Rede von Miriam Gruß (FDP) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,.
Text
Rede von Miriam Gruß (FDP) – Blumenthal, Thomas Bareiß, Thomas Dörflinger,
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen
und Herren! Die Debatte über den heutigen
Tagesordnungspunkt haben wir im März dieses Jahres zum ersten
Mal geführt. Das Traurige ist: Wir sind heute keinen
Schritt weiter. Damals erschütterte uns der Fall Kevin
und der eines Mädchens, das aus dem zehnten Stock
geworfen wurde. Heute sind es der Fall Lea-Sophie und die
Vorkommnisse in Darry oder Plauen. Für all diese
Kinder kommt die heutige Diskussion in diesem Plenum viel
zu spät. Jeden Tag, jede Stunde, vielleicht gerade in
dieser Minute, gibt es zig Kinder in unserem Land, die
unsere Hilfe bräuchten, die von uns aus dem Bundestag,
aus der Politik von Bund, Ländern und Kommunen, aber
natürlich auch aus der Gesellschaft, von Nachbarn und
Menschen in der Umgebung, in der Nähe. Wir alle,
Politik und Gesellschaft, müssen uns heute eingestehen: Es
ist nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf.
Erhebungen des Bundeskriminalamtes zeigen zwar, dass die
Zahl der Kindstötungen nicht steigt. Aber ganz ehrlich:
Wer weiß schon, wie hoch die Dunkelziffer ist? Jedes
vernachlässigte, misshandelte oder tote Kind, egal ob
von einer Statistik erfasst oder nicht, ist eine Niederlage.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir müssen jetzt endlich anfangen, aus unseren Fehlern
zu lernen.
Erstens. Betrachten wir die Kinder- und Jugendhilfe.
Schon hier fehlt es an allen Ecken und Enden. Wir
brauchen mehr Personal. Wenn ein Mitarbeiter des
Jugendamtes 200 Fälle zu betreuen hat, wie soll er dann Zeit
haben, ein Kind in Augenschein zu nehmen und zu
erkennen, wie es dem Kind geht? Den Jugendämtern
müssen als Schnittstelle zu den Familien verlässliche
personelle und sachliche Ressourcen zur Verfügung gestellt
werden. Ebenso muss in die Aus-, Fort- und
Weiterbildung der Mitarbeiter der Jugendämter investiert werden,
damit deren Diagnosekompetenz gestärkt wird.
Zweitens, was die Familien betrifft: Wir brauchen ein
breitgefächertes Angebot der aufsuchenden Hilfe, die
bereits während der Schwangerschaft einsetzt. Wir
brauchen ein Nationales Zentrum „Frühe Hilfen“, das diesenNamen auch verdient und nicht mit vier Mitarbeitern in
einem Baucontainer arbeiten muss.
Wir brauchen eine frühe Identifikation und eine
engmaschige Betreuung, um Überforderungssituationen in den
Griff zu bekommen. Die aufsuchende Hilfe muss durch
besonders qualifizierte Familienhebammen,
Familienfürsorgerinnen und Kinderkrankenschwestern verstärkt
werden. Früher kannten die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter ihre Leute. Die Bürgerinnen und Bürger konnten
sich ohne Scham an sie wenden. Die Hürde, Hilfe in
Anspruch zu nehmen, ist groß. Jeder hier im Raum und alle,
die uns zusehen, dürften wissen, wie schwer es ist,
fremde Hilfe anzunehmen. Das ist vom faden
Beigeschmack des Scheiterns und des Versagens begleitet.
Doch wer selbst Hilfe aufsucht, hat den größten Teil der
Arbeit schon erledigt. Die Diagnose, selber nicht
zurechtzukommen, ist bereits erfolgt. Deshalb brauchen
wir verstärkt niedrigschwellige aufsuchende Angebote.
Wir brauchen darüber hinaus
Erwachsenenbildungskonzepte und Angebote, die die Elternkompetenz stärken.
Nur wenn wir starke Eltern haben, haben wir starke
Kinder.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Drittens. Betrachten wir den Haushalt, das Geld. Ohne
Mehrausgaben und eine Neustrukturierung unserer
Ausgaben werden wir nicht weit kommen. Die Ausgaben für
die Kinder- und Jugendhilfe stagnieren in diesem Jahr.
21 Milliarden Euro sind zwar vermeintlich viel Geld.
Aber dieses Geld kommt in struktureller Hinsicht offenbar
nicht an. Allein die Stagnation dieser Ausgaben zeigt,
welchen Stellenwert Kinder und Familien in unserer
Gesellschaft momentan haben. Erschreckend in diesem
Zusammenhang sind Pressemeldungen aus Halle oder
Bayern – ich will das nur kurz erwähnen, weil es mich
besonders erschüttert hat –, wonach Kinder aus Heimen in
ihre Familien zurückgeführt werden sollen. In Halle geht
es um 314 Kinder. In Bayern ist sogar von allen Kindern
die Rede, die auf lange Sicht nicht mehr in Heimen
untergebracht werden sollen. Der Grund ist klar: Eine
Heimunterbringung kostet pro Kind rund 80 000 Euro im Jahr.
Hier gilt wohl: Lieber ist der Haushalt gesichert als das
Wohl des Kindes. Das darf nicht sein.
Nehmen wir die Diskussion um die Verankerung der
Kinderrechte im Grundgesetz: Natürlich müssen wir
zusätzlich konkrete Hilfen anbieten. Papier allein schützt
kein Leben. Die Aufnahme der Kinderrechte in das
Grundgesetz würde aber Signale setzen. Wir würden
damit zeigen, welchen Wert unsere Kinder in dieser
Gesellschaft haben. Das Kindeswohl und damit die Kinder
würden an oberster Stelle stehen, und wir würden
dadurch eine Kettenreaktion auslösen, die bis jetzt noch
nicht vorhanden ist.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der SPD und der LINKEN)
Ich kann Ihnen sagen: Aus der FDP kommen positive
Signale. Die SPD, die Linke und die Grünen sprechen
sich bereits dafür aus. Jetzt ist es an Ihnen, der Union,
Miriam Grußden hohen Stellenwert, den Sie Kindern in diesem Land
einräumen, unter Beweis zu stellen und nicht zum
Verweigerer der Kinderrechte zu werden.
(Beifall bei der FDP, der SPD, dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN und der LINKEN)
Herr Singhammer, stattdessen verwirren Sie uns
heute in Pressemitteilungen mit der Forderung nach
verpflichtenden Pflichtvorsorgeuntersuchungen und
verbindlichen Untersuchungen zur Pflichtvorsorge.
Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was genau Sie damit
gemeint haben, haben Sie uns noch nicht erklärt, wie die
Ärzte das konkret leisten sollen. Sie wissen selbst: Es
gibt hier noch keine einheitlichen Standards. Es darf
auch nicht sein, dass es Unterschiede in der Behandlung
eines Kindes in Berchtesgaden und in Bremen gibt.
Außerdem haben Sie heute so schön formuliert, es sei
wichtig, dass wir die Eltern ertüchtigen. Abgesehen
davon, dass das Wort „ertüchtigen“ von anno dazumal ist:
Sie glauben doch nicht wirklich, dass Sie die Probleme
hiermit lösen.
Last, but not least verkaufen Sie uns heute ein
37-Punkte-Programm, das nichts anderes enthält als Ihr
alter Antrag – alter Wein in neuen Schläuchen. Es hilft
trotzdem nichts.
Ich fasse zusammen: Was wir wirklich brauchen, ist
eine umfassende Vernetzung aller am Aufwachsen
Beteiligten, einen regen Erfahrungsaustausch und
einheitliche Qualitätsstandards. Wir müssen die Prozesse
evaluieren und ständig nach dem Prinzip leben: Lieber
verbessern als verharren. Kinder werden bei uns leider
immer erst dann vermisst, wenn sie tot sind; so steht es
heute sehr aufrüttelnd in der Zeit. Meine sehr verehrten
Damen und Herren, wir Erwachsenen in der Politik und
in der Gesellschaft sind es, die für unsere Kinder
verantwortlich sind. Wir dürfen uns in 20 Jahren nicht
vorwerfen lassen, die Kinder im Stich gelassen zu haben.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der SPD)