Kleine modulare Reaktoren ermöglichen - Rechenzentren fördern und Stromversorgung sichern
Text
Kleine modulare Reaktoren ermöglichen - Rechenzentren fördern und Stromversorgung sichern
Antrag
der Abgeordneten Adam Balten, Leif-Erik Holm, Steffen Kotré, Dr. Malte
Kaufmann, Marc Bernhard, Enrico Komning, Raimond Scheirich, Uwe Schulz,
Mathias Weiser, Dr. Rainer Kraft, Andreas Mayer, Christian Reck, Manfred
Schiller, Dr. Christoph Birghan, Joachim Bloch, Dr. Michael Blos, René
Bochmann, Peter Boehringer, Erhard Brucker, Thomas Dietz, Tobias
Ebenberger, Hans-Jürgen Goßner, Rainer Groß, Udo Theodor Hemmelgarn,
Olaf Hilmer, Dr. Michael Kaufmann, Rocco Kever, Kurt Kleinschmidt, Heinrich
Koch, Achim Köhler, Edgar Naujok, Andreas Paul, Tobias Matthias Peterka,
Dr. Rainer Rothfuß, Martina Uhr, Sven Wendorf, Wolfgang Wiehle und der
Fraktion der AfD
Kleine modulare Reaktoren ermöglichen – Rechenzentren fördern und
Stromversorgung sichern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschlands zukünftige wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und digitale
Souveränität hängen entscheidend von der Fähigkeit ab, die rasant wachsende
Energienachfrage der digitalen Transformation zu meistern.1 Insbesondere die rasanten Fortschritte
in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), Cloud-Dienste und 5G-Mobilfunk
schaffen neue Wertschöpfungspotenziale, bergen jedoch gleichzeitig eine immense
Herausforderung: einen beispiellosen und erheblich wachsenden Bedarf an elektrischer
Energie.2 Dieser Anstieg ist keine ferne Prognose, sondern eine bereits stattfindende
Entwicklung, die unsere Energieinfrastruktur an ihre Grenzen bringen wird.
Internationale Analysen quantifizieren diese Entwicklung mit alarmierender
Deutlichkeit. Der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren lag im Jahr 2022 bei 460
Terawattstunden (TWh) und wird sich Prognosen zufolge bis 2026 auf über 1.000 TWh
mehr als verdoppeln.3 Treiber dieser Entwicklung ist vor allem der immense
Energiehunger von KI-Anwendungen; eine einzige KI-Anfrage kann bis zu zehnmal mehr
Energie verbrauchen als eine herkömmliche Google-Suche.4 Dieses exponentielle
Wachstum stellt eine fundamentale Herausforderung für die Stabilität des deutschen
1 www.zeit.de/news/2025-01/24/boom-bei-rechenzentren-fordert-stromnetze-heraus
2 Ibid.
3 www.focus.de/earth/energie/fuer-tech-giganten-ist-kernkraft-die-einzige-loesung-trotz-aller-gefah-
ren_2048b348-e595-4a73-93fa-f777140f6047.html
4 Ibid.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5324
21. Wahlperiode 14.04.2026
Stromnetzes und die bisherigen Strategien zur Energieversorgung dar und erfordert
dringend neue, innovative Lösungsansätze.
Rechenzentren benötigen eine kontinuierliche, unterbrechungsfreie und
grundlastfähige Stromversorgung, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche gewährleistet
ist. Die geforderte technische Verfügbarkeit liegt bei über 90 Prozent. Dies steht in
fundamentalem Gegensatz zur intermittierenden Natur von wetterabhängigen
„erneuerbaren“ Energien. Solarenergie erreicht eine Verfügbarkeit von lediglich 10–30
Prozent je nach geographischer Breite (in Deutschland 12 bis 13 Prozent), während
Windenergie auf 35–45 Prozent kommt.5 Eine alleinige Abhängigkeit von diesen volatilen
Energiequellen, ohne derzeit nicht verfügbare, großskalige und kosteneffiziente
Speicherlösungen, stellt ein untragbares Betriebsrisiko für diese kritische Infrastruktur dar
und gefährdet damit nicht nur die Stabilität digitaler Dienste, sondern die Grundfesten
der nationalen digitalen Souveränität und Sicherheit.6
Für die Deckung des dauerhaft vorhandenen Strombedarfs würde sich die
Wiederinbetriebnahme der drei 2023 in Deutschland abgeschalteten Kernkraftwerke anbieten.
