Deutsch-tadschikische Zusammenarbeit bei Abschiebungen
Text
Deutsch-tadschikische Zusammenarbeit bei Abschiebungen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1987
21. Wahlperiode 06.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Clara Bünger, Anne-Mieke Bremer, Agnes Conrad, Katrin Fey,
Dr. Gregor Gysi, Luke Hoß, Ferat Koçak, Jan Köstering, Sonja Lemke, Bodo
Ramelow, Lea Reisner, David Schliesing, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt,
Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Deutsch-tadschikische Zusammenarbeit bei Abschiebungen
Die Fragestellenden haben in den letzten Jahren mehrere Anfragen zu
Abschiebungen nach Tadschikistan gestellt (vgl. die Antworten der Bundesregierung
auf die Kleinen Anfragen auf den Bundestagsdrucksachen 20/14665 sowie
20/6291). Anlass waren jeweils Berichte über die Festnahme von aus
Deutschland abgeschobenen Oppositionellen unmittelbar nach deren Ankunft in dem
Land. Das betraf A. S. im Januar 2023, B. Q. im November 2023 sowie D. E.
im November 2024. A. S. wurde nach einem zweitägigen Schauprozess zu
einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, B. Q. wurde zu zehn Jahren Haft
verurteilt. D. E. wurde nach der Abschiebung auf Anweisung eines Gerichts in
Duschanbe zunächst für zwei Monate inhaftiert. Später wurde er nach Angaben
seiner deutschen Rechtsanwältin in einem politischen Prozess zu acht Jahren
Haft verurteilt (https://taz.de/Abschiebungen-nach-Tadschikistan/!6044193/,
Bericht der Rheinischen Post vom 23. August 2025). Das Auswärtige Amt
(AA) teilte der Abgeordneten Clara Bünger im April 2025 auf Anfrage mit,
dass es sich mehrfach gegenüber den tadschikischen Behörden zu D. E. s Fall,
seinem Aufenthaltsort und Gesundheitszustand erkundigt habe.
Besonders im Vorfeld der Abschiebungen von A. S. und D. E. hatten
internationale Menschenrechtsorganisationen scharfe Kritik geübt, weil den Aktivisten
langjährige Haftstrafen und Folter drohten. Dessen ungeachtet sah das
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keine Verfolgungsgefahr, Gerichte
bestätigten diese Auffassung (Antwort der Bundesregierung auf die Kleine
Anfrage auf Bundestagsdrucksache 20/6291). Nach Ansicht der Fragestellenden
trat aber nach den jeweiligen Abschiebungen genau das ein, wovor die
Menschenrechtsorganisationen gewarnt hatten. Es bleibt unklar, inwieweit die
Bundesregierung aus diesen Erfahrungen Konsequenzen gezogen hat. Auf eine
entsprechende Frage teilte sie lediglich mit, sie beobachte kontinuierlich die asyl-
und abschiebungsrelevante Lage in allen Herkunftsländern und beziehe aktuelle
Erkenntnisse innerhalb ihrer Zuständigkeiten in ihre Entscheidungen ein (ebd.,
Antwort zu Frage 19 auf Bundestagsdrucksache 20/6291).
Das Medium „Radio Ozodi“ berichtete am 19. August 2025 über eine weitere
Person, die vorübergehend in Dortmund gelebt haben und nach der
Abschiebung aus Deutschland am 4. Juni 2025 in Tadschikistan zu zwölf Jahren
Gefängnis verurteilt worden sein soll. Dem Mann mit dem Namen M. A. wird
dem Artikel zufolge „Extremismus“ und Mitgliedschaft in der Ansarullah-
Gruppe vorgeworfen. Er stammt aus der Autonomen Region Gorno-
Badachschan, wo es laut Amnesty International zu willkürlichen Festnahmen
und unfairen Verurteilungen kommt. Im Jahr 2023 forderte die
Menschenrechtsorganisation daher für die Region einen Abschiebestopp (www.ozodi.org/
a/yak-sokini-digari-yazgulomro-12-sol-zindoni-kardaand/33507369.html,
www.amnesty.de/allgemein/pressemitteilung/tadschikistan-pamiri-
minderheitunterdrueckung-gorno-badachschan-deutschland-abschiebung).
Nach Kenntnis der Fragestellenden könnte es zu weiteren Abschiebungen nach
Tadschikistan kommen. Davon betroffen ist ein Mann mit tadschikischer
Staatsbürgerschaft, der in Deutschland eine fünfjährige Haftstrafe wegen IS-
Mitgliedschaft absaß. Ende August 2025 entschied das Verwaltungsgericht
Münster, dass ihm in Tadschikistan nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
unmenschliche Behandlung drohe. Noch im Februar 2025 hatte das
Oberverwaltungsgericht Münster die Abschiebung gestoppt. Zwischenzeitlich hat die
tadschikische Regierung jedoch eine neue „Verbalnote“ übermittelt, in der sie
eine menschenrechtskonforme Behandlung des Mannes nach seiner Rückkehr
zusichert. Einem Pressebericht zufolge hält das Auswärtige Amt solche
Zusagen aus Tadschikistan für „belastbar“. Die dortigen Behörden hielten sich an
Absprachen, es herrsche „eine gute Arbeitsbeziehung“. Auch das Bundesamt
für Verfassungsschutz (BfV) sehe keine Belege für menschenrechtswidrige
Behandlungen in Tadschikistan (www.sueddeutsche.de/politik/heimatland-tadschi
kistan-gericht-ehemaliger-is-kaempfer-darf-abgeschoben-werden-dpa.urn-news
ml-dpa-com-20090101-250827-930-961938, www.vg-muenster.nrw.de/behoer
de/presse/10_pressemitteilungen/130_250901/index.php, www.vg-muenster.nr
w.de/behoerde/presse/10_pressemitteilungen/120_250827/index.php). In einem
weiteren Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen wurden diese
Erkenntnisse des BfV ebenfalls eingeführt. Im Beschluss vom 3. Juni 2025
heißt es, dem Amt lägen „keine Erkenntnisse dazu vor, dass einem aus
Deutschland nach Tadschikistan abgeschobenen tadschikischen
Staatsangehörigen, zu dem tadschikischen Behörden nachweislich Erkenntnisse zu
etwaigen islamistischen Bezügen der Person vorlagen, im Nachgang der
Rückführung eine menschenrechtsverletzende Behandlung durch die tadschikischen
Behörden widerfahren sei“ (Az. 12a L 836/25.A).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Abschiebungen nach Tadschikistan gab es 2024 und im
bisherigen Jahr 2025 (bitte nach Jahren, Monaten und nach den verantwortlichen
Bundesländern aufschlüsseln)?
a) Waren unter den abgeschobenen Personen Frauen und Minderjährige,
und wenn ja, wie viele?
b) Wie viele Personen aus welchen Bundesländern waren für die
Charterabschiebung von Düsseldorf nach Tadschikistan am 26. Juni 2025
vorgesehen, wie viele Abschiebungen konnten ggf. nicht vollzogen
werden, und was waren die Gründe dafür?
c) Auf welcher Absprache mit der tadschikischen Behörde beruht die
Charterabschiebung, nachdem in den letzten Jahren nach Kenntnis der
Fragestellenden ausschließlich Abschiebungen mit Linienflügen nach
Tadschikistan stattfanden?
d) Waren weitere EU-Mitgliedstaaten an der Charterabschiebung
beteiligt, und wenn ja, welche, mit wie vielen Personen, und wo fanden
ggf. Zwischenlandungen statt?
2. Hat die gemeinsame Koordinierungsstelle Passersatzbeschaffung (PEB
Bund) seit Oktober 2024 weitere Sammelanhörungen mit tadschikischen
Vertreterinnen und Vertretern durchgeführt, und wenn ja, welche (bitte mit
Ort, Datum und weiteren beteiligten deutschen Behörden auflisten)?
3. Wie viele mutmaßliche tadschikische Staatsangehörige wurden nach
Kenntnis der Bundesregierung seit Oktober 2024 bei entsprechenden
Sammelanhörungen angehört, bei wie vielen von ihnen wurde die
tadschikische Staatsbürgerschaft durch tadschikische Vertreterinnen und Vertreter
bestätigt, und wie vielen von ihnen wurden Reisepapiere ausgestellt, die
eine Abschiebung ermöglichen (bitte jeweils den Angaben der Antwort zu
Frage 2 zuordnen)?
4. Kann die Bundesregierung Angaben dazu machen, wie viele derer, die in
den vergangenen Jahren bei solchen Anhörungen vorgeführt und als
tadschikische Staatsbürger identifiziert wurden, tatsächlich abgeschoben
wurden, und wenn ja, welche, und welche Kenntnisse hat die
Bundesregierung ggf. über deren Verbleib nach der Abschiebung?
5. Was ist der Bundesregierung über den Gesundheitszustand und die
sonstige Situation von A. S. bekannt?
6. Was ist der Bundesregierung über den Gesundheitszustand und die
sonstige Situation von B. Q. bekannt?
7. Was ist der Bundesregierung über den Gesundheitszustand und die
sonstige Situation von D. E. bekannt?
a) Hat die Bundesregierung mittlerweile Kenntnis über seinen
Aufenthaltsort, und wenn ja, welche?
b) Ist der Bundesregierung bekannt, ob es zutrifft, dass D. E. in
Tadschikistan zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde?
Hat die Bundesregierung Kenntnis, aufgrund welcher Vorwürfe dies
geschah, und genügt die Verurteilung nach ihrer Einschätzung
rechtsstaatlichen Standards?
8. Ist es nach Kenntnis der Bundesregierung zutreffend, dass am 4. Juni
2025 eine Person namens M. A. aus Deutschland nach Tadschikistan
abgeschoben wurde (siehe Vorbemerkung der Fragesteller)?
a) Ist der Bundesregierung bekannt, ob diese Person zwischenzeitlich in
Tadschikistan zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde?
b) Hat die Bundesregierung Kenntnisse über den Aufenthaltsort der
Person, welche Angaben kann sie ggf. zu dem Gerichtsverfahren
machen?
c) Ist der Bundesregierung bekannt, ob M. A. in Deutschland einen
Asylantrag gestellt hatte, und wenn ja, wie wurde darüber entschieden?
9. Worauf beruht die Einschätzung des Auswärtigen Amts, dass Zusagen der
tadschikischen Behörden bezüglich einer menschenrechtskonformen
Behandlung abgeschobener Personen „belastbar“ seien (siehe Vorbemerkung
der Fragesteller)?
10. Wurden im Vorfeld der Abschiebungen von A. S., B. Q. und D. E.
entsprechende Zusicherungen der tadschikischen Behörden eingeholt, wenn
nein, warum nicht, und wenn ja, geht die Bundesregierung davon aus,
dass diese Zusagen eingehalten wurden?
11. Wie viele diplomatische Zusicherungen hat Tadschikistan seit 2015
insgesamt gegenüber der Bundesregierung abgegeben (bitte nach Jahren
aufschlüsseln), in wie vielen Fällen hat danach eine Abschiebung
stattgefunden, welche Informationen sind der Bundesregierung über den Verbleib
der abgeschobenen Personen bekannt, erfolgt ein Monitoring dieser
Zusicherungen, und wenn ja, wie?
12. Bezieht sich die Aussage, es herrsche eine „gute Arbeitsbeziehung“,
ausschließlich auf die Zusammenarbeit bei Abschiebungen, wenn nein,
welche anderen Arbeitsbereiche waren gemeint, und wenn ja, inwieweit
lässt sich von einer guten Arbeitsbeziehung sprechen, wenn wiederholt
aus Deutschland abgeschobene Oppositionelle aus politischen Gründen in
Tadschikistan inhaftiert wurden?
13. Worauf stützen sich die Erkenntnisse des BfV, dass es keine Belege für
menschenrechtswidrige Behandlungen in Tadschikistan gebe, wie passt
diese Aussage zu den Erfahrungen von A. S., B. Q. und D. E., die nach
Kenntnis und Einschätzung der Fragestellenden und internationaler
Menschenrechtsorganisationen in Tadschikistan aus politischen Gründen
inhaftiert wurden und nun teilweise langjährige Haftstrafen absitzen
müssen?
14. Ist das BfV mit eigenem Personal in Tadschikistan vertreten?
15. War das BfV in den Jahren 2004 bis 2024 mit eigenem Personal in
Tadschikistan vertreten, und wenn ja, wann?
16. Von wann bis wann waren das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und
die Polizeien der Länder nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen
2004 und 2024 in Tadschikistan zu welchem Zweck vertreten?
17. Wann wurde der Lagebericht des Auswärtigen Amts für Tadschikistan
zuletzt aktualisiert?
18. Wie viele Klagen gegen Entscheidungen des BAMF beim Herkunftsland
Tadschikistan sind derzeit bei den Gerichten anhängig, und wie haben die
Verwaltungsgerichte 2023, 2024 und 2025 über diese Klagen entschieden
(bitte nach den einzelnen Status aufschlüsseln)?
19. Welche Regierungskonsultationen zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und Tadschikistan gab es seit 2024, und inwieweit ging es dabei um
Fragen von Migration, Flucht und Abschiebungen (bitte einzeln mit Ort
und Datum angeben)?
Berlin, den 22. September 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Aaron Valent (Kleine Anfrage)
- asked ← Agnes Conrad (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne-Mieke Bremer (Kleine Anfrage)
- asked ← Bodo Ramelow (Kleine Anfrage)
- asked ← Christin Willnat (Kleine Anfrage)
- asked ← Clara Bünger (Kleine Anfrage)
- asked ← David Schliesing (Kleine Anfrage)
- asked ← Donata Vogtschmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Ferat Koçak (Kleine Anfrage)
- asked ← Gregor Gysi (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Krampe (Kleine Anfrage)
- asked ← Katrin Fey (Kleine Anfrage)
- asked ← Lea Reisner (Kleine Anfrage)
- asked ← Luke Hoß (Kleine Anfrage)
- asked ← Sonja Lemke (Kleine Anfrage)
- authored ← Anne-Mieke Bremer
- authored ← Clara Bünger
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- part_of_vorgang → Deutsch-tadschikische Zusammenarbeit bei Abschiebungen (Kleine Anfrage)