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Protokoll der 198. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages

dip / plenarprotokoll 20.02.1986 · WP 10 · 10/198 · Original ↗

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Protokoll der 198. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages [Plenarprotokoll 10/198 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 198. Sitzung Bonn, Donnerstag, den 20. Februar 1986 Inhalt: Nachträgliche Überweisung eines Antrags an den Haushaltsausschuß 15231A Erweiterung und Abwicklung der Tagesordnung 15231B, 15280 C Begrüßung von Mitgliedern der Kommission für die Zusammenarbeit mit den Parlamenten und der Öffentlichkeitsarbeit der WEU 15287 D Absetzung eines Punktes von der Tagesordnung 15338 D Beratung des Jahresgutachtens 1985/86 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung — Drucksache 10/4295 — in Verbindung mit Beratung des Jahreswirtschaftsberichts 1986 der Bundesregierung — Drucksache 10/4981 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Vogel, Dr. Apel, Frau Fuchs (Köln), Roth, Dr. Jens, Lutz, Dr. Spöri, Wieczorek (Duisburg) und der Fraktion der SPD Politik zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und Überwindung der Wachstumsschwäche — Drucksachen 10/3431, 10/4561 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung zu dem Antrag der Abgeordneten Rohde (Hannover), Dr. Jens, Lutz, Dr. von Bülow, Buschfort, Collet, Dreßler, Egert, Dr. Ehrenberg, Frau Fuchs (Köln), Glombig, Heyenn, Jung (Düsseldorf), Junghans, Kirschner, Frau Dr. Martiny-Glotz, Meininghaus, Dr. Mitzscherling, Peter (Kassel), Reimann, Reuschenbach, Roth, Schreiner, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau Steinhauer, Urbaniak, Weinhofer, von der Wiesche, Wolfram (Recklinghausen), Zeitler, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD Einführung eines Arbeitsmarktberichts durch die Bundesregierung — Drucksachen 10/1893, 10/4984 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau zu dem Antrag der Abgeordneten Müntefering, Conradi, Huonker, Dr. Jens, Lohmann (Witten), Meininghaus, Menzel, Polkehn, Purps, Ranker, Reschke, Roth, Schmitt (Wiesbaden), Dr. Sperling, Waltemathe, Frau Weyel, Wolfram (Recklinghausen) und der Fraktion der SPD Stärkung und Verstetigung der Bautätigkeit — Drucksachen 10/3274, 10/4125 — Dr. Bangemann, Bundesminister BMWi 15232 C Roth SPD 15238 B Hauser (Krefeld) CDU/CSU 15243 D Auhagen GRÜNE 15246 B Dr. Haussmann FDP 15248 C Dr. Ehrenberg SPD 15250 D Wissmann CDU/CSU 15252 D Dr. Mitzscherling SPD 15255A Kittelmann CDU/CSU 15256 D Dr. Müller (Bremen) GRÜNE 15258 C Kraus CDU/CSU 15259 C Ruf CDU/CSU 15261 B Dr. Jens SPD 15263 A Dr. von Wartenberg CDU/CSU 15264 C Namentliche Abstimmung 15266 D Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung „Aktivitäten des BND bei der Nachforschung nach Dioxinabfällen im Jahre 1983" in Verbindung mit Unterrichtung durch die Parlamentarische Kontrollkommission Private Zuwendungen an den Bundesnachrichtendienst im Jahre 1983 — Drucksache 10/5049 — Dr. Zimmermann, Bundesminister BMI . 15269A Dr. Emmerlich SPD 15271A Dr. Waigel CDU/CSU 15274 D Ströbele GRÜNE 15277 B Dr. Hirsch FDP 15278 C Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Innenausschusses zu dem Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP zur Großen Anfrage der Abgeordneten Frau Dr. Däubler- Gmelin, Dr. Schmude, Bachmaier, Bernrath, Frau Blunck, Catenhusen, Frau Dr. Czempiel, Dr. Diederich (Berlin), Egert, Frau Fuchs (Köln), Frau Fuchs (Verl), Frau Dr. Hartenstein, Frau Huber, Immer (Altenkirchen), Dr. Kübler, Kuhlwein, Lutz, Frau Luuk, Frau Dr. Martiny-Glotz, Frau Matthäus-Maier, Müller (Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter (Kassel), Frau Renger, Schäfer (Offenburg), Frau Schmidt (Nürnberg), Schröer (Mülheim), Frau Simonis, Dr. Soell, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau Steinhauer, Frau Terborg, Frau