Bildung darf nicht vom Einkommen abhängen - Gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen
Text
Bildung darf nicht vom Einkommen abhängen - Gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen
Antrag
der Abgeordneten Dr. Anja Reinalter, Misbah Khan, Denise Loop, Ulle Schauws,
Nyke Slawik, Ayse Asar, Timon Dzienus, Dr. Armin Grau, Dr. Andrea Lübcke,
Sylvia Rietenberg und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Bildung darf nicht vom Einkommen abhängen – Gleiche Bildungschancen für
alle Kinder und Jugendlichen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der aktuelle UNICEF-Bericht zeigt schonungslos, wie stark die Chancen von Kindern
und Jugendlichen in Deutschland noch immer vom Einkommen der Eltern abhängen
(vgl. UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti, Unequal chances:
Children and economic inequality, Innocenti Report Card 20, UNICEF Innocenti, Florence,
May 2026). Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt und landet beim
Kindeswohl dennoch nur auf Platz 25 von 37 wohlhabenden Staaten. Die
Kinderarmutsquote stagniert laut UNICEF seit Jahren auf einem hohen Niveau von 15,2 Prozent.
Laut der Bertelsmann-Stiftung ist sogar jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut
betroffen (vgl. www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/
GrauePublikationen/291_2020_BST_Facsheet_Kinderarmut_SGB-II_Daten__ID967.pdf).
Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Bildungsbereich. Vier von zehn
Jugendlichen erreichen grundlegende Mindeststandards in Lesen und Mathematik nicht. Wie
sehr die soziale Herkunft den Ausschlag gibt, zeigt der im Ländervergleich
außergewöhnliche Abstand zwischen den Gruppen: Aus gut situierten Elternhäusern erreichen
90 Prozent der Jugendlichen die Grundkompetenzen, aus sozioökonomisch schwachen
nicht einmal jeder Zweite. Dass es besser geht, zeigen Staaten wie Irland, Slowenien
und die Republik Korea, die die Spitzenplätze eins bis drei belegen, teils trotz deutlich
schwächerer wirtschaftlicher Voraussetzungen.
Auch Bildungsstudien wie IQB, IGLU und PISA zeigen seit Jahren sinkende
Basiskompetenzen vieler Kinder und Jugendlicher sowie anhaltend hohe soziale
Ungleichheiten im Bildungssystem. Gleichzeitig verlassen inzwischen jedes Jahr mehr als
64.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss (vgl. https://correctiv.org/aktuel-
les/bildung/2026/05/20/neuer-hoechststand-bei-schulabgaengern-ohne-abschluss/).
Für viele bedeutet dies im Laufe des Lebens ein deutlich erhöhtes Risiko von Armut,
prekärer Beschäftigung und dauerhafter Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung.
Es ist nicht hinnehmbar, dass in einem reichen Land wie Deutschland soziale Herkunft
noch immer so stark über Zukunftschancen entscheidet.
Die Chancen junger Menschen hängen zu stark vom Einkommen, Bildungsabschluss
oder der Herkunft ihrer Eltern ab – und nicht von ihrem Talent, ihren Interessen, ihrer
Anstrengung und ihren Fähigkeiten. Gerade Kinder, die mehrsprachig aufwachsen
oder deren Familien aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, bringen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6336
21. Wahlperiode 09.06.2026
enorme Potenziale und Erfahrungen mit. Umso tragischer ist es, wenn unser
Bildungssystem diese Talente nicht ausreichend fördert und soziale Ungleichheit und
Perspektivlosigkeit weiter verfestigt.
Bildungspolitik ist ein Querschnittsthema. Gute Bildung sollte in Zukunft ein zentrales
Mittel zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit werden. Sie sollte gesellschaftliche
Teilhabe, Aufstiegschancen und demokratischen Zusammenhalt stärken, anstatt soziale
Ungleichheiten zu verfestigen. Gleichberechtigte Bildungschancen sind Grundlage
von sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Stärke, Fachkräftesicherung, Integration
und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dabei ist Bildungsgerechtigkeit ein zentraler
Mechanismus für sozialen Aufstieg über Generationen hinweg (vgl. Causa, O., M.
Nguyen and T. Tanaka (2026), „Intergenerational social mobility across OECD
countries: Does the apple fall far from the tree?“, OECD Economics Department Working
Papers, No. 1858, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/6d76ec2a-en).
Wer familiäre Armut über Generationen hinweg wirksam bekämpfen will, muss neben
sozialpolitischen Maßnahmen auch weitsichtige, umfassende und wirksame
Bildungspolitik betreiben. Dafür muss sichergestellt werden, dass Armut in Deutschland nicht
länger Treiber schlechter Bildungsergebnisse ist. Wer Bildungschancen angleichen
will, muss daher auch an der materiellen Lage der Familien ansetzen. Bildungspolitik
muss sozialraumorientiert gestaltet werden und Mittel auf Grundlage von
Sozialindizes gezielt dort einsetzen, wo die Bedarfe am größten sind. Verschärft wird diese Kluft
durch die soziale Entmischung der Schulen. Wo Kinder aus armen und aus
wohlhabenden Familien getrennt voneinander zur Schule gehen, sind die Bildungsergebnisse
insgesamt schlechter und die Unterschiede zwischen den Kindern größer. In Schulen
mit vielen benachteiligten Kindern fehlt es häufiger an qualifiziertem Personal,
Lehrmaterial und intakter Infrastruktur. Bildungsgerechtigkeit erfordert deshalb auch,
sozialer Entmischung aktiv entgegenzuwirken und Schulen in schwieriger Lage gezielt
besser auszustatten.
Gute Bildung beginnt dabei nicht erst mit der Einschulung. Gerade die frühen
Lebensjahre sind entscheidend für Sprachentwicklung, soziale Kompetenzen, Lernfreude und
damit die gesamte weitere Bildungsbiografie. Frühkindliche Bildung darf nicht länger
unter dem Gesichtspunkt der Betreuung betrachtet werden. Kitas sind Bildungsorte.
Wer Kinder stärken will, muss Familien und Sozialräume mitdenken.
Bildungsgerechtigkeit gelingt nur gemeinsam mit Eltern und familiären Umfeld. Elternarbeit,
Familienberatung, Familienzentren und niedrigschwellige Unterstützungsangebote, wie die
Frühen Hilfen, leisten einen entscheidenden Beitrag dazu, Kinder früh zu fördern und
Familien zu entlasten.
Die Probleme des Bildungssystems sind seit Jahren bekannt, der erste PISA-Schock
ist inzwischen 25 Jahre her. Einige notwendige Maßnahmen, wie die Ausweitung des
Startchancen-Programms oder die Erhöhung der Ganztagesmittel stehen im
Koalitionsvertrag, werden von der schwarz-roten Koalition aber verschleppt.
Deutschland braucht eine nationale Bildungsoffensive von Bund, Ländern und
Kommunen mit verbindlichen Zielen, konkreten Maßnahmen und messbaren Fortschritten
noch in dieser Legislaturperiode.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. unverzüglich einen Gesetzentwurf für ein Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) für
Kitas vorzulegen und die Qualität der frühkindlichen Bildung dauerhaft deutlich
stärker zu fördern, insbesondere durch verbindliche Sprachstandserhebungen,
individuelle Förderangebote, bessere Fachkraft-Kind-Schlüssel und gezielte
Unterstützung von Einrichtungen in sozial benachteiligten Lagen, und zur
Verbesserung der Qualität der frühkindlichen Bildung jetzt und in den Folgejahren jeweils
1 Milliarde Euro mehr Bundesmittel als bisher zur Verfügung stellen;
2. Gespräche mit den Ländern zur Einführung eines verpflichtenden und
beitragsfreien letzten Kita-Jahres mit verbindlicher Sprachstandserhebung und
individueller Förderung zu führen mit dem Ziel dies als bundesweiten Qualitätsstandard
in der frühkindlichen Bildung zu verankern;
3. angesichts der alarmierenden Entwicklung der Bildungschancen in Deutschland
die im Koalitionsvertrag angekündigte Ausweitung des Startchancen-Programms
auf weitere Schulen sowie Kitas nicht länger zu verschleppen, sondern
unverzüglich umzusetzen, um mehr von Armut betroffene Kinder gezielt zu erreichen, und
zugleich den Mittelabfluss aus dem Investitionsprogramm Startchancen deutlich
zu beschleunigen;
4. gemeinsam mit den Ländern verbindliche und messbare Bildungsziele noch für
diese Legislaturperiode zu vereinbaren, insbesondere zur Entkopplung des
Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft, zur Verbesserung der
Basiskompetenzen, zur Reduzierung der Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss
sowie zur Verbesserung der Übergänge zwischen Kita, Schule und Ausbildung;
5. sich klar zum Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im
Grundschulalter ab dem Schuljahr 2026/2027 zu bekennen und die Kommunen und Länder
bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs im Rahmen der zur Verfügung
stehenden Haushaltsmittel deutlich stärker als bisher zu unterstützen und hierzu:
a. die Finanzhilfen für das Investitionsprogramm Ganztagsausbau auf
mindestens 5 Milliarden Euro anzuheben;
b. die Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten der Ganztagsbetreuung
aufwachsend bis zum Jahr 2030 auf mindestens 2 Milliarden Euro jährlich zu
erhöhen und damit insbesondere zusätzliche Ressourcen für
rechtsanspruchserfüllende Angebote der kommunalen Jugendarbeit in Ferienzeiten
bereitzustellen;
c. gemeinsam mit Ländern und Kommunen die Fachkräftegewinnung für
Ganztag, Schulsozialarbeit und frühkindliche Bildung voranzutreiben;
6. den Ausbau multiprofessioneller Teams an Schulen gemeinsam mit den Ländern
zu unterstützen und insbesondere Schulsozialarbeit und Schulpsychologie
dauerhaft zu stärken;
7. die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärker in den Fokus zu
rücken und hierzu niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote an
Schulen auszubauen;
8. ein kostenfreies, leckeres und gesundes Schul- und Kitamittagessen aus
biologischen und regionalen Lebensmitteln, das die DGE-Qualitätsstandards
verpflichtend erfüllt, für alle Kinder einzuführen, beginnend mit den Startchancen-Schulen
und Kitas in sozial benachteiligten Lagen. Dafür muss der Bund den
Rechtsrahmen schaffen und in enger Zusammenarbeit mit den Ländern sicherstellen, dass
für die Kommunen keine zusätzlichen Kosten anfallen;
9. den Zugang zu Leistungen der Bildung und Teilhabe kurzfristig zu vereinfachen
und den Leistungssatz zu erhöhen und langfristig kindbezogene Leistungen zu
bündeln, um Verfahren einfacher und effizienter zu gestalten;
10. verbindliche und alltagsintegrierte Sprachförderung in Kitas und Schulen
deutlich auszubauen;
11. Elternarbeit und Familienberatung als zentralen Baustein für mehr
Bildungsgerechtigkeit zu stärken und hierfür mit den Ländern und Kommunen
Familienzentren sowie niedrigschwellige Unterstützungsangebote auszubauen;
12. die im Koalitionsvertrag angekündigten Investitionen in Jugendfreizeit- und
außerschulische Bildungseinrichtungen zügig umzusetzen und insbesondere
Angebote in benachteiligten Sozialräumen zu stärken;
13. die Kommunen bei der Sanierung der mindestens 25.000 sanierungsbedürftigen
öffentlichen Kitas und Schulen zu unterstützen und dafür Mittel aus dem SVIK
direkt an die Kommunen weiterzuleiten;
14. eine stärker evidenzbasierte und datengestützte Qualitätsentwicklung auf allen
Ebenen des Bildungssystems zu fördern, damit frühzeitig erkannt wird, wo
Kinder und Jugendliche den Anschluss verlieren, Bildungsabbrüche verhindert und
öffentliche Mittel wirksamer eingesetzt werden können, und dazu eine
datenschutzkonforme Bildungsverlaufsstatistik einzuführen;
15. den Zugang zu BAföG und Aufstiegs-BAföG zu verbessern und die Leistungen
so weiterzuentwickeln, dass Bildungs- und Aufstiegschancen in keiner
Lebensphase an finanziellen Hürden scheitern und Bildungserfolg nicht vom
Einkommen der Eltern abhängt. Dazu muss die Grundförderung des BAföG noch in
diesem Jahr angehoben, die Wohnkostenpauschale auf das Niveau regionaler Mieten
angehoben, die Studienstarthilfe als Soforthilfe ausgeweitet und das BAföG
grundsätzlich unbürokratischer, flexibler und digitaler werden.
Berlin, den 9. Juni 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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