Sicherung der Resilienz und Unabhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken für die medizinische Forschung in Deutschland und Europa
Text
Sicherung der Resilienz und Unabhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken für die medizinische Forschung in Deutschland und Europa
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3208
21. Wahlperiode 10.12.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Andrea Lübcke, Dr. Janosch Dahmen, Ayse Asar, Claudia
Müller, Dr. Anja Reinalter, Jeanne Dillschneider, Rebecca Lenhard, Dr. Konstantin
von Notz und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sicherung der Resilienz und Unabhängigkeit von US-amerikanischen
Datenbanken für die medizinische Forschung in Deutschland und Europa
Die medizinische Literaturrecherche in Deutschland basiert bisher in weiten
Teilen auf frei zugänglichen Informationsangeboten aus den USA. Aufgrund
finanzieller und personeller Kürzungen in der US-amerikanischen
Wissenschaftspolitik besteht die Gefahr, dass bislang frei verfügbare
Informationsressourcen künftig nicht mehr kostenlos zugänglich, nur erratisch erreichbar oder
gänzlich eingestellt werden könnten.
Beispielhaft kam es im März 2025 zu einem mehrstündigen Ausfall der von der
US-amerikanischen National Library of Medicine betriebenen Datenbank Pub-
Med. Diese zählt in Deutschland gemeinsam mit der Plattform ClinicalTri-
als.gov zu den wichtigsten Informationsquellen der evidenzbasierten Medizin
(www.cochrane.de/news/plan-b-fuer-die-informationsbeschaffung-ohne-pubme
d-und-clinicaltrialsgov). Vergleichbare frei verfügbare Plattformen auf
deutscher oder europäischer Ebene existieren bislang nicht.
Angesichts einer volatilen US-Wissenschafts- und Haushaltspolitik ist davon
auszugehen, dass sich Ausfälle oder mittelfristige Funktionseinschränkungen
mehren könnten. Damit verbunden wären potenziell weitreichende
Auswirkungen auf die Gesundheitsforschung in Deutschland und Europa.
Deutsche Institutionen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen (IQWiG) und der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)
warnten bereits vor der hohen Abhängigkeit von US-amerikanischen
Datenbanken und den damit verbundenen Risiken (www.iqwig.de/presse/pressemitteilun
gen/pressemitteilungen-detailseite_155392.html). Auch die Deutsche
Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED) betont die Notwendigkeit einer
europäischen, ausfallsicheren Alternative zu PubMed. Mit dem Projekt „OLSPub“
entwickelt sie derzeit eine offene Datenbank, die eine resiliente Alternative zu
US-basierten Diensten schaffen soll. Ziel ist es, europäische Forschung
unabhängiger gegenüber ausländischen Wissenschaftsquellen zu machen (www.zbm
ed.de/forschen/laufende-projekte/olspub).
Wer technologische Unabhängigkeit mit Offenheit, Transparenz und
Nachhaltigkeit verbindet, stärkt die Innovationskraft der Forschung und schützt
gleichzeitig Grundrechte. Europäische Forschungsinitiativen müssen gezielt gefördert
werden, um technologische Exzellenz und Unabhängigkeit zu sichern. Dies
erfordert entschlossenes politisches Handeln und eine stärkere Zusammenarbeit
von Forschungseinrichtungen, Hochschulen und der Industrie.
Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen nach den Konsequenzen für die
deutsche Forschungslandschaft und nach möglichen Strategien der
Bundesregierung, um resilientere, unabhängige und europäisch eingebettete
Alternativen zu fördern.
Wir knüpfen dabei an die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 21/363 an
und fragen die Bundesregierung:
1. Wie schätzt die Bundesregierung die Risiken ein, die sich aus der
unsicheren Finanzierung und den politischen Prioritäten der US-
Wissenschaftspolitik für die Verfügbarkeit und Verlässlichkeit zentraler
medizinischer Rechercheinfrastrukturen (z. B. PubMed, ClinicalTri-
als.gov) in Deutschland ergeben?
2. Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die aktuelle und
zukünftige Finanzierung von PubMed und ClinicalTrials.gov durch die
US-Regierung vor?
