Kultur in ländlichen Räumen stärken - Teilhabe ermöglichen (Beschlussempfehlung und Bericht zu Drs. 19/7426)
Text
Kultur in ländlichen Räumen stärken - Teilhabe ermöglichen (Beschlussempfehlung und Bericht zu Drs. 19/7426)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/9667
19. Wahlperiode 25.04.2019
Beschlussempfehlung und Bericht
des Ausschusses für Kultur und Medien (22. Ausschuss)
zu dem Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD
– Drucksache 19/7426 –
Kultur in ländlichen Räumen stärken – Teilhabe ermöglichen
A. Problem
Die kulturelle Infrastruktur konzentriert sich in Deutschland auf Ballungsgebiete.
Außerhalb dieser Gebiete können Menschen teilweise nur wenig kulturelle
Angebote nutzen oder haben einen erschwerten Zugang. Vor diesem Hintergrund
betonen die Fraktionen der CDU/CSU und SPD, dass kulturelle Teilhabe zur
Daseinsvorsorge und zur Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse gehört. Die
Fraktionen knüpfen mit ihrem Antrag an eine Initiative aus der 18. Wahlperiode
an und setzen sich für eine Stärkung der Kulturarbeit außerhalb der Metropolen
ein.
B. Lösung
In 17 Punkten fordern die Fraktionen der CDU/CSU und SPD die
Bundesregierung auf, abgestimmt mit den Ländern, die Stärkung ländlicher Räume als
Schwerpunkthema zu bearbeiten. Gefordert werden unter anderem ein
Zukunftsprogramm Kino, an die Bedürfnisse der Kunst- und Kulturszene besser angepasste
Förderinstrumente und entbürokratisierte Antragsverfahren. Ein
Spielstättenprogramm, mobile Kulturangebote und sogenannte dritte Orte der Kultur sollen
ebenfalls auf- bzw. ausgebaut werden. Weitere Stichworte sind unter anderem die
Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements, der Aufbau nachhaltiger Strukturen
der kulturellen Bildung, Barrierefreiheit, Inklusion und Integration.
Annahme des Antrags mit den Stimmen der Fraktionen der CDU/CSU und
SPD gegen die Stimmen der Fraktion der AfD bei Stimmenthaltung der
Fraktionen FDP, DIE LINKE. und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
C. Alternativen
Keine.
D. Kosten
Keine.
Beschlussempfehlung
Der Bundestag wolle beschließen,
den Antrag auf Drucksache 19/7426 anzunehmen.
Berlin, den 12. April 2019
Der Ausschuss für Kultur und Medien
Katrin Budde
Vorsitzende
Melanie Bernstein
Berichterstatterin
Martin Rabanus
Berichterstatter
Dr. Götz Frömming
Berichterstatter
Hartmut Ebbing
Berichterstatter
Brigitte Freihold
Berichterstatterin
Erhard Grundl
Berichterstatter
Bericht der Abgeordneten Melanie Bernstein, Martin Rabanus, Dr. Götz Frömming,
Hartmut Ebbing, Brigitte Freihold und Erhard Grundl
I. Überweisung
Der Deutsche Bundestag hat den Antrag auf Drucksache 19/7426 in seiner 77. Sitzung am 31. Januar 2019 zur
federführenden Beratung an den Ausschuss für Kultur und Medien überwiesen sowie zur Mitberatung an den
Ausschuss für Inneres und Heimat, den Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, den Ausschuss für
Tourismus und den Ausschuss Digitale Agenda.
II. Wesentlicher Inhalt der Vorlage
Die Fraktionen der CDU/CSU und SPD betonen in ihrem Antrag, dass Deutschland eine Kulturnation ist. Die
kulturelle Infrastruktur konzentriere sich jedoch weitgehend auf Ballungsgebiete. Außerhalb dieser Gebiete
könnten Menschen teilweise nur wenig kulturelle Angebote nutzen oder verfügten über einen erschwerten Zugang.
