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Rede von Miriam Gruß (FDP) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,

dip / rede 22.03.2007 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 10 a und 10 b: Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,.

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Text

Rede von Miriam Gruß (FDP) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger, Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Der Präsident des Deutschen Familienverbandes hat gestern davor gewarnt, die Familienpolitik allein auf das Problem der Kinderbetreuung zu reduzieren. Damit hat er natürlich recht. Deshalb freue ich mich, dass wir uns heute im Plenum mit einer ganzen Reihe von Themen beschäftigen, die im weiteren Sinne Teil der Familienpolitik sind: der Schutz von Kindern in Deutschland – darüber sprechen wir jetzt –, Sprache als Schlüssel zur Integration von Kindern und Jugendlichen und die UN- Kinderrechtskonvention, worüber wir später hoffentlich noch sprechen werden. Zunächst zum Schutz von Kindern in Deutschland. Diese Woche erschüttert uns wieder der Fall eines neugeborenen Mädchens, das in Hamburg aus dem 10. Stock eines Hochhauses geworfen wurde und nur noch tot aufgefunden werden konnte. Wieder musste ein Baby in Deutschland qualvoll sterben, weil seine Eltern mit der Situation anscheinend überfordert waren. Die Statistiken hierzu sind tatsächlich unzureichend. Ich freue mich über die Passage in Ihrem entsprechenden Antrag, in der gefordert wird, diese Statistiken auszubauen. Ob die Anzahl der misshandelten oder vernachlässigten Kinder zugenommen hat, lässt sich kaum belegen. Aber die Aufmerksamkeit für solche Fälle hat – das wissen wir alle – deutlich zugenommen. Ich hoffe, dass wir dadurch alle sensibler für Familien werden, dass wir alle genauer hinschauen, ob es einem Kind wirklich gut geht, und dass wir das Signalisieren von Hilfsbedürftigkeit auch in Zukunft richtig zu deuten wissen. Je direkter wir an den Kindern dran sind, desto besser. Deshalb sind hier vor allen Dingen die Kommunen gefragt. Natürlich geht das nicht alles ohne ein entsprechendes Konzept zur Finanzierung. Ich persönlich bin gespannt, wie Sie, verehrte Damen und Herren der Großen Koalition, diese Problematik lösen wollen, die Sie sich durch die Föderalismusreform in Teilen selbst ein- Miriam Grußgebrockt haben. Ich meine, mittelfristig müssen wir neue Akzente in der Gesellschaftspolitik setzen und neue Wege der Finanzierung finden. Das Wohlergehen unserer Kinder sollte uns jede Kraftanstrengung wert sein. Wir können nicht immer erst dann eingreifen, wenn es zu spät ist. Deshalb sind in dem Antrag der FDP- Fraktion zwei Forderungen enthalten: zum einen die nach dem vorsorgenden Schutz – Prävention geht nämlich vor Reha –, zum anderen die nach der – ich halte das für sehr wichtig – frühen Förderung von Kindern. Ich darf Sie aber beruhigen: Ein entsprechender eigener Antrag zu dem Thema, das Sie vorhin angesprochen haben, wird noch vorgelegt werden. Zum ersten Punkt. Wenn wir Kinder besser schützen wollen, müssen wir dorthin schauen, wo die Ursachen für die verschiedenen Formen von Kindesvernachlässigung liegen. Insbesondere wenn das individuelle Versagen innerhalb einer Familie auf soziale oder ökonomische Schwächen trifft, ist Schlimmes zu befürchten. Die betroffenen Menschen dürfen wir nicht vergessen und auch nicht alleinlassen. Das Wohl des Kindes ist nämlich direkt mit der Situation der Eltern verbunden. Wenn diese überfordert sind, leiden die Kinder. Deshalb müssen wir auch die Eltern stärken. Angebote für Schwangere und junge Eltern sind elementar wichtig. Das kann ganz banale Dinge wie das Führen eines Haushalts oder den Umgang mit Geld umfassen. Elternbildung und mehr Elternkompetenz bedeuten auch, die Kinder zu stärken. Zu späte Intervention, mangelnde Vernetzung der verantwortlichen Stellen oder auch Überforderung der Fachkräfte sind die häufigsten Ursachen, wenn Fälle von Kindesvernachlässigung nicht rechtzeitig bekannt werden. Deshalb ist die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte ein weiterer wichtiger Baustein. Die Fachkräfte sind es, die den Familien stützend zur Seite stehen. Hier können wir auch neue Potenziale erschließen, zum Beispiel die Hebammen, die helfen können und wollen, für ihre Arbeit dann aber auch eine sichere gesetzliche Grundlage brauchen. Gefordert ist auch das Umfeld: Familienmitglieder, der Freundeskreis, die Nachbarschaft, Ärzte, Mitarbeiter der Jugendhilfe, aber auch Familiengerichte. Sie alle haben durch ihren Blickwinkel eine individuelle Sicht auf das einzelne Kind und können Veränderungen schneller bemerken. „Hinsehen und handeln“ – das muss das Motto sein. Der Pfad zwischen Unterstützung der Eltern und Kontrolle im Sinne des Kindeswohls ist eng, aber lebenswichtig. Neben dem Schutz ist die Unterstützung von Kindern wichtig, um sie für die Welt stark zu machen. Zur frü-hen Förderung gehört zum Beispiel, Kindern aus sogenannten anregungsarmen Elternhäusern durch Bildung und Erziehung Perspektiven zu eröffnen. Herr Munñoz hat uns gestern wieder einmal unmissverständlich vor Augen geführt, was Chancengleichheit in Deutschland bedeutet. Dazu gehört auch – der Familienverband möge es mir verzeihen – die Betreuung von Kindern. In Zeiten, in denen sich die Ansprüche an das Modell Familie verändern, wächst die Bedeutung der frühkindlichen Bildungseinrichtungen. Auf ihre Qualität ist deshalb besonderes Augenmerk zu legen. Bindung und Bildung sind ausschlaggebend für jedes Kind. Ich komme zum Schluss. – Kinder heute zu schützen, ist unsere ureigene Pflicht. Kinder heute zu fördern, ist unser oberstes Gebot. Kinder zu achten und für ihre Zukunft zu denken, muss gesamtgesellschaftliche Prämisse sein, und zwar nicht nur für uns Familienpolitikerinnen und Familienpolitiker.

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