Frieden im Libanon nachhaltig sichern
Text
Frieden im Libanon nachhaltig sichern
Antrag
der Abgeordneten Cansu Özdemir, Lea Reisner, Desiree Becker, Gökay
Akbulut, Janina Böttger, Maik Brückner, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Jan
Köstering, Charlotte Antonia Neuhäuser, Zada Salihović, Ulrich Thoden,
Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Frieden im Libanon nachhaltig sichern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der April 2026 markiert eine erneute Eskalation des langjährigen Konflikts zwischen
Israel und der Hisbollah im Libanon. Am 8. April griff die israelische Armee im
Rahmen der Operation „Eternal Darkness“ innerhalb kurzer Zeit über hundert mutmaßlich
mit der Hisbollah verbundene Ziele in Beirut, im Bekaa-Tal und im Süden des Landes
an. Es handelt sich um den bislang schwersten Einzelangriff seit der Eskalation im
März 2026 (www.deutschlandfunk.de/israel-startet-groesste-angriffswelle-seit-jah-
ren-auf-hisbollah-104.html).
Auslöser waren Raketenangriffe der Hisbollah auf Nordisrael am 2. März 2026 im
Kontext vorangegangener israelisch-US-amerikanischer Angriffe auf Iran sowie einer
sich anschließenden regionalen Eskalationsdynamik mit wechselseitigen Reaktionen
verbündeter Akteure. In der Folge kam es insbesondere im Süden des Libanon neben
Luftangriffen auch zu Bodenoperationen israelischer Streitkräfte. Diese stellen eine
qualitative Eskalation dar, da sie mit einer dauerhaften militärischen Präsenz
einhergehen und das Risiko ziviler Opfer sowie weiterer Vertreibungen erhöhen (www.ta-
gesschau.de/ausland/asien/angriffe-libanon-israel-100.html).
Im Südlibanon möchte Israel eine Pufferzone, bis zu 10 bis 15 km oder sogar bis zum
Litani-Fluss etwa 30 km nördlich errichten, um seine Grenze vor Hisbollah zu sichern.
Nach dem Waffenstillstand im November 2024 hat Israel Grenzgebiete zerstört, um
faktisch Sperrzonen zu schaffen. Nach offiziellen Angaben plant die Regierung, diese
Zonen künftig auch formell als Sperrgebiete auszuweisen und räumlich auszuweiten.
Kritiker sehen darin Parallelen zur israelischen Präsenz im Südlibanon zwischen 1985
und 2000, als durch militärische Kontrolle und Pufferzonen ein dauerhaft gesicherter
Grenzstreifen etabliert wurde.
Im Kontext der Schaffung einer Pufferzone werden Räumungsbefehle erteilt, von
denen Hunderttausende betroffen sind, und Pflanzengifte versprüht, offenbar um zu
verhindern, dass die Zivilbevölkerung zurückkehrt (www.tagesschau.de/ausland/asien/li-
banon-israel-pflanzengift-100.html).
Libanesische Offizielle befürchten einen Verstoß gegen die UN-Resolution 1701, die
nach dem Krieg von 2006 einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah
festschreibt, den Rückzug israelischer Truppen hinter die sogenannte „Blue Line“ vor-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5499
21. Wahlperiode 21.04.2026
sieht, die Stationierung der libanesischen Armee im Süden stärkt und eine
entmilitarisierte Zone südlich des Litani-Flusses etabliert. In diesem Zusammenhang wird auch
die Sorge vor einer neuen Langzeitbesatzung geäußert.
Parallel dazu wurden im Rahmen internationaler Vermittlungsbemühungen Gespräche
über eine Waffenruhe zwischen den USA und Iran geführt, die von mehreren Staaten
unterstützt wurden. Pakistan übernahm dabei eine vermittelnde Rolle und fungierte als
zusätzlicher diplomatischer Kanal zwischen Washington und Teheran. Als Ergebnis
dieser Verhandlungen wurde am 8. April 2026 eine zweiwöchige Waffenruhe
zwischen den USA und dem Iran verkündet. Während der pakistanische Premierminister
Shehbaz Sharif erklärte, diese Waffenruhe schließe auch den Libanon ein, weisen
Israel und die USA diese Einordnung zurück (www.bbc.com/news/articles/cgk0
edynpmzo).
Die Entwicklungen sind Teil einer seit Jahren anhaltenden Konfliktdynamik, die
regelmäßig in Eskalationen mündet und eine anhaltende Gewaltspirale erzeugt, unter der
insbesondere die Zivilbevölkerung leidet. Dabei kommt es auch zu Angriffen auf
dichtbesiedelte Wohngebiete vor allem in Südlibanon und Beirut. Die humanitäre Lage
hat sich erheblich verschärft: Seit März 2026 wurden über 2 000 Menschen getötet und
mehr als 6 500 verletzt und mehr als eine Millionen Menschen wurden vertrieben.
Auch auf israelischer Seite kam es zu Todesopfern infolge von Angriffen der Hisbollah
(www.tagesschau.de/ausland/asien/gespraeche-libanon-israel-100.html).
Der libanesische Staat bemüht sich um die Stärkung seines Gewaltmonopols, konnte
den Einfluss der Hisbollah bislang jedoch nur begrenzt zurückdrängen. Kriegszustände
erschweren diese Absicht.
