Rede von Johannes Singhammer (CDU/CSU) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,.
Text
Rede von Johannes Singhammer (CDU/CSU) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Fürchterliche Tragödien um vernachlässigte,
misshandelte und getötete Kinder haben in den vergangenen
Tagen und Wochen die Menschen in Deutschland
erschüttert. Ich denke dabei an den Mord an fünf Kindern
in Darry durch eine offensichtlich psychisch gestörte
Mutter. In Plauen fanden Polizisten die Leichen von drei
Kindern. In den letzten Monaten vergingen kaum vier
Wochen, in denen nicht grauenvolle Schicksale von
Kindern bekannt wurden.
Als einen besonders abscheulichen Fall beschreibt
das Magazin Focus die Misshandlung des kleinen
Simon, ein Jahr und neun Monate alt:
Simon verstummte mit einem Schlag. Eine gezielte
Gerade vom Freund der Mutter. Das Kind fiel ins
Koma. Zu Hause war endlich Ruhe.
Als der Täter von der Polizei vernommen wurde,
erklärte er:
Vom Gefühl her hänge ich mehr an meinem Hund.
Das sind völlig unterschiedliche Sachverhalte, aber es
gibt stets ein Opfer: die Kinder. Deshalb hat eine Politik
die Bringschuld, alles zu tun und nichts zu unterlassen,
um die Schwächsten, die Kleinsten, die Hilflosesten, die
Unschuldigsten in unserem Land zu schützen.
Kompetenzgerangel und unterschiedliche
Zuständigkeiten dürfen keinesfalls wichtiger sein als der Schutz
unserer Kinder.
Wir haben in den vergangenen Monaten in der
Großen Koalition ein 37-Punkte-Programm erarbeitet mit
der Überschrift „Gesundes Aufwachsen ermöglichen
– Kinder besser schützen – Risikofamilien helfen“, das
durch die schlimmen Ereignisse der letzten Tage eine
traurige Aktualität erhalten hat. Ziel ist es, zum Schutz
der Kinder ein Netz mit einem ganz klaren
Grundkonzept zu weben: Prävention, Vorbeugung, Früherkennung.
Aber lassen Sie mich in diesem Zusammenhang eines
ganz klar feststellen: Wir wollen nicht Eltern und
Familien unter Generalverdacht stellen. Die allermeisten
Eltern in Deutschland kümmern sich liebevoll um ihre
Kinder und tun alles für sie.
(Zuruf von der FDP: Wir wollen doch die
erkennen, die es nicht machen!)
Diese Familien haben unseren Dank, unseren Respekt
und auch unsere Unterstützung verdient. Starke und
intakte Familien
(Zuruf von der FDP: Aber was ist mit dem
Rest?)
sind die beste Voraussetzung für ein glückliches
Aufwachsen von Kindern.(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und der FDP)
Überforderte Familien in finanziellen Notlagen,
Familien, bei denen der innere Zusammenhalt nicht mehr
gegeben ist, brauchen Einzelunterstützung, aber auch die
richtigen Rahmenbedingungen. Deshalb sieht unser
Maßnahmenkatalog unter anderem vor: Maßnahmen zur
Stärkung der Elternkompetenz, passgenaue Hilfen für
Familien in besonderen Belastungssituationen, eine
frühzeitige, verlässliche und genau abgestimmte
vernetzte Unterstützung der Familien durch Kinderärzte,
Krankenhäuser, Erzieherinnen, Kindergärten, Polizei,
Gesundheits- und Jugendämter.
Die Vorsorgeuntersuchungen wollen wir zu einem
maßgeschneiderten Konzept der Früherkennung
ausbauen, und zwar durch eine Überarbeitung der
Untersuchungsverfahren, um zielgenau
Kindesvernachlässigungen frühzeitig zu erkennen, durch eine Verdichtung der
Intervalle bei den Vorsorgeuntersuchungen und durch
Bonusprogramme, Anreize, um möglichst alle Eltern zu
überzeugen, ihre Kinder an den kostenlosen
Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen zu lassen.
Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das geplante
Betreuungsgeld nur dann vollständig ausgezahlt wird,
wenn die Eltern einen lückenlosen Nachweis der
Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen vorlegen.
(Widerspruch bei der SPD und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich freue mich, dass eine ganze Reihe von
Bundesländern die Verpflichtungen und Anreizsysteme bereits
kombinieren, zum Beispiel Bayern.
Mein Dank gilt an dieser Stelle der Bundeskanzlerin
dafür, dass sie in der kommenden Woche im Gespräch
mit den Ministerpräsidenten den Kinderschutz zur
Chefsache erklären und die Abstimmung mit den Ländern
durchführen wird.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, zur
Ehrlichkeit und Wahrheit gehört aber auch, dass bei allen
beschlossenen Maßnahmen und Programmen kein
Garantiezertifikat ausgestellt werden kann, das besagt, dass es
in Zukunft in Deutschland keinen einzigen Fall mehr
von Kindesmisshandlung oder gar Kindestötung gibt.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang bezüglich
der Diskussion um die Frage Kinderrechte, Kinderschutz
in die Verfassung klar sagen: Die Erfahrung zeigt leider,
dass die Eltern, die uns in der Vergangenheit mit ihrem
Verhalten besonders erschüttert haben, nicht ins
Grundgesetz geschaut haben.
(Zuruf von der FDP: So ein Schmarren! Was
sagt die Ministerin dazu?)
Ich bitte deshalb, diesem Antrag mit einer sehr
umfangreichen Konzeption, mit einem dicht geknüpften
Netz für mehr Kinderschutz zuzustimmen, weil wir
damit das politisch Mögliche auf den Weg bringen.
(Zuruf von der SPD: Es wäre ein wichtiges
Signal!)
Johannes SinghammerIch füge an dieser Stelle hinzu: Neben allen
Programmen, Paragraphen und Gesetzesbestimmungen, die wir
noch formen werden, brauchen wir in Deutschland vor
allem ein Klima der Kinderfreundlichkeit. Dazu kann es
dienen, wenn sich gelegentlich der eine oder andere
Erwachsene auf die Augenhöhe von Kindern, also auf
80 Zentimeter, hinabbewegt. Das muss nicht zur
Verzwergung – auch nicht in der Politik – führen, sondern
kann ein neuer Schritt hin zu mehr Menschlichkeit sein.
Danke schön.
Relationen
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