Kulturelle Teilhabe gehöre aber zur Daseinsvorsorge und zur Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse.
Deshalb knüpfen die Fraktionen mit ihrem Antrag an eine eigene Initiative aus der 18. Wahlperiode an (Drucksache
18/5091) und setzen sich erneut für eine Stärkung der Kulturarbeit außerhalb der Metropolen ein.
In dem Antrag wird zunächst gewürdigt, was die verschiedenen Ressorts der Bundesregierung, die Kulturstiftung
des Bundes und andere Akteure bereits für die Kulturförderung in den Regionen tun. Genannt werden unter
anderem das Denkmalschutz-Sonderprogramm, der Bundeswettbewerb „Unser Dorf der Zukunft“ und das
Programm „Kultur macht stark. Bündnis für Bildung“.
Der Deutsche Bundestag soll die Bundesregierung nun auffordern, darüber hinaus Maßnahmen zu ergreifen. Zum
Beispiel soll die Bundesregierung die Stärkung der ländlichen Räume zum Schwerpunktthema in der
Zusammenarbeit mit der Kulturministerkonferenz machen, die sich unter dem Dach der Kultusministerkonferenz neu
formiert hat. Es sollen weitere Möglichkeiten für neue Kooperationsformen kulturpolitischer Partnerschaften mit
unterschiedlichen Akteuren ausgelotet werden, und es soll ein Zukunftsprogramm Kino aufgelegt werden.
Weitere Forderungen beziehen sich auf vereinfachte Antragsverfahren, grenzüberschreitende
Kulturlandschaftsinitiativen, ein kofinanziertes Spielstättenförderprogramm und mobile Angebote für ländliche Räume. Orte der Kultur
sollen auch in Form „dritter Orte“ gestärkt werden, Bibliothekslandschaften in moderner Form erhalten und
bürgerschaftliches Engagement soll unterstützt werden.
III. Stellungnahmen der mitberatenden Ausschüsse
Der Ausschuss für Inneres und Heimat hat in seiner 49. Sitzung am 10. April 2019 Annahme empfohlen mit
den Stimmen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD bei Stimmenthaltung der Fraktionen AfD, FDP, DIE
LINKE. und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Der Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft hat in seiner 28. Sitzung am 10. April 2019 Annahme
empfohlen mit den Stimmen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen der Fraktion der AfD bei
Stimmenthaltung der Fraktionen FDP, DIE LINKE. und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Der Ausschuss für Tourismus hat in seiner 25. Sitzung am 10. April 2019 Annahme empfohlen mit den Stimmen
der Fraktionen der CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen der Fraktion der AfD bei Stimmenthaltung der
Fraktionen FDP, DIE LINKE. und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Der Ausschuss Digitale Agenda hat in seiner 31. Sitzung am 10. April 2019 Annahme empfohlen mit den
Stimmen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen der Fraktion der AfD bei Stimmenthaltung der
Fraktionen FDP, DIE LINKE. und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
IV. Beratungsverlauf und Beratungsergebnisse im federführenden Ausschuss
Der Ausschuss für Kultur und Medien hat den Antrag auf Drucksache 19/7426 in seiner 27. Sitzung am 10.
April 2019 beraten und Annahme empfohlen mit den Stimmen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD gegen die
Stimmen der Fraktion der AfD bei Stimmenthaltung der Fraktionen FDP, DIE LINKE. und BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN.
Die Fraktion der CDU/CSU erklärte, Ziel der Initiative sei es, den Menschen unabhängig von ihrem Wohnort
hochwertige kulturelle Angebote zu ermöglichen. Menschen auf dem Land hätten den gleichen Anspruch auf ein
vielfältiges kulturelles Angebot wie Menschen in den Städten. Zwar leiste der Bund seit Jahren einen großen
Beitrag zur Stärkung der Kultur im ländlichen Raum, beispielsweise im Bereich Denkmalschutz und in der
kulturellen Bildung sowie über Preise und Auszeichnungen. Trotzdem gebe es weitere Aufgaben für die Förderung
der Kultur in der Fläche.
Deshalb legten die Fraktionen der CDU/CSU und SPD das Zukunftsprogramm Kino auf und etablierten sie ein
kofinanziertes Spielstättenförderprogramm. Im ländlichen Raum organisierten oft Ehrenamtliche kulturelle
Angebote. Ihnen dürften nicht zu hohe bürokratische Hürden im Weg stehen, außerdem brauchten sie gute Aus- und
Fortbildung, um auf dem Land hochwertige Produktionen und Veranstaltungen realisieren zu können. Auch der
technische Standard der Spielstätten müsse mitwachsen. Weil der Bund nicht allein zuständig sei, werde eine
bessere Zusammenarbeit mit Ländern und Kommunen im Kulturbereich angestrebt. Noch mehr
Kooperationsformen mit der Zivilgesellschaft, den Kirchen, den Medien und Sozialpartnern, gehörten ebenfalls zu den Zielen.
Kulturelle Teilhabe für alle Menschen unabhängig von ihrem Wohnort trage nicht nur zur Sicherung gleicher
Lebensverhältnisse bei, sondern binde die Menschen an ihre Region und schaffe Zusammenhalt.
Die Fraktion der SPD ergänzte, neu sei, dass der Fokus der Bundeskulturpolitik verstärkt in die Regionen gelenkt
werde. Damit werde der Blick geöffnet und reiche über die Förderung der Hauptstadtkultur und die national
bedeutsamen Leuchttürme hinaus. Der Antrag dokumentiere dieses Ziel sehr eindrucksvoll.
Der Bund sei mit seiner Förderpolitik bereits aktiv, jetzt würden diese Aktivitäten noch verstärkt. Die Budgets
der Kulturförderfonds, die aus dem Bundeshaushalt finanziert werden, seien bereits deutlich aufgestockt worden
und würden in den kommenden Jahren weiter verstärkt. Ziel seien gleichwertige Lebensverhältnisse in allen
Teilen des Landes. Auch in der Fläche sollten kulturelle Angebote unterstützt werden, weil es nicht sein könne, dass
Kultur nur in Ballungsräumen stattfindet. Die Fraktionen der CDU/CSU und SPD stellten sich der Verantwortung
für diese Aufgabe.
Der Antrag markiere eine neue Philosophie innerhalb des Bündnisses von CDU/CSU und SPD, er markiere die
Punkte, die noch erledigt werden müssten und adressiere eine Reihe von Aufgaben an die Bundesregierung, die
insgesamt dazu dienten, die Kultur und die kulturelle Vielfalt im Land zu stärken.
Die Fraktion der AfD hielt dem entgegen, es sei zu wenig, positiv besetzte Schlagwörter wie „Kultur“ in
Überschriften zu verwenden, um damit Kritik abzuwehren. Es stelle sich die Frage nach dem der Initiative zugrunde
liegenden Kulturverständnis, denn offenbar solle mit Kultur Politik gemacht werden.
Positiv sei der Antrag zu werten, soweit er auf die Stärkung von Bewahrenswertem ziele. Genannt würden
beispielsweise der Denkmalschutz, Orgeln in Dorfkirchen, hochkulturelle Musik oder Literaturabende. Probleme
sehe die Fraktion, weil die föderale Hoheit im Kulturbereich Stück für Stück ausgehöhlt werde. Kultur gehöre in
die Länderhoheit, der Bund müsse sich hüten, über goldene Zügel Steuerung auszuüben.
Probleme habe die Fraktion der AfD überdies mit inhaltlicher Lenkung über einzelne Programme. Schon an den
Titeln konkreter Projekte lasse sich ablesen, dass viele Wohlfühlprogramme für eine bestimmte Klientel finanziert
würden. Betrieben werde gezielte Kulturlenkung durch den Bund, die die Fraktion der AfD ablehne.
Die Fraktion der FDP begrüßte zwar den Grundtenor des Antrags. Über Jahrzehnte habe der Bund im Bereich
der Kultur vor allem Berlin gefördert. Es werde Zeit, sich um den ländlichen Raum zu kümmern. Doch leider lese
sich der Antrag wie ein Sammelsurium, mehr Struktur wäre wünschenswert gewesen. Unklar sei außerdem, wie
die vielen Einzelpunkte im Antrag umgesetzt und finanziert werden sollten, wenn nur der aktuelle Finanzrahmen
zur Verfügung stehe.
Ohne zusätzliches Geld werde die Kulturpolitik des Bundes die im Antrag gesteckten Ziele nicht erreichen
können. Natürlich sei es richtig, Kinos im ländlichen Raum zu fördern oder sich für öffentliche Bibliotheken
einzusetzen. Gesagt werde aber nicht, wie das genau geschehen soll. Wie die Kinolandschaft attraktiver gemacht
werden könne, bleibe unbeantwortet. Ebenso fehle für die Förderung und Stärkung der sogenannten dritten Orte
Konkretes. Ein gutes Beispiel dafür, wie öffentliche Hand und Private zusammenarbeiten könnten, böten die National
Trusts in Großbritannien. Dieses Modell sollte für Deutschland nutzbar gemacht werden.
Die Fraktion DIE LINKE. gestand zu, dass der Antrag einige gute Aspekte enthalte, Angaben zu einem
konkreten Zeitrahmen für konkrete Reformen oder Fördermittel würden aber nicht gemacht. Der Antrag stelle daher nur
einen dünnen Forderungskatalog dar, der noch dazu auf den bestehenden Finanzrahmen aufsetze.
Die Fraktion DIE LINKE. trete demgegenüber dafür ein, die Kulturförderung im ländlichen Raum mit weiteren
Themenbereichen und Akteuren zu verknüpfen, entsprechende Infrastrukturen zu etablieren und Investitionen an
einem ganzheitlichen Ansatz zu orientieren. Gebraucht werde ein integrativer Ansatz, der regionale Ebenen mit
der Bundesebene zusammenbringe, der solide und regelmäßige Förderung ermögliche und die Potenziale der
jeweiligen Region ausschöpfe. Eine interkommunale Kooperation auf Augenhöhe ohne bürokratische Hürden sei
das Mittel der Wahl. Wer die kulturelle Teilhabe im ländlichen Raum wirklich stärken wolle, werde langfristig
ohne eine Änderung des Grundgesetzes nicht zum Ziel kommen.
Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN betonte, dass alle Menschen in Deutschland Zugang zu kulturellen
Angeboten haben müssten, weshalb eine entsprechende Infrastruktur vorgehalten werden müsse. In der Provinz
fehlten Proberäume, Bühnen, Ateliers und Bibliotheken ebenso wie Buchhandlungen und Kinos. Um
gleichwertige Lebensverhältnisse zu erreichen, sei es nötig, Kultur in der Breite zu fördern. Kultureinrichtungen müssten
nicht nur für alle zugänglich sein, Kunst und Kultur müssten auch dorthin gebracht werden, wo es sie nicht oder
zu wenig gibt.
Leuchttürme reichten nicht aus. Mit einer Gemeinschaftsaufgabe „Regionale Daseinsvorsorge“ könnten kulturelle
Einrichtungen in ländlichen und strukturschwachen Räumen gezielt gefördert, über einen Fonds für kulturelle
Proberäume könnten Fördermittel vergeben werden. Der vorgelegte Antrag enthalte viele positive Ansätze, er
bleibe jedoch Konkretes schuldig. Außerdem brauche, wer den Antrag umsetzen wolle, deutlich mehr Mittel.
Berlin, den 12. April 2019
Melanie Bernstein
Berichterstatterin
Martin Rabanus
Berichterstatter
Dr. Götz Frömming
Berichterstatter
Hartmut Ebbing
Berichterstatter
Brigitte Freihold
Berichterstatterin
Erhard Grundl
Berichterstatter
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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