Rede von Hans Eichel (SPD) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Hans Eichel (SPD) – Plenarprotokoll 16/73
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! EU-Ratspräsidentschaft und G-8-
Präsidentschaft im nächsten Jahr sind eine große
Herausforderung. Dabei ist die Regierung gerade ein Jahr im Amt.
Ich erinnere mich, dass das bei Rot-Grün noch ein
bisschen knapper war. Die Regierung war erst ein Vierteljahr
im Amt, als sie diese Doppelpräsidentschaft zu schultern
hatte. Frau Bundeskanzlerin, das geschieht in einer Zeit,
in der die europäische Lage – das kann Vorteile, aber
auch Nachteile haben – durchaus unübersichtlicher ist.
Es ist nicht erkennbar, wer von den großen Staaten von
sich aus eine Führungsrolle in der Europäischen Union
übernehmen könnte. Es ist erfreulich, dass Italien nach
einer Reihe von Jahren unter Berlusconi, als es
europäisch eine Nullnummer war, in die Mitte der
europäischen Politik zurückgekehrt ist, obwohl Italien noch eine
Reihe innerstaatlicher Probleme zu bewältigen hat.
Herr Westerwelle, es hat nie eine Achse Paris-Berlin-
Moskau gegeben, es war nicht einmal die Rede davon,
vielmehr hat es über längere Zeit – das gilt zurzeit nicht;
das bedauere ich; das liegt nicht an Deutschland – einen
relativ starken französisch-deutschen Motor in der
europäischen Integration gegeben.
Ich glaube nach wie vor, dass es gut wäre, nicht um
andere auszuschließen, aber um Einigungen möglich zu
machen – hier kann ich nur auf das hinweisen, was Jean-
Claude Juncker des Öfteren zu diesem Thema gesagt hat –,
wenn es einen Gleichklang zwischen Paris und Berlin in
zentralen Fragen der Europapolitik gäbe.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Deutschland – das ist ein großer Vorteil – ist den
Makel, den Stabilitätspakt nicht einhalten zu können, los.
Das verbessert – hier hat die Bundeskanzlerin Recht –
natürlich unsere Position in dieser Situation.
Anders, Herr Westerwelle, als Sie sagen, ist
inzwischen die deutsche Wirtschaft, was das Wachstum
betrifft, mit an der Spitze in der Eurozone und der
Europäischen Union. Das kommt daher, weil anders als andere
in den letzten Jahren die deutsche Wirtschaft, aber auch
die deutsche Politik eine Fülle von Entscheidungen
getroffen hat, die es jetzt möglich machen, die
weltwirtschaftlichen großen Chancen voll zu nutzen und in
Europa nachhaltig nach vorne zu gehen, wenn uns nicht
externe Probleme, die wir nicht beeinflussen können,
wieder zurückwerfen.
Es war sowohl die Vorgängerregierung als auch die
große Koalition, die im ersten Jahr ihres Bestehens inder Wirtschafts- und Finanzpolitik durchgängig die
richtigen Entscheidungen getroffen hat. Das ist eine gute
Basis für die EU-Ratspräsidentschaft; denn die
Erwartungen sind hoch.
Das kommt auch daher, weil Sie, Frau
Bundeskanzlerin – das bestreitet niemand –, kurz nach der
Amtsübernahme geholfen haben, eine sehr schwierige Aufgabe in
Europa, nämlich die Finanzielle Vorausschau von 2007
bis 2013, zu lösen. Aber ich sage ausdrücklich – das
müssen wir auch unseren europäischen Partnern sagen –:
Die Erwartungen könnten auch zu hoch sein, denn es
geht – hier haben Sie Recht, Frau Bundeskanzlerin –
künftig in Europa in zentralen Fragen nur gemeinsam,
mit allen 27, voran oder es geht gar nicht voran. Wir sind
in vielen Fragen, anders als wir es im
Verfassungsprozess gewollt haben, in der Situation, dass
Entscheidungen nur einstimmig getroffen werden können. Wir
erleben es ja dieser Tage – ich will das im Moment gar nicht
kritisieren –, es wird sich zeigen, ob am polnischen Veto
die Aufnahme der Verhandlungen mit Russland über ein
Partnerschafts- und Kooperationsabkommen scheitert
oder nicht, ob angesichts der zyprischen Politik die
weiteren Verhandlungen – das ist Gott sei Dank zurzeit
abgebogen worden, auch Zypern hat das begriffen – mit
der Türkei abgebrochen werden oder nicht. Da zeigt sich
plötzlich, dass in diesem Europa auch ganz kleine
Mitglieder eine ganz große Rolle spielen können. Deswegen
ist die Behauptung falsch, Herr Westerwelle, dass sich
die Vorgängerregierung nicht um die Kleinen bemüht
habe. Ich weiß, wie oft der Bundeskanzler und ich als
Finanzminister in den Nachbarstaaten der
Bundesrepublik, und zwar auch in den kleinen Nachbarstaaten,
gewesen sind. Es gab nämlich einen sehr klugen Satz einer
hochrangigen Beamtin in diesem Hause, der lautete:
Schaff dir deine Freunde, bevor du sie brauchst; wir
brauchen sie alle. – Das ist völlig richtig.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Aber, meine Damen und Herren, alle müssen ihren
Beitrag dazu leisten. Damit sind wir bei dem nächsten
schwierigen Thema, nämlich dem Verfassungsprozess.
Frau Bundeskanzlerin, Sie haben sich ein hohes Ziel
gesteckt, nämlich vor der Europawahl 2009
klarzumachen, wie es mit der Verfassung weitergeht, und zwar
gemeinsam, sodass dann die Wähler in Europa wissen, wie
und unter welchen Bedingungen künftig Europa weiter
gestaltet wird, weil es mit den jetzigen Regeln – darüber
sind sich ja im Grunde alle einig – wohl auf Dauer nicht
gehen kann. Das, meine Damen und Herren, bedeutet,
dass alle mitmachen müssen. Bis heute haben 18 Länder
Ja und zwei Länder Nein gesagt. Offen stehen bislang
noch die Voten von sieben Ländern. Ich muss übrigens
darauf hinweisen, dass von den 18 Ländern, die Ja
gesagt haben, sieben Länder das in Kenntnis der negativen
Voten von Frankreich und den Niederlanden getan
haben. Es ist also nicht so, dass der Ratifizierungsprozess
danach abgebrochen worden wäre. Alle müssen ihren
Beitrag leisten. Deswegen muss man denjenigen, die
Nein gesagt haben, auch sagen: Ihr müsst zur Kenntnis
nehmen, dass zwei Drittel der Länder Ja gesagt haben,
Hans Eichelund zwar die Hälfte davon in Kenntnis eures negativen
Votums.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Es ist auch wahr, dass es in Irland und Dänemark
zwei Voten gegeben hat. In diesen Ländern ist dieselbe
Frage nach dem ersten, negativen Referendum noch
einmal gestellt und dann beim zweiten Referendum positiv
beantwortet worden. Ich sage nicht, dass das die Lösung
sein wird, aber ich denke schon, dass diejenigen, die
Nein gesagt haben – das ist ein kleine Minderheit –, das
in ihre eigenen Erwägungen einbeziehen müssen. Hier
gilt in der Tat: Entweder machen alle mit oder es kommt
nicht zustande. Das ist die Voraussetzung für den Erfolg.
An dem Willen der deutschen Präsidentschaft fehlt es
ganz gewiss nicht. Es darf aber auch nicht an dem Willen
jedes einzelnen anderen fehlen.
Sie, Frau Bundeskanzlerin, haben in der
Regierungserklärung das europäische Wirtschafts- und
Sozialmodell als einen Schwerpunkt der deutschen
Präsidentschaft angesprochen. Zum Sozialmodell wird nachher
mein Kollege Axel Schäfer einiges sagen. Ich will mich
auf die wirtschaftliche Seite konzentrieren. Ja, wir
wollen ein wettbewerbsfähiges Europa, aber
Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Zusammenhalt gehören für uns und
auch für diejenigen, die die Lissabonstrategie erdacht
haben, untrennbar zusammen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wettbewerb treibt uns nicht auseinander, sondern macht
uns gemeinsam stärker und gibt uns die Fähigkeit, auch
die Schwächeren mitzunehmen. Das ist die Zielsetzung.
Nun führen wir in der Tat eine sehr kritische Diskussion
in Europa über die Koordinierung der Wirtschafts- und
Finanzpolitik, insbesondere ausgehend von Frankreich.
Das wird uns im nächsten Halbjahr auch in der
deutschen Präsidentschaft erreichen. Dazu muss man einige
Takte sagen:
Erstens. Die Lissabonstrategie war am Anfang zu
sehr zerfasert. Sie ist inzwischen auf vier Themen
konzentriert. Das ist richtig so. Diese sind: Wachstum und
Beschäftigung, Innovation, bessere Rechtsetzung und
Energiepolitik. Man muss an dieser Stelle klarmachen,
dass die Lissabonstrategie, die Europa zu der
wettbewerbsfähigsten Region der Welt machen will – ein sehr
hohes Ziel –, fundamental auf der Solidarität der Staaten
aufbaut. Darauf baut Europa überhaupt auf. Das bedeutet
auch, dass die Reicheren für die Ärmeren in Europa
einstehen. Dies hat Konsequenzen, die wir klarmachen
müssen. Es geht bei der Lissabonstrategie nicht um den
Wettbewerb der Staaten, sondern es geht um den
Wettbewerb der Unternehmen. Es geht darum, dass wir alle
vorangehen. Dann können wir in der Tat sehen, wer der
Bessere ist, dann können wir beispielsweise sehen, dass
wir die beste Familienpolitik machen, die besten
Schulen und Hochschulen haben und dass wir die besten
Forschungsergebnisse und die beste Umsetzung dieser
Ergebnisse in neue Produkte erzielen.
(Beifall bei der SPD)Darum geht es, aber nicht darum, dass der eine
Arbeitnehmer dem anderen Arbeitnehmer – das betraf die
Dienstleistungsrichtlinie – zum Beispiel durch
Sozialdumping schadet. Es geht auch nicht darum, dass der
eine Staat dem anderen Staat durch Steuerdumping das
Steuersubstrat entzieht. Deswegen sind wir
nachdrücklich für eine gemeinsame Besteuerungsgrundlage bei
den Unternehmen.
Ich sage auch ausdrücklich: In der weiteren Entwicklung
kann ich mir einen gemeinsamen Markt mit 27
unterschiedlichen Steuersystemen und mit 27 völlig
unterschiedlichen Sozialsystemen nicht vorstellen.
Dann ist die Freiheit der Betriebe und die Freiheit der
Menschen nicht gewährleistet.
Sie müssen in Europa perspektivisch und bei gleich
guter Entwicklung der Staaten auch gleiche Chancen
vorfinden.
Zweitens. Wir müssen die Strategien
zusammenfassen. Es kann nicht sein, dass die Nachhaltigkeitsstrategie
von Lissabon und der Stabilitäts- und Wachstumspakt
unverbunden und zum Teil widersprüchlich
nebeneinander stehen. Das müssen die wirtschaftspolitischen
Leitlinien leisten. Wir haben die Instrumente in Europa und
wir haben die Gremien. Das sage ich unseren
französischen Freunden. Die entscheidende Frage ist, ob die
nationalen Staaten und Regierungen bereit sind, die
europäische Koordinierung in ihr jeweiliges nationales
Handeln umzusetzen.
Daraus ergibt sich der europäische Mehrwert, zum
Beispiel die gemeinsamen Anstrengungen im Bereich
Forschung und Entwicklung, die ein zentrales Element der
Lissabonstrategie darstellen.
Drittens: Energiepolitik und Klimaschutz. Europa
muss dabei auch für die Zeit nach 2012 eine führende
Rolle spielen. Aufgrund der Tatsachen, dass wir erstens
besonders stark vom Import abhängig sind – jetzt
50 Prozent, in der Perspektive 70 Prozent unserer
Energie werden importierte Energie sein – und zweitens die
fossilen Energieträger zur Neige gehen, stehen wir vor
riesigen Herausforderungen. Die erste Herausforderung
haben wir im Innern zu bewältigen. Da ist die
allerwichtigste Aufgabe mehr Energieeffizienz. Mit Blick darauf
müssen wir riesigen Druck machen. Das muss eine
gemeinsame europäische Anstrengung sein. Europa muss
an dieser Stelle Vorbild sein und anderen zeigen, wie es
geht.
Die zweite Herausforderung liegt in der Nutzung der
regenerativen Energien und dem gemeinsamen
Binnenmarkt für Gas und Strom. Darüber wird im Einzelnen
noch zu reden sein. Das bedeutet ausdrücklich auch
Wettbewerb. Deswegen muss es möglich sein – das will
Hans Eichelder Bundeswirtschaftsminister, aber auch die
Kommission –, darüber zu einem gemeinsamen Ergebnis
zwischen der Bundesregierung und der Kommission zu
kommen.
Meine Damen und Herren, das hat auch
Konsequenzen nach außen. Wir müssen unsere Bezugsquellen
diversifizieren: Russland, Norwegen, Nordafrika, der
Nahe Osten und auch Zentralasien. Das Thema
Energiepolitik ist zu Recht ein zentrales Element der
Außenpolitik. Wir müssen die Beziehungen auf eine sichere Basis
stellen. Dazu brauchen wir unter anderem das
Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Russland.
Natürlich ist uns nicht egal, wie Russland sich im Innern
entwickelt; das ist wohl wahr. Aber wir müssen auch
feststellen, dass Russland immer, die ganzen Jahrzehnte
über, ein verlässlicher Partner in der Energiepolitik, bei
der Energielieferung war. Zu keiner Zeit haben wir
etwas anderes erlebt.
(Markus Löning [FDP]: Das sieht die Ukraine
aber anders!)
Wir wollen, dass die Prinzipien der Energiecharta
auch in das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen
aufgenommen werden. Ich denke, es ist vernünftig, eine
Verflechtung zwischen Russland und der
Westeuropäischen Union auch bei der Energieversorgung
herbeizuführen. Wir haben viel an Know-how und Kapital zu
bieten, das die Russen für ihre Energiepolitik brauchen. Das
muss auch umgekehrt gelten; eine solche Verflechtung
kann nie einseitig sein, sondern muss in beide
Richtungen gelten.
Was Polen betrifft, müssen wir diesem Land
garantieren, dass es seine Gaslieferung, wenn nicht vom Osten,
vom Westen bekommt. Das kann überhaupt nicht streitig
sein. Ich hoffe, dass die finnische Präsidentschaft es
noch schafft, das Problem zu lösen. Denn, meine Damen
und Herren, auch das muss man den Polen sagen: Das
Energiethema ist für uns alle zu wichtig, als dass diese
Frage durch das Veto eines einzelnen Landes über
längere Zeit verzögert werden könnte. Auch das muss klar
sein.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Zum Schluss: Frau Bundeskanzlerin, Sie und das
ganze Kabinett – und alle anderen wollen sicher gerne
helfen – haben mit der Doppelpräsidentschaft eine
riesige Aufgabe vor sich. Ich wünsche Ihnen dazu alles
Gute und sage ganz ausdrücklich: Die Unterstützung
ganz gewiss der SPD-Fraktion, aber nicht nur dieser,
werden Sie bei dieser Aufgabe haben.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)