Rede von Hans-Kurt Hill (DIE LINKE) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6 und 7: Drucksachen 16/8148, 16/8393 –.
Text
Rede von Hans-Kurt Hill (DIE LINKE) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist ein Erfolgsmodell.
Ich will es gleich vorwegnehmen: Die Linke wird der
Neuregelung des EEG zustimmen.
(Zurufe von der SPD: Oho! – Dr. Maria
Flachsbarth [CDU/CSU]: Oh, tatsächlich?)
Strom aus Wind, Wasser, Sonne, Biomasse und
Erdwärme steht für bezahlbare Energien und wirksamen
Klimaschutz. Erneuerbare Energien sichern die Strom-
Hans-Kurt Hillversorgung der Zukunft. Sie sind eine Investition in
den Frieden, und sie schaffen neue sichere Arbeitsplätze.
Diese Entwicklung wurde durch das EEG möglich; das
muss klar gesagt werden.
Wie nicht anders zu erwarten: Die FDP lehnt den
Gesetzentwurf und damit die gesamte Erfolgsgeschichte ab.
Gut, wer sich bis auf die Knochen blamieren will, der
kann das tun. Man muss aber mit Blick auf die Debatte
der letzten Tage und Wochen feststellen: Das EEG bleibt
nur deshalb ein Erfolg, weil die CDU/CSU ihre
Kettenhunde der Atomlobby „zurückgepfeiffert“ hat.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Erzähl kein
Zeug! – Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]:
Das ist ja unterste Schublade!)
Herr Kelber, Ihnen und Ihren Kollegen gilt mein
Respekt in der Sache. Ich freue mich, dass ich viele
Vorschläge der Linksfraktion in der Endfassung
wiedergefunden habe.
Beim nächsten Mal sollten wir – das müssen Sie mir
versprechen – die Gelegenheit haben, unsere
Änderungsvorschläge vor der Vorlage der Endfassung
einzubringen. Denn wir wollen, dass den Netzbetreibern endlich
in Sachen Einspeisung auf die Finger geklopft und
Biomasse effizienter genutzt wird.
Bei den Importen von Agroenergie ist uns der
Gesetzentwurf allerdings nicht konsequent genug. Wir wollen
keine Einfuhr von Soja und Palmöl.
Wir haben gute Startbedingungen für
Offshorewindenergie und Geothermie. Gleichwohl muss auch Kritik
erlaubt sein; denn die Qualität des EEG hat unter dem
Dauerstreit zwischen Christ- und Sozialdemokraten doch
einigermaßen gelitten.
Beispiel Solarenergie. Die Linksfraktion hätte sich
gewünscht, dass die jährlichen Fördersätze nicht so
drastisch gesenkt werden, um für die kleinen Leute, also in
Kleinstanlagen von bis zu 5 Kilowatt Leistung, die
Möglichkeit der Erzeugung von Solarstrom zu erhalten.
(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Das
haben wir doch gemacht!)
– Frau Flachsbarth, hier fordern wir nach wie vor den
Erhalt der Degression bei 5 Prozent.
Jetzt gibt es einen atmenden Deckel – Sie haben es
ausgeführt – und, was ich erstaunlich finde, eine
Erfolgsstrafe. Die Fördersätze sinken jährlich um 8 bis 10
Prozent.
(Katherina Reiche [Potsdam] [CDU/CSU]:
13 Prozent!)
Wenn mehr Solaranlagen ans Netz gehen, als im Schnitt
zu erwarten ist, wird der Zuschuss noch einmal gekürzt.
Das ist, milde gesagt, Unsinn.Ich will aber auch einräumen, dass die großen
Hersteller von Solaranlagen in der Öffentlichkeit nicht
immer ein gutes Bild abgegeben haben. Hohe Gewinne
werden nicht in Deutschland investiert, und die
Arbeitsbedingungen lassen zu wünschen übrig.
(Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]: Wer
hat Ihnen denn das aufgeschrieben? –
Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Jetzt
sollten Sie sich entscheiden: Ist es ein gutes oder
ein schlechtes Gesetz? – Hans-Josef Fell
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Natürlich
investieren die in Deutschland!)
– Doch, doch, Herr Fell. Zwölfstundenschichten und
schlechte Bezahlung sind keine guten Voraussetzungen
für eine Zukunftsbranche. Zu Recht fordern die
Gewerkschaften bessere Sozialstandards.
Dennoch entstehen vor allem in Ostdeutschland
Zehntausende neue und sichere Arbeitsplätze. Man muss zur
Kenntnis nehmen: Die Solarbranche schafft echte
Perspektiven für den Osten dieser Republik.
(Dr. h. c. Hans Michelbach [CDU/CSU]:
Warum beschimpfen Sie sie denn dann?)
Sie ist dort eine Schlüsselindustrie.
Dennoch hat die CDU/CSU alles getan, um den
Solarstrom mit dubiosen Gutachten aus der Energiewirtschaft
schlechtzureden. Meiner Meinung nach hat unser
Umweltminister dem weitgehend tatenlos zugesehen.
An einem einfachen Beispiel möchte ich deutlich
machen, dass sich der Klimaschutz auch mit Fotovoltaik
rechnet. Der Emissionshandel wird zwischen 2005 und
2012 zu einer CO2-Minderung von 32 Millionen Tonnen
führen. Das schafft allein der Solarstrom locker, und der
macht nur 4 Prozent der Stromerzeugung aus
erneuerbaren Energien aus. Der Emissionshandel wird die
Stromkundinnen und -kunden bis 2012 rund 65 Milliarden
Euro kosten. Das ist eine ungeheure Summe, die sich
allein die Energiekonzerne in die Tasche stecken. Die
Kosten aus dem EEG für Solarstrom betragen nur einen
Bruchteil. Gleichzeitig sparen die erneuerbaren Energien
Kosten, da sie Importe von fossilen Energien sowie
Umweltschäden vermeiden. Darüber hinaus hat die
Solarbranche im letzten Jahr 4,7 Milliarden Euro investiert
und beschäftigt mittlerweile 51 000 Menschen.
Speziell für Herrn Minister Glos – er ist heute leider
nicht da, aber Herr Schauerte wird es ihm bestimmt
mitteilen – möchte ich einen Vergleich ziehen: Nach
Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums waren im
vergangenen Jahr in der herkömmlichen Stromwirtschaft
noch 121 500 Menschen beschäftigt. Seit Beginn der
Strommarktliberalisierung im Jahr 1998 sind das 40 000
Arbeitsplätze weniger. Bis 2020 werden hier noch
einmal mindestens 45 000 Stellen abgebaut werden. Die
Branche der erneuerbaren Energien beschäftigt
mittlerweile über 250 000 Menschen, den größten Teil im
Strombereich. Allein in den letzten drei Jahren sind
Hans-Kurt Hill88 000 Arbeitsplätze hinzugekommen. Bis 2020 wird
hier eine halbe Million Menschen Beschäftigung finden.
Ich frage an die Adresse des Wirtschaftsministers: Wo
bleibt Ihr Engagement für die Energiewirtschaft der
Zukunft? Was hat die gefährliche Atomenergie dem
entgegenzustellen? Handeln Sie endlich, und hören Sie auf
Ihre ostdeutschen CDU-Kolleginnen und -Kollegen!
(Beifall bei der LINKEN – Zurufe von der
CDU/CSU: Was? – Völliger Unsinn!)
Nichthandeln ist auch der Titel des Entwurfs des
Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes, das heute
ebenfalls zur Abstimmung steht. Die Linksfraktion lehnt den
Gesetzentwurf der Bundesregierung als wirkungslos ab.
Die Unwirksamkeit wird darin deutlich, dass sich die
Regelungen des Gesetzentwurfes auf Neubauten
beschränken. Regelungen zum Gebäudebestand, der den
überragenden Beitrag zur Energieeinsparung und zum
Klimaschutz leistet, werden ausgeklammert.
(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Es wird
durch Wiederholung nicht richtiger!)
Das verschärft die soziale Lage, Frau Flachsbarth;
denn Mieterinnen und Mieter, die bei den Heizkosten
unter den hohen Belastungen leiden, können von
Energiesanierungen überdeutlich profitieren. Das bestätigt auch
der Deutsche Mieterbund. Eine Einbeziehung des
Altbaus hätte die Wohnungswirtschaft endlich zum Handeln
gezwungen und dem Handwerk Aufträge gebracht.
Hinzu kommt, dass der Gesetzentwurf ein viel zu
niedriges Ziel für erneuerbare Energien im
Wärmebereich angibt und das noch nicht einmal verbindlich
festschreibt. Die Regelungen sind auch so ausgelegt, dass
die erneuerbaren Energien nicht nach ihrer energetischen
und klimaschutzbezogenen Wirksamkeit geordnet sind.
Sinn macht die Reihenfolge: zuerst Solar, wenn das nicht
geht, Geothermie, wenn das nicht geht, Biogas; dann erst
flüssige und feste Biomasse. Zudem können diese
Regelungen durch die Ausnahmen leicht umgangen werden.
Die Linksfraktion hat deshalb einen
Entschließungsantrag vorgelegt. Stimmen Sie unseren Änderungen zu, um
den Fehlgriff, der weder Heizkosten noch den CO2-
Ausstoß senkt, zu beheben.
Ich fasse zusammen: Klimaschutz wird durch
erneuerbare Energien erreicht und macht Strom und Wärme
bezahlbar, schafft Arbeit und sichert die
Energieversorgung der Zukunft. Aber man muss es auch ernst meinen.
Danke schön.