Diese Maßnahme sollte priorisiert werden. Zusätzlich stellen kleine modulare
Reaktoren (engl.: Small Modular Reactors; im Folgenden „SMRs“) eine vielversprechende
technologische Lösung für dieses Problem dar, die weltweit zunehmend an Bedeutung
gewinnt. Ein Blick auf internationale Entwicklungen unterstreicht die Dringlichkeit:
In der Volksrepublik China soll mit dem SMR „Linglong One“ (ACP100) im Jahr
2026 erstmals weltweit ein kommerzieller landbasierter SMR in Betrieb gehen und
damit einen strategischen Vorsprung im globalen Wettbewerb um standardisierte,
exportfähige Reaktortechnologie markieren. Während andere Industrienationen noch in
Genehmigungs- oder Pilotphasen verharren, schafft China damit Fakten und
positioniert sich als führender Anbieter für die energieintensive digitale Infrastruktur der
Zukunft.7 Es handelt sich um kleinere, in Fabriken modular vorgefertigte Kernreaktoren
(sogenannte „Mini-AKW“) mit einer elektrischen Leistung, die typischerweise
zwischen 5 und 300 MW pro Modul liegt.8 Durch eine mögliche Serienfertigung in
Fabriken wird die Bauzeit von 5-10 Jahren bei konventionellen Anlagen auf nur 24–36
Monate verkürzt, was die Planungs- und Investitionssicherheit signifikant erhöht. Mit
einem Verfügbarkeitsfaktor von über 90 Prozent sind SMRs prädestiniert für die
Bereitstellung von Grundlaststrom und können die Versorgungslücke kurzfristig
schließen, die durch die Volatilität von Wind und Sonne entsteht.9 Die strategische
Ansiedlung von SMRs in unmittelbarer Nähe zu Rechenzentren ist mehr als nur eine Lösung
für die Stromversorgung. Sie eröffnet eine wegweisende Möglichkeit zur
Sektorkopplung und schafft Synergien, die ein bisher unerreichtes Maß an Energieeffizienz
ermöglichen.
Sowohl SMRs als auch Rechenzentren erzeugen im Betrieb erhebliche Mengen an
Abwärme. Die Abwärme von Rechenzentren hat ein Temperaturniveau von
typischerweise 35–45 °C und eignet sich damit zur Einspeisung in städtische Fernwärmenetze.10
Durch die Kopplung beider Systeme entsteht ein hocheffizientes Kraft-Wärme-
Kopplungs-System (KWK), das einen Gesamtwirkungsgrad von über 80 Prozent erreichen
kann. Auf diese Weise wird nicht nur kostengünstiger, umweltfreundlicher und
verlässlicher Strom für die Digitalisierung erzeugt, sondern gleichzeitig eine effiziente
Wärmequelle für umliegende Kommunen erschlossen.
Abschließend bieten SMRs laut dem Vorsitzenden der Internationalen Energieagentur
(IEA), Fatih Birol, die Möglichkeit den „historischen Fehler“ des deutschen Ausstiegs
5 Ibid.
6 www.se.com/ww/en/download/document/SPD_WP186_EN/
7 https://introl.com/de/blog/china-linglong-one-smr-first-commercial-nuclear-2026
8 https://de.introl.com/blog/smr-nuclear-power-ai-data-centers-2025
9 Ibid.
10 Ibid.
aus der Kernkraft zu korrigieren, und nicht nur dem Beispiel Italiens zu folgen, das
gerade den Wiedereinstieg in die Kernkraft mit SMRs beschlossen hat, sondern von
den ab 2030 sinkenden Stückkosten von bis zu 30 Prozent innerhalb von nur fünf
Jahren zu profitieren.11
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. einen technologieoffenen, rechtssicheren und effizienten Regulierungs- und
Genehmigungsrahmen für Small Modular Reactors (SMRs) der Generationen III+
und IV zu entwickeln;
2. die Initiierung von Pilotprojekten zur Erprobung der SMR-gestützten Energie-
und Wärmeversorgung zu fördern;
3. ein nationales Forschungs- und Entwicklungsprogramm aufzulegen, um die
Errichtung und den Betrieb von mindestens zwei Pilotprojekten zu unterstützen.
Diese Projekte sollen die technische und wirtschaftliche Machbarkeit der
gekoppelten Versorgung eines großen Rechenzentrums mit Strom und die gleichzeitige
Einspeisung von Prozesswärme in ein kommunales Fernwärmenetz
demonstrieren;
4. als zusätzliche Unterstützungsoption die Kopplung von SMR-betriebenen
Rechenzentren an kommunale Wärmenetze als Anschubfördervoraussetzung
festzuschreiben;
5. eine detaillierte, umfassende und langfristige Strategie für den gesamten
Brennstoffkreislauf von SMR vorzulegen. Diese Strategie muss transparente Lösungen
für die sichere Lagerung und Handhabung der radioaktiven Rest- und Wertstoffe,
die Förderung der Forschung an fortschrittlichen Recycling-Technologien, die
auch eine transparente und belastbare Kostenschätzung für die Zwischenlagerung
beinhalten, um Investitionssicherheit zu schaffen und die langfristige Akzeptanz
der Technologie in der Öffentlichkeit zu gewährleisten;
6. internationale Kooperationen zu intensivieren und die Standardisierung von
SMR-Technologien voranzutreiben. Die Mitarbeit in der Europäischen
Industrieallianz für SMRs sowie in internationalen Gremien wie dem „SMR-Regulators‘
Forum“12 der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) ist anzustreben
bzw. zu intensivieren. Ziel ist es, die Entwicklung und Harmonisierung
gemeinsamer Sicherheitsstandards und Genehmigungsverfahren für standardisierte
SMR-Designs zu beschleunigen.
Berlin, den 14. April 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
11 www.welt.de/politik/deutschland/plus69825801117641740b4bcb2f/energie-fast-die-ganze-welt-setzt-wieder-auf-kernenergie-das-sollte-den-
deutschen-zu-denken-geben.html
12 www.iaea.org/topics/small-modular-reactors/smr-regulators-forum
Begründung
Führende internationale Technologiekonzerne wie Amazon, Google und Microsoft13 haben die strategische
Bedeutung dieser Technologie erkannt und investieren bereits Milliarden in die Entwicklung und den Einsatz von
SMRs, um die Energieversorgung ihrer globalen Rechenzentrumsflotten umweltfreundlich l und zuverlässig zu
sichern.14 So hat Google beispielsweise bereits im Oktober 2024 den weltweit ersten Stromabnahmevertrag eines
Unternehmens für SMR-Leistung mit Kairos Power unterzeichnet und damit ein unmissverständliches
Marktsignal für die kommerzielle Reife der Technologie gesetzt.15 Dies unterstreicht die technologische und
wirtschaftliche Tragfähigkeit dieses Ansatzes. Diese massiven privaten Investitionen signalisieren, dass die weltweit
führenden Digitalunternehmen SMRs nicht als eine hypothetische Option, sondern als eine entscheidende
Voraussetzung für ihr zukünftiges Wachstum betrachten.16 Gleichwohl ist festzuhalten, dass SMR-Technologien derzeit
international noch nicht in Großindustriellem Maßstab skaliert verfügbar sind. Der vorliegende Antrag zielt daher
ausdrücklich auf die frühzeitige strategische Standortidentifikation, planerische Sicherung geeigneter Areale
sowie die regulatorische und infrastrukturelle Vorbereitung ab, um Deutschland rechtzeitig auf eine absehbare
Marktreife vorzubereiten. Eine verantwortungsvolle Planung erfordert jedoch auch eine ausgewogene
Betrachtung der potenziellen Risiken.
Das Kernkonzept ist die strategische Koppelung von SMR zur dedizierten umweltfreundlichen Stromversorgung
von Hochleistungsrechenzentren mit der intelligenten Nutzung der anfallenden Abwärme. Durch diese
Sektorkopplung wird die Abwärme des Reaktors und des Rechenzentrums in ein urbanes Fernwärmenetz eingespeist,
wodurch eine hocheffiziente und CO2-arme Wärmeversorgung für Städte ermöglicht wird. Anstatt zwei separate
Probleme zu lösen, schafft dieser Ansatz eine Symbiose, die zudem die Netzstabilität erhöht.
Die vorgeschlagene Symbiose aus Small Modular Reactors und Hochleistungsrechenzentren ist mehr als nur eine
technische Lösung; sie ist ein nationaler strategischer Imperativ. Sie sichert nicht nur die Energieversorgung für
die KI-Infrastruktur, sondern stärkt die digitale Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in einem
globalen Technologiewettlauf. Ein Scheitern bei der Bereitstellung hochdichter umweltfreundlicher Energie für
diesen Zukunftssektor wäre nicht nur ein energiepolitisches Versäumnis, sondern ein direktes Risiko für unseren
wirtschaftlichen Wohlstand. Dieser integrierte Ansatz verwandelt den steigenden Energiebedarf der
Digitalwirtschaft von einer Belastung in einen Katalysator für eine effiziente und saubere urbane Wärmeversorgung.
13 www.theregister.com/2024/01/23/microsoft_nuclear_hires/
14 www.euronews.com/business/2024/10/17/amazon-follows-google-in-taking-the-nuclear-option-to-power-data-centres
15 https://blog.google/outreach-initiatives/sustainability/google-kairos-power-nuclear-energy-agreement/
16 www.cnbc.com/2024/09/10/oracle-is-designing-a-data-center-that-would-be-powered-by-three-small-nuclear-reactors.html
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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