Rede von Jan Korte (DIE LINKE) – Drucksache 16/12594
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 35: Drucksache 16/12594 –.
Text
Rede von Jan Korte (DIE LINKE) – Drucksache 16/12594
Wir debattieren heute über eine Gesetzesänderung,
vorgeschlagen durch die Bundesregierung, zu einem
Gesetz, das die Regierung selber vor kaum drei Jahren durch
das Parlament gedrückt hat. Die Rede ist vom Gesetz zur
Einrichtung einer Bundesanstalt für den Digitalfunk der
Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.
Bereits in den Debatten 2006 hat sich die Fraktion Die
Linke gegen die Einrichtung einer solchen Bundesanstalt
ausgesprochen, jedoch nicht, wie uns aus der Koalition
immer wieder vorgeworfen wurde, weil wir gegen eine
über die Ländergrenzen hinweg funktionierende
Kommunikation beispielsweise zwischen den Feuerwehren, dem
Katastrophenschutz oder der Polizei waren. Im
Gegenteil, wir, Die Linke, sprechen uns seit langem dafür aus,
die vorsintflutartigen Kommunikationsmittel auf
analoger Basis durch digitales Gerät auszutauschen. Seit
Jahren wird nun an Geräten, Funkmasten und
Zertifizierungen für diese herumgedokter – ohne messbaren Erfolg.
Die bundesweite Inbetriebnahme des Digitalfunks steht
aus und wird wohl noch einige Jahre auf sich warten
lassen. Ein deutsches Novum in der europäischen
Sicherheitsarchitektur! Da werden Datenbanken aufgebaut,
millionenfach Personendaten ausgespäht, auf Vorrat
gesammelt und international weitergegeben,
Geheimdienste und Militär in die Polizeiarbeit eingebunden, der
Kampf gegen den Terrorismus medienwirksam inszeniert,
und woran krankt unsere Sicherheitsarchitektur wirklich:an Funkgeräten. Das ist ein Schildbürgerstreich ohne
Beispiel. Das Vorgehen der Regierung ist so peinlich,
dass man sich sogar als Oppositionspolitiker für die
Koalitionsmehrheit fremdschämen muss. Neben den Knoten
in der Sicherheitskommunikation gehört deshalb auch
das Fremdschämen aufgehoben.
Nun will die Bundesregierung mit ihrer heute
vorliegenden Gesetzesänderung ihr eigenes Gesetz von 2006
nachbessern. Plötzlich werden Kritikpunkte an der
zuständigen Bundesanstalt, die erst 2007 eingerichtet
wurde, aufgegriffen, welche die Opposition bereits zum
damaligen Zeitpunkt öffentlich machte. Es bleibt aber
dabei: Der Nachbesserungsversuch der Regierung ist ein
hilfloser Versuch, denn nun, nachdem die Bundesländer
bereits Geräte für den Digitalfunk angeschafft haben,
stellt die Regierung fest, dass die Bundesanstalt mit der
Zertifizierung und der Prüfung der Geräte auf
länderübergreifende und störungsfreie Nutzung und
Kompatibilität hin überfordert ist. Deshalb soll es zukünftig möglich
sein, diese Aufgaben abzugeben, das heißt externe
Prüfstellen damit zu betrauen. Mit der Änderung des von § 13
Abs. 2 BDBOS-Gesetz sollen gleichzeitig der
Bundesanstalt zusätzliche Befugnisse gegenüber Behörden anderer
Bundesministerien übertragen werden.
Ganz schlau ist im Übrigen auch, dass die
Bundesregierung jetzt – über den neuen § 15 b und c – drei Jahre
nach Gesetzeseinführung und zwei Jahre nach der
Einrichtung der Bundesanstalt definiert, wie die
Zertifizierungsverfahren und Einzelheiten des Zertifikats
auszugestalten sind. Der Opposition hätte die Große Koalition
bei einem Gesetzentwurf, welcher derart viele Defizite
aufweist, jedwede politische Kompetenz abgesprochen.
Bis heute ist die Bundesanstalt ihrer eigentlichen
Aufgabe nicht nachgekommen. Laut Gesetz hat die
Bundesanstalt die Aufgabe, im Öffentlichen Interesse ein
bundesweit einheitliches digitales Sprech- und Datenfunksystem
für Behörden und Organisationen mit
Sicherheitsaufgaben aufzubauen, zu betreiben und seine
Funktionsfähigkeit sicherzustellen“. Weder wurde bis heute ein solches
System aufgebaut, noch ist die Funktionsfähigkeit
gesichert; denn die Kompatibilität der bisher angeschafften
Geräte und der Aufbau der notwendigen Funkmasten
stehen weiter in den Sternen.
Der Digitalfunk in Deutschland ist ein weiteres
Millionengrab der Großen Koalition. Die daraus folgenden
Kommunikationsschwierigkeiten von
Sicherheitsbehörden verschärfen die Sicherheitslage in Deutschland. Die
Linke wird der Gesetzesänderung nicht zustimmen und
fordert die Regierung auf, endlich im Sicherheitsinteresse
der Bürgerinnen und Bürger zu handeln.
Silke Stokar von Neuforn (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN):
Der BOS-Digitalfunk kommt später, und er wird
wesentlich teurer als bislang geplant – das ist die zweifach
schlechte Botschaft, die sich hinter diesem Gesetzentwurf
verbirgt. Was ganz Europa kann, bringt das Hightechland
Deutschland mit seinem föderalen Wahnsinn nicht
zustande, und ich kann dieser Bundesregierung noch nicht
einmal die alleinige Schuld in die Schuhe schieben. Zu Protokoll gegebene Reden
Silke Stokar von NeufornWir erinnern uns noch an das großspurige
Versprechen von Otto Schily: Der Digitalfunk kommt pünktlich
zur Fußball-WM 2006. Dann gab es Alleingänge des
ehemaligen Bundesinnenministers, Verträge per Handschlag
und einen festgefahrenen Konflikt mit allen
Bundesländern, die nun einmal zu beteiligen sind, weil es bei der
Föderalismusreform I nur um das BKA ging und nicht
darum, dass der Aufbau eines einheitlichen, bundesweiten
Digitalfunks als Aufgabe des Bundes definiert wird. Jetzt
haben wir eine schwerfällige Bund-Länder-Behörde, die
mit der Bewältigung dieses Großprojektes schon
aufgrund ihrer Organisationsstruktur überfordert ist.
Nach Presseberichten – „Handelsblatt“ vom 6. Mai;
der Sachstandsbericht liegt den Mitgliedern des
Innenausschusses nicht vor – sind die Gesamtkosten um
30 Prozent auf 3,625 Milliarden Euro gestiegen, die
Einführung verzögert sich nach derzeitigem Stand bis 2012.
Es werden mehr Funkstationen gebraucht als
ursprünglich geplant, und in der Bevölkerung gibt es ganz
offensichtlich Widerstand gegen immer neue Sendemasten,
deren Strahlung nicht genau eingeschätzt werden kann. Die
unendliche Geschichte der Einführung des BOS-
Digitalfunks in Deutschland wird auf jeden Fall weiter
geschrieben, und bis dahin funken wir weiter analog oder bauen
parallel Insellösungen auf und ab.
Es ist prima, dass die Bundesregierung jetzt beginnt,
verbindliche Standards zu setzen, und ich kann nur
hoffen, dass die Länder, inklusive Bayern, hier zustimmen
können. Die Klarstellung, dass die BDBOS ihre Aufgaben
und Befugnisse nur im öffentlichen Interesse wahrnimmt
und die vorgesehene Klärung der Zuständigkeiten auf,
dem Gebiet der Versorgung sind
Selbstverständlichkeiten, die nicht erneut eine Welle der Debatte auslösen
sollten. Dass es eine Zertifizierung der Endgeräte geben
muss, sollte auch für alle nachvollziehbar sein.
Wir haben gegen diese Änderungen keine Einwände.
Wir sind allerdings nicht bereit, die Verantwortung für
weitere Kostensteigerungen und Verzögerungen mit zu
übernehmen. Es mangelt an Transparenz gegenüber dem
Parlament, und es ist den Abgeordneten kaum möglich,
hier gestaltend einzugreifen. Der Murks beim BOS-
Digitalfunk ist der Murks der Innenminister. Otto Schily
wollte seinen Alleingang, und Schäuble geht den falschen
Weg weiter. Für das Projekt BOS-Digitalfunk lehnen wir
die Mitverantwortung ab. Beim Gesetzentwurf der
Bundesregierung enthalten wir uns, weil einige Regelungen
durchaus vernünftig sind, aber insgesamt das verkorkste
Verfahren damit nicht gerettet werden kann. Der BOS-
Digitalfunk braucht eine Evaluierung, ein transparentes
Kosten-Controlling und eine Neuausrichtung.
Relationen
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