Dr. Timm, Frau Traupe, Wartenberg (Berlin), Frau Weyel, Frau Zutt und der Fraktion der SPD Frauen im öffentlichen Dienst — Drucksachen 10/2842, 10/4729 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für das Post- und Fernmeldewesen zu dem Antrag der Fraktion der SPD Verbesserung der Ausbildungssituation junger Frauen bei der Deutschen Bundespost — Drucksachen 10/1428, 10/4554 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Innenausschusses zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Däubler- Gmelin, Dr. Schmude, Bachmaier, Bernrath, Frau Blunck, Catenhusen, Dr. Diederich (Berlin), Egert, Frau Fuchs (Köln), Frau Fuchs (Verl), Frau Dr. Hartenstein, Frau Huber, Immer (Altenkirchen), Dr. Kübler, Kuhlwein, Lutz, Frau Luuk, Frau Dr. Martiny-Glotz, Frau Matthäus-Maier, Müller (Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter (Kassel), Frau Renger, Schäfer (Offenburg), Frau Schmedt (Lengerich), Frau Schmidt (Nürnberg), Schröer (Mülheim), Frau Simonis, Dr. Soell, Frau Dr. Skarpelis- Sperk, Frau Steinhauer, Stiegler, Frau Terborg, Frau Dr. Timm, Frau Traupe, Wartenberg (Berlin), Frau Weyel, Frau Zutt, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst — Drucksachen 10/3055, 10/5026 — Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD 15296 D Dr. Waffenschmidt, Parl. Staatssekretär BMI 15299 A Frau Pack CDU/CSU 15299 C Frau Dann GRÜNE 15302 B Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 15303 C Frau Dr. Süssmuth, Bundesminister BMJFG 15305 B Schröer (Mülheim) SPD 15307 C Dr. Schwarz-Schilling, Bundesminister BMP 15309 D Frau Steinhauer SPD 15311C Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Volmer, Frau Eid, Auhagen und der Fraktion DIE GRÜNEN Lieferbindung und Mischfinanzierung in der bundesdeutschen Entwicklungshilfe — Drucksachen 10/3643, 10/4602 — Volmer GRÜNE 15313 C Dr. Hüsch CDU/CSU 15314 C Dr. Holtz SPD 15315C Dr. Rumpf FDP 15316 C Dr. Warnke, Bundesminister BMZ . . 15317 B Namentliche Abstimmung 15317 D Ergebnis 15319 B Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Borgmann und der Fraktion DIE GRÜNEN Vertriebsverbot für Krügerrand- Goldmünzen — Drucksache 10/3818 — Frau Eid GRÜNE 15318 B von Schmude CDU/CSU 15320C Toetemeyer SPD 15321 D Dr. Solms FDP 15322 D Dr. Sprung, Parl. Staatssekretär BMWI 15323A Namentliche Abstimmung 15324 A Ergebnis 15327 C Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Dr. Müller (Bremen), Vogel (München), Tatge und der Fraktion DIE GRÜ- NEN Haushaltspolitische, ökologische und entwicklungspolitische Risiken der Ausfuhrbürgschaften — Drucksachen 10/3855, 10/4549 — Dr. Müller (Bremen) GRÜNE 15324 B Dr. Lippold CDU/CSU 15325 D Walther SPD 15329A Frau Dr. Segall FDP 15330 D Dr. Köhler, Parl. Staatssekretär BMZ . 15331 D Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Pinger, Dr. Hüsch, Höffkes, Hedrich, Dr. Lammert, Lamers, Repnik, Schreiber, Sauter (Epfendorf), Borchert, Feilcke, Frau Fischer, Dr. Kunz (Weiden), Dr. Pohlmeier, Graf von Waldburg-Zeil, Herkenrath, Echternach, Kraus, Schulhoff, Hornung, Weiß, Wilz, Kolb, Dr. Hornhues, Eylmann, Seesing, Frau Roitzsch (Quickborn), Dr. Hoffacker, Schemken, Maaß, Jagoda, Magin, Ruf, Schneider (Idar-Oberstein), Link (Frankfurt), Sauer (Stuttgart), Dr. Olderog, Dr. Schroeder (Freiburg), Clemens und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Schäfer (Mainz), Dr. Rumpf, Frau Dr. Hamm-Brücher, Dr. Feldmann, Frau Seiler-Albring, Ertl, Ronneburger, Dr. Solms, Dr. Weng (Gerlingen) und der Fraktion der FDP Reformen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Voraussetzung für Selbsthilfe in der Dritten Welt — Drucksache 10/4109 — Frau Eid GRÜNE 15333 D Dr. Pinger CDU/CSU 15334 D Dr. Hauchler SPD 15335 D Dr. Rumpf FDP 15336 D Dr. Köhler, Parl. Staatssekretär BMZ . 