mit ukrainischem
Migrationshintergrund oder gegen diplomatische Vertretungen der Ukraine in
Deutschland richteten, wurden seit dem Jahr 2022 in Deutschland erfasst
(bitte jeweils nach Zuordnung zur Politisch motivierten Kriminalität
(PMK) und Jahren aufschlüsseln)?
13. Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um einer
möglichen Vorverurteilung und Diskriminierung von Menschen russischer
Herkunft entgegenzuwirken?
14. Geht die Bundesregierung vor dem Hintergrund, dass Astolphe de Custine
sein Werk „La Russie“ im Jahr 1839 verfasste und der Bundeskanzler
zugleich äußerte, dieses „fast 200 Jahre alte Zitat [gelte] leider auch heute
noch“, davon aus, dass die von de Custine vorgenommene
Charakterisierung Russlands als „Land tiefster Barbarei“ ohne zeitliche Unterbrechung
bis in die Gegenwart fortgilt, oder nimmt sie insoweit eine zeitliche
Differenzierung vor, und wenn ja, welche (bitte begründen)?
Berlin, den 2. Juni 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Alexander Gauland (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Keuter (Kleine Anfrage)
- asked ← Steffen Kotré (Kleine Anfrage)
- asked ← Tobias Teich (Kleine Anfrage)
- asked ← Udo Theodor Hemmelgarn (Kleine Anfrage)
- asked ← Uwe Schulz (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Steffen Kotré
- authored ← Udo Theodor Hemmelgarn
- part_of_vorgang → Grundlage, Verwendung und außenpolitische Einordnung generalisierender Aussagen der Bundesregierung über Russland (Kleine Anfrage)