Dieser Konflikt kann militärisch nicht gelöst werden. Das zeigt auch die fragile
Sicherheitslage für die United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL). Wiederholt
wurden UNIFIL-Stellungen angegriffen, wobei auch Blauhelmsoldaten getötet und
verletzt wurden. Dies wirft grundlegende Fragen zur Schutzfähigkeit des Einsatzes
unter Bedingungen eskalierender Gewalt auf. Während Israel und die USA den UNI-
FIL-Einsatz ablehnen, spricht sich die libanesische Regierung für eine Fortsetzung
internationaler Präsenz unter Leitung der Vereinten Nationen aus. Diplomatische
Bemühungen sowie der Ausbau humanitärer Hilfen und die Unterstützung der
Zivilgesellschaft kommen zu kurz.
Die militärischen Operationen stehen in klarem Widerspruch zum Völkerrecht,
insbesondere zu Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta, sowie zu den Regeln des humanitären
Völkerrechts und verletzen diese. Insbesondere werden die Grundsätze der
Verhältnismäßigkeit, der Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Zielen sowie der
Schutz der Zivilbevölkerung nicht eingehalten. Zudem berühren sie die
Verpflichtungen aus dem Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und Israel,
dessen menschenrechtliche Grundlage damit ebenfalls verletzt wird und dessen
Aussetzung vor diesem Hintergrund zu prüfen ist.
Deutschland ist als Rüstungsexporteur und politischer Partner Israels und des Libanons
mitverantwortlich, sowohl für den Konflikt und dessen Eskalation als auch für die
Suche nach einer Lösung und Deeskalation und trägt damit Mitverantwortung für dessen
Dynamik. So werden u. a. deutsche Militärbasen von den USA genutzt. Die
Bundesregierung hat außerdem seit 2023 Rüstungsexporte im Umfang von über 480 Millionen
Euro genehmigt und hält an bestehenden Kooperationsabkommen fest. Daraus ergibt
sich die Notwendigkeit, die Stabilisierung des Libanon sowie internationale
Deeskalationsinitiativen konsequenter zu unterstützen.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. sich auf EU- und UN-Ebene für einen sofortigen und dauerhaften
Waffenstillstand im Libanon und der Region einzusetzen und umfassende diplomatische
Initiativen für multilaterale Friedens- und Deeskalationsverhandlungen unter
Einbeziehung aller relevanten Akteure zu unterstützen;
2. alle Kriegsparteien zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts und zur
Beendigung militärischer Kampfhandlungen aufzurufen und internationale
Untersuchungen möglicher Kriegsverbrechen durch UN und Internationalen
Strafgerichtshof aktiv zu unterstützen;
3. die von Israel geplante Pufferzone ausdrücklich abzulehnen;
4. alle Genehmigungen für Rüstungsexporte in die Region unverzüglich
auszusetzen sowie jede militärische Nutzung deutscher Infrastruktur durch
Konfliktparteien zu untersagen und dem Bundestag umfassend und regelmäßig darüber zu
berichten;
5. humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung in der Region deutlich und
unbürokratisch auszuweiten sowie den sicheren und ungehinderten Zugang für humanitäre
Hilfe und UN-Organisationen in Konfliktgebieten sicherzustellen;
6. Geflüchtete aus der Region wirksam zu schützen, insbesondere durch einen
Abschiebestopp in betroffene Länder, erleichterte Asylverfahren und die verstärkte
Aufnahme besonders Schutzbedürftiger, insbesondere durch Erteilung
humanitärer Visa;
7. zivile Konfliktprävention, Entwicklungszusammenarbeit und
Wiederaufbauprogramme im Libanon und in der Region langfristig auszubauen und strukturell zu
verankern;
8. Programme zur Stärkung von Zivilgesellschaft, Frauen und Friedensinitiativen in
der Region gezielt zu fördern und finanziell auszubauen;
9. sich für ein EU-weites Vorgehen einzusetzen, das die Aussetzung des EU-Israel-
Assoziierungsabkommens bei nachgewiesenen schweren
Menschenrechtsverletzungen ermöglicht;
10. internationale Abrüstungsinitiativen zu unterstützen, insbesondere im Bereich der
nuklearen Abrüstung, und sich für langfristige Perspektiven einer weltweiten
Reduzierung und Abschaffung von Massenvernichtungswaffen einzusetzen.
Berlin, den 21. April 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- authored ← Cansu Özdemir (Antrag)
- authored ← Charlotte Antonia Neuhäuser (Antrag)
- authored ← Christin Willnat (Antrag)
- authored ← Desiree Becker (Antrag)
- authored ← Donata Vogtschmidt (Antrag)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Gökay Akbulut (Antrag)
- authored ← Janina Böttger (Antrag)
- authored ← Jan Krampe (Antrag)
- authored ← Katrin Fey (Antrag)
- authored ← Lea Reisner (Antrag)
- authored ← Maik Brückner (Antrag)
- authored ← Ulrich Thoden (Antrag)
- authored ← Vinzenz Glaser (Antrag)
- authored ← Zada Salihovic (Antrag)
- part_of_vorgang → Frieden im Libanon nachhaltig sichern (Antrag)