Rede von Torben Braga (AfD) – Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 4: Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,.
Text
Rede von Torben Braga (AfD) – Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr
Minister! Am Sonntag haben rund 120 Millionen Brasilianer
ihre Stimme abgegeben. Der Oppositionskandidat Flávio
Bolsonaro kam auf 47,1 Prozent der Stimmen,
Amtsinhaber Lula da Silva auf rund 45 Prozent. In zweieinhalb
Wochen entscheidet die Stichwahl. Keine Umfrage hatte
ein solches Ergebnis, diesen Vorsprung des
Oppositionskandidaten, vorhergesagt. Wir beraten heute also – das
müssen wir zur Kenntnis nehmen – über ein Abkommen
mit dem Mercosur als einen Partner, bei dem drei Viertel
der wahlberechtigten Bürger gerade im Begriff sind, die
eigene Regierung auszutauschen.
Und es ist eben nicht nur ein Handelsvertrag. Sie haben
viel zum Handelsaspekt gesagt. Er ist ohnehin schon
provisorisch in Anwendung. Darüber entscheidet die
EU-Ebene. Politisch entscheiden wir hier im Deutschen
Bundestag über die Kapitel zu mitgliedstaatlicher
Zuständigkeit, also Regelungen zu Gipfeltreffen, zur Beziehung
zur Zivilgesellschaft, zur Bekämpfung von Kriminalität,
zum Klimaschutz, also all diese Buzzwords, die meistens
für Umverteilung von deutschem Steuergeld an dubiose
Organisationen und an dubiose Persönlichkeiten stehen.
Stichwort „Klimaschutz“. Dieser Vertrag verpflichtet
die Parteien etwa auf die Einhaltung des
Klimaabkommens von Paris und erklärt diese Bindung sogar zum
wesentlichen Element. Was geschieht, wenn dieses
wesentliche Element verletzt wird? Wer in Brüssel
entscheidet künftig über die Klimapolitik einer gewählten
brasilianischen Regierung und darüber, ob diese dem Maßstab
genügt? Dieselbe Kommission, die bei den Waldbränden
unter Jair Bolsonaro mit Kritik nicht sparte, bei den
Absichten der sozialistischen Regierung Lula da Silvas,
Erdöl im Amazonasmündungsbecken zu fördern, aber
beharrlich schweigt? Für Rohstoffsicherheit, die im
Vorblatt ausdrücklich als Ziel ausgegeben wird, ist das, was
uns vorliegt, wohl die schlechteste aller Konstruktionen.
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, nächstes
Problem: Die Vertragsparteien wollen die Freizügigkeit
ihrer Staatsangehörigen zwischen ihren Gebieten
erleichtern. Es werden Visaerleichterungen zugesagt, sogar
Zusammenarbeit bei der Neuansiedlung von Flüchtlingen in
Aussicht gestellt. Verpflichten wir uns hier zur Aufnahme
von Flüchtlingen aus Venezuela, die millionenfach das
Land verlassen und die Brasilien seit Jahren über die
Grenze in Roraima aufnimmt?
(Dr. Inge Gräßle [CDU/CSU]: Nein, natürlich
nicht! Angstmacher! – Thomas Rachel [CDU/
CSU]: Nein! So ein Quatsch!)
Dieser Bundestag wird nach der Ratifizierung jedenfalls
nicht mehr darüber zu entscheiden haben.
Der Vertrag ermächtigt einen sogenannten gemischten
Rat, Beschlüsse zu fassen. Und es gibt noch ein
Gremium. Das ist der sogenannte gemischte Ausschuss. Es
entscheiden also künftig Beamte in Brüssel, durchaus auch
hier in Berlin, aber auch in Brasília oder Buenos Aires
über unsere Pflichten, über die dieses Haus als Vertreter
des Souveräns bestenfalls unterrichtet wird.
Ein Blick auf die Landwirtschaft, auch das ist ein
wichtiger Aspekt dieses Handelsvertrags: Meine Fraktion
hat im Dezember – das wissen Sie – beantragt, dieses
Abkommen nicht zu ratifizieren, solange es
Zollkontingente für Rindfleisch, Geflügel, Zucker und Ethanol
enthält. Deutsche und europäische Betriebe arbeiten unter
Auflagen, die in Südamerika keiner kennt, sollen aber
trotzdem mit Erzeugnissen konkurrieren, die unter
ebendiesen Auflagen hier in Europa und Deutschland gar
nicht erst entstehen dürfen.
(Dr. Inge Gräßle [CDU/CSU]: Deswegen
machen wir ja ein Freihandelsabkommen! Genau
deswegen!)
Herr Minister, Sie haben es angesprochen: Alle
Mitgliedstaaten müssen das Abkommen ratifizieren. Ob die
französischen Bauern hier mitmachen, muss wohl bezweifelt
werden. Mit fairem Wettbewerb hat das ohnehin nicht
viel zu tun.
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, lassen Sie
mich zum Schluss etwas zur positiven Seite sagen; die
will ich auch betonen. In unseren zahlreichen Treffen mit
den Vertretern aus den Mercosurstaaten, aus Brasilien,
die es ja gibt – Kollege Rothfuß, Vorsitzender der
deutsch-brasilianischen Parlamentariergruppe, kann das
bestätigen –, hören wir immer wieder: Sie wollen die
vollständige Ratifikation, nicht die vorläufige
Anwendung einzelner Teile; das reicht ihnen nicht. – Das ist
verständlich; denn die Rechtssicherheit für Investitionen
entsteht erst mit dem ganzen Vertragswerk. Dieses
Interesse teile ich ausdrücklich. Über 12 500 deutsche
Unternehmen exportieren in die Region, die meisten davon
sind mittelständisch, und an diesem Handel hängen
28 Milliarden Euro. Zölle schaden ihnen, schaden uns,
und wir wollen sie fallen sehen.
(Thomas Rachel [CDU/CSU]: Dann stimmen
Sie doch zu!)
Nicht zuletzt deswegen unser Appell: Legen Sie
diesem Bundestag doch einen zustimmungsfähigen Vertrag
vor: ohne Klimakonditionalität, ohne Migrationskapitel,
ohne Agrarkontingente, die unsere Landwirtschaft
ruinieren! Das wäre dies- und jenseits des Atlantiks
anschlussfähig. Was Sie stattdessen vorgelegt haben, ist das
Ergebnis von 25 Jahren Brüsseler Verhandlungsroutine, in
denen aus einem Handelsabkommen ein
Gesellschaftsvertrag geworden ist, und ist in dieser Form zwingend
abzulehnen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Organisierte Kriminalität systematisch zerschlagen
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