Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten - Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätten, Denkmäler und Erinnerungsorte ersetzen
Text
Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten - Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätten, Denkmäler und Erinnerungsorte ersetzen
Antrag
der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich, Martin Erwin
Renner, Ronald Gläser, Dr. Alexander Gauland, Nicole Hess, Sven Wendorf,
Tobias Teich, Dr. Christina Baum, Dr. Michael Blos, René Bochmann, Thomas
Dietz, Tobias Ebenberger, Rainer Groß, Karsten Hilse, Steffen Janich,
Dr. Michael Kaufmann, Maximilian Kneller, Heinrich Koch, Achim Köhler,
Knuth Meyer-Soltau, Gerold Otten, Denis Pauli, Dr. Rainer Rothfuß, Angela
Rudzka, Manfred Schiller, Dr. Paul Schmidt, Georg Schroeter, Dr. Daniel
Zerbin, Jörg Zirwes und der Fraktion der AfD
Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten – Gedenkstättenkonzeption des
Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätten,
Denkmäler und Erinnerungsorte ersetzen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschland braucht eine ausgewogene gesamtdeutsche Erinnerungskultur, die die
Höhen und Tiefen unserer deutschen Geschichte gleichermaßen in den Blick nimmt
und in Abstimmung mit den Ländern durch eine Bundeskonzeption national
bedeutsamer Gedenkstätten, Denkmäler und Erinnerungsorte verwirklicht wird.
Es ist Zeit, wieder die vielen guten Seiten der deutschen Geschichte, von Otto dem
Großen bis zur Wiedervereinigung, in den Vordergrund zu rücken und diese als
positive identitätsstiftende Orientierungspunkte in der Erinnerungskultur zu würdigen.
Hierfür bedarf es einer Aufwertung dieser Gedächtnisorte und Kulturdenkmale. Die
positive Identifikation aller deutschen Staatsbürger mit der deutschen Geschichte ist
eine wesentliche Voraussetzung, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt
wiederherzustellen und eine Vertrauensgesellschaft zu bilden.
Die bisherige Gedenkstättenkonzeption und Erinnerungskultur beziehen sich fast
ausschließlich auf die Tiefpunkte der deutschen Geschichte, die mit den beiden totalitären
Diktaturen auf deutschem Boden verbunden waren.
Die Erinnerung an den NS- und SED-Unrechtsstaat soll Bestandteil deutscher
Erinnerungspolitik bleiben, sie darf diese jedoch nicht länger einseitig prägen und darf der
Identifikation mit unserer schönen Heimat, seinen Menschen, unserer Kultur und
Gesellschaft nicht im Wege stehen.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7636
21. Wahlperiode 18.08.2026
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
in Zusammenarbeit mit den Ländern
1. binnen eines Jahres einen Entwurf einer Bundeskonzeption national bedeutsamer
Gedenkstätten, Denkmäler und Erinnerungsorte vorzulegen. Darin ist verbindlich
zu regeln, welche Gedenkstätten, Denkmäler und Erinnerungsorte maßgeblich
vom Bund und welche von den Ländern getragen werden;
2. die Bundeskonzeption mit den einzubeziehenden Denkmälern, Gedenkstätten
und Erinnerungsorten so auszugestalten, dass sie die historische Entwicklung der
deutschen Nation in ihrer gesamten Breite und mit all ihren Höhen und Tiefen
multiperspektivisch abbildet.
Ziel der neuen Bundeskonzeption soll es sein, das nationale historische Erbe
Deutschlands sichtbar zu machen, historische Zusammenhänge zu vermitteln und
das Bewusstsein für die deutsche Geschichte und Staatlichkeit dauerhaft zu
stärken.
Die Konzeption soll einen historischen Bogen von den Krönungen Ottos des
Großen über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die Umbrüche der
napoleonischen Zeit und die deutsche National- und Freiheitsbewegung des
19. Jahrhunderts bis hin zur deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 spannen.
a. Die deutsche Demokratie- und Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts ist
dabei als wesentliche Traditionslinie deutscher Verfassungsgeschichte
besonders hervorzuheben. Hierzu zählen insbesondere das Wartburgfest, das
Hambacher Fest sowie die Frankfurter Paulskirchenversammlung mit der
Formulierung bürgerlicher Grund- und Freiheitsrechte.
b. Darüber hinaus sollen die Reichsgründung und das wilhelminische
Kaiserreich einschließlich des Ersten Weltkriegs, die Weimarer Republik sowie die
nationalsozialistische Diktatur mit ihren katastrophalen Folgen für
Deutschland und Europa Bestandteil der Konzeption sein.
c. Ebenso einzubeziehen sind die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der
Deutschen, die Teilung Deutschlands nach 1945 sowie der
Systemwettbewerb zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der kommunistischen
DDR-Diktatur.
d. In allen Epochen sind sowohl Kontinuitäten als auch Traditionsbrüche
deutscher Geschichte und Staatlichkeit sichtbar zu machen. Die Friedliche
Revolution von 1989 in Ostdeutschland und die Vollendung der deutschen Einheit
sollen als herausragende Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte
angemessen gewürdigt werden;
3. gemeinsam mit den zuständigen Ressorts die gesetzlichen Voraussetzungen dafür
zu schaffen, dass national bedeutsame Denkmäler und ihre Umgebung wirksam
vor baulicher Beeinträchtigung und vor Landschaftsverschandelung,
insbesondere durch Windkraftanlagen, bewahrt werden.
Berlin, den 18. August 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Begründung
Damit wir Deutschen uns wieder als Teil einer historischen Gemeinschaft erkennen, bedarf es einer
grundlegenden Neuausrichtung der Erinnerungskultur des Bundes. Diese muss die gesamte deutsche Geschichte mit ihren
Höhen und Tiefen ausgewogen in den Blick nehmen und darf sich nicht auf die Erinnerung an Schuld,
Verbrechen und Zusammenbruch beschränken. Erinnerungspolitik muss nicht nur mahnen, sondern auch Orientierung
stiften und das geschichtliche Bewusstsein für die Leistungen, Freiheitskämpfe, kulturellen Errungenschaften
und staatsbildenden Entwicklungen der deutschen Geschichte stärken.Die Konzentration der deutschen
Erinnerungskultur auf die Verbrechen des NS-Staates führt nicht nur europaweit zu einer geringeren Identifikation mit
Deutschland, sondern kann auch psychische Belastungen wie Schuld- und Schamgefühle hervorrufen. Besonders
bei Jugendlichen deutscher Staatsangehörigkeit mit ausländischer Herkunft wirkt sie desintegrierend. Unter
Verweis auf entsprechende Studien schreibt Prof. Dr. Ulrich Schmidt-Denter, Jugendlichen mit
Migrationshintergrund werde „die Identifikation mit Deutschland erschwert und viele wenden sich stattdessen wieder ihrer
Herkunftskultur zu“.1
Einen ersten positiven Schritt in die richtige Richtung hat die Koalition selbst unternommen, indem sie in ihrem
Koalitionsvertrag feststellt, dass „auch positive Ereignisse und Orte der deutschen Demokratiegeschichte [...] von
hoher erinnerungspolitischer Bedeutung“ sind und deshalb auch „die Stiftung Orte der deutschen
Demokratiegeschichte“ weiter gefördert werden soll.2 Ebenso ist die Feststellung zu begrüßen, dass es neben den „bereits
etablierten Feldern einer historisch-politischen Erinnerungskultur wie der Aufarbeitung der NS-Diktatur und des
SED-Unrechtsstaates“ auch einer intensiveren „Vermittlung unserer Freiheits- und Verfassungsgeschichte“
bedürfe, die „positive Orientierungs- und Identifikationspunkte identitätsstiftend“ vermittelt.3
Diese Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur um die Demokratiegeschichte allein reicht jedoch nicht aus,
solange sie außerhalb einer umfassenden Bundeskonzeption bleibt. Erforderlich ist vielmehr eine Gesamtschau
der deutschen Geschichte. Die deutsche Geschichte umfasst u. a. den Freiheitskampf der germanischen Stämme,
ihre unterschiedliche Christianisierung, Königtum und Kaiserwürde im Heiligen Römischen Reich Deutscher
Nation sowie die Hanse- und freien Reichsstädte. Deutschland kann nicht in seiner territorialen und
gesellschaftlichen Vielfältigkeit ohne die Reformationsbemühungen von Luther und den deutschen Fürsten, die
Bauernkriege, den Dreißigjährigen Krieg, die Türkenkriege und dem Westfälischen Frieden verstanden werden. Das
heutige Deutschland wird, ferner die, der deutsche Freiheitskampf gegen Napoleon, die preußischen Reformen
und der damit verbundene Aufstieg Preußens.
An diese ältere deutsche Geschichte schließt die moderne Freiheits- und Demokratiegeschichte an. Zu ihr zählen
das Wartburgfest und das Hambacher Fest, die Märzrevolution von 1848 und die Paulskirchenversammlung, in
die erstmals bürgerliche Grundrechte für ganz Deutschland schriftlich fixiert wurden. Auch das Kaiserreich ab
1871 war Teil dieser Entwicklung, da es über eine moderne Verfassungsordnung und ein ständiges Parlament
verfügte, dessen Abgeordnete in allgemeinen, freien und geheimen Wahlen bestimmt wurden.
Zur gesamtdeutschen Erinnerung gehören ferner der Erste Weltkrieg, die Novemberrevolution von 1918, die
Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik, das Trauma des Versailler Vertrags ebenso wie die
Weimarer Reichsverfassung. Daran schließen die bereits berücksichtigten Kapitel der NS-Diktatur, der deutschen
Teilung sowie der Diktatur in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR an. Ebenso sind der Volksaufstand
vom 17. Juni 1953, der Ost-West-Konflikt, der RAF-Terror in Westdeutschland, das Wirtschaftswunder und die
Westbindung als wesentliche Stationen deutscher Geschichte in den Blick zu nehmen. Den Abschluss dieser
Gesamtschau müssen die Friedliche Revolution von 1989 und die deutsche Wiedervereinigung bilden.
Nur eine solche umfassend ausgerichtete Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätten, Denkmäler
und Erinnerungsorte wird der historischen Tiefe und Breite deutscher Geschichte gerecht. Sie kann dazu
beitragen, die Erinnerungskultur in Deutschland aus ihrer einseitigen Fixierung zu lösen und ein historisches
Bewusstsein zu fördern, das sowohl der Mahnung aus den Katastrophen der Geschichte als auch der Würdigung deutscher
Freiheits-, Verfassungs- und Aufbauleistungen Rechnung trägt.
1 www.schmidt-denter.de/forschung/identitaet/pdf-files/auswirkungen_holocaust_education.pdf, letzter Zugriff am 11.05.2026, S. 5–6.
2 www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf, letzter Zugriff am 11.05.2026, S. 121.
3 Bundestagsdrucksache 21/4743, S. 2.
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ISSN 0722-8333
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