3. Findet ein strukturierter Austausch mit US-Behörden (z. B. National
Institutes of Health, National Library of Medicine) statt, um frühzeitig über
Änderungen in der Finanzierung oder Struktur von PubMed oder Clini-
calTrials.gov informiert zu werden, und wenn ja, in welchem Rahmen,
und mit welchen Informationspflichten (z. B. zu technischen Ausfällen
oder Finanzierungsentscheidungen)?
4. Plant die Bundesregierung ein Monitoringsystem, um Risiken durch US-
amerikanische Finanzierungsentscheidungen systematisch zu erfassen,
deren Auswirkungen auf deutsche Forschungseinrichtungen zu bewerten
und daraus rechtzeitig konkrete Gegenmaßnahmen abzuleiten?
5. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zum Ausfall von Pub-
Med im März 2025 vor (Ursache, Dauer, Auswirkungen), und welche
Maßnahmen wurden ergriffen, um die Informationsversorgung deutscher
Forschungseinrichtungen während des Ausfalls sicherzustellen?
6. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit März 2025 ergriffen,
um die Abhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken zu reduzieren
und die Souveränität der deutschen Forschungsinfrastruktur zu stärken,
und wie bewertet sie deren Wirksamkeit?
7. Welche kurzfristigen Fördermaßnahmen (einschließlich Projektförderung
oder Pilotinitiativen) sieht die Bundesregierung vor, um offene,
verlässliche Datenbanken aus Deutschland oder der EU zu stärken und Ausfälle
internationaler Datenbanken abzufedern?
8. Inwiefern werden bei geplanten kurzfristigen Fördermaßnahmen der
Bundesregierung Aspekte der digitalen Souveränität und Open-Source-
Infrastruktur besonders mitbedacht?
9. Welche konkreten Förderinstrumente oder Haushaltsmittel sind von der
Bundesregierung im Haushalt 2025 und 2026 für den Aufbau, die
Verstetigung und die Sicherung nationaler oder europäischer
Datenbankstrukturen vorgesehen (bitte jeweils mit Verpflichtungsermächtigungen
auflisten)?
10. Welche Vorkehrungen bestehen im Rahmen der Cybersicherheitsstrategie
des Bundes für Forschungseinrichtungen, um Ausfälle oder Angriffe auf
zentrale wissenschaftliche Datenbanken zu verhindern, Schäden zu
minimieren und gerade den Schutz sensibler Daten angemessen zu
gewährleisten, insbesondere im Hinblick auf medizinische und
gesundheitswissenschaftliche Datenbanken?
11. Inwiefern unterstützt die Bundesregierung das Projekt OLSPub der ZB
MED finanziell oder organisatorisch oder plant, dies künftig zu tun?
12. Plant die Bundesregierung, OLSPub in europäische
Forschungsinfrastrukturen einzubinden (z. B. European Open Science Cloud (EOSC))?
13. In welcher Form (finanziell, personell, politisch) beteiligt sich die
Bundesregierung an der Weiterentwicklung und Förderung von Europe PMC
(PubMed Central), CTIS (Clinical Trials Information System) und
anderen offenen, europäischen Infrastrukturen?
14. Plant die Bundesregierung, auf europäischer Ebene den Aufbau einer
gemeinsamen, offenen Forschungsinfrastruktur (z. B. einer europäischen
Metadatenbank analog zu PubMed Central) anzuregen oder zu fördern,
und welche Schritte wurden dazu bereits unternommen bzw. sind geplant?
15. Liegen der Bundesregierung Informationen über die angekündigte
Umstellung von „Latest Literature“ zu „PubMed Updates“ vor, und welche
Auswirkungen dieser Umstellung erwartet die Bundesregierung auf die
Nutzbarkeit für deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?
Berlin, den 1. Dezember 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Andrea Lübcke (Kleine Anfrage)
- asked ← Anja Reinalter (Kleine Anfrage)
- asked ← Ayse Asar (Kleine Anfrage)
- asked ← Claudia Müller (Kleine Anfrage)
- asked ← Janosch Dahmen (Kleine Anfrage)
- asked ← Jeanne Dillschneider (Kleine Anfrage)
- asked ← Konstantin von Notz (Kleine Anfrage)
- asked ← Rebecca Lenhard (Kleine Anfrage)
- authored ← Andrea Lübcke
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Janosch Dahmen
- part_of_vorgang → Sicherung der Resilienz und Unabhängigkeit von US-amerikanischen Datenbanken für die medizinische Forschung in Deutschland und Europa (Kleine Anfrage)