15337 D Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu dem Antrag des Abgeordneten Schwenninger und der Fraktion DIE GRÜNEN Rüstungsexportstatistiken — Drucksachen 10/2959, 10/4281 — Volmer GRÜNE 15339 A Lattmann CDU/CSU 15340 A Gansel SPD 15341 A Beckmann FDP 15342 B Senfft GRÜNE (zur GO) 15343A Frau Hürland CDU/CSU (zur GO) . . 15343 B Vizepräsident Cronenberg 15343 C Fragestunde — Drucksache 10/5031 vom 14. Februar 1986 — Verhinderung des Beitritts Spaniens zur NATO über die Partei der Spanischen Sozialisten durch deutsche politische Kräfte MdlAnfr 39 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Weng (Gerlingen) FDP Antw StMin Möllemann AA 15280 D ZusFr Dr. Weng (Gerlingen) FDP . . . 15280 D Effektivität des Goethe-Instituts in Daressalam; Auswirkungen des geplanten Kulturabkommens mit Tansania MdlAnfr 40, 41 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Rose CDU/CSU Antw StMin Möllemann AA 15281 B ZusFr Dr. Rose CDU/CSU 15281 C ZusFr Dr. Riedl (München) CDU/CSU . 15282 C Erkenntnisse der Bundesregierung über den Tod des Smart Alpha Kargbo in einem Gefängnis in Sierra Leone; abschließende Stellungnahme der Bundesregierung zum Fall Kargbo; Asylgewährung für eine in der Bundesrepublik Deutschland lebende Verwandte MdlAnfr 42, 57 14.02.86 Drs 10/5031 Stahl (Kempen) SPD Antw StMin Möllemann AA 15282 C ZusFr Stahl (Kempen) SPD 15282 D Streichung des Themas Menschenrechtsverletzung in Ost-Timor von der Tagesordnung der UN-Menschenrechtskommission auf Grund der Ausführungen des Delegierten der Bundesrepublik Deutschland; Vergabe von Stipendien an Ost-Timoresen MdlAnfr 43, 44 14.02.86 Drs 10/5031 Frau Eid GRÜNE Antw StMin Möllemann AA 15284 B Einsatz des Staatssicherheitsdienstes der DDR in Nicaragua und Kambodscha MdlAnfr 45 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Hupka CDU/CSU Antw StMin Möllemann AA 15284 C ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU 15284 D ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD . . . 15285A Präsidentschaftswahlen auf den Philippinen MdlAnfr 46 14.02.86 Drs 10/5031 Jäger (Wangen) CDU/CSU Antw StMin Möllemann AA 15285 B ZusFr Jäger (Wangen) CDU/CSU . . . 15285 C ZusFr Oostergetelo SPD 15285 D ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU 15286 A ZusFr Stahl (Kempen) SPD 15286 B Herausgabe von Gedenkmünzen aus Silber zum Nennwert von 10 DM MdlAnfr 65 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Riedl (München) CDU/CSU Antw PStSekr Dr. Voss BMF 15286 D ZusFr Dr. Riedl (München) CDU/CSU . . 15286 D Umfang des Einsatzes von DDR- Bauarbeiter-Kolonnen auf Baustellen in der Bundesrepublik Deutschland; Schutz der arbeitslosen deutschen Bauhandwerker MdlAnfr 73, 74 14.02.86 Drs 10/5031 Reuter SPD Antw PStSekr Grüner BMWi 15287 C ZusFr Reuter SPD 15287 C ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU . . . . 15288A ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD . . . . 15288 B ZusFr Jäger (Wangen) CDU/CSU . . . . 15288 C ZusFr Vogel (München) GRÜNE . . . . 15288 D ZusFr Frau Hürland CDU/CSU 15289 B ZusFr Oostergetelo SPD 15289 B ZusFr Klein (Dieburg) SPD 15289C ZusFr Büchner (Speyer) SPD 15290 C Gefährdung der Altölentsorgung durch Kurzarbeit bei der Dr. Dr. Meier AG (Uetze) MdlAnfr 58, 59 14.02.86 Drs 10/5031 Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU Antw PStSekr Grüner BMWi 15291 B ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU . . . 15291 C Verhinderung der Einfuhr von nach dem Washingtoner Artenschutz-Abkommen geschützten Tierprodukten, deren Begleitpapiere offenbar gefälscht sind MdlAnfr 77 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Weng (Gerlingen) FDP Antw PStSekr Gallus BML 15292 D ZusFr Dr. Weng (Gerlingen) FDP . . . 15293A Förderung der Ausdehnung der Industriestärke aus landwirtschaftlichen Rohstoffen MdlAnfr 78, 79 14.02.86 Drs 10/5031 Funk CDU/CSU Antw PStSekr Gallus BML 15293 B ZusFr Funk CDU/CSU 15293C ZusFr Oostergetelo SPD 15293 D ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD . . . 15294A ZusFr Heistermann SPD 15294 D Erfolg der Umschulungsmaßnahmen für Arbeitslose durch die Bundesanstalt für Arbeit MdlAnfr 82, 83 14.02.86 Drs 10/5031 Müller (Wesseling) CDU/CSU Antw PStSekr Höpfinger BMA 15295A ZusFr Müller (Wesseling) CDU/CSU . . 15295 B ZusFr Frau Hürland CDU/CSU 15295 D Nächste Sitzung 15344 C Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten 15345* A Anlage 2 Veröffentlichung von Lohnleitlinien durch die Bundesregierung vor Tarifverhandlungen MdlAnfr 66 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Jens SPD SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 15345* B Anlage 3 Nachlassender Leistungswille auf Grund der Steuerbelastung mit steigendem Einkommen MdlAnfr 69, 70 14.02.86 Drs 10/5031 Walther SPD SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 15345*C Anlage 4 Hinausschiebung des Stillegungstermins (Oktober 1986) des Kaltwalzwerks der Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte in Maxhütte-Heidhof; Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen MdlAnfr 71, 72 14.02.86 Drs 10/5031 Dr. Jobst CDU/CSU SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . 15346*A Anlage 5 Einfluß der Strompreise auf die Wettbewerbsfähigkeit der verschiedenen Industriebranchen MdlAnfr 75 14.02.86 Drs 10/5031 Stiegler SPD SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 15346* C Anlage 6 Gründung von Milchquoten-Banken in den Niederlanden MdlAnfr 76 14.02.86 Drs 10/5031 Borchert CDU/CSU SchrAntw PStSekr Gallus BML . . . 15347*A Anlage 7 Widerspruch zwischen einer Untersuchung des Arbeitsamtes Ludwigshafen und der Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Enquete-Kommission „Jugendprotest im demokratischen Staat" über die Jugendarbeitslosigkeit MdlAnfr 80, 81 14.02.86 Drs 10/5031 Reimann SPD SchrAntw PStSekr Höpfinger BMA . . 15347*A Anlage 8 Anrechnung des Erziehungsgeldes auf andere Sozialleistungen für Rentnerinnen auf Grund des Gesetzes zur Neuordnung der Hinterbliebenenversorgung; Größe des Personenkreises MdlAnfr 84, 85 14.02.86 Drs 10/5031 Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD SchrAntw PStSekr Höpfinger BMA . . 15347* D Anlage 9 Unfallversicherungsschutz für die Wege zu und von Vorstellungsgesprächen MdlAnfr 86 14.02.86 Drs 10/5031 Stiegler SPD SchrAntw PStSekr Höpfinger BMA . . 15348*C 198. Sitzung Bonn, den 20. Februar 1986 Beginn: 9.00 Uhr Vizepräsident Cronenberg: Die Sitzung ist eröffnet. Zunächst einmal habe ich einige amtliche Mitteilungen zu verlesen. Erstens. Der Vorsitzende des Haushaltsausschusses hat gebeten, daß der in der 194. Sitzung des Deutschen Bundestages gemäß § 96 unserer Geschäftsordnung überwiesene Antrag der Fraktion der SPD zur Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen — Drucksache 10/4747 — dem Haushaltsausschuß zur Mitberatung überwiesen wird. Damit würde die Beratung gemäß § 96 der Geschäftsordnung entfallen. Ist das Haus damit einverstanden? — Widerspruch erhebt sich offensichtlich nicht. Dann ist das so beschlossen. Zweitens. Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll die verbundene Tagesordnung erweitert werden, und zwar um die Punkte, die Sie auf der Ihnen vorliegenden Liste „Zusatzpunkte zur verbundenen Tagesordnung" aufgeführt bekommen haben: 2. Unterrichtung durch die Parlamentarische Kontrollkommission Private Zuwendungen an den Bundesnachrichtendienst im Jahre 1983 — Drucksache 10/5049 — 3. Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Innenausschusses (4. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Däubler-Gmelin, Dr. Schmude, Bachmaier, Bernrath, Frau Blunck, Catenhusen, Dr. Diederich (Berlin), Egert, Frau Fuchs (Köln), Frau Fuchs (Verl), Frau Dr. Hartenstein, Frau Huber, Immer (Altenkirchen), Dr. Kübler, Kuhlwein, Lutz, Frau Luuk, Frau Dr. Martiny-Glotz, Frau Matthäus-Maier, Müller (Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter (Kassel), Frau Renger, Schäfer (Offenburg), Frau Schmedt (Lengerich), Frau Schmidt (Nürnberg), Schröer (Mülheim), Frau Simonis, Dr. Soell, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau Steinhauer, Stiegler, Frau Terborg, Frau Dr. Timm, Frau Traupe, Wartenberg (Berlin), Frau Weyel, Frau Zutt, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst — Drucksachen 10/3055, 10/5026 — Berichterstatter: Abgeordnete Regenspurger Schröer (Mülheim) Frau Hönes 4. Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung von Vorschriften der gesetzlichen Rentenversicherung (Sechstes Rentenversicherungs- Änderungsgesetz — 6. RVÄndG) — Drucksache 10/5053 — Überweisungsvorschlag: Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung (federführend) Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit Haushaltsausschuß 5. Aktuelle Stunde Ausbildungsplatzsituation 1986 Zugleich soll mit der Aufsetzung des Zusatzpunktes 4 — erste Beratung des Sechsten Rentenversicherungs-Änderungsgesetzes — von der Frist für den Beginn der Beratung abgewichen werden. Ist das Haus hiermit einverstanden? — Auch das ist der Fall. Dann ist auch dies beschlossen. Ich rufe nunmehr den Tagesordnungspunkt 2 auf: a) Beratung des Jahresgutachtens 1985/86 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung — Drucksache 10/4295 — Überweisungsvorschlag: Ausschuß für Wirtschaft (federführend) Finanzausschuß Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung Ausschuß für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau Haushaltsausschuß b) Beratung des Jahreswirtschaftsberichts 1986 der Bundesregierung — Drucksache 10/4981 — Überweisungsvorschlag: Ausschuß für Wirtschaft (federführend) Finanzausschuß Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit Haushaltsausschuß c) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft (9. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Vogel, Dr. Apel, Frau Fuchs (Köln), Roth, Dr. Jens, Lutz, Dr. Spöri, Wieczorek (Duisburg) und der Fraktion der SPD Politik zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und Überwindung der Wachstumsschwäche — Drucksachen 10/3431, 10/4561 — Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Graf Lambsdorff Beschlußfassung d) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung (11. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Rohde (Hannover), Dr. Jens, Lutz, Dr. von Bülow, Buschfort, Collet, Dreßler, Egert, Dr. Ehrenberg, Frau Fuchs (Köln), Glombig, Heyenn, Jung (Düsseldorf), Junghans, Kirschner, Frau Dr. Martiny-Glotz, Meininghaus, Dr. Mitzscherling, Peter (Kassel), Reimann, Reuschenbach, Roth, Schreiner, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau Steinhauer, Urbaniak, Weinhofer, von der Wiesche, Wolfram (Recklinghausen), Zeitler, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD Einführung eines Arbeitsmarktberichts durch die Bundesregierung — Drucksachen 10/1893, 10/4984 — Berichterstatter: Abgeordneter Pohlmann Beschlußfassung e) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (16. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Müntefering, Conradi, Huonker, Dr. Jens, Lohmann (Witten), Meininghaus, Menzel, Polkehn, Purps, Ranker, Reschke, Roth, Schmitt (Wiesbaden), Dr. Sperling, Waltemathe, Frau Weyel, Wolfram (Recklinghausen) und der Fraktion der SPD Stärkung und Verstetigung der Bautätigkeit — Drucksachen 10/3274, 10/4125 — Berichterstatter: Abgeordnete Ruf Dr. Sperling Beschlußfassung Meine Damen und Herren, nach einer Vereinbarung im Ältestenrat sind eine gemeinsame Beratung der Tagesordnungspunkte 2 a bis 2 e und eine Aussprache von insgesamt drei Stunden vorgesehen. — Das Haus ist damit einverstanden. So ist auch dies beschlossen. Nun habe ich zu fragen, ob das Wort zur Berichterstattung gewünscht wird. — Das ist nicht der Fall. Dann können wir mit der Beratung beginnen. Das Wort hat der Herr Bundesminister für Wirtschaft. Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der Aufschwung in der Bundesrepublik entfaltet sich auf solider Basis. Expansion bei Stabilität — das ist der Weg, zu dem alle, nicht nur die Wirtschaftspolitik, in den letzten Jahren beigetragen haben. Einfach war es nicht, ihn zu erreichen ... Der Weg, der in der Bundesrepublik beschritten wird, findet auch international zunehmend Anerkennung. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Herr Präsident, ich habe nicht darauf hingewiesen, daß dies ein Zitat war. Ich bitte daher nachträglich um Genehmigung. (Zuruf von der CDU/CSU: Brauchen Sie nicht!) Es war das Urteil des Sachverständigenrates (Dr. Weng [Gerlingen] [FDP]: Kluge Leute!) in seinem jüngsten Jahresgutachten, das ich hier vorgetragen habe, weil es, glaube ich, wichtig ist, daß man sich in der Beurteilung seiner eigenen Politik nicht nur an das hält, was man selbst richtig und gut findet, sondern auch das Urteil anderer einbezieht. Ich möchte dem Sachverständigenrat für seine gute Arbeit ausdrücklich danken. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Eine Debatte über den Jahreswirtschaftsbericht ist gleichzeitig auch immer eine Debatte über Zahlen, die Prognosen sind. Deswegen ist es vielleicht ein guter Anlaß, einmal der Frage nachzugehen, ob die Zahlen, die wir vor einem Jahr genannt haben, realistisch waren. (Dr. Jens [SPD]: Anlageinvestitionen nicht vergessen!) — Herr Jens, ich habe Zitate mitgebracht, die belegen, welche Schätzungen und Prognosen Sie in der Öffentlichkeit gemacht haben. Wenn es Sie interessiert, dann darf ich vielleicht auf eine kleine Verlautbarung von Ihnen eingehen, (Kittelmann [CDU/CSU]: Das wird schlimm!) um die Treffsicherheit Ihrer Prognosen mit der meiner Prognosen, die ich im vergangenen Jahr abgegeben habe, zu vergleichen. Sie haben in einer Information der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion vom 22. Oktober 1984 — Sie können sie unschwer finden — folgendes gesagt — ich zitiere wörtlich —: Es besteht die heute schon absehbare Gefahr, daß wir mit einem Sockel von 2,5 Millionen Ar - beitslosen noch im Laufe des Jahres 1985 in die nächste konjunkturelle Abschwungphase eintreten. (Hört! Hört! bei der CDU/CSU — Kittel - mann [CDU/CSU]: Wer war das, Herr Kol lege?) — Das war Herr Jens. (Heiterkeit bei der CDU/CSU) Ich kann aber noch mehr Prognosen vortragen, falls Herr Roth noch einen Zwischenruf machen sollte, wozu ich ihn einlade. Mir liegen auch von ihm eine Reihe falscher Prognosen vor. (Heiterkeit und Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Zurufe von der SPD) Meine Damen und Herren von der Opposition, Sie müssen — gemessen an Ihren Einlassungen von damals — schon zugeben, daß das, was Sie damals gesagt haben, keine realistische Prognose war; Ihre damaligen Äußerungen wurden vielmehr von der Absicht getragen, die Stimmung zu vermiesen, damit das eintreten sollte, was Sie eigentlich wollten. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Panikmacher! — Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Jetzt haben sie Pech gehabt!) Wir dagegen standen mit unseren Einschätzungen auf der sicheren Seite. (Zurufe von der SPD) — Das kann man ja nachlesen. — Meine Damen und Herren, auch für die Werte des Jahreswirtschaftsberichts 1986, die wir heute vorlegen, gilt — das werden Sie vielleicht nicht mehr bestreiten —, daß sie eher an der Untergrenze des Wahrscheinlichen angesiedelt worden sind. Alle Betrachter und Beobachter — einschließlich dessen, was die Bundesbank dazu sagt — gehen davon aus, daß die Werte im Verlaufe des Jahres 1986 besser werden können. Angesichts der aktuellen Ölpreisentwicklung, auf deren Folgen ich auch noch eingehen möchte, kann man in dem Zusammenhang sicherlich sagen, daß diese Entwicklung — vorausgesetzt, man macht keine falsche Politik — auch dazu beitragen wird, daß sich die Zahlen hin zum Besseren entwickeln und daß wir eine noch höhere Geldwertstabilität, ein beschleunigteres Wachstum und eine bessere Entwicklung am Arbeitsmarkt verzeichnen können. Meine Damen und Herren, es ist auch unbestrittene Meinung aller Beobachter, daß der Aufschwung 1986 nicht zu Ende gehen wird, sondern daß er sich fortsetzen kann und daß auch die Beschäftigung weiter steigt. Als wir vor einem Jahr über den Jahreswirtschaftsbericht debattierten, behauptete die Opposition u. a., wir bauten nur Luftschlösser; in Wahrheit sei der wirtschaftliche Erfolg ja ausschließlich auf den starken Dollar zurückzuführen. Ich habe schon damals vergeblich versucht, Herrn Roth und Herrn Jens einige Grundtatsachen wirtschaftlichen Beobachtens und Beurteilens nahezubringen, aber ohne Erfolg. Ich will aber jetzt noch einmal darauf hinweisen, was ich damals in bezug auf die Zahlen gesagt habe. Der Dollarkurs betrug im Februar 1985 durchschnittlich 3,29 DM. Er bewegt sich heute um die 2,40 DM-Marke herum; zum Teil wurde er in den jeweiligen Tagesfeststellungen erheblich niedriger notiert; ich rede vom Durchschnitt. Er wird um ungefähr 90 Pfennig oder 27% niedriger als damals notiert. Es ist natürlich unbestreitbar, daß ein exportierendes Unternehmen Vorteile daraus zieht, daß der Dollar stark ist, und Nachteile erleidet, wenn er schwach ist. Aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit. Ich habe versucht, Ihnen das im letzten Jahr zu erklären. Ich habe vor monokausalen Erklärungen gewarnt, etwa des Stils — ich bin froh, daß Herr Ehrenberg gerade kommt, denn er hat das damals mit großer Verve vorgetragen —: Der starke Dollar ist die alleinige Erklärung für das Wirtschaftswachstum; alles andere, was Sie, Herr Wirtschaftsminister, vortragen, ist Unsinn. — (Kittelmann [CDU/CSU]: Das war schon peinlich damals!) Schon damals habe ich gesagt: Zwei Drittel der deutschen Ausfuhr gehen in europäische Länder; unmittelbar in die USA gehen nur 10 % der Exporte. Bei einem Rückgang des Dollarkurses verbilligen sich unsere Einfuhren in dem so wichtigen Bereich Rohstoffe, Energie. Dadurch sinken die Produktionskosten. Außerdem hat ein niedriger bewerteter Dollar für die Entwicklungsländer den Vorteil, daß sie Erleichterung im Hinblick auf ihre Verschuldung erfahren und zusätzlich die Möglichkeit haben, zu importieren. Alles das haben Sie damals nicht wissen wollen. Sie haben es vom Tisch gefegt, weil Sie auch dort wieder Ihren eigenen pessimistischen Prophezeiungen glauben wollten. Was ist eingetreten? Wir haben im vergangenen Jahr, meine Damen und Herren, einen Höchstwert sowohl im Handelsbilanzüberschuß als auch bei der Zahlungsbilanz erreicht, obwohl sich der Dollarkurs im vergangenen Jahr kontinuierlich abgeschwächt hat. Wer hat denn nun eigentlich recht? Man kann die einfache Frage stellen: Wer macht die bessere Wirtschaftspolitik? Die Opposition, die sich in allem irrt — in ihren Prognosen, in ihren Beurteilungen —, oder die Regierung, die auf Zahlen verweisen kann, die so gut sind wie nie zuvor? (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Vizepräsident Cronenberg: Gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Jens? Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft: Ich nehme an, Herr Präsident, daß Herr Jens immer noch nicht genug belehrt ist. Deswegen möchte ich ihm die Chance nicht rauben, heute morgen noch mehr zu erfahren. Vizepräsident Cronenberg: Ohne zu der Begründung Stellung zu nehmen: Herr Abgeordneter, bitte schön! Dr. Jens (SPD): Herr Minister, können Sie mir denn zugestehen, daß auch Ihre Betrachtungsweise wiederum sehr einseitig ist, daß es durchaus Unternehmen in der Bundesrepublik gibt, die insbesondere in den Dollarraum exportieren, die zwangsweise auf Grund des sinkenden Dollarkurses jetzt Schwierigkeiten bekommen? Ich kann Ihnen sogar Namen nennen. Können Sie das denn nicht eingestehen? Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft: Aber Herr Jens, natürlich ist das richtig. Nur: Wenn wir hier jetzt über die Erfolge der Wirtschaftspolitik diskutieren, dann muß ich doch Durchschnittswerte nehmen. Ich kann doch nicht nur auf die Schlechten schauen. Dann müßte ich mit demselben Recht fragen: Warum schauen Sie nicht dauernd auf die Guten? (Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD]) — Herr Vogel, nun regen Sie sich nicht auf. Ich nehme doch bei der Beurteilung der Finanzlage der Kommunen auch nicht die schlechten Daten der sozialdemokratisch regierten Kommunen, sondern man muß Durchschnittswerte nehmen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Dr. Vogel [SPD]: Bangemanns Plauder - stunde! — Weitere Zurufe von der SPD) Eines, meine Damen und Herren, muß man auch deutlich sagen: Das Vertrauen der Bevölkerung, insbesondere der Wirtschaft, in diese Wirtschaftspolitik der Regierung und in den Kurs der Regierung ist gestiegen. Das gibt eine Basis für Kontinuität. Wir müssen unsere Politik fortsetzen, wenn wir nicht einen abrupten Abbruch dieser wirtschaftlichen Entwicklung erleben wollen. Wir müssen deswegen für eine neue Investitions- und Verbrauchsdynamik durch unsere Wirtschaftspolitik sorgen. Wir dürfen uns nicht auf irgendwelche noch so gutgemeinten Experimente einlassen; denn die Leistungskraft und der Leistungswille der Wirtschaft und der in ihr Arbeitenden werden von der Opposition kontinuierlich unterschätzt. Ich darf einige Bemerkungen zur Entwicklung der Ölpreise und zu den Folgerungen machen, die daraus zu ziehen sind. Diese Ölpreissenkungen wirken sich bei uns besonders stark aus, weil sie mit dem schwächeren Dollar zusammenfallen. Alle Analysen und Modellrechnungen stimmen darin überein: Diese eingetretenen Preissenkungen sind für uns wie für alle Ölimportländer positiv. Die Verbraucher werden spürbar entlastet. Die Inflationsrate wird gedrückt. Die Energiekosten für die Industrie sinken. Die Wettbewerbsfähigkeit nimmt zu. All das wird Konjunktur und Wachstum zugute kommen. Deswegen werden wir in 1986 vermutlich noch bessere Zahlen erreichen, als wir sie angenommen haben. Alles das, meine Damen und Herren kann man aber mit einem Handstreich zunichte machen, wenn man den Vorschlägen folgt, die die Opposition sofort wieder gemacht hat, mit Steuern oder Abgaben diese Ölpreisentwicklung zu beeinflussen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD] — Weitere Zurufe von der SPD) — Ich spreche hier für die Regierung, verehrter Herr Vogel. Soweit ich weiß, gehört Herr Spöri Ihrer eigenen Fraktion immer noch an. (Erneuter Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD]) Er hat ja die Schnapsidee zuerst geäußert, daß man die positiven Impulse für Stabilität, Wachstum und Beschäftigung wieder wegsteuern soll. (Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Hört! Hört!) Meine Damen und Herren von der SPD, immer dann, wenn Sie einen wirtschaftspolitischen Vorschlag machen, fällt Ihnen nichts anderes ein, als eine neue Steuer einzuführen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD]) Sie sollten sich überlegen, ob „SPD" heute nicht übersetzt werden muß mit „Steuerpartei Deutschlands". (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Dr. Vogel [SPD]: Das ist ja mäßiges Kaba rett!) — Herr Vogel, es stimmt schon, daß das, was Sie wirtschaftspolitisch vorschlagen, sehr mäßiges Kabarett ist. Sie müssen doch einmal zur Kenntnis nehmen: In Ihrem Programm „Arbeit und Umwelt", das Sie heute wieder vortragen, schlagen Sie eine Erhöhung der Abgaben und Strompreise vor. Wenn die Ölpreise sinken: Was fällt Ihnen dazu ein? Eine Ölimportsteuer, um dem Verbraucher die Vorteile wegzunehmen. Ich frage mich auch: Wo ist denn eigentlich das Soziale in dieser Politik? Der kleine Mann ist es, der bei Ihnen immer, jedesmal belastet wird oder belastet werden soll. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Roth [SPD]: Ergänzungsabgabe! — Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD]) Sie haben auch gar nicht richtig verstanden, daß die Marktkräfte, die wir damals, als die Ölpreise stiegen, (Dr. Hauff [SPD]: Zugabe!) sich haben auswirken lassen, dazu beigetragen haben, daß neue Technologien entwickelt wurden und daß Öl sparsