Rede von Dr. Peter Danckert (SPD) – Drucksache 16/11217
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3 und 4: Drucksache 16/11217 –.
Text
Rede von Dr. Peter Danckert (SPD) – Drucksache 16/11217
Frau Präsidentin! Ich freue mich, vor Ihnen reden zu
dürfen, da Sie stellvertretendes Mitglied unseres
Sportausschusses sind und uns damit in besonderer Weise
verbunden sind.Es ist in der Tat so, dass die Debatte über die
gesellschaftliche Bedeutung des Sports überfällig war. Ich
stimme ausnahmsweise Detlef Parr zu:
Wir alle hätten uns gewünscht, dass das Thema in der
Kernzeit behandelt wird. Wir müssen aber mit Respekt
zur Kenntnis nehmen, dass es in diesen Tagen in
Deutschland und in Europa wichtigere Sachen gibt.
Dann muss man auch einmal bereit sein,
zurückzustecken. Ich glaube, die Regierungserklärung der Frau
Bundeskanzlerin war heute wichtiger, als zur Kernzeit eine
Debatte über den Sport zu führen.
Wir werden unsere Aufgabe wahrnehmen, und ich
sage an dieser Stelle: Ich freue mich sehr, dass das
Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes seine
Präsidiumssitzung von Rostock-Warnemünde nach
Berlin verlegt hat. Es hat heute getagt und eine
Pressekonferenz abgehalten, wie ich gerade gehört habe. Nun
erweist es uns hier Reverenz, wenn ich das einmal so
überzeichnet ausdrücken darf. Ich denke, das ist ein
bedeutsamer Vorgang. Ich kann mich nicht daran erinnern,
dass ein Präsidium in dieser stattlichen Zahl jemals eine
Sportdebatte im Deutschen Bundestag verfolgt hat. Ich
glaube, wir sind da auf einem guten Wege.
Detlef Parr hat es so ausgedrückt: Wir sind
solidarischer und kritischer Partner des Sports. – Wir sind ein
solidarischer Partner – das versteht sich eigentlich von
selbst –, weil wir alle im Interesse des Sports agieren,
und zwar jeder an seiner Stelle. Deshalb ist es
notwendig, dass der DOSB, der häufig in der Kritik von diesen
oder jenen steht, weiß, dass wir ein verlässlicher Partner
sind. Wir erkennen die Rolle des DOSB an. Deshalb darf
ich auch, bezogen auf den schriftlichen Bericht des
DOSB, der jetzt allen vorliegt und den ich fleißig
studiert habe, sagen, dass ich mich sehr darüber gefreut
habe, dass der DOSB in diesem Bericht in allen
Passagen die Rolle des deutschen Parlaments, insbesondere
des Sportausschusses, so eingehend gewürdigt hat. Das
sehe ich als ein gutes, positives Zeichen an, weil wir
dadurch das Gefühl haben, dass die Arbeit, die wir hier im
Interesse des Sports machen, auch von den
Sportfunktionären anerkannt wird.
Es sei mir allerdings erlaubt, an dieser Stelle einen
kleinen Hinweis zu geben. Es findet sich eine Passage
zur Novellierung des Arzneimittelgesetzes in dem
Bericht. Wenn dort zu lesen ist, dass diese auf Anregung
des DOSB erfolgt ist, dann ist das, mit Verlaub gesagt,
eine Verkennung der historischen Entwicklung.
(Dagmar Freitag [SPD]: Eine sehr selektive
Wahrnehmung!)
Es ist das Verdienst von Klaus Riegert und seinen
Mannen in der AG Sport der CDU/CSU und von Dagmar
Freitag, die sich zusammengefunden haben und die zum
Teil gegen den Widerstand des einen oder anderen von
der Regierung einen vernünftigen Beschluss zustande
gebracht haben, der dann umgesetzt worden ist und den
ich als guten Kompromiss bezeichne, wenn er aus
meiner Sicht auch nicht weit genug gegangen ist; aber
Kompromisse haben es an sich, dass nicht alle Wünsche
erfüllt werden. Aber dass dies auf Anregung des DOSB
geschehen sei, der eigentlich, wenn ich das richtig in
Erinnerung habe, bis weit über Mitternacht hinaus an
diesem Tag versucht hat, diesen Kompromiss noch zu
verhindern, ist nicht richtig. Wir sollten in dieser Beziehung
fair miteinander umgehen. Das gehört zu dem
Regelwerk im beiderseitigen Umgang.
