Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung Forschung, Fachkräfte und Fertigung für das Mikroelektronik-Ökosystem in Deutschland
Text
Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung Forschung, Fachkräfte und Fertigung für das Mikroelektronik-Ökosystem in Deutschland
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Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt vom 15. Oktober
2025.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/2350
21. Wahlperiode 16.10.2025
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung
Forschung, Fachkräfte und Fertigung für das Mikroelektronik-Ökosystem
in Deutschland
Zusammenfassung
Mit dieser Strategie schafft die Bundesregierung einen Orientierungsrahmen, um in der Mikroelektronik
zielgerichtete und konsistente Maßnahmen umzusetzen, maßgeblich zur Hightech Agenda Deutschland der
Bundesregierung beizutragen und die Chancen des European Chips Act1 zu nutzen. Europas Position in der Mikroelektronik
hat breite Auswirkungen auf die Innovations- und Wirtschaftskraft Deutschlands und damit auf die Fähigkeit zur
Selbstbestimmtheit angesichts geopolitischer Spannungen. Eine systematische Entwicklung des
Mikroelektroniksektors hierzulande und in Europa ist daher für die Bundesregierung von großem Interesse. Zusammen mit
seinen europäischen Partnern hat Deutschland eine aussichtsreiche Position zur Stärkung seiner
Innovationsfähigkeit sowie zur Sicherung seiner technologischen Souveränität2 und Resilienz in der Mikroelektronik.
Forschung und Entwicklung, die BMWE-Fachkräftebasis sowie Investitionen für industrielle Pilotierung und
innovative Fertigung sind dabei die Grundlagen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit und eine nachhaltige
Wertschöpfung. Die Förderung und der Ausbau der bestehenden Mikroelektronik-Forschungslandschaft in
Deutschland schafft die Grundlage, um das Erreichen weiterer Ziele der Hightech Agenda Deutschland zu
unterstützen, besonders in den Schlüsseltechnologien Künstliche Intelligenz (KI), Quantentechnologie und
Energieerzeugung.
Deutschland ist der größte Mikroelektronikstandort der EU. Es trägt einerseits mit einem Anteil von etwa 30
Prozent der Waferkapazitäten erheblich zur europäischen Halbleiterfertigung bei. Es ist andererseits mit seinem
hohen Wertschöpfungsanteil im Industriesektor auf innovative Mikroelektronik grundlegend angewiesen. Die
Mikroelektronik trägt etwa 4 Prozent direkt und etwa 15 Prozent indirekt zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei.
Deutschland kann nur gemeinsam mit seinen europäischen Partnern im internationalen Wettbewerb der
Mikroelektronik bestehen. Der European Chips Act bewirkt dabei ein gleichgerichtetes Handeln in der Europäischen
Union in einer zentralen Schlüsseltechnologie.
Die Mikroelektronikbranche ist von besonders hoher wirtschaftlicher Dynamik und hohem Forschungsaufwand
gekennzeichnet und steht gleichzeitig im Zentrum geopolitischer Auseinandersetzungen. Es muss sorgfältig
darauf geachtet werden, dass staatliche Maßnahmen nur dort ansetzen, wo sich Marktkräfte etwa aufgrund von
Wettbewerbsverzerrungen (beispielsweise nicht-marktliches Handeln von Drittstaaten) nicht entfalten können,
Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt vom 15. Oktober 2025.
1 Verordnung (EU) 2023/1781 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13.09.2023 [Link]
2 Technologische Souveränität ist die Fähigkeit, jederzeit die Entwicklung, Nutzung und Weiterentwicklung denjenigen
Schlüsseltechnologien garantieren zu können, die zur Umsetzung gesellschaftlicher Prioritäten und Bedürfnisse notwendig sind; s. a. hier [Link]
oder die Notwendigkeit zur Sicherung der technologischen Souveränität in einem herausfordernden
geopolitischen Kontext sowie der Resilienz und Vertrauenswürdigkeit essenzieller Lieferketten3 besteht und sich diese
nicht mittels privatwirtschaftlicher Lösungen stärken lässt. Unter dieser Maßgabe setzt die Bundesregierung an
den kritischen Erfolgsfaktoren Forschung, Fachkräfte und Fertigung an:
– Forschung: Hier bilden umfassende „Fähigkeiten im Chipdesign“ sowie der Transfer „From Lab to Fab“
mit dem Fokus Advanced Packaging Schwerpunkte der Strategie. Dabei spielt die Forschungsfabrik
Mikroelektronik Deutschland (FMD) eine zentrale Rolle für den Transfer neuen Wissens in die Anwendung,
während Hochschulen das Know-how der übernächsten Technologiegeneration erarbeiten. Bei Chipdesign und
Advanced Packaging bestehen derzeit entscheidende Wirkpotenziale für die technologische Souveränität,
die durch staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung bewegt werden können.
– Fachkräfte: Neu ist die mikroelektronikspezifische Fachkräfteförderung, welche mit den Forschungs- und
Investitionsmaßnahmen verzahnt wird und die allgemeinen Maßnahmen der Bundesregierung zur
Fachkräftesicherung sektorspezifisch verstärkt. Dieser Ansatz ist angesichts des erwarteten hohen
Nachfragewachstums im Sektor Mikroelektronik gerechtfertigt. Er ist darauf angelegt, in Synergie mit den Ausbildungs- und
Rekrutierungsanstrengungen der Wirtschaft mehr und besser ausgebildete Fachkräfte zu gewinnen und
zugleich die Attraktivität des Standortes Deutschlandes für internationale Fachkräfte zu erhöhen. Zugleich ist
er die Voraussetzung dafür, dass Investitionen erfolgreich sein können.
– Fertigung: Ein zentrales Element der Strategie bilden die Anreize zur Ansiedlung und Weiterentwicklung
innovativer Mikroelektronik-Produktion in Deutschland – von Halbleiterfertigung, Advanced Packaging,
aber auch von Materialien, Produktionsanlagen und ihren Komponenten. Der Transfer „From Lab to Fab“
soll dabei konsequent fortgeführt werden. Angesichts des Marktwachstums und eines gleichzeitig
verschärften globalen Subventionswettlaufs liegt der Schwerpunkt darauf, die Attraktivität des Standorts Deutschland
für souveräne Wertschöpfung kritischer Halbleiter (und der für diese relevanten Technologieknoten bis in
den Bereich weniger Nanometer) und Komponenten zu erhöhen. Dazu trägt die Stärkung der lokalen
Nachfrage der Chipanwenderindustrien wie auch die Entwicklung ihrer Designfähigkeit und Systemkompetenz
bei.
Stärker als bislang müssen sowohl Forschung, Fachkräfte und Fertigung zusammen betrachtet werden als auch
die Maßnahmen innovationsökonomisch abgestimmt sein. Dabei müssen die heutigen und künftigen Bedarfe der
bestehenden Industrien in Deutschland und Europa berücksichtigt werden, wie auch Felder neuer potenzieller
Wertschöpfung – von KI und Rechenzentren über Quantenrechner bis zu vertrauenswürdiger Elektronik für
sichere Infrastrukturen und Verteidigung – gezielt technologisch entwickelt und wirtschaftlich erschlossen werden.
Dies ist ein entscheidender Beitrag zur langfristigen Sicherung unseres Wohlstandes durch die Realisierung der
hierbei inhärenten Wachstumspotenziale. Nur so kann Deutschland ein attraktiver Zielort für Investoren und die
besten Talente sein. Nur so können die Ressourcen des Staates effizient und effektiv eingesetzt werden.
Die Strategie fügt Maßnahmen und handlungsleitende Konzepte zu einem Gesamtbild zusammen. Sie entwickelt
die laufenden Maßnahmen der Bundesregierung weiter und baut sie aus. Die Strategie soll dazu beitragen,
Deutschlands Mikroelektronik-Ökosystem als Innovationsmotor der gesamten Volkswirtschaft zu stärken. Dabei
wird der Verbesserung von übergreifenden Standortfaktoren und der internationalen Vernetzung ebenso
Rechnung getragen wie der Forschungs- und Wirtschaftssicherheit. Die Strategie trägt damit auch zur technologischen
und geopolitischen Souveränität, zur Sicherung von Wohlstand und Beschäftigung sowie zur ökonomischen
Resilienz Deutschlands und Europas bei.
Auf Grundlage der vorliegenden Strategie sind alle relevanten nationalen Akteurinnen und Akteure aufgefordert,
ihre Maßnahmen synergetisch auszurichten und auszubauen. Neben dem Bundesministerium für Forschung,
Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) als
zentrale Ressorts der Bundesregierung in diesem Bereich sind hier Unternehmen, Forschungseinrichtungen,
Bildungsträger, Verbände, Cluster bzw. Netzwerke sowie die Länder in der Verantwortung, sich einzubringen.
Warum Mikroelektronik?
Alltag und Arbeitswelt sind mit dem Fortschreiten der Digitalisierung von Mikroelektronik durchdrungen.
Mikroelektronik steckt nicht nur in Mobiltelefonen, Tablets und Computern. Mikroelektronik regelt auch die
Energieversorgung, steuert Medizintechnik und die Datenströme für das Internet und ermöglicht eine sichere vernetzte,
3 Lieferkettenresilienz bezeichnet die Fähigkeit einer Lieferkette, Störungen zu widerstehen (Robustheit), sich daran anzupassen (Agilität)
und sich von Störungen zu erholen, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.
automatisierte Mobilität. Innovative Mikroelektronik bildet die Grundlage für sichere Kommunikation ebenso
wie für Anwendungen der KI. Sie ist auch eine wesentliche Grundlage für die „Twin Transition“ hin zu
Nachhaltigkeit und Digitalisierung.
Mit einem weltweiten Umsatz von über 580 Mrd. Euro4 bildet die Halbleiterindustrie die Basis für einen vielfach
(> Faktor 10) höheren Umsatz in den Elektronik-Anwenderindustrien. In Deutschland zählen dazu vor allem die
Autoindustrie, der Maschinenbau sowie die Energie- und Medizintechnik. Für die Industrie ist die
Mikroelektronik in zweifacher Hinsicht eine Schlüsseltechnologie: Zum einen sind Produkte wie Autos, medizinische Geräte
und Maschinen oder der Einsatz von KI ohne Mikroelektronik nicht mehr denkbar. Zum anderen ist die
Herstellung zahlreicher Produkte nur mit Automatisierung, die nicht ohne Elektronik funktioniert, wirtschaftlich. Nur
wer fortschrittliche Mikroelektronik entwickelt, kann hohe Leistungssteigerungen in einer Vielzahl ihrer
Anwendungsbereiche erschließen oder überhaupt erst in neue Wertschöpfungssegmente vordringen. Dabei ist die
Mikroelektronik in der Regel nicht durch andere Technologien zu ersetzen. Insofern ist die Mikroelektronik eine
strategische Ressource für Deutschland und Europa. Für die wirtschaftliche Stärke und Sicherheit unseres Landes
ist der Zugriff auf innovative Elektronik eine zentrale Voraussetzung und ist daher von besonderem nationalem
Interesse. Steht sie nicht ausreichend zur Verfügung, zum Beispiel aufgrund von Versorgungsengpässen oder
dedizierter Veränderung von Lieferketten oder der Elektronik selbst, sind „Chipkrisen“ ein reales Szenario5. Als
Wertschöpfungsmultiplikator kann ihr Fehlen ganze Industriezweige monatelang zum Erliegen bringen, was
wiederum den Wohlstand und die Sicherheit in Deutschland und Europa gefährdet. Dies gilt umso mehr, seit
geopolitische Herausforderungen die Versorgungs- und Cybersicherheit in den Fokus gerückt haben. Zuletzt spielt die
Vertrauenswürdigkeit der Mikroelektronik eine große Rolle: Nur bei Einsatz vertrauenswürdige Mikroelektronik
kann sichergestellt werden, dass zugesicherte Funktionalität eines Produktes auch dauerhaft erhalten bleibt, und
dass Wissen und geistiges Eigentum nicht durch maliziöse Komponenten abfließt.
Fazit: Mikroelektronik ist eine Schlüsseltechnologie und die Stärkung unseres Mikroelektronikstandorts somit
von entscheidender Bedeutung für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit, die technologische Souveränität und
die wirtschaftliche Resilienz Deutschlands und Europas.
Der globale Wettbewerb
Die Mikroelektronik ist von einer hohen internationalen Arbeitsteilung und komplexen Lieferketten geprägt.
Deren Störanfälligkeit in der COVID-19-Pandemie und danach hat bereits zu Versorgungsengpässen in Deutschland
und Europa geführt. Aufgrund der geographischen Konzentration auf Asien bilden auch Naturkatastrophen wie
Erdbeben ein substanzielles Risiko für die Versorgungssicherheit. Zudem sind Halbleiter bereits jetzt Gegenstand
von geopolitischen Spannungen und Handelskonflikten. Erneute, auch sehr plötzliche Disruptionen der globalen
Lieferketten können deshalb nicht vollständig ausgeschlossen werden. Dies verleiht der Stärkung der Resilienz
der Lieferketten im Mikroelektroniksektor eine hohe Relevanz.
Die Schüsseltechnologie Mikroelektronik wird vielfach als notwendiger Baustein wirtschaftlicher und
militärischer Stärke eines Landes betrachtet. Dementsprechend ist sie auch Gegenstand geopolitischer Spannungen. In
den USA und asiatischen Staaten, insbesondere China, wird ein massiver Ausbau von Produktionskapazitäten und
Forschung verfolgt.6 Die USA haben mit dem CHIPS and Science Act zum einen hohe Subventionen für die
Industrie umgesetzt, zum anderen wird auch die Forschung massiv gestärkt und es werden neue
Forschungsinfrastrukturen aufgebaut. Die Technologieführer Taiwan und Südkorea investieren umfangreich in
Produktionskapazitäten und Forschungsprogramme. Japan ist ähnlich wie Europa in der Halbleiterproduktion zurückgefallen.
Es bemüht sich mit hohen Investitionen um ein Aufholen und sucht die Kooperation mit den USA und Taiwan.
Indien, bisher ohne größere Mikroelektronikindustrie, bringt sich mit hohen Subventionen als neuer
Produktionsstandort ins Spiel.
China strebt auch im Bereich der Mikroelektronik die Technologieführerschaft und Marktdominanz an: zum einen
mit massiven Investitionen in Forschung und Entwicklung eigener technologischer Lösungen, zum anderen über
eine strategische Industriepolitik, die hohe öffentliche Subventionen einschließt (unter anderem
milliardenschwerer China Integrated Circuit Industry Investment Fund).Die Volksrepublik setzt damit ihre seit Jahrzehnten auf
Autarkie setzende Strategie fort und sieht sich durch die verschärften Exportrestriktionen der USA bestätigt. Ein
4 In 2024; 2024 Factbook, Semiconductor Industry Association [Link]
5 Die volkswirtschaftlichen Kosten der Chipkrise 2021 bis 2023 wurde in einer vom ZVEI beauftragten Studie auf circa 100 Mrd. Euro
taxiert [Link].
6 The Competitive Etch: Addressing the talent gap in the semiconductor industry, 2022, Accenture [Link]; Localizing the global
semiconductor value chain, 2024, Arthur D. Little [Link]
Ende dieser Dynamik ist derzeit nicht in Sicht. Neben eigenen Wegen zur Produktion von Chips der neuesten
Generation sucht China mit erheblichem Kapazitätsaufbau auch nach massiven Gewinnen von Marktanteilen bei
etablierten Chip-Generationen. So produziert China bereits jetzt fast 30 Prozent der weltweiten Chips im Bereich
größerer Strukturgrößen, welche insbesondere für die in Deutschland besonders relevanten industriellen
Anwendungen benötigt werden. Hierbei besteht die Sorge vor Wettbewerbsverzerrungen und Überkapazitäten ähnlich
wie im Photovoltaik-Bereich. Ein allgemeiner Subventionsverzicht würde alle Staaten gemeinsam besserstellen.
Allerdings benachteiligen Subventionen in Drittstaaten aus Europa heraus exportierende Unternehmen, die mit
subventionierten Unternehmen aus Drittstaaten konkurrieren. Dies kann dazu führen, dass europäische
Unternehmen aus dem Markt gedrängt werden und dadurch neue Abhängigkeiten von (Unternehmen in) Drittstaaten
entstehen.7
Auch in Forschung, Entwicklung und Industrialisierung herrscht intensiver weltweiter Wettbewerb um
technologische Vorsprünge – denn diese sind Basis für Abhängigkeiten und geopolitische Verhandlungsmacht. Aktuell
zeigt sich dies bei Chips für KI. Angesichts der zu erwartenden wirtschaftlichen und strategischen Relevanz von
KI ist es zum Erhalt geopolitischer Handlungsspielräume und zur Hebung der Wachstumspotenziale
entscheidend, dass die Versorgung von KI-Anwendern – potenziell alle Branchen und nahezu alle Menschen in
Deutschland – mit Mikroelektronik gesichert ist. Dies gilt ebenso für die nötigen Elektronikbausteine der
Dekarbonisierung sowie für sicherheitsrelevante Mikroelektronik in kritischen Infrastrukturen oder dem Verteidigungsbereich.
Europa und damit auch Deutschland haben sich mit dem EU Chips Act in diesem globalen Wettbewerb
positioniert: Der EU Chips Act stärkt Forschung, Entwicklung und Transfer, erleichtert die staatliche Unterstützung von
Industrieprojekten und richtet einen Monitoring-Mechanismus zur Vorbeugung von Versorgungsengpässen ein.
Obschon aus allgemeiner volkswirtschaftlicher Sicht ein Subventionswettlauf nicht wünschenswert ist, so ist eine
gezielte Investitionsförderung im Feld der Mikroelektronik dennoch gerechtfertigt, aufgrund der Bedeutung des
Sektors als kritische Technologie und der daraus folgenden Notwendigkeit, einen nichteinholbaren, mit
nichtmarktlichen Praktiken verfolgten Technologievorsprung von Drittstaaten zu verhindern, und eigene Fähigkeiten
zu erhalten bzw. auszubauen. Die Wirkung zeigt sich bereits. So fördert die Bundesregierung eine Pilotlinie zu
Advanced Packaging bei der FMD und den Aufbau von Produktionskapazitäten namhafter Chiphersteller in
Dresden. Diese Aktivitäten werden durch die jeweiligen Bundesländer begleitet und unterstützt. Je rascher und besser
die Verzahnung der einzelnen Vorhaben mit dem Mikroelektronik-Ökosystem gelingt, desto nachhaltiger tritt die
angestrebte positive Wirkung auf technologische Souveränität, Resilienz, und Wirtschaftswachstum ein.
Wo ist Deutschland gefordert?
Angesichts der hohen Investitionen der globalen Wettbewerber in die Mikroelektronik und der enormen
Bedeutung des Wirtschaftszweigs als „Enabler“ zahlreicher Produkte und Dienstleistungen in anwendenden
Wirtschaftsbereichen sind Deutschland und Europa gefordert, die technologische Souveränität zu sichern, einseitige
Abhängigkeiten abzubauen und einen stärkeren Fokus auf Wirtschaftssicherheit zu legen, bei gleichzeitiger
Offenheit für Investitionen. Vor diesem Hintergrund müssen auch Fragen zur Exportkontrolle, zu ungewolltem
Know-how-Abfluss, der zivil-militärischen Nutzung von Forschung sowie der Gewährleistung der
Vertrauenswürdigkeit von Elektronik und der Forschungssicherheit in der vorliegenden Strategie Berücksichtigung finden.
Prognosen zufolge soll der globale Halbleiter-Markt bis 2030 deutlich wachsen.8 Große Trends wie die
Elektrifizierung, die Digitalisierung sowie die Durchdringung immer weiterer Wirtschaftssegmente mit KI-Anwendungen
erzeugen dabei auch neue und veränderte Bedarfe. Zentrale Herausforderung ist es, bei der raschen Folge neuer
Mikroelektronik-Generationen mitzuhalten, diese mitzugestalten und dabei technologische Souveränität in
kritischen Feldern auf- und auszubauen. Auch technologisch bieten sich Chancen: War bislang die Miniaturisierung
der Chipstrukturen der dominierende Innovationspfad, so zeichnet sich nun eine größere Vielfalt bei den
Chiptechnologien und -innovationen ab. Eine besondere Rolle spielen dabei Ansätze der Kombination
verschiedener Chip-Technologien in einem Gehäuse (Heterointegration / Advanced Packaging).
7 Industriepolitik in Europa, 2025, Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie [Link]
8 The semiconductor decade: A trillion-dollar industry, 2022, McKinsey&Company [Link]
Die Mikroelektronik ist forschungsintensiv, benötigt hohe Investitionen und hochqualifizierte Fachkräfte:
– In Europa geben Halbleiter-Unternehmen circa 14 Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung
aus.9 In der deutschen Elektro- und Digitalindustrie summieren sich die Ausgaben für Forschung und
Entwicklung auf über 21 Mrd. Euro pro Jahr.10 Deutschland ist mit starken Industrie- und Kompetenzclustern
Motor für die Mikroelektronik in Europa. Sensoren, Mikrocontroller und Leistungshalbleiter für die
Autoindustrie und die Energietechnik, Sicherheitselektronik für das Internet der Dinge sowie Anlagen für die
Halbleiterherstellung (insbesondere Komponenten für die sogenannte Extreme-UV-Lithographie, welche für
die Produktion aller modernen Hochleistungsrechen- und Speicherchips benötigt werden) sowie die
Substrate für Element- und Verbindungshalbleiter sind die Stärken eines vitales Ökosystem aus Forschung und
Wirtschaft in Deutschland – ein wichtiges Plus für den Standort. Da andere Weltregionen ihre Forschung
und Entwicklung (FuE) verstärken und es zugleich gilt, kontinuierlich neue Technologien zu entwickeln,
muss auch in Deutschland die FuE-Aktivität verstärkt werden. Dies gilt sowohl für Bereiche existierender
Stärken, wie auch im Bereich neuer Technologien, in denen komparative Vorteile durch FuE erschlossen
werden müssen.
– Während 2023 rund 330.000 Personen in der europäischen Halbleiter-Industrie arbeiteten, soll die Zahl laut
Prognosen auf über 500.000 in 2030 anwachsen.11 Das dynamische Zusammenspiel der drei Megatrends
Digitalisierung, demographischer Wandel (und damit erhöhtem Druck zu Automatisierung) und
Dekarbonisierung stellt die Deckung des Fachkräftebedarfs in Deutschland vor komplexe Herausforderungen. Dies gilt
für die Fachkräftebedarfe in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik)
insgesamt. In der Mikroelektronik spitzt sich dies weiter zu: Der Ausbau der Kapazitäten und das starke
Marktwachstum vergrößern den Bedarf an geeigneten Fachkräften dort zusätzlich.
– Der Anteil Europas an der Halbleiter-Produktion und an der weltweiten Elektro- und Digitalindustrie sank
in den letzten Jahrzehnten stetig und liegt aktuell bei rund 13 Prozent.12 Obwohl mit staatlicher Förderung
für Investitionen in hochmoderne Fertigungsanlagen in den europaweiten „Important Project of Common
European Interest“ (IPCEI) Mikroelektronik (IPCEI ME) seit 2018 und IPCEI Mikroelektronik und
Kommunikationstechnologien (IPCEI ME/KT) seit 2023 sowie den Großinvestitionen unter dem European Chips
Act die Grundlagen für eine Trendwende gelegt wurden, ist bislang noch keine ausreichende Skalierung
erfolgt, um mit dem starken Wachstum in anderen Weltregionen mithalten zu können. Gleichzeitig greift der
im European Chips Act bislang angelegte Fokus auf den reinen Kapazitätsausbau zu kurz; vielmehr sollte
zukünftig auf Basis strategischer Überlegungen eine Fokussierung der Förderung auf kritische bzw.
wirtschaftlich besonders vielversprechende Segmente erfolgen, unter Berücksichtigung der Vielfalt der hiesigen
Bedarfe. Auch ist die Nachfrage aus Anwendungsbranchen von Mikrochips für die Auslastung
vorhandener Produktionskapazitäten, deren Erweiterung und für Neuansiedelungen entscheidend.
So unterschiedlich wie die Einsatzbereiche in den deutschen Anwenderindustrien sind, so sind es auch die
Anforderungen an die zugrundeliegenden Chips. Damit einher geht der Bedarf an mehr Innovationen,
Designfähigkeiten und Produktionskapazitäten für Chips unterschiedlicher Technologieknoten und technologischer Ansätze –
idealerweise gedeckt aus dem europäischen Ökosystem. Wo dies nicht möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll
ist, müssen Lieferketten resilienter werden. Einen entscheidenden Beitrag leisten Maßnahmen, die sich auf
Schlüsselpositionen in der globalen Halbleiterwertschöpfung (vom Chipdesign bis zur Fertigung) konzentrieren
und Abhängigkeiten in wichtigen Sektoren (Automobil, Kommunikation, Digitalisierung, Medizintechnik, KI,
Verteidigung) verringern. Den geopolitischen Herausforderungen, mit denen Deutschland und Europa
konfrontiert sind, kann dabei am wirksamsten mit einem koordinierten Vorgehen – sowohl innerhalb Deutschlands, als
auch in der Europäischen Union oder in internationalen Foren wie der G7 oder OECD – begegnet werden.
9 2024 Factbook, Semiconductor Industry Association [Link]
10 Investitionen der Elektro- und Digitalindustrie, 2023, ZVEI [Link]
11 Long-term Action Plan, METIS-Projekt [Link]
12 Globale Elektro- und Digitalindustrie – Daten, Zahlen und Fakten, September 2024, ZVEI [Link]; Commission Staff Working Document
„A Chips Act for Europe“, 2022, Europäische Kommission [Link]
Ziele dieser Strategie
Mit dieser gesamtheitlichen Strategie will die Bundesregierung die Attraktivität Deutschlands als
Mikroelektronik-Standort sowie die technologische Souveränität und Resilienz Deutschlands und Europas steigern. Dafür
wollen wir sowohl europäische Instrumente (Neuauflage des European Chips Act sowie weitere IPCEI) als auch
nationale Maßnahmen unter Berücksichtigung der folgenden Leitmotive gestalten:
1. Entwicklung und Ausbau bestehender wirtschaftlicher und technologischer Stärken. Dies soll insbesondere
dort erfolgen, wo europäische Fähigkeiten unverzichtbar in der globalen Halbleiterwertschöpfung sind.
Dadurch können einseitige Abhängigkeiten verringert und somit die geopolitische Verhandlungsposition
verbessert und bestehende Abnehmerindustrien gestärkt werden.
2. Erschließen neuer Mikroelektronik-Technologien auf Basis der bestehenden Pilotlinien des European Chips
Act und auf Basis von Forschung, die zum Ziel hat, die Pipeline der nächsten und übernächsten Chip-
Generationen zu füllen sowie neue Mikroelektronik-Anwendungen wirtschaftlich zu erschließen. Es soll
insbesondere dort angesetzt werden, wo der mögliche künftige Bedarf der europäischen Chipanwenderindustrien
liegt, und wo erhebliche wirtschaftliche Potenziale liegen.
3. Stärkung der Resilienz und Vertrauenswürdigkeit bestehender Lieferketten durch gezielte Maßnahmen auf
Basis einer Sicherheits- und Risikoanalyse, sowie dem gezielten Aufbau von Analysekapazitäten. Dies muss
jenseits eines bloßen Fokus auf Kapazitätsaufbau bzw. Marktanteile erfolgen. Es ist auch die Relevanz der
Mikroelektronik für Verteidigung und Sicherheit sowie für neue Basistechnologien wie KI oder
Quantentechnologien zu berücksichtigen.
Dabei sind die Prozessvereinfachungen und -beschleunigungen sowie das reibungslose Ineinandergreifen
verschiedener Instrumente des Regierungshandelns essenziell, um Maßnahmen rascher und fokussierter umzusetzen.
Nicht zuletzt sollen in einer konzertierten Aktion Synergien mit Maßnahmen in Verantwortung von Wissenschaft,
Wirtschaft, Verbänden, Bildungsträgern sowie den Ländern erschlossen werden, und die Zusammenarbeit mit
europäischen und internationalen Institutionen sowie Wertepartnern vertieft werden.
Die Mikroelektronik-Strategie ist eine zentrale Maßnahme der Hightech Agenda Deutschland der
Bundesregierung. Das bis 2026 verlängerte Forschungs-Rahmenprogramm „Mikroelektronik. Vertrauenswürdig und
nachhaltig. Für Deutschland und Europa.“ dient als fachliche Grundlage der FuE-Elemente der Mikroelektronik-Strategie.
Mit der Strategie trägt Deutschland zudem zu den Zielen des europäischen Politikprogramms zur digitalen
Dekade13 bei. Außerdem liefert sie Beiträge zum Europäischen Green Deal sowie der Europäischen Strategie für
wirtschaftliche Sicherheit.
Wo wollen wir in zehn Jahren stehen?
1. Grundlagen für neuartige Chips gelegt: Wir besitzen breite Fähigkeiten, auch kommende neuartige Chip-
Technologien in Deutschland entwickeln, designen und herstellen zu können. Dies gilt vor allem für KI-
Chips und Chips für die Anwenderindustrie in Europa, ausgehend von einer starken Basis im Chipdesign an
Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft und der Entwicklung neuer Materialien und
Rechentechnologien.
2. Neue Fähigkeiten im Leading-Edge-Bereich: Es ist gelungen, auch im Bereich der Leading-Edge-
Technologien eine Fertigung in Deutschland anzusiedeln, mit dazugehörigem lokalem Ökosystem aus Zulieferern und
Forschungspartnern. Dies führt dazu, dass ein noch engerer Innovationszyklus mit den hiesigen Herstellern
von Fertigungs- und Analytikanlagen, sowie den Unternehmen, die Chips und Systeme designen, und
Anwenderindustrien etabliert wird. Chipdesign für kleine Technologieknoten und für heterointegrierte Systeme
ist in Deutschland in der Forschung und der Industrie etabliert, dazu tragen auch innovative Start-ups bei.
3. Anwenderindustrien mit innovativer Mikroelektronik versorgen: Die Bedarfe an Mikroelektronik für die
hiesigen Anwenderindustrien (beispielsweise. Automotive, Medizintechnik, Energietechnik, etc.) werden
mit steigendem Anteil aus deutscher und europäischer Entwicklung, Produktion, Packaging und Testung
gedeckt. Eine enge Zusammenarbeit von Forschung und Industrie sorgt dabei für kontinuierliche Innovatio-
13 BESCHLUSS (EU) 2022/2481 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 14. Dezember 2022 über die
Aufstellung des Politikprogramms 2030 für die digitale Dekade [Link]
nen. Das Wachstum innovativer Anwender-Branchen garantiert eine dauerhafte Nachfrage nach
sicher produzierten Chips. Daher ist auch gelungen, in Deutschland eigene Produktionskapazitäten für die
relevanten Halbleiter-Technologien in Technologieknoten größer als 22 Nanometer auszubauen.
4. Stärken im Zuliefererbereich bestehen weiter: Die starke Position der Zulieferer bei Extreme-UV,
Materialien, Tools und Analytik wurde weiter ausgebaut und durch Exzellenz auch in anderen Technologiebereichen
bzw. Wertschöpfungssegmenten ergänzt, die in FuE-Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen
und Unternehmen aufgebaut und industrialisiert worden ist. Dies sichert Einflusshebel im geopolitischen
Wettbewerb.
5. Ausreichend Fachkräfte: Durch zielgerichtete Maßnahmen in der Aus- und Weiterbildung kann der hohe
Bedarf an passgenau qualifizierten Fachkräften gedeckt werden. Dabei haben wir auch die Chancen von
Transformationsprozessen genutzt.
6. Erfolgreiche Konzertierte Aktion: Wir sind im Schulterschluss mit Wirtschaft und Stakeholdern
vorgegangen, um ein funktionierendes Mikroelektronik-Ökosystem organisch zu entwickeln: Neue Ansiedlungen und
Forschungskapazitäten sind eingebunden in ein wachsendes Ökosystem aus Zulieferern, Anwendern,
Forschung sowie Start-ups und Scale-ups in neuen Technologiebereichen. Geografisch sind diese aus den
lokalen Stärken (in FuE, Fachkräften, Unternehmensnetzwerken, etc.) heraus entwickelt und erfahren
Unterstützung der betreffenden Bundesländer und Regionen. Die lokale Produktion erfüllt Bedarfe und stärkt die
Resilienz in Anwendungsbranchen, unterstützt Innovationen und nachhaltiges Wachstum. Eine
Koordinierung innerhalb der Bundesregierung stellt konsistentes Agieren sicher, institutionalisierte Austauschformate
mit den Stakeholdern sind die Basis für agiles Handeln.
Ausgehend von diesem Zielbild werden im Folgenden Handlungsfelder mit konkreten Maßnahmen abgeleitet.
Die identifizierten Maßnahmen sollen in enger Abstimmung mit den Stakeholdern kontinuierlich weiterentwickelt
werden (siehe auch Konzertierte Aktion und nationale Koordinierung).
Abbildung 1 Übersicht über die Mikroelektronik-Strategie
Ansatz in sechs Handlungsfeldern
Die Mikroelektronik-Strategie nutzt die mit dem EU Chips Act eingeführten Instrumente und ergänzt sie mit
nationalen Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern (siehe Abbildung 1): „Chipdesign“ und „from lab to fab“ für
bessere Forschungs- und Innovationsgrundlagen, sowie eng damit verknüpft der quantitative und qualitative
Ausbau der Fachkräftebasis. Im Handlungsfeld „Investitionen anreizen“ bündelt die Bundesregierung die
Maßnahmen rund um die IPCEIs sowie den Kapazitätsaufbau gemäß der Säule 2 des EU Chips Act. Im Handlungsfeld
„Europäisch und international kooperieren“ stellt die Bundesregierung sicher, dass eine starke Vernetzung und
Partnerschaften inner- und außerhalb Europas zur Stärkung der Resilienz der globalen Mikroelektronik-
Lieferketten beitragen. Im Handlungsfeld „Rahmenbedingungen“ wird der Verbesserung von horizontalen wie auch
sektorspezifischen Standortfaktoren ebenso Rechnung getragen wie der Forschungs- und Wirtschaftssicherheit.
Mit dem Handlungsfeld „Konzertierte Aktion und nationale Koordinierung“ wird die Bundesregierung
sicherstellen, dass die Maßnahmen ganzheitlich gedacht und eng vernetzt werden.
Die Bundesregierung hat diese sechs Handlungsfelder für die Weiterentwicklung des Mikroelektronik-
Ökosystems mit Maßnahmen unterlegt, die auch die Aktivitäten von Stakeholdern, der EU, der Bundesländer und
weiterer Akteurinnen und Akteure berücksichtigen. Die Strategie zeigt angelaufene sowie geplante Maßnahmen auf.
Dies soll die Transparenz über Bestehendes erhöhen und gleichzeitig den Weg in die Zukunft weisen.
Zahlreiche der in der nationalen Mikroelektronik-Strategie erwähnten Maßnahmen werden von der
Bundesregierung bereits umgesetzt und sind sowohl im geltenden Bundeshaushalt als auch im geltenden Wirtschaftsplan des
Klima- und Transformationsfonds (KTF) veranschlagt. Auch in den aktuellen Entwürfen zum Bundeshaushalt
2025 und 2026 sowie den Wirtschaftsplanentwürfen zum KTF (2025) und zum Sondervermögen Infrastruktur
und Klimaneutralität (2026) und der Finanzplanung bis 2029 sind entsprechende Maßnahmen vorgesehen.
Darüber hinaus gehende Maßnahmen stehen unter dem Vorbehalt der Finanzierung. Weder laufende noch künftige
Haushaltsverhandlungen werden durch die Mikroelektronik-Strategie präjudiziert. Der von der Verfassung
vorgegebenen Zuständigkeitsverteilung zwischen Bund und Ländern ist Rechnung zu tragen. Auch die
Änderungen/Anpassungen an den Sozialversicherungssystemen werden durch die Strategie nicht präjudiziert.
Handlungsfeld 1: Fähigkeiten im Chipdesign ausbauen
Ein signifikanter Teil des Know-hows und bis zu 50 Prozent14 der Wertschöpfung in der Mikroelektronik liegt im
Design von Chips und elektronischen Systemen. Im Prozess von der Idee bis zum fertigen Chip im Endgerät nimmt
das Chipdesign eine zentrale Rolle ein. Es setzt die Anforderungen der Anwender in Funktionalitäten um und
prägt Produktinnovationen. Neue Möglichkeiten in Halbleiterproduktion und Advanced Packaging
(beispielsweise Heterointegration) ermöglichen auch neuartige Designs. In Folge streben einige Chip-Anwender verstärkt
nach eigenen individuellen Chipdesigns. Benötigt werden für eine Vielzahl von Anwendungsbereichen
leistungsfähige, teils maßgeschneiderte Chipdesigns mit steigender Funktionalität, secure-by-design, die gleichzeitig
immer energiesparsamer werden müssen. Zudem ist die Vertrauenswürdigkeit ein immer wichtigeres Merkmal von
Mikroelektronik. Die Integration von Sicherheitstechnologien bzw. sicheren Vertrauensankern sollte daher von
Anfang an bei neuen Chip-Designs Berücksichtigung finden; gerade auch im Hinblick auf den Ausbau
existierender Fähigkeiten.
Das Handlungsfeld Design setzt die Bundesregierung mit der Designinitiative um. Schwerpunkte sind neben der
bundesweiten Vernetzung des Ökosystems der Ausbau von Kompetenzen im Chipdesign durch Forschung, vor
allem im Hinblick auf Open-Source, secure-by-design und KI-Tools sowie auf die Themen Heterointegration,
Chiplets, und smarte und energieeffiziente KI-Chips. Mit einem Kompetenzzentrum Chip-Design sollen die
Möglichkeiten für Chip-Design aus Deutschland deutlich ausgebaut werden.
Abgestimmt auf die Maßnahmen des Bundes engagieren sich auch die Länder für einen Ausbau der Design-
Fähigkeiten. Das Bayerische Chip-Design-Center fördert die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und
Wirtschaft. Ähnliche Bestrebungen verfolgt auch der Advanced Chip-Design Accelerator von imec Germany in Baden-
Württemberg.
