Rede von Monika Knoche (DIE LINKE) – Drucksachen 16/9072, 16/9466
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 26: Drucksachen 16/9072, 16/9466 –.
Text
Rede von Monika Knoche (DIE LINKE) – Drucksachen 16/9072, 16/9466
Frau Präsidentin! Ich bitte um Entschuldigung. Ich
bin hierhergerannt und habe kaum noch Luft. – Herr
Lothar Mark, ich bedauere sehr, dass Sie nicht noch
einmal den Weg ins Parlament gewählt haben; denn Sie sind
– das darf ich auch für die anderen Fraktionen sagen – ein
ausgezeichneter Vertreter nicht nur der deutschen
Interessen in Lateinamerika, sondern auch der
lateinamerikanischen Interessen in Deutschland.
(Beifall bei der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
An dem Bericht und der Beschlussempfehlung, die
wir heute diskutieren, ist mir aufgefallen, dass
bestimmte, ganz wichtige Länder gar nicht genannt sind.
Dazu möchte ich Venezuela, Bolivien, Ecuador und
vielleicht auch Paraguay zählen, Länder, in denen sich durch
demokratische Wahlen und verfassungsgebende
Prozesse, an denen die Bevölkerung teilgenommen hat,
hervorragende Entwicklungen vollzogen haben. In einer
beispielhaften Weise sind neue Regierungen an die
Macht gekommen, die sich zum Ziel gesetzt haben – ich
nenne das Beispiel Bolivien –, endlich die Rechte der
indigenen Bevölkerung zu wahren, zu sichern und
auszubauen und dieser Bevölkerung die Macht in der
Regierung zu geben.
Mein Gespräch, das ich gerade mit dem
bolivianischen Botschafter geführt habe, hat mir gezeigt, wie
wichtig es ist, dass wir darauf achten, dass diese Länder
1) Anlage 6
Monika Knocheihre eigenen Entwicklungspotenziale nutzen können und
nicht durch Freihandelsabkommen, von denen das letzte
ohnehin gescheitert ist, daran gehindert werden, eigene
Produktlinien zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen,
eine unabhängige Wirtschaft aufzubauen. In diesem
Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass das
internationale Verbot, Kokapflanzen anzubauen, diesem Land
ganz schweren Schaden zufügt. Sonst könnte das Land
eine Nutzpflanze entwickeln, die ihm zu wirtschaftlicher
Prosperität verhelfen würde. Über eine solche
Veränderung der Politik muss Deutschland dringend
nachdenken, gerade auch im Hinblick auf Europa.
Ich kann diesem Antrag überhaupt nicht folgen. Man
setzt auf bilaterale Verträge und erkennt die neue
wirtschaftliche Realität nicht an. Gewollt wird eben keine
marktradikale, keine neoliberale Ordnung; vielmehr will
man eine Gesellschaft aufbauen, die über das, was wir
als soziale Marktwirtschaft kennen, hinausgeht. Das ist
eine Demokratie, die es zu unterstützen gilt. Deshalb
wundert es mich sehr, dass Sie die Länder in
Lateinamerika, die diesen demokratischen Weg gehen, hier mit
keinem Wort erwähnen.
Ganz wichtig ist mir auch das Thema Klimawandel;
Sie haben es angesprochen. In Ecuador gibt es ein sehr
unterstützenswertes Projekt, den Regenwald nicht
auszubeuten und die Ölvorkommen nicht zu nutzen. Die
europäische Seite sollte es unterstützen. Wir sollten
unser Know-how dafür zur Verfügung stellen, dass diese
Länder nicht den falschen Weg gehen, die Ressourcen
auszubeuten. Die neue Regierung dort orientiert sich am
Ziel einer nachhaltigen Wirtschaft. Wir müssen sie
dringend unterstützen.
Ich möchte auch auf die neue Agentur IRENA
hinweisen. Sie fördert solche Maßnahmen. Diese Agentur
ist von unserem Abgeordnetenkollegen Hermann Scheer
maßgeblich mit ins Leben gerufen worden. Die
Unterstützung dieser Agentur ist eine wichtige Hilfe, die wir
im Rahmen von Kooperation, von
Entwicklungszusammenarbeit geben können.
Eines zum Schluss – die Zeit rast –: Angesichts der
katastrophalen Entwicklungen im Bereich der
Bekämpfung der Drogenkriminalität in Mexiko sind Deutschland
und andere europäische Länder als die Konsumenten der
illegalisierten Drogen dringend aufgefordert, einmal
gründlich darüber nachzudenken, wie viel Elend, Leid,
Gewalt und Tod der Krieg gegen Drogen in
Lateinamerika gebracht hat.
Ich vertrete hier die Auffassung: Wir müssen im
nächsten Deutschen Bundestag dringend eine Enquete-
Kommission zur Drogenpolitik mit Blick auf das
Problem der Prohibition einrichten. Dieses Netz von
Gewalt, Korruption und Menschenrechtsverletzungen, das
sich im Zuge des sogenannten Krieges gegen Drogen
– ich verweise auf den „Plan Columbia“ in Kolumbien –
entwickelt, ist mit einer Politik der Menschenrechte und
der Achtung der indigenen Bevölkerung nicht mehr in
Einklang zu bringen.Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN)