Rede von Katharina Landgraf (CDU/CSU) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,.
Text
Rede von Katharina Landgraf (CDU/CSU) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die Eltern tragen allein die volle Verantwortung für
das Aufwachsen ihrer Kinder. Die Gesellschaft, wir alle
müssen sie dabei unterstützen. Die Eltern sollen und
dürfen nicht aus der Pflicht entlassen werden. Die
Gesellschaft, die Politik und der Staat sollen für sie Partner
Katharina Landgrafsein. Denn wir dürfen nicht vergessen – Kollege
Singhammer sagte es schon –: 90 Prozent der Eltern
meistern ihre Aufgaben gut, ja hervorragend.
(Ina Lenke [FDP]: Um die geht es doch gar
nicht!)
Sie kümmern sich engagiert um ihren Nachwuchs. Also
gibt es überhaupt keinen Anlass, Eltern verstärkt mit
einem grundlegenden Misstrauen zu begegnen. Tun wir
das aber, geraten sie unter einen ständigen
Rechtfertigungsdruck.
Stattdessen muss die elterliche Erziehungsleistung
noch besser als bisher anerkannt und unterstützt werden.
Das sollte zum Beispiel durch kostenlose Eltern- und
Familienbildung geschehen. Auf diese Weise ist eine
Teilnahme wirklich allen Familien möglich. Das wäre ein
erster Pfeiler einer Brücke zum Kindeswohl.
Es ist natürlich nicht so, dass es Vernachlässigung nur
in armen Familien gibt. Es ist aber traurige Realität, dass
in Deutschland über 2 Millionen Kinder und deren
Eltern in materieller Armut leben. Armutsbekämpfung
kommt den Schutzbefohlenen zugute. Das ist ein
weiterer Pfeiler der Brücke zum Kindeswohl. Darin sehe ich
ein wichtiges Ziel unseres Handelns.
In den Fällen, in denen Eltern ihrer Verantwortung
nicht gerecht werden, muss schnell und unbürokratisch
gehandelt werden. Es geht vor allem darum, rechtzeitig
zu erkennen, in welchen Familien die Kinder nicht
ausreichend versorgt oder gar misshandelt werden. Dazu
haben in den vergangenen Monaten zahlreiche
Bundesländer ordentlich Fahrt aufgenommen. Das geschieht
beispielsweise mit verpflichtenden
Vorsorgeuntersuchungen oder Netzwerken für einen besseren
Kinderschutz. Bei Nichtteilnahme und fehlender Reaktion auf
Mahnungen der Kinderärzte kommen Mitarbeiter des
Jugendamtes in die Familie.
Das finde ich gut.
Von den meisten Eltern werden die
Vorsorgeuntersuchungen übrigens nicht als Kontrolle oder
Überwachung, sondern als Bestätigung und Bestärkung ihrer
guten Betreuungsleistung gesehen.
Das ist gerade in den ersten Lebensmonaten des Kindes
eine wichtige Hilfe und somit ein weiterer Pfeiler meiner
Brücke zum Kindeswohl.
Ein dichtes Netz von Hilfen für Familien in
schwierigen Problemsituationen sollte die
Vorsorgeuntersuchungen ergänzen, und zwar von Geburt an. Die Akteure in
meinem Wahlkreis praktizieren eine enge Kooperation
zwischen Jugendämtern, Polizei und Gesundheitshilfe.
(Ina Lenke [FDP]: Und was ist mit dem
Datenschutz?)
Dieser Aufwand lohnt sich immer, wenn wir Kindern
dadurch helfen und sie schützen können. Zudem muss esregelmäßige Kontakte und einen Datenabgleich
bezüglich schwieriger Familien geben.
(Ina Lenke [FDP]: Wo sind denn da die
Schwierigkeiten?)
Dafür brauchen wir keine neuen Regelungen.
– Hören Sie mir bitte zu, Frau Lenke. – Gemäß § 8 a
SGB VIII sind die einzelnen Behörden zur
Zusammenarbeit angehalten. Das muss nur konsequent und vor
allen Dingen mit qualifizierten Mitarbeitern umgesetzt
werden.
An dieser Stelle setzt das kürzlich ins Leben gerufene
Nationale Zentrum Frühe Hilfen an. Es hat die Aufgabe,
regionale und kommunale Netzwerke, in denen die
Arbeit von Ärzten und Hebammen auf der einen Seite und
der Kinder- und Jugendhilfe auf der anderen Seite
verknüpft wird, zu fördern. Dazu gibt es in fast allen
Bundesländern Modellprojekte. Von Geburt an gehen
Familienhebammen regelmäßig in die Familien.
In meinem Wahlkreis, im Muldentalkreis, gibt es zum
Beispiel das Projekt „Netzwerke für Kinderschutz in
Sachsen“. Es hat eine doppelte Aufgabenstellung:
Unterstützung der Eltern bei der Wahrnehmung ihrer
Erziehungsverantwortung und Sicherstellung des
Kinderschutzes in Risikosituationen durch klare Hilfe- und
Kontrollstrategien.
Das andere Modellprojekt „Pro Kind“ ist ein
Hausbesuchsprogramm für erstgebärende Schwangere in
schwierigen Lebenslagen. Die Begleitung der Frauen
beginnt bereits in der Schwangerschaft und wird bis acht
Wochen nach der Geburt durch eine Hebamme geleistet.
Danach erfolgen die Hausbesuche bis zum zweiten
Lebensjahr des Kindes durch eine Sozialpädagogin. Das ist
das sogenannte Tandemmodell. Die Themen und Inhalte
der Hausbesuche sind den Phasen der Schwangerschaft
bzw. der kindlichen Entwicklung angepasst. Sie
umfassen Bereiche wie gesunde Ernährung für Mutter und
Kind, Gesundheitsvorsorge und psychosoziale
Entwicklung. Dadurch wird Eltern und Kind ein positiver Start
ins Familienleben ermöglicht.
Es sollte für Eltern selbstverständlich sein, in der Zeit
nach der Geburt regelmäßig besucht und informiert zu
werden. Das ist kein Zeichen für Schwäche oder
mangelnde Kompetenz. Ich will mich klar ausdrücken: Das
Gesundheitssystem bildet einen weiteren Brückenpfeiler
eines effektiven Kinderschutzes.
Eines möchte ich hier noch anmerken: Neugeborene
und ihre Eltern stecken von der ersten Sekunde ihres
neuen Status im Dschungel der deutschen Bürokratie.
Allein die Prozedur der Anmeldung von Babys ist echt
nervig für die jungen Eltern. Unsere geschätzte Kollegin
Marie-Luise Dött hat dazu ein Beweispapier vorgelegt.
Am Schluss wird darauf verwiesen, dass man das in
Irland ganz anders macht: Dort kommt ein Staatsbeamter
in die Klinik, nimmt die Daten auf und kümmert sich um
den Gesamtprozess. Das ist letztlich auch eine
Vernetzung und eine Erleichterung für Mütter und Familien.
Wir wollen die Behörden vor Ort, also in den Städten
Katharina Landgrafund Gemeinden, zur rechtsstaatlichen Kooperation im
Interesse des gesunden Aufwachsens der Kinder
ermutigen und gewinnen.
In dieser Woche erreichte mich eine dringende Bitte
aus einem Jugendamt in meinem Wahlkreis. Wir sollten
junge Leute bereits im Schulalter langfristig auf ihre
spätere Elternschaft vorbereiten, also eine Art Führerschein
für Eltern einführen. Auf diese Weise könnten neue
Elternbiografien entstehen, in denen Gewalt und
Vernachlässigung keine Rolle mehr spielen. Das wäre der
Schlussstein meiner Brücke für einen wirksameren
Kinderschutz. So könnten wir ein gesundes Aufwachsen der
Kinder ermöglichen.
Am Potsdamer Platz steht ein großes Plakat mit der
Aufschrift „Nichts ist erledigt“. Wir haben angefangen,
wir müssen aber weiter daran arbeiten. Nichts ist für
unsere Kinder erledigt, mit den Modellprojekten haben wir
aber einen ersten, guten Schritt unternommen. Dafür
möchte ich dem Ministerium danken.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)