Design für Chips der nächsten Generationen
In Deutschland gibt es eine hohe Kompetenz im Design von heterogenen Systemen und im Bereich etablierter
Chip-Generationen; jedoch noch zu wenig Kompetenzen im Design von Chips der nächsten Generationen. Für
die kleinsten Chipstrukturen sollen zunächst in einzelnen gezielten Projekten, vor allem im europäischen Rahmen,
die Designfähigkeiten ausgebaut werden. Die Entwicklung von smarten und energieeffizienten KI-Chips wird
unterstützt und in Schlüsselbranchen zur Anwendung gebracht. Ein Leitprojekt für den „Supercomputer im Auto“
startet bereits 2025. Zudem werden alternative neue Chip-Architekturen wie neuromorphe, KI-angepasste
Designs oder Quanten-Chips mit einem Forschungsschwerpunkt im Edge-Computing gefördert. Forschung für
Leistungs- und Effizienzsteigerungen von Prozessoren werden in der laufenden Prozessorinitiative gefördert.
Laufende Maßnahmen wie „ZuSE“ (Zukünftige Spezialprozessoren und Entwicklungsplattformen), das
Verbundvorhaben „NEUROTEC“, Forschungsstrukturen für das neuromorphe Computing bei der FMD und die SPRIND-
Challenge „New computing concepts“ unterstützen dies. Für die Entwurfswerkzeuge selbst bietet KI neue
Möglichkeiten für hochwertiges und effizientes Chip-Design.
Hürden für Forschung und Start-Ups senken
Die Anreize für Forschung und Entwicklung im Chipdesign für Start-Ups, kleine und mittlere Unternehmen sollen
durch eine europäische Design-Plattform ausgebaut werden. Die Plattform wird mit Mitteln des EU Chips Act
kofinanziert und mit den Initiativen der Länder verzahnt. Es entsteht ein besserer Zugang zu Chipdesign-
Werkzeugen und –Bausteinen und der nötigen Infrastruktur. Auch Erprobungsserien, sogenannte Multi-Project-Wafer
Runs, werden über diese Plattform erleichtert. Auch durch den Einsatz von KI kann der Chip-Design-Prozess
beschleunigt und vereinfacht werden. Forschung und Entwicklung zu solchen Methoden und Tools, auch im
europäischen Verbund, bieten dafür Chancen.
Open-Source-Design stärken
Vielfach ist das Chipdesign nur mit etablierten lizenzpflichtigen Design-Bausteinen und entsprechender Software
möglich. Dies kann für Ausbildung, explorative Forschung und eine breite Aneignung auch durch Chip-Anwender
hinderlich sein. Deshalb gewinnt Open-Source und auch die freie Befehlssatz-Architektur RISC-V an Bedeutung.
Solche offenen Ansätze sollen breit unterstützt werden, um Prozessorentwicklung in Deutschland unabhängiger
14 Strengthening the global semiconductor supply chain in an uncertain era, Boston Consulting Group / Semiconductor Industry
Association, 2021 [Link]
aufzustellen. Zudem wird unter anderem mit einer Challenge zu Open-Source-Tools ein lebendiges und
souveränes Designökosystem gefördert werden, welches insbesondere für Hochschulen, aber auch für KMU, den Zugang
zum Chipdesign erleichtert und es zum Beispiel für Studierende attraktiver macht, sich hiermit zu befassen. So
sollen Kompetenzen im Chipdesign ausgebaut und bestehende Abhängigkeiten verringert werden.
Mehr Chipdesign an Hochschulen
Zwar gibt es an vielen Hochschulen Angebote zum Chipdesign, jedoch in sehr unterschiedlicher Ausprägung.
Kooperationen unter den Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollen die Attraktivität und Qualität der
Chipdesign-Ausbildung in der Breite zu stärken. Das 2024 etablierte bundesweite Netzwerk „Chipdesign-
Germany“ schafft eine übergreifende Kooperationsplattform, die auch international sichtbar wird.
Vertrauenswürdige Chips „made in Germany“
Hierzulande entwickelte und produzierte Chips vor allem für kritische Anwendungen sollen sich durch „secure
by design“ auszeichnen. Dadurch schaffen wir auch hardwareseitig die Voraussetzungen für digitale Souveränität.
Dies schützt uns vor Cyberangriffen und ist vor dem Hintergrund europäischer Werte und regulatorischer
Anforderungen ein Standortvorteil.
In europäischen und, wo sinnvoll, auch internationalen Foren werden Ansätze für einheitliche
Herstellerzertifizierungen und harmonisierte Beschaffungskriterien bzgl. vertrauenswürdiger Chips diskutiert.
Zusätzlich werden Analysekapazitäten in Industrie, Forschung und Verwaltung auf- und ausgebaut. Die
Befähigung, Analysen von Chips in Black-Box Szenarien durchzuführen (Chip Reverse-Engineering) ermöglicht eine
seriöse Risikobewertung von Chips und Elektronikprodukten aus potenziell nicht-vertrauenswürdigen Quellen.
So können breiter gefasste Lieferketten erschlossen werden, und eine größere Resilienz wird ermöglicht.
Sicherheitsforschung für Mikroelektronik und Chipdesign erhöht die Cybersicherheit von IT-Systemen. Die
gemeinsam von BMVg und BMI gegründete Agentur für Innovation in der Cybersicherheit GmbH (Cyberagentur)
unterstützt diese Entwicklung mit ausgewählten Forschungsprojekten und fördert dadurch das entsprechende
Ökosystem.
Prozesse vom Entwurf bis hin zur Herstellung, Validierung und Zertifizierung aus der Leitinitiative
„Vertrauenswürdige Elektronik“ sollen auch zur Entwicklung von neuen Standards und Normen beitragen, etwa einer
Hardware-Bill of Materials. Ziel ist es, dass diese Standards nach hiesigen Werten und Anforderungen erstellt werden,
um in der Folge in vertrauenswürdigen und sicheren Elektronikkomponenten und -systemen einzufließen und
damit vertrauenswürdige Chips entlang der gesamten globalen Wertschöpfungskette und besonders „Made in
Germany“ zu ermöglichen. Hierzu ist es erforderlich bei der Chipentwicklung neben den funktionalen Aspekten
gleichermaßen auch die Cybersicherheit im Hinblick auf die Resilienz von IT-Systemen zu berücksichtigen. So
bezieht der EU Chips Act insbesondere den Schutz gegen Cybersicherheitsrisiken als Ziel mit ein.
Handlungsfeld 2: Transfer „from lab to fab“
Mikroelektronik ist forschungsintensiv und zeichnet sich durch eine rasche Abfolge neuer
Technologiegenerationen aus. Zudem bieten Trends wie „more than Moore“ oder Heterointegration ein breiteres Spektrum für
Funktions- und Leistungssteigerungen. Der rasche Transfer neuen Wissens vom Labor zur Fabrik, also „from lab to
fab“, ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Kurze Wege zwischen der Grundlagenforschung und der Anwendung sind
besonders wichtig, seit die Miniaturisierung der Chipstrukturen nicht mehr uneingeschränkt fortsetzbar ist.
Hochschulen und Forschungseinrichtungen bieten Lösungsansätze auch jenseits der klassischen Wege. Sie stellen
einen wichtigen Baustein des Innovationsökosystems dar, auch durch die in den „Forschungslaboren
Mikroelektronik“ vorhandenen Technologie. Zugleich haben deutsche Unternehmen bereits eine starke FuE-Basis
erarbeitet, auf die aufgesetzt werden kann. Die FMD bietet als Kooperationsverbund führender Fraunhofer- und Leibniz-
Institute einfachen Zugang zur gesamten Wertschöpfungskette der Mikroelektronik aus einer Hand – von der
Technologieentwicklung bis zur Pilotherstellung. Abseits der weiteren Miniaturisierung bietet der Bereich
Advanced Packaging, insbesondere die Heterointegration für Deutschland große Chancen für Steigerungen von
Leistung und Funktionalität. Diese Begriffe beschreiben das Zusammenfügen von Chip-Bausteinen mit
unterschiedlichen Funktionen oder Materialien. Solche kombinierten Chips eröffnen den Weg für maßgeschneiderte
Lösungen, die den künftigen Bedarf der Anwenderindustrien in Deutschland und Europa treffen.
Auch die Länder tragen zu einer Stärkung des Transfers „from lab to fab“ bei, so zum Beispiel Sachsen mit der
Förderung des Centers for Advanced CMOS & Heterointegration Saxony an mehreren Standorten der FMD.
Ausbau der Forschungsfabrik im EU Chips Act
Durch eine europäische Pilotlinie wird die FMD erheblich ausgebaut. Das BMFTR, die beteiligten Bundesländer
und die EU (über das Chips Joint Undertaking) finanzieren diesen Ausbau mit über 700 Mio. Euro. Die
Kapazitäten der FMD werden im Bereich Advanced Packaging, insbesondere Heterointegration und Chiplet-
Technologie deutlich erweitert. Die notwendigen Technologien sollen gemeinsam mit der Industrie entwickelt werden.
Zudem können dort hochspezialisierte Chips in Pilotserien gefertigt werden. Das BMFTR und die Bundesländer
unterstützen diesen Ausbau. Zudem wird die FMD eine enge Kooperation mit zwei weiteren Pilotlinien in Belgien
und Frankreich aufbauen. So erhält Deutschland ein nochmals erweitertes Angebot für Forschung und
Entwicklung. Das an der FMD erarbeitete Know-how, insbesondere zu Heterointegration, wird mit einem Angebot von
Modulen hinterlegt, welches durch die „Microtec Academy“ über relevante Bildungswege verbreitet wird.
Von der Industrie unterstützte Grundlagen
Die Mitfinanzierung von Projekten der akademischen Grundlagenforschung sichert Unternehmen frühe
Einsichten in Vorfeldentwicklungen. Sie können dadurch rascher und informierter Schlüsse für ihre eigene Forschung
und Innovation ziehen. Solche Projekte an Hochschulen werden mit der Förderinitiative ForMikro 2.0 vom
BMFTR mit bis zu 80 Prozent der Kosten gefördert. In den Vorhaben werden konkrete Nutzungspotenziale neuer
Ansätze und kreativer Ideen aus der erkenntnisorientierten Forschung erarbeitet.
Von Forschung und Entwicklung zur industriellen Anwendung
Forschung und Innovation brauchen immer die Wechselwirkung zur Industrie, um nachhaltig Wachstum und
Wohlstand in Deutschland und Europa zu schaffen. Große industriegetriebene Forschungsprojekte entlang der
Wertschöpfungskette in enger Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen sind seit langem Kern des
Mikroelektronik-Forschungsprogramms der Bundesregierung. Mit dem EU Chips Act wird die Kofinanzierung für
derartige Projekte durch die europäische Partnerschaft Chips Joint Undertaking ausgeweitet. Dabei geht es nicht nur
um Halbleiter-Technologien und ihre Anwendungen, sondern auch um die Weiterentwicklung von Geräten zur
Chip-Herstellung. Die Länder Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen beteiligen sich gemeinsam mit dem
BMFTR an der Förderung dieser Projekte. Mit einem Lab-to-Fab-Accelerator soll 2026 der nächste Schritt der
EU-Chips-Act-Pilotlinie an der FMD unterstützt werden. Unternehmen wird so ein einfacher Zugang zu Cutting-
Edge-Technologien wie Advanced Packaging und Chiplets ermöglicht. Gerade innovative KMU können auch
von Kleinserien-Fertigung für neue Anwendungsfelder profitieren.
IPCEI Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien
Eine große Rolle spielen auch die IPCEI-Projekte, die großvolumige Investitionen in pan-europäische,
hochinnovative FuE-Projekte der Halbleiterindustrie ermöglichen, die sich bis zur ersten gewerblichen Nutzung erstrecken.
Diese Projekte sind ein Bindeglied zwischen Forschung und Entwicklung einerseits und industrieller Produktion
andererseits und stimulieren die Innovationskraft der geförderten Unternehmen sowie einen schnelleren Transfer
der Entwicklungen in die industrielle Produktion. Mit dem IPCEI ME/KT fördert das BMWE gemeinsam mit
13 europäischen Mitgliedstaaten die Entwicklung neuer mikroelektronischer Produkte und Dienstleistungen. Ziel
ist ein gestärktes Halbleiter-Ökosystem entlang der gesamten Wertschöpfungskette in Europa, wodurch
strategische Abhängigkeiten reduziert und die Versorgungssicherheit verbessert werden sollen.
Im IPCEI ME/KT werden in Deutschland bislang 28 Projekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette
gefördert. Dabei investiert das BMWE gemeinsam mit den Bundesländern rund 4 Mrd. Euro. Mittelfristig werden
damit technologische Innovationen umgesetzt: von Hochleistungselektronik mit neuen Verbindungshalbleitern
über Mikrosystemtechnik in ausgereiften Technologieknoten bis zu Kommunikations- und KI-Anwendungen in
„Leading Edge“. Gleichzeitig werden insgesamt 3.200 Arbeitsplätze in Deutschland und über 8.000 in Europa
geschaffen.
