Bedeutung der Halbleiterindustrie für Deutschlands wirtschaftliche und sicherheitspolitische Souveränität
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Bedeutung der Halbleiterindustrie für Deutschlands wirtschaftliche und sicherheitspolitische Souveränität
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1997
21. Wahlperiode 07.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Edgar Naujok, Ruben Rupp, Robin Jünger, Tobias Ebenberger,
Lars Haise, Alexander Arpaschi, Sebastian Maack, Steffen Janich, Dr. Michael
Kaufmann, Thomas Ladzinski, Dr. Malte Kaufmann, Marc Bernhard, Bernd
Schattner, Adam Balten, Stefan Henze, Christian Reck und der Fraktion der AfD
Bedeutung der Halbleiterindustrie für Deutschlands wirtschaftliche und
sicherheitspolitische Souveränität
Mikrochips stellen eine der zentralen Schlüsseltechnologien des 21.
Jahrhunderts dar. Ihre Verfügbarkeit ist nicht allein für zivile Anwendungen
entscheidend, sondern auch für militärische Fähigkeiten, Nachrichtendienste und
strategische Autonomie. Eine besondere Bedeutung haben hierbei hinsichtlich der
Innovationskraft Sub-5-Nanometer-Chips (Chips mit weniger als 5 Nanometer
Größe) erlangt (vgl. www.elektronikpraxis.de/spanien-will-sub-5-nm-chips-fert
igen-a-58a23d831a3d99442b4dc617886f939a/, https://winfuture.de/news,1437
32.html). Ein wesentliches Verfahren stellt die Extrem-Ultraviolett-Lithografie
(EUV-Lithografie) dar, auf welche Chiphersteller angewiesen sind (www.wire
d.com/story/asml-extreme-ultraviolet-lithography-chips-moores-law/). In der
Halbleiterproduktion sind v. a. hochreines Silizium sowie weitere
Spezialchemikalien erforderliche Rohstoffe (https://si-electronics.com/de/vom-sand-zum-
mikrochip/, https://alliancechemical.com/blogs/articles/high-purity-chemicals-i
n-semiconductor-fabrication-how-sulfuric-acid-nitric-acid-and-ammonium-hyd
roxide-power-advanced-electronics?srsltid=AfmBOorl7XYGE1QEd18hr3fQtE
ICS88aUuTrg14uyGG4WrvBm6GNHdt4).
Zum 21. September 2023 trat das Europäische Chip-Gesetz in Kraft, in
welchem sich u. a. zum Ziel gesetzt wurde, die Produktionskapazität im Bereich
der Halbleitertechnologien innerhalb der EU signifikant zu erhöhen (www.euro
parl.europa.eu/topics/en/article/20230210STO74502/chips-act-the-eu-s-plan-
toovercome-semiconductor-shortage). In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU,
CSU und SPD das Ziel festgehalten, den Aufbau robuster
Wertschöpfungsketten u. a. im Bereich der Chip- und Halbleitertechnik aufbauen zu wollen (www.
koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_202
5.pdf, S. 68).
Während die USA und asiatische Staaten mit erheblichen Investitions- und
Industrieprogrammen die eigene Chipproduktion ausbauen, droht Deutschland –
eingebettet in eine weitgehend von Brüssel regulierte EU-Industriestrategie –
auch nach Ansicht der Fragesteller, den Anschluss bei Spitzentechnologien zu
verlieren (www.wiwo.de/politik/europa/wachstum-in-europa-draghi-ohne-ansc
hluss-an-spitzentechnologien-verliert-europa-seine-macht/100150747.html).
Ende Juli 2025 äußerte Prof. Dr. Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts
für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) u. a. eine deutliche Kritik an der
Subventionspolitik der Bundesregierung: „Da braucht man keine riesigen
Subventionen, da muss man einfach die Verfahren verbessern“ (www.mdr.de/nachrichte
n/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/intel-absage-einschaetzung-iwh-reint-
gropp-102.html). Ebenso empfahl er, den Fokus in diesem Kontext gerade auch
auf kleinere Unternehmen zu lenken (ebd.).
Aktuelle Entwicklungen wie gerade der Rückzug von Intel aus dem geplanten
Werk in Magdeburg (www.faz.net/aktuell/politik/inland/intel-aus-in-magdebur
g-die-naechste-subventionspleite-110614804.html) – zuvor verbunden mit
einer Subventionszusage der Bundesregierung in Höhe von 9,9 Mrd. Euro
(www.deutschlandfunk.de/intel-fabrik-chips-subventionen-magdeburg-10
0.html) – und langwierige Genehmigungsverfahren werfen bei den
Fragestellern Fragen zur Handlungsfähigkeit der Bundesregierung wie auch zur
Innovationsfähigkeit des Standortes Deutschland auf. Zugleich stellt sich ihnen die
Frage, welche konkrete Bedeutung die Bundesregierung der Halbleiterindustrie
für die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Souveränität Deutschlands
beimisst.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche strategische Bedeutung misst die Bundesregierung der
Halbleiterproduktion in Deutschland und Europa für die wirtschaftliche und
sicherheitspolitische Souveränität bei?
2. Hat die Bundesregierung seit 2022 konkrete Maßnahmen ergriffen, um
eine eigenständige Produktion von Sub-5-Nanometer-Chips in
Deutschland aufzubauen, wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
3. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über den derzeitigen
Weltmarktanteil Deutschlands bei Sub-5-Nanometer-Chips vor?
4. Welche Fördermittel wurden seit Inkrafttreten des European Chips Act
von 2023 in Deutschland für Forschung, Entwicklung und Produktion von
Halbleitern bereitgestellt (bitte nach Jahr, Förderprogramm, Fördersumme
und Projekt aufschlüsseln)?
5. Wie viele Fachkräfte arbeiten nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell
in Deutschland sowie in der Europäischen Union im Bereich
Mikroelektronik (bitte nach den Bereichen Produktion sowie Forschung und
Entwicklung aufschlüsseln)?
6. Welche Standortkriterien – wie z. B. Energieversorgung,
Fachkräfteverfügbarkeit und regionale Infrastruktur – legt die Bundesregierung bei der
Förderung von Halbleiter- und Chipprojekten zugrunde?
7. Welche Gründe liegen nach Kenntnis der Bundesregierung für das
Scheitern des geplanten Intel-Werkes in Magdeburg vor?
8. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem Scheitern
des geplanten Intel-Werkes in Magdeburg – gerade in Bezug auf die
Subventionspolitik, Wirkungsabschätzung und Sicherheit von
Steuerinvestitionen?
9. Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen des Scheiterns des
geplanten Intel-Werkes in Magdeburg im Hinblick auf die
Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit Deutschlands als Industriestandort gegenüber
internationalen Investoren?
10. Hat die Bundesregierung die Einschätzung des IWH-Präsidenten Prof.
Dr. Reint Gropp, dass die geplante Förderung der Intel-Ansiedlung in
Magdeburg eine fehlgeleitete Subventionspolitik darstellte, zur Kenntnis
genommen, und wenn ja, welche Schlussfolgerungen zieht sie ggf. daraus
– insbesondere angesichts der ausgesprochenen Empfehlung, den Blick
auch auf kleinere Unternehmen zu richten?
11. Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen des Scheiterns des
Intel-Werkes in Magdeburg im Hinblick auf die Zielsetzung des
Europäischen Chip-Gesetzes, die Produktionskapazität im Bereich der
Halbleiterproduktion signifikant zu erhöhen?
12. Beabsichtigt die Bundesregierung Maßnahmen, um die
Genehmigungsverfahren für Halbleiterproduktionsstätten zu beschleunigen, wenn ja, in
welcher Weise, und innerhalb welchen Zeitraums?
13. Beabsichtigt die Bundesregierung Maßnahmen, um Unternehmen der
Halbleiterbranche bei der Ausweitung ihrer Produktionskapazitäten
gezielt zu unterstützen, wenn ja, in welcher Weise, mit welchen Mitteln, und
innerhalb welchen Zeitraums?
14. Welche Kooperationsprojekte im Bereich Forschung und Entwicklung von
Halbleitern bestehen derzeit zwischen Deutschland und strategischen
Partnern innerhalb und außerhalb der EU (bitte mit Partnerländern und
Projektinhalten angeben)?
15. Beabsichtigt die Bundesregierung gezielte Maßnahmen, um eine
Rückholung von hochqualifizierten Fachkräften aus den Bereichen Produktion
sowie Forschung und Entwicklung aus dem Ausland zu erreichen, wenn ja,
in welcher Weise, mit welchen Mitteln, und innerhalb welchen Zeitraums?
16. Inwieweit gibt es in der Bundesregierung ggf. Erwägungen, kritische
Halbleitertechnologien unter besondere Exportkontrollen zu stellen, um
eine technologische Abwanderung zu verhindern?
17. Beabsichtigt die Bundesregierung, Maßnahmen zu ergreifen, um
Lieferketten im Bereich Halbleiterproduktion auch im Falle globaler Krisen
funktionsfähig zu halten, wenn ja, welche, mit welchen Mitteln, und
innerhalb welchen Zeitraums?
18. Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung ggf. bislang
ergriffen, um den im Koalitionsvertrag angekündigten Aufbau robuster
Wertschöpfungsketten im Bereich der Chip- und Halbleitertechnik
voranzutreiben?
19. Welche Rohstoffe und Vorprodukte für die Chipproduktion werden nach
Kenntnis der Bundesregierung derzeit in Deutschland produziert, und
welche stammen überwiegend aus Drittländern (bitte nach Rohstoff bzw.
Vorprodukt, Menge und Herkunftsländern aufschlüsseln)?
20. Bestehen nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit Abhängigkeiten bei
der Beschaffung von Schlüsseltechnologien wie EUV-Lithografie und
Rohstoffen wie hochreinem Silizium bzw. Spezialchemikalien, wenn ja,
welche, und wie sollen diese ggf. angegangen werden?
21. In welchen Bereichen der Halbleiterproduktion sieht die Bundesregierung
Deutschland unter den Technologieführern, in welchen Bereichen
wettbewerbsfähig, und in welchen Bereichen technologisch abgeschlagen?
22. Wie bewertet die Bundesregierung die Gefahr, dass Deutschland im
globalen Wettbewerb dauerhaft auf nachrangige Technologien und
Produktionsschritte beschränkt bleibt, und welche Gegenmaßnahmen sieht sie ggf.
vor?
23. Welche Rolle misst die Bundesregierung ggf. der militärischen
Verwendbarkeit von Hochleistungschips in Bezug auf die nationale
Sicherheitsstrategie bei?
24. Wie bewertet die Bundesregierung im Bereich der militärischen
Verwendbarkeit die Abhängigkeit von Rohstoffen, Vorprodukten und Bauteilen aus
Staaten, die nicht der NATO angehören (bitte nach Produkt, Menge und
Herkunftsland aufschlüsseln)?
Berlin, den 26. September 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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