Eine Initiative unseres Ausschusses war erfolgreich.
Alles das, was im Bereich des Sports, jedenfalls des
Spitzensports – dafür sind wir ja zuständig –, passiert –
Herr Staatssekretär Bergner, Sie haben das inzwischen
total verinnerlicht; darüber bin ich sehr froh –, geschieht
aufgrund eines Beschlusses des Parlaments. In Vollzug
des Beschlusses des Haushaltsausschusses hat das
Parlament beschlossen, dass bei jeder Förderung, also auch
bei der Sportförderung, angemerkt werden muss, dass
sie aufgrund eines Beschlusses des Parlaments erfolgt.
Ich darf den Berichtsverfassern Dank sagen, dass
ausdrücklich hervorgehoben worden ist, dass dem DOSB
und seinen Gliederungen immerhin fast 230 Millionen
Euro aufgrund eines Beschlusses des Parlaments zur
Verfügung gestellt werden. Ich finde gut, dass das
erwähnt worden ist; denn das zeigt, wo die
Verantwortlichkeiten an dieser Stelle sind.
Die Bedeutung des Sports in unserer Gesellschaft
– da hat Detlef Parr ganz recht: auch für Menschen mit
einer Behinderung, etwa mit einer geistigen
Behinderung – haben wir inzwischen auch dank der Verdienste
von Klaus Riegert, meinem Vorvorgänger Friedhelm
Julius Beucher und vielen anderen so verinnerlicht,
dass wir sie nicht bei jeder Gelegenheit ausdrücklich
betonen müssen; im Forderungsteil dieses Antrags wird sie
beschrieben. An dieser Stelle gibt es – das ist allen
bekannt – übergreifende Verpflichtungen, die sich aus
der Rolle des Sports ergeben. Das ist gut und richtig so.
Auch was das Thema Gesundheit angeht, haben wir
inzwischen begriffen, dass Sport eine ganz wesentliche
Rolle bei der Bekämpfung von Kosten im
Gesundheitswesen spielt.
Ich komme jetzt auf den Spitzensport zu sprechen. Es
wäre im Sinne eines fairen Umgangs miteinander
richtig, die Dinge so zu benennen, wie sie sind. Meine
persönliche Kritik an der Bewertung der Ergebnisse von
Peking ist, dass ich nicht erkennen kann, dass wir wegen
zwei Goldmedaillen mehr in der Medaillenbilanz ein
vernünftiges Ziel erreicht haben. Ja, es ist gesagt
worden: Wir wollen mehr Goldmedaillen; wir wollen
unseren Platz in der Nationenwertung verbessern. – Diese
Bewertung geht aber nicht in die Tiefe, sondern
beschränkt sich darauf, eine Zahl zu vergleichen. Ich finde,
wir müssen so miteinander umgehen, dass erkennbar ist,
dass die Probleme gesehen werden.
Im Sportausschuss sind gestern zwei sehr interessante
Bemerkungen gemacht worden. Die eine Bemerkung
war von Herrn Professor Mester, der gesagt hat – dassind jetzt meine Worte –: Die Bilanz seit den
Olympischen Spielen in Barcelona ist desaströs, weil wir von
Mal zu Mal weniger Medaillen gewinnen. Wir haben in
Barcelona 82 Medaillen gewonnen und in Peking 41.
Darin kann man keinen positiven Trend sehen; auch die
Umkehrung eines Trends ist nicht erkennbar. Es war sehr
bemerkenswert, dass der für den Leistungssport
zuständige Sportdirektor das in der Debatte gestern bestätigt
hat. Er hat nämlich ausdrücklich gesagt: Es ist in der Tat
so, dass wir seit Barcelona einen Abwärtstrend zu
verzeichnen haben, den wir auch in Peking nicht haben
aufhalten können.
Auf diesen Feststellungen aufbauend, muss sich
unsere Gesellschaft fragen, was für einen Spitzensport wir
eigentlich wollen. Meine Antwort darauf – übrigens
auch die der Bundeskanzlerin – lautet: Wir wollen einen
internationalen Spitzensport, der im Wettbewerb der
führenden Nationen der Welt bestehen kann. Das heißt für
uns Parlamentarier, dass wir bereit sein müssen, die
Mittel für den Spitzensport zu erhöhen. Das haben wir, das
Parlament, in den letzten Jahren getan. Ich füge an dieser
Stelle hinzu: Das ist zum Teil mit Unterstützung des
Ministeriums geschehen. Es hat die Grundlagen gelegt, und
der Haushaltsausschuss, der Sportausschuss und das
Parlament insgesamt haben noch etwas draufgesattelt. Die
Antwort, die wir geben müssen, lautet: Wir sind bereit,
mehr zu tun, ich sage: noch mehr zu tun.
Aber nun ist es auch an den Fachverbänden, sich um
ihre Hausarbeiten zu kümmern. Ich sehe an dieser Stelle
wenig Bewegung. Es kann nicht nur um Personalspiele
gehen, etwa darum, einen Bundestrainer zum
Sportdirektor zu machen; vielmehr müssen sich die Strukturen
im Sport verändern, damit wir in London bestehen
können. Das muss unser gemeinsames Ziel sein. An dieser
Stelle haben einige noch sehr viel zu tun. Wir sind
bereit – das gilt auch für die nächsten Haushaltsjahre –,
alles zu tun, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Ein letztes Wort zu etwas, was mir ebenfalls am
Herzen liegt. Die Entscheidung des Ad-hoc-
Schiedsgerichtes, das sich zu dem Fall Busch konstituiert hat, ist
wirklich ein Trauerspiel. Es geht mir dabei nicht um die
Frage, ob Busch hätte gesperrt werden müssen oder
nicht. Er hatte es verdient, auch wenn es vielleicht nur
eine törichte Geschichte war. Aber dass die Übernahme
des NADA-Codes in das Regelwerk des Deutschen
Eishockey-Bundes nicht erfolgt ist und deshalb eine
Sanktionierung des Verhaltens von Herrn Busch nicht
erfolgen konnte, ist ein schlimmer Vorgang, zumal wir nach
dem Abschlussbericht der Taskforce „Doping“ seit dem
19. Dezember von diesen Mängeln wissen. Was ist
eigentlich an dieser Stelle geschehen? Ich möchte wissen,
wo die Versäumnisse liegen. Sie liegen sicherlich nicht
nur beim DOSB.
Ein allerletztes Wort zum Thema Doping. Es ist auch
eine Aufgabe des IOC, dafür zu sorgen, dass wir hier
weltweit einheitliche Standards haben. Es ist schön, dass
wir in Deutschland inzwischen ein sehr hohes Niveau im
Kampf gegen Doping erreicht haben. Das ist dem
DOSB, der NADA und diesem Haus zu verdanken, das
zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt hat. Aber das
IOC muss darauf achten, dass es nicht immer wieder
Länder gibt, die sich diesem Reglement unterziehen und
nichts tun. Jamaika ist an dieser Stelle ein trauriges
Beispiel. – Ich komme zum Schluss, Frau Präsidentin. – Das
IOC kann sehr wohl etwas tun. Es könnte diejenigen
Länder von der Teilnahme an den Olympischen Spielen
ausschließen, die sich diesem Regelwerk und den
eindeutigen WADA- und NADA-Codes entziehen. So
werden Sportler weltweit unterschiedlich behandelt; das
betrifft auch unsere Sportler. Das IOC ist in der Lage und
hat auch die Macht dazu, entsprechend zu handeln.
Deshalb meine herzliche Bitte an jemanden, der hier
anwesend ist und der an dieser Stelle Einfluss hat, etwas dafür
zu tun, dass es für die Sportler weltweit vergleichbare
Bedingungen gibt.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
des Abg. Dr. Werner Hoyer [FDP])