Die Bundesregierung gestaltet die Weiterentwicklung des IPCEI-Instruments aktiv mit und bringt sich im Rahmen
der Arbeit des „Joint European Forum for IPCEI“ (JEF) konstruktiv in den Diskurs zur Beschleunigung und
Vereinfachung der Verfahren sowie zukünftigen thematischen Ausrichtung ein. In gemeinsamer Koordinierung mit
Frankreich und den Niederlanden wird zudem mit dem „IPCEI Advanced Semiconductor Technologies“ (AST)
ein mögliches weiteres IPCEI in der Mikroelektronik aufgebaut, bei dem 2026 der Beihilfeprozess bei der EU-
Kommission starten soll.
Smarte Förderung und Finanzierung
Mikroelektronik und insbesondere die Halbleiterindustrie ist wegen der hohen Kapitalintensität, technisch
komplexen Projekten und langen Renditezeiträumen für Investoren tendenziell wenig attraktiv. Um Chip-Start-ups
und -KMUs zu entwickeln, ist ein einfacherer Zugang zu Unterstützung, Finanzmitteln und
Investitionsmöglichkeiten erforderlich. Die FMD bietet zum Beispiel mit „QNC-Space“ ein spezifisches Angebot für Start-ups an.
Mit der Möglichkeit, in der Forschungsfabrik Pilot- und Kleinserien herzustellen, werden Hürden gesenkt. Auch
die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND unterstützt mit ihren Instrumenten hochinnovative Startups
aus der Mikroelektronik.
Mit dem EU Chips Act wurde zudem ein „Chips-Fonds“ insbesondere für Start-ups, Scale-ups, KMU und
mittelständische Unternehmen in der Halbleiterwertschöpfungskette eingerichtet. Der Europäische Innovationsrat, der
Fonds „InvestEU“ sowie die Europäische Investitionsbank implementieren speziell für Halbleiter-Unternehmen
Zugänge zu verschiedenen Zuschüssen, Finanzierungsinstrumenten und Darlehen.
Die Bundesregierung wird auch selbst Schritte unternehmen, um Förderangebote und Finanzierung noch besser
zu verzahnen, um insbesondere KMU einen einfacheren und schnelleren Zugang zu Kapital zu ermöglichen. Die
Verknüpfung von Förderung in Form von Zuwendungen mit Elementen der Finanzierung (beispielsweise
Garantien oder rückzahlbare Darlehen) werden wir im Rahmen der Weiterentwicklung von Förderkonzepten prüfen.
Das BMWE und das BMFTR streben bei künftigen Förderangeboten eine Anschlussfähigkeit zwischen
Forschungs- und Investitionsförderung an. Zugleich prüft die Bundesregierung Vereinfachungen in den
förderrechtlichen Verfahren.
Mikroelektronik für Quanten-Chips
Die Bundesregierung misst Quantentechnologien, die unter anderem Quanten-Computing, -Sensorik und -
Kommunikation umfassen, potenziell eine sehr hohe Relevanz für die Wirtschaft bei. Es wird davon ausgegangen, dass
sie in diesen Feldern künftig klassische Mikrochips ergänzen und in bestimmten Anwendungen – deren Ausmaß
noch nicht absehbar ist – ersetzen können. Aus diesem Grund sind sie auch für die Mikroelektronik-Strategie der
Bundesregierung relevant.
Daher sollen Synergien mit der nationalen Mikroelektronik-Strategie beispielsweise mit Blick auf die Integration
von Quantentechnologien in klassische Mikroelektroniksysteme sowie die Relevanz moderner Mikroelektronik-
Prozesstechnologie für die Produktion von Quantensystemen im Blick behalten werden. Ein erster Schritt sind
Pilotlinien für Quanten-Chips die das BMFTR gemeinsam mit der europäischen Partnerschaft Chips Joint
Undertaking aufbauen will.
Handlungsfeld 3: Fachkräftebasis – Quantität erhöhen
Die Zahl benötigter Fachkräfte für den Mikroelektronikstandort Deutschland wird in den nächsten Jahren auch
aufgrund der Ansiedlungen und Ausbauten neuer Chipproduktionen stetig wachsen: Ab 2027 rechnet die Branche
mit einem Bedarf von 20.000 bis 30.000 zusätzlichen technisch ausgebildeten Arbeitskräften.15 Laut dem
Fachkräftemonitoring für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gehört der Sektor rund um die Berufsgruppe
Elektrotechnik inklusive der Mikroelektronik in der Mittelfristprognose bis 2028 zu den „Fokusberufen mit
Engpässen“16.
Die besonders hohe Technologisierung und Spezialisierung in der Mikroelektronikindustrie führen zu erhöhten
Ansprüchen an die Qualifikation der einzelnen Beschäftigten. Eine große Zahl gut qualifizierter Fachkräfte in
kurzer Zeit zu gewinnen benötigt daher die richtigen Voraussetzungen.
Diesen Herausforderungen begegnet die Bunderegierung mit branchenübergreifenden und branchenspezifischen
Maßnahmen, die jeweils die gesamte Bildungskette adressieren. Zu den branchenübergreifenden Maßnahmen
zählen beispielsweise Initiativen für mehr MINT-Begeisterung ebenso wie Maßnahmen zur besseren Integration
ausländischer Fachkräfte. Branchenspezifische Maßnahmen sollen gezielt Karrierewege in der Mikroelektronik
attraktiver machen.
Eine nachhaltige Vergrößerung der Fachkräftebasis kann jedoch nur gelingen, wenn alle relevanten Akteurinnen
und Akteure dazu beitragen. Gemeint sind hiermit Unternehmen und Betriebe, Länder und Kommunen,
Sozialpartner, Bildungs- und Weiterbildungsträger sowie der Bund. Grundsätzlich gilt dabei: Die Maßnahmen dieser
Strategie ersetzen nicht die Aufgaben der Unternehmen in der Sicherung und Gewinnung von Fachkräften. Mit
der Strategie will die Bundesregierung jedoch die Rahmenbedingungen in Deutschlands Mikroelektronik-
Ökosystem weiter verbessern, sodass alle Akteurinnen und Akteure dazu angeregt werden, in ihren jeweiligen
Zuständigkeiten Aktivitäten zu verstärken oder neu zu starten.
Daueraufgabe: MINT-Begeisterung wecken
Wenn es uns gelingt, bereits früh Begeisterung für MINT-Berufsfelder zu wecken, wird dies auch die Fach- und
Nachwuchskräftebasis für die Elektronik der Zukunft vergrößern. Mit dem MINT-Aktionsplan bündeln BMFTR
und BMBFSFJ die MINT-Maßnahmen entlang der Bildungskette. Beispielsweise zahlen die bundesweiten
MINT-Cluster sowie die Kommunikationsoffensive #MINTmagie über niedrigschwellige MINT-Zugänge auch
auf eine Vergrößerung der Fachkräftebasis in der Mikroelektronik ein. Mit der Praktikumsoffensive #empower-
Girl werden gezielt MINT-Praktikumsplätze für Mädchen bereitgestellt. Auch länderspezifische Maßnahmen, wie
beispielsweise die Initiative „THE NERD LÄND!“ für mehr Attraktivität des MINT-Studiums in Baden-
Württemberg, das Fabmobil in Sachsen oder Ansätze von Unternehmen und Stiftungen, wie das Netzwerk Schule-
Wirtschaft und die „Wissensfabrik“ zur Förderung von MINT-Bildung leisten wichtige Beiträge.
Karrierewege in der Mikroelektronik aufzeigen
Karrierewege in der Mikroelektronik sind bislang bei der Ausbildungs- und Studienwahl weniger sichtbar als
solche in bekannteren Branchen und gelten als wenig attraktiv. Daraus resultieren niedrige Zahlen von
Auszubildenden bzw. Studierenden. Es gilt daher, Schülerinnen und Schüler auch für die Mikroelektronik zu begeistern.
In BMFTR geförderten Wettbewerben wie „INVENT a CHIP“ und „Labs for Chips“ können Schülerinnen und
Schüler einen plastischen Eindruck von der Mikroelektronik bekommen. Diese Formate sollen fortgesetzt und
kontinuierlich verbessert werden (unter anderem für mehr Breitenwirkung). Bei der beruflichen Orientierung an
Schulen sollen daher Karrierewege in der Mikroelektronik Berücksichtigung finden.
Mehr Studierende gewinnen und halten
Im BMFTR-geförderten Wettbewerb „COSIMA“ erproben Studierende neue Einsatzmöglichkeiten von
Mikrosystemen. In Zukunft wird ein neuer Wettbewerb Studierende dazu einladen, mit Hilfe von quelloffenen
Chipdesign selbst Chips zu entwerfen und zu testen. Das BMFTR wird Studierenden-Akademien mit Bezügen zu aktu-
15 Umfasst direkte und indirekte neue Arbeitsplätze und basiert auf Schätzwerten für angekündigte bzw. geplante Investitionen auf
Grundlage von Pressemeldungen. Direkte neue Arbeitsplätze werden erwartete aus den deutschlandweit geplanten Neu-Ansiedlungen (Bsp.
ESMC) bzw. Ausbauten bestehender Fertigungen unter anderem mit IPCEI-Förderungen. Indirekte Arbeitsplätze umfassen zusätzlich
entstehende Stellen bei Unternehmen im lokalen Umfeld sowie in der restlichen Wertschöpfungskette und bei Lieferanten.
16 Fachkräftemonitoring für das BMAS – Mittelfristprognose bis 2028, 2024, IAB/bibb/GWS [Link]
ellen gesellschaftlichen Themen unter anderem an der FMD fördern. Ziel ist es auch Talente außerhalb der
klassischen Studiengänge anzusprechen und die Relevanz von Mikroelektronik im Alltag hervorzuheben.
Länderseitig kann die Einführung spezifischer neuer Studiengänge, wie beispielsweise der Master-Studiengang „Advanced
Semiconductor Nanotechnologies“ in Sachsen-Anhalt im Jahr 2023 oder die Einbindung in europäische
Aktivitäten, wie die Beteiligung der Technischen Universität München an „Edu4Chip“, zusätzliche Studierende
gewinnen. Mit dem bundesweiten Ausbau des zunächst sächsischen „Semiconductor Talent Incubation Program
Taiwan“ (STIPT) gibt es die einzigartige Möglichkeit für Studierende vor Ort in Taiwan einen Einblick in die
Halbleiterfertigung zu erhalten.
Wissenschaftlichen Nachwuchs stärken
Mit der Förderung von Mikroelektronik-Nachwuchsgruppen – zum Beispiel in strategischen Bereichen, wie dem
Chipdesign – sollen Karrieren in der Mikroelektronik an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen
attraktiver werden. Ziel ist es, Mikroelektronik-Talente in Deutschland zu halten und neu für den Standort
Deutschland zu gewinnen.
Frauen für Mikroelektronik gewinnen
Die Erhöhung des Frauenanteils unter den Beschäftigten (sowie entsprechend unter den Auszubildenden und
Studierenden) in der Mikroelektronik bietet große Potenziale. Um mehr Frauen für ein MINT-Studium zu begeistern,
setzt sich das BMFTR dafür ein, bestehende Rollenklischees zu überwinden. Mit der Förderrichtlinie „Mission-
MINT – Frauen gestalten Zukunft“ unterstützt das BMFTR junge Frauen in den Übergangsphasen von Schule ins
MINT-Studium und von der Hochschule in einen MINT-Beruf17 . Weitere Beispiele auf Landesebene sind die
Initiative „MINT to be“ mit einem MINTor:Innen-Netzwerk in Sachsen oder „intoMINTgoesLSA“ sowie das
Mentoring- bzw. Coaching-Programm für Studentinnen und Absolventinnen „MeCoSa MINT Career“ (beides in
Sachsen-Anhalt).
Internationale Fachkräfte rekrutieren
Mit Blick auf internationale Fachkräfte stehen die Reduktion von bürokratischen Zugangshürden ebenso wie eine
gelungene Integration im Fokus. Hier haben das Gesetz und die Verordnung zur Weiterentwicklung der
Fachkräfteeinwanderung spürbare Erleichterungen geschaffen. Um ausländischen Fachkräften den Einstieg in Arbeit
zu vereinfachen, wird die Bundesregierung zudem eine digitale Bundesagentur für Einwanderung („Work-and-
Stay-Agentur“) einrichten. Länder- und Hochschulinitiativen zur Integration vor Ort leisten wichtige Beiträge.
Auch die „Strategie der Wissenschaftsministerinnen und -minister von Bund und Ländern für eine
Internationalisierungsstrategie der Hochschulen in Deutschland (2024-2034)“ zielt auf eine rechtliche und strukturelle
Verbesserung der Rahmenbedingungen für internationale Studierende in Deutschland. Die (Rück-)Gewinnung und
Bindung internationaler Studierender oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler soll außerdem künftig auch
bei mikroelektronik-spezifischen BMFTR-Forschungsfördermaßnahmen mit bedacht werden.
Quereinstieg in die Mikroelektronik fördern
Transformationsprozesse setzen Mitarbeitende frei, welche verstärkt als Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger
für die Mikroelektronik gewonnen werden sollen. Dazu will das BMFTR gezielt Mikroelektronik-spezifische
Weiter- und Fortbildungschancen eröffnen.
Betriebliche Fachkräftesicherung
Im Rahmen der geplanten Großansiedelungen sind die geförderten Unternehmen verpflichtet, Maßnahmen zur
innerbetrieblichen Fachkräftesicherung durchzuführen. Damit trägt das BMWE dazu bei, den Fachkräftebedarf
in den neu entstehenden Produktionsstätten zu sichern.
Mittelfristig wird eruiert, ob weitere Maßnahmen, wie zum Beispiel die Unterstützung betrieblicher
Weiterbildungen dem Fachkräftemangel in der Mikroelektronik entgegenwirken können.
17 Bestandteil des BMFTR MINT-Aktionsplans, ebenso wie das „Bündnis für Frauen in MINT-Berufen“, unter anderem mit der
Praktikumsoffensive #empowerGirl.
Handlungsfeld 4: Fachkräftebasis – Qualität steigern
Wir benötigen nicht nur ausreichend viele, sondern auch sehr gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
für das Mikroelektronik-Ökosystem in Deutschland. Wir denken bei der Qualitätssteigerung sowohl an die
Berufsausbildung, als auch an die akademische Qualifizierung, die gezielten beruflichen Weiterbildungen für
Stammpersonal bis hin zu Qualifizierungsmaßnahmen für Quereinsteigende. Schon in der Ausbildung muss
Zugang zu virtuellen oder realen Produktionsanlagen, Reinräumen und Laboreinrichtungen gewährleistet sein.
Lehrinhalte und -materialien müssen sich an den Bedarfen aus der Praxis orientieren. Entsprechend gut
ausgebildete und motivierte Lehrende sind unverzichtbar. Nur so können die komplexen Fertigungstechniken erlernt
werden. Deshalb und wegen des raschen Fortschrittes in der Halbleitertechnik sind – neben der Nutzung
branchenübergreifender Maßnahmen der Bundesregierung – mikroelektronik-spezifische Maßnahmen zielführend.
Auch die EU, einige Länder und die Unternehmen tragen mit eigenen Maßnahmen zur Qualität der
Fachkräfteausbildung in der Mikroelektronik bei. Seitens des Bundes haben wir uns zum Ziel gesetzt, Transparenz über
Bestehendes zu schaffen, Synergien der verschiedenen Initiativen besser nutzbar zu machen und – wo notwendig
– komplementär zu ergänzen.
Nationale Bildungsakademie für Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik
Das BMFTR hat angelaufene Aktivitäten zur Verbesserung der Aus- und Weiterbildung in der Mikroelektronik
zusammengeführt und mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet: Ziel ist der Ausbau der bisher auf berufliche
Ausbildung ausgerichteten „Microtec Academy“ zu einer nationalen Bildungsakademie für Mikroelektronik und
Mikrosystemtechnik durch das bundesweite Leitprojekt „skills4chips“. Diese soll unter anderem die in der
Mikroelektronik-Akademie (MEA) der FMD erarbeiteten Inhalte für akademische Weiterbildungen aufgreifen und
passgenaue Qualifizierungswege für mehr und besser ausgebildete Fachkräfte in der Mikroelektronik bündeln.
Bedarfsgerechte, praxisnahe und qualitativ hochwertige Bildungsformate werden an die relevanten Zielgruppen
vermittelt. Die „Microtec Academy“ bzw. „skills4chips“ stellt angesichts der Vielfalt bereits bestehender,
regionaler Initiativen, nicht nur selbst neu erarbeitete Inhalte zur Verfügung, sondern setzt auch darauf, auf bewährte
Angebote anderer zu verweisen, zum Beispiel das Berufliche Schulzentrum für Elektrotechnik in Dresden. Die
Umsetzung kann nur in enger Zusammenarbeit mit allen relevanten Stakeholdern gelingen.18
Unternehmen fördern Fachkräfte
Der Aufbau der Produktionskapazitäten in Deutschland ist ein wesentlicher Faktor für den wachsenden
Fachkräftebedarf. Gleichzeitig ergeben sich hieraus neue Chancen für die Stärkung der Aus- und Weiterbildung. So werden
die vom BMWE und den Bundesländern in den IPCEI-Projekten geförderten Unternehmen zusätzliche Beiträge
für die Aus- und Weiterbildung leisten: Die an den Projekten beteiligten deutschen Unternehmen planen die
direkte Unterstützung von europaweit mindestens 20 Universitätsprofessuren, über 200 Doktor- und fast 300
Masterarbeiten. Unternehmen, deren Ansiedlungsvorhaben gefördert werden, müssen unter anderem durch Bildungs-
und Qualifizierungsmaßnahmen die Ausweitung des Pools an qualifizierten Arbeitskräften am Standort
Deutschland unterstützen. Darüber hinaus sind Ausstrahlungseffekte, die zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit
europäischen Universitäten und Forschungseinrichtungen entstehen, eine weitere Voraussetzung für die
Förderung unter dem EU Chips Act. Ergänzend gibt es seitens der Länder Überlegungen für regionale Aus- und
Weiterbildungsinitiativen zur Begleitung der Ansiedlungen.
Infrastrukturen effizienter nutzen
Aus- und Weiterbildung in der Mikroelektronik ist teuer und aufwändig, nicht zuletzt aufgrund des begrenzten
Angebots notwendiger Infrastrukturen. Gleichzeitig ist eine „hands-on-Ausbildung“ an den entsprechenden
Maschinen für viele Unternehmen eine wichtige Voraussetzung. Nicht jeder Ausbildungsstandort (sowohl
akademisch als auch gewerblich) kann und muss die komplette Ausrüstung selbst abdecken. Das BMFTR wird die
Akteurinnen und Akteure dabei unterstützen, die vorhandenen Kapazitäten (wie Labore, Rein- und Grauräume)
effizienter und gezielter für die Aus- und Weiterbildung zu nutzen. Ein neuer Ansatz sind virtuelle Reinräume,
zum Beispiel der Pilot innerhalb des Projekts FoRLab Natalie. Eine nationale Ausbildungs-Reinraumstrategie in
18 Gemeint sind insbesondere Chip- und Elektronikhersteller, regionale Berufsschulen, Berufsbildungszentren, private
Bildungsdienstleistern sowie Forschungseinrichtungen (inklusive FMD), und Hochschulen sowie Netzwerken, wie „Chipdesign Germany“ oder „ForLab-
NataliE“. Eine enge Vernetzung mit bestehenden, nicht sektorspezifischen Bildungsportalen, wie „hoch&weit“, dem
Weiterbildungsportal der Hochschulen oder „mein NOW“ (Fokus berufliche Weiterbildung) wird angestrebt.
der Mikroelektronik könnte einen wichtigen Beitrag leisten. Länder- und akteurs-spezifische Besonderheiten
müssen dabei Berücksichtigung finden.
Ausbildung in Forschungsprojekten integrieren
Forschungsförderung und Fachkräfte-Ausbildung können voneinander profitieren. Aus- und
Weiterbildungsformate wie Lernmodule, Summer Schools oder praxisorientierte Seminare sind sowohl bei Hochschulen und
Forschungseinrichtungen als auch bei Unternehmen als Teil der BMFTR-Forschungsförderung förderfähig. Hiervon
wird jedoch bisher nur selten Gebrauch gemacht. Künftig will das BMFTR gezielt Anreize für Aus- und
Weiterbildungsformate als Bestandteil von Forschungsprojekten setzen.
Lehrende in der Mikroelektronik unterstützen
Gute Ausbildung kann nur mit motivierten und gut vorbereiteten Lehrenden gelingen, die die Bedarfe aus der
Praxis kennen und mit Begeisterung vermitteln. Das neue, vom BMBFSFJ -geförderte Portal für Ausbildungs-
und Prüfungspersonal „leando“ sowie das „Netzwerk Q“ für die Weiterbildung von Berufsausbildungspersonal
können hierzu beitragen. Passgenau verknüpft mit den bestehenden Angeboten wird die „Microtec Academy“
Schulungen und Workshops für Ausbildungs- und Personalverantwortliche und Lehrkräfte („Train-the-trainer“)
konzipieren und anbieten. In enger Kooperation und Austausch mit dem BMBFSFJ und den Ländern, will das
BMFTR außerdem prüfen, ob und wie für einen stärkeren Praxisbezug der Lehrenden beispielsweise Anreize für
Hospitationen bei Unternehmen geschaffen werden können.
Handlungsfeld 5: Investitionen anreizen
Ziel des European Chips Act ist es, bis 2030 den Weltmarktanteil der EU-Halbleiterproduktion von derzeit unter
10 Prozent auf bis zu 20 Prozent zu steigern. Mit dieser Verordnung hat die Europäische Union unter anderem
Voraussetzungen der großskaligen Förderung für sog. „integrierte Produktionsstätten“ und „offene EU-
Fertigungsbetriebe“ festgelegt, die in der EU neuartig („first-of-a-kind“) sind und zur Versorgungssicherheit und zu
einem widerstandsfähigen Halbleiter-Ökosystem beitragen. Halbleiteransiedlungen sind Leuchtturmprojekte, die
auch Investitionen anderer (Zuliefer-)Unternehmen innerhalb Deutschlands und der EU nach sich ziehen, sodass
über die reine Kapazitätsausweitung hinaus deutliche, industriepolitisch erwünschte positive
Ausstrahlungseffekte zu erwarten sind. Diese reichen von Clusterbildung, Wissens-Spillover zu Kooperationspartnern und
Zulieferern über Beschäftigungseffekte bis hin zu einem engeren Innovationsprozess mit den hiesigen abnehmenden
Industrien.
Der Fokus der Förderung ist nicht auf die Entwicklung immer kleinerer Prozessknoten beschränkt. Vielmehr
werden Innovationen im Bereich der Mikroelektronik in verschiedenen Technologieknoten und allen
Abschnitten der Wertschöpfungskette von der Herstellung des Rohwafers über die Prozessierung des Wafers bis zum
Aufbau von Modulen und Systemen erzielt und insbesondere durch die Bedarfe der nachgelagerten Industrien
und die dadurch definierten Anwendungsfälle geprägt. Deutschland setzt bei der Themenauswahl den Fokus
der Förderung zudem darauf, bestehende Stärken der Halbleiterbranche zu festigen, um so seine weltweit
führende Rolle in strategischen Technologiebereichen auszubauen und in Feldern mit bestehenden Schwächen
gezielt aufzuholen.
Großinvestitionen
Mit der Förderung einzelner bedeutender Investitionen in neue Halbleiter-Fertigungsstätten verfolgt die
Bundesregierung das Ziel, neue First-of-a-Kind-Herstellungskapazitäten in Deutschland anzusiedeln bzw. bestehende
Fabriken hochmodern weiter auszubauen; auch hier jeweils mit dem im Chips Act angelegten Ziel der erstmaligen
Realisierung neuartiger Produktionskapazitäten. Dadurch werden neuartige Fertigungstechnologien in das
europäische Halbleiter-Ökosystem eingebracht, die mittelfristig eine Weiterentwicklung und -qualifizierung der
deutschen und europäischen Wertschöpfungskette, der nachgelagerten und der zuliefernden Industrien vorantreiben.
Zugleich werden angesiedelte internationale Halbleiterhersteller in das europäische Ökosystem integriert und sind
so Ankerpunkt für eine internationale Vernetzung und Kooperation. Weiterhin reduziert die Ansiedlung
internationaler Halbleiterhersteller die Abhängigkeit deutscher und europäischer nachgelagerter Industrien von
außereuropäischen Produktionsstandorten und bislang nicht in Deutschland verfügbaren Technologien und trägt somit
substanziell zur Sicherung resilienter und vertrauenswürdiger Lieferketten für mikroelektronische Produkte bei.
Die Bundesregierung wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass Deutschland und Europa in der Lage sind, eine
Bandbreite relevanter Technologieknoten einschließlich kleiner Technologieknoten aus eigener Produktion
bedienen zu können – um Anwenderindustrien mit allen relevanten Technologiebereichen verlässlich abzudecken,
und um ein breites Mikroelektronik-Ökosystem von Zulieferern, Entwicklern, Infrastruktur-Anbietern und
Nutzern zu befördern.
Die Förderung von Großvorhaben erfolgt unter Beachtung eines effizienten Einsatzes öffentlicher Mittel im Sinne
der ziel- und wirkungsorientierten Haushaltsführung. Dabei sind wissenschaftliche Evaluationen zentral, um
Fördermaßnahmen laufend zu verbessern.19
Entsprechende Großvorhaben könnten alternativ aufgrund ihrer positiven Effekte auf regionaler und
überregionaler Ebene (u. a. mit Blick auf Investitionen, Beschäftigung und Einkommen) grundsätzlich auch mit
Instrumenten der regionalen Wirtschafts- und Strukturpolitik unterstützt werden. Dies kann auch die Förderung von
Infrastrukturinvestitionen im Zusammenhang mit diesen Vorhaben, etwa im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe
„Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW), einschließen.
Auch in der 21. Legislaturperiode wird die Bundesregierung Deutschland als führenden Standort für
Mikroelektronik weiter ausbauen. Dazu sollen Mikroelektronik-Investitionen unter dem European Chips Act gefördert
werden.
19 Zur Evaluation von Fördermaßnahmen s. a. [Link]
Förderung von innovativen Investitionsvorhaben unter dem European Chips Act
Das BMWE hat Ende 2024 eine Förderbekanntmachung auf Grundlage des EU Chips Act veröffentlicht. Durch
diese Maßnahme sollen Investitionsprojekte in der deutschen Halbleiterbranche angeregt werden, die die deutsche
und europäische Wettbewerbsfähigkeit im Bereich moderner Halbleitertechnologien durch die nächste
Generation innovativer und nachhaltiger Prozesstechnologien stärken. Dadurch soll zugleich der Stand der Technik in
Europa erweitert und auf das Ziel der EU, den europäischen Anteil an der Halbleiterfertigung maßgeblich zu
steigern, eingezahlt werden. Bewusst wird hierbei die gesamte Prozesskette von der Herstellung des
Rohwafers über die Prozessierung des Wafers bis zum Aufbau von Modulen und Systemen inkl. der jeweils
dafür nötigen Anlagentechnik adressiert. Die betreffenden Projekte werden einen wesentlichen Beitrag zum
Ausbau der in Deutschland verorteten Produktionskapazitäten leisten].
Zukünftige Aktivitäten
Die Zielsetzung zukünftiger Aktivitäten ist der Erhalt und der Ausbau derzeitiger Technologieführerschaften
Deutschlands (zum Beispiel im Anlagenbau, bei Leistungshalbleitern, Sensorik, Mikrocontrollern,
Sicherheitschips, der Waferproduktion und der Designsoftwareentwicklung) für die Halbleiterindustrie durch Förderung
von Innovationen und des Transfers in die Umsetzung (s. auch „Lab to Fab“). Hinzu kommen mittelfristig
Aktivitäten für den Ausbau weiterer Technologieführerschaften in Deutschland, um diese langfristig in der hiesigen
Produktion zu etablieren. Diese liegen zum Beispiel im Back-End-Bereich der Halbleiterproduktion. Advanced
Packaging wird eine Schlüsselposition in der Mikroelektronik einnehmen, die es in Deutschland aufzubauen gilt,
um sich global wettbewerbsfähig aufzustellen. Dabei sollen im Rahmen eines „Ökosystem-Ansatzes“ die nötigen
Investitionen mit den Innovationen aus der Forschungsfabrik Mikroelektronik und anderen europäischen
Forschungs- und Pilotlinien-Aktivitäten verschränkt werden und sich insbesondere auf Technologien und
Anwendungsbereiche beziehen, wo gegenüber etablierten Packaging-Standorten in Asien ein Wettbewerbsvorteil erzielt
werden kann. Parallel dazu sollten auch die industrielle Umsetzung in den Bereichen Maschinen und Anlagen
sowie Materialien für das Advanced Packaging in Deutschland und Europa forciert werden.
Weitere Förderaktivitäten sind zudem im Bereich Chipdesign vorgesehen, in dem sowohl aktive Unternehmen,
als auch Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen und Universitäten unterstützt werden sollen.
Langfristig sollen Maßnahmen zur industriellen Entwicklung und Fertigung von innovativen Chips, wie
beispielsweise neuromorphe Chips, Quanten- und KI-Chips etabliert werden.
Handlungsfeld 6: Europäische und internationale Kooperation
Aufgrund seiner wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Präsenz in Europa ist Deutschland als größter
Mikroelektronikstandort der EU im besonderen Maße für die Widerstandsfähigkeit und Souveränität der europäischen
Mikroelektronik verantwortlich. Deutschland kommt dieser Verantwortung auf EU-Ebene wie auch im Rahmen
der internationalen Gremien wie G7 und OECD nach. Dieses Engagement wird durch gezielte bilaterale
Kooperation mit „like-minded partners“ ergänzt.
Internationale multilaterale Gremien
Deutschland engagiert sich auf Ebene der G7 (im Rahmen der „Point of Contact Group on Semiconductors“) und
der OECD (im Rahmen des „Semiconductor Informal Exchange Network“) für einen intensiven Austausch zu
Mikroelektronik- und Halbleiter-Themen. Ziele sind ein verbessertes Verständnis des globalen Mikroelektronik-
Ökosystems sowie eine bessere Vernetzung der Mikroelektronik-Forschung. Gleichzeitig sollen damit bestehende
und zukünftige strategische Kooperationen gestärkt werden.
Koordination auf europäischer Ebene
Mit dem Inkrafttreten des EU Chips Act wurde das European Semiconductor Board (ESB) durch die Europäische
Kommission und die Mitgliedstaaten gegründet. Aufgabe des ESB ist unter anderem die Kartierung und
Beobachtung des europäischen Mikroelektronik-Ökosystems in Bezug auf die globale Lage sowie die Etablierung eines
Krisenpräventions- und -managementsystems. Dabei werden im ESB alle drei Säulen des EU Chips Act –
Forschung und Entwicklung, Produktionsansiedlung und Koordinierung – miteinander verknüpft.
Die europäischen Forschungs- und Innovationsmaßnahmen in der Mikroelektronik werden vor allem durch die
europäische Partnerschaft Chips Joint Undertaking umgesetzt. Das BMFTR sowie die Länder Baden-
Württemberg, Sachsen und Thüringen finanzieren deutsche Partner in europäischen Projekten. Das BMFTR vertritt
Deutschland in den Gremien (Boards) der europäischen Partnerschaft Chips Joint Undertaking und gewährleistet
die Kohärenz der europäischen und nationalen Maßnahmen.
Das BMWE unterstützt den Aufbau und die Durchführung von IPCEI als Koordinator (siehe auch Handlungsfeld
5).
Künftige europäische Strategie
Der EU Chips Act ist bis 2027 mit EU-Mitteln unterlegt. Es müssen jetzt Schritte eingeleitet werden, um
europäische Instrumente und nationale Maßnahmen weiterzuführen und an das Erreichte anzuknüpfen. Bei der
Gestaltung möglicher zukünftiger Maßnahmen wie einer Neuauflage des European Chips Act oder weiterer IPCEI,
bringt die Bundesregierung die Leitmotive dieser Strategie (siehe oben) in die entsprechenden Prozesse unter
anderem der „Semicon Coalition“ auf der EU-Ebene ein:
1. Entwicklung und Ausbau bestehender wirtschaftlicher und technologischer Stärken, insbesondere dort, wo
europäische Fähigkeiten unverzichtbar in der globalen Halbleiterwertschöpfung sind („indispensability“).
2. Erschließen neuer Märkte und Mikroelektronik-Technologien auf Basis von Forschung (unter anderem der
geförderten Pilotlinien), um die Pipeline der kommenden Chip-Generationen zu füllen, mit Fokus auf dem
künftigen Bedarf der europäischen Chipanwenderindustrien.
3. Stärkung der Resilienz bestehender Lieferketten durch gezielte Maßnahmen auf Basis einer Sicherheits- und
Risikoanalyse, jenseits eines bloßen Fokus auf Kapazitätsaufbau bzw. Marktanteile. Dabei ist auch die
Relevanz der Mikroelektronik für Verteidigung und Sicherheit zu berücksichtigen.
Dabei sind Prozessvereinfachungen und -beschleunigungen in der praktischen Umsetzung sowie das reibungslose
Ineinandergreifen verschiedener Instrumente essenziell.
Internationaler bilateraler Austausch
Die internationale Zusammenarbeit mit ausgewählten Partnern wird unter angemessener Berücksichtigung von
Forschungssicherheit ausgebaut. Die Kooperation mit Taiwan zu Forschung, Entwicklung und Talenten soll
ausgebaut werden. Ebenso wird im Bereich Halbleiterforschung mit Südkorea zusammengearbeitet. Eine
Zusammenarbeit mit weiteren Staaten vor allem in der Forschung, wird geprüft. Auch zu Fragen der
Wirtschaftssicherheit und spezifischen Risiken im Bereich der Mikroelektronik wird der internationale Austausch ausgebaut.
Internationale bilaterale Foren wie die Trade and Technology Councils (TTC) werden von der EU und den
beteiligten Ländern (zum Beispiel die USA und Indien) genutzt, um Konzepte für wichtige globale Handels-,
Wirtschafts- und Technologiefragen und zur Vertiefung der transatlantischen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen
zu koordinieren. Darüber hinaus arbeitet die EU mit verschiedenen Ländern (zum Beispiel Japan, Kanada,
Südkorea, Singapur) im Kontext digitaler Partnerschaften zusammen, um Europa zu einem digital vernetzten
Kontinent zu machen. Die Bundesregierung unterstützt die EU beim internationalen bilateralen Austausch und nutzt
die bestehenden Foren und Partnerschaften.
Normung und Standardisierung
Normen und Standards sind Grundlage unter anderem für die Absicherung von Lieferketten und
Absatzmöglichkeiten von deutschen und europäischen Halbleiterherstellern. Im Bereich der Mikroelektronik spielen sie zudem
wichtige Rollen auch bzgl. der Definition vertrauenswürdiger Produkte und Lieferketten.
Zugleich sind Normen und Standards Gegenstände und Spielfeld geoökonomischer Auseinandersetzungen, und
haben daher strategische Bedeutung. Mit dem „Nationalen Strategieforum für Standardisierung“ ermöglicht das
BMWE den Austausch der Stakeholder mit der Bundesregierung zur Stärkung der Rolle Deutschlands in der
internationalen Normung.
Die Bundesregierung wird die Situation in der internationalen Normung in weiteren relevanten Feldern mit
Mikroelektronik-Bezug beobachten und sich weiter gegen die geopolitische Instrumentalisierung der Normung
einsetzen. Sie wird ferner prüfen, ob die Diffusion von Ergebnissen aus Forschung und Industrialisierung in die
Normung durch die Förderung entsprechender Aufwände für die Normungsarbeit der Unternehmen beschleunigt
werden kann.
Rahmenbedingungen
Damit Deutschlands Mikroelektronik-Ökosystem seine Aufgabe als Innovationsmotor in der Volkswirtschaft
bestmöglich erfüllen kann, müssen wir der Verbesserung von übergreifenden Standortfaktoren und der
internationalen Vernetzung mit technologiestarken Partnern ebenso Rechnung tragen wie der Forschungs- und
Wirtschaftssicherheit. Priorität der Bundesregierung ist dabei die Verbesserung der horizontalen Standortbedingungen wie
beispielsweise die Senkung der Energiepreise, der Abbau von Bürokratielasten oder die Beschleunigung von
Genehmigungsverfahren. Hinzu tritt, soweit notwendig, die gezielte Gestaltung sektorspezifischer Faktoren mit Blick
auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Stärkung der Nachfrage nach sicheren, lokal produzierten
Chips.
Das Reißen der Mikroelektronik-Lieferketten in der „Chipkrise“ der Jahre 2021 bis 2023 hat die Verwundbarkeit
der Wirtschaft im Bereich der Mikroelektronik in der jüngeren Vergangenheit bereits demonstriert. Da
gleichzeitig die Mikroelektronik-Wertschöpfungskette so globalisiert ist wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig, die
geopolitischen Spannungen zunehmen und Macht zunehmend über den Zugriff auf Hochtechnologien ausgeübt wird,
muss Deutschland sich bezüglich der Forschungs- und Wirtschaftssicherheit im Bereich der
Halbleitertechnologie aktiv aufstellen.
Verbesserung der allgemeinen Rahmenbedingungen
Mit dem Koalitionsvertrag zur 21. Legislaturperiode werden zentrale Anliegen zur Stärkung der
Standortbedingungen der Wirtschaft (international wettbewerbsfähige Energiekosten, öffentliche Infrastruktur, Planung und
Genehmigung/Bürokratie, Fachkräfte, Steuern und Abgaben) konkretisiert und vertieft. Konkrete Vorhaben mit
Wirkung unter anderem für die Mikroelektronikindustrie sind Maßnahmen zur Strompreisentlastung, die
Verkürzung von Genehmigungsverfahren, die Unterstützung des europäischen Omnibuspakets zum Abbau von
Bürokratielasten, ein risikobasierter Ansatz bei Chemikalien ohne Totalverbot ganzer Stoffgruppen sowie noch
effektivere Prüfverfahren im Außenwirtschaftsrecht. Diese sollten im Schwerpunkt darauf abzielen, europäische
Technologiestandorte zu stärken und einen Verlust von Know-how zu verhindern. Zudem sollen die Förderregeln und
-praxis für Industrieansiedlungen und Großvorhaben modernisiert und betreffende bürokratische Hürden
abgebaut werden.
Bezüglich der Anwerbung und Betreuung von Investitionen aus dem Ausland wird die Bundesregierung durch
Expertise ihrer Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Germany Trade and Invest“ (GTAI) unterstützt, welche
ausländischen Investorinnen und Investoren ein umfassendes Serviceangebot an Informationen und Dienstleistungen
zur Verfügung stellt. Die Bundesregierung wird dieses Angebot um eine regelmäßige hochrangige
Investorenkonferenz ergänzen.
Spezifische Rahmenbedingungen für die Mikroelektronik
Attraktive Rahmenbedingungen sind eine Voraussetzung für private Investitionen aus dem In- und Ausland. Mit
der zweiten Säule des EU Chips Act werden unter anderem regulatorische Erleichterungen für Produktionsstätten
von Halbleitern, Ausrüstung und Schlüsselkomponenten geschaffen. Integrierte Produktionsstätten und offene
EU-Fertigungsbetriebe können den Status der höchsten nationalen Bedeutung erhalten und werden in
Genehmigungsverfahren entsprechend behandelt. Die Sicherheit der Versorgung mit Halbleitern und die Resilienz des
Halbleiter-Ökosystems können als zwingender Grund des überwiegenden öffentlichen Interesses im Sinne der
EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und als Grund des übergeordneten öffentlichen Interesses in der EU-
Wasserrahmenrichtlinie betrachtet werden. Die Bundesregierung wird sich dafür einsetzen, die betreffende
Privilegierung im Rahmen der nationalen Prozesse zeitnah umzusetzen. Ziel sind schnellere Genehmigungsprozesse, um
die Planungssicherheit von Unternehmen im Aufbau von Produktionsstätten sowie von „Design Centres of
Excellence“ zu erhöhen.
Weitere sektorspezifische Anliegen der Bundesregierung betreffen die Beschleunigung der IPCEI-Prozesse sowie
die Überarbeitung und Weiterentwicklung des European Chips Acts. Die Bundesregierung entwickelt hierzu in
Zusammenarbeit mit anderen EU-Mitgliedstaaten konkrete Anregungen und Impulse für den anstehenden
europäischen Review-Prozess.
Stärkung der lokalen Nachfrage
Anwendungsbranchen, u. a. die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, Luft- und Raumfahrt,
Automobilindustrie, Medizintechnik, Information und Kommunikation sind für die Nachfrage nach sicheren Mikrochips und
deshalb für die Auslastung vorhandener Produktionskapazitäten und Standortentscheidungen zu Neuansiedlungen
zentral. Wenn möglich und zweckmäßig werden Maßnahmen zur Nachfragestärkung geprüft, beispielsweise bei
der öffentlichen Beschaffung und Auftragsvergabe oder durch Lokalisierungsanforderungen (local content
requirements). Entsprechende Maßnahmen können nur europäisch koordiniert umgesetzt und müssen sorgfältig mit
der WTO abgestimmt werden. Hierbei darf es weder zu nennenswertem Bürokratieaufbau, noch zu öffentlichen
Mehrausgaben im Rahmen neuer Subventionstatbestände kommen.
Stärkung der Wirtschafts- und Forschungssicherheit
Die Mikroelektronik-Wertschöpfungsketten sind global und komplex. Eine Autarkie des deutschen (und auch des
europäischen) Marktes wird daher nicht erreichbar sein und ist auch nicht erstrebenswert. Das Ziel der
Bundesregierung ist daher, resiliente Wertschöpfung in allen relevanten Branchen unter weitgehendem Erhalt der
internationalen Lieferketten sicherzustellen. Eine zentrale Rolle spielen dabei Optionen der Diversifizierung – durch
Kooperation mit Partnern in Like-Minded-Staaten, aber auch durch die Förderung von Ansiedlungen,
Gründungen oder Skalierung von Produktionsstätten in Deutschland. Zudem sollen, die hiesigen Stärken bewusst
geschützt, entwickelt und durch technologische Exzellenz bzw. Unverzichtbarkeit mit eigenem geopolitischem
Gewicht versehen werden. Ebenso soll im Rahmen multilateraler internationaler Strukturen (beispielsweise G7 und
OECD) ein Ausgleich legitimer Interessen unter Wahrung deutscher und europäischer Anliegen befördert werden.
In der Nationalen Sicherheitsstrategie vom Juni 2024 wurden bereits horizontale Maßnahmen zur Stärkung der
Wirtschaftssicherheit beschrieben. Mit der im Juni 2023 veröffentlichten Europäischen Strategie für
wirtschaftliche Sicherheit ist zudem ein europäischer Rahmen gegeben, in dem die Mikroelektronik als eine der sog.
kritischen Technologien konkret benannt ist. In der 21. Legislaturperiode wird die Bundesregierung auf diesen
Grundlagen fußend eine Nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie erarbeiten und vorstellen.
Eine zentrale Herausforderung im Bereich der Forschungs- und Wirtschaftssicherheit ist es, die von uns
gewünschte, aber von anderen in Frage gestellte Offenheit in den Handels-, Innovations- und
Investitionsbeziehungen durch eine Stärkung der Resilienz und einer Verringerung volkswirtschaftlicher Risiken zu komplementieren.
Unternehmen sind aufgefordert, geeignete Maßnahmen zum Lieferketten-Risikomanagement aufzubauen und
umzusetzen, und nach der „Chip-Krise“ 2021 bis 2023 ist dies bereits teilweise erfolgt. Die Bundesregierung
unterstützt dabei unter anderem durch aktive Wirtschaftsdiplomatie und die Außenwirtschaftsförderung seitens
des BMWE, des Auswärtigen Amtes und der Auslandsvertretungen sowie des Netzwerkes der
Auslandshandelskammern und von „German Trade and Invest“.
Der Rohstofffonds der Bundesregierung soll Projekte zur Gewinnung, zur Verarbeitung und zum Recycling
kritischer Rohstoffe befördern. Im Fokus stehen ausschließlich kritische oder strategische Rohstoffe im Sinne des
europäischen „Critical Raw Materials Act“ (CRMA), darunter Silizium, Germanium, Gallium, Tantal und Seltene
Erden. Davon wird auch der Bereich der Mikroelektronik profitieren, indem die Diversifizierung der
Rohstoffversorgung erleichtert wird.“
Mit dem EU Chips Act wird auf europäischer Ebene ein Koordinierungsmechanismus geschaffen, damit sich die
Mitgliedstaaten und die Europäische Kommission bei der Überwachung von Lieferketten, des Angebots an
Halbleitern, der Abschätzung der Nachfrage und der Vorwegnahme von Engpässen eng abstimmen können. Im
„European Semiconductor Board“ (ESB) werden bzgl. der Analyse von Lieferkettenrisiken und bestehenden
Abhängigkeiten relevante Informationen gesammelt und ausgewertet, um Schwachstellen und Engpässe zu kartieren.
Der Koordinierungsmechanismus sorgt für eine gemeinsame Krisenbewertung und gemeinsame Maßnahmen zur
Krisenreaktion und -prävention.
Wo Deutschland eigene Chip-Fertigung besitzt, werden wir den Produktionsaufbau und die Marktsituation in
Drittstaaten beobachten und auf unfaire Praktiken prüfen. Bei unzulässigen Wettbewerbsverzerrungen setzen wir
auf eine konsequente Anwendung der handelspolitischen Schutzinstrumente der EU (Anti-Dumping- und Anti-
Subventionsmaßnahmen).
Deutschland ist ein offener Investitions-standort, in dem ausländische Investitionen hoch willkommen sind, sofern
sie unsere Sicherheit nicht beeinträchtigen. Das Instrumentarium der Investitionsprüfung werden wir daher auch
mit Blick auf die Mikroelektronik konsequent nutzen und weiterentwickeln.
Nach außen werden wir darauf hinwirken, dass keine sensiblen Technologien wie Mikroelektronik ungewollt
abfließen und zu militärischen oder nachrichtendienstlichen Zwecken gegen uns verwendet werden können. Dazu
werden wir die Forschungssicherheit stärken sowie Exportkontrollregelungen konsequent anwenden und an
aktuelle Entwicklungen anpassen.
Im Rahmen eines EU-weiten Reviews wird die Bundesregierung prüfen, ob und welche Sicherheitsrisiken mit
Auslandsinvestitionen im Bereich Mikroelektronik verbunden sind. Marktzugänge der exportorientierten hiesigen
Wirtschaft wollen wir bei alldem grundsätzlich offenhalten.
Konzertierte Aktion und nationale Koordinierung
Deutschland besitzt ein ausdifferenziertes Ökosystem in der Mikroelektronik mit einer Vielzahl von Unternehmen,
Forschungseinrichtungen und Hochschulen, Netzwerken sowie Verbänden. Die Mikroelektronik-Strategie
verknüpft erstmals die Initiativen von Bund, Ländern und Europäischer Union unter einem gemeinsamen Dach und
trägt so entscheidend auch zur Hightech Agenda Deutschland der Bundesregierung bei. Entscheidend für den
Erfolg der Strategie ist nun die Fortsetzung des Dialogs und das gemeinsame Handeln aller Akteurinnen und
Akteure in einer konzertierten Aktion. Entsprechende Netzwerke wird die Bundesregierung daher intensiv pflegen
und die Koordination mit einem „Chips Office“ begleiten.
Konzertierte Aktion fortsetzen
Formate für den vorwettbewerblichen Austausch aller Stakeholder einschließlich Unternehmen und Verbände
existieren vor allem auf Ebene der Bundesländer. Beispiele sind das aus Sachsen initiierte Silicon Germany, die
Bavarian Chips Alliance oder der Runde Tisch Chip-Ökosystem Baden-Württemberg. Auch zahlreiche Verbände
befassen sich intensiv mit der Mikroelektronik und bieten eigene Austauschformate an, so zum Beispiel ZVEI,
VDA, VDMA, BDI und VDE. Für den Erfolg der konzertierten Aktion wird die Bundesregierung den im Rahmen
der Erarbeitung der Strategie etablierten, intensiven Austausch mit den Stakeholdern weiter fortsetzen.
Netzwerke pflegen und stärken
Bundesweite Netzwerke wie „ForLab-NataliE“ und „Chipdesign Germany“ ermöglichen ebenfalls einen
intensiven Austausch innerhalb des Ökosystems. Außerdem soll durch gemeinsame und arbeitsteilige Maßnahmen der
beteiligten Hochschulen und Forschungseinrichtungen deren Attraktivität für Nachwuchskräfte effizient
gesteigert werden. Ein Schlüssel für den Transfer aus der Forschung in die Anwendung bleiben außerdem
Verbundvorhaben, in denen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen eng zusammenarbeiten.
„Chips Office“
Zur vertieften Koordination der Maßnahmen der beteiligten Ressorts der Bundesregierung sowie der
Bundesländer im Ökosystem Mikroelektronik wollen das BMFTR und das BMWE mit einem gemeinsamen „Chips Office“
neue Wege gehen.
Lernende Strategie
Die Bundesregierung legt dieses Dokument als „lernende Strategie“ an, welche im Austausch mit den
Stakeholdern im Rahmen der konzertierten Aktion sowie in Reaktion auf externe Faktoren (beispielsweise haushalterische,
europa- oder geopolitische) während der Umsetzung angepasst werden kann. Damit setzt die Strategie auch den
Roadmap-Prozess der Hightech Agenda Deutschland zur Schlüsseltechnologie Mikroelektronik um.
Der Austausch mit den Stakeholdern wird gemeinsam vom BMFTR und BMWE koordiniert und gebündelt. Die
Koordinierung innerhalb der Bundesregierung findet über die etablierte Taskforce Mikroelektronik statt.
Mit einer Mikroelektronik-Konferenz „Forschung & Fachkräfte“ will das BMFTR ab 2025 einen Rahmen
schaffen, um im Sinne der konzertierten Aktion relevante Stakeholder zusammenzubringen. Alle aus der Konferenz
gewonnenen Erkenntnisse werden für die lernende Strategie berücksichtigt.
Für die agile Weiterentwicklung der Strategie, für Austausch und Abstimmung werden vor allem die weiter oben
beschriebenen bestehenden Formate genutzt.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- authored ← Bundesregierung
- part_of_vorgang → Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung Forschung, Fachkräfte und Fertigung für das Mikroelektronik-Ökosystem in Deutschland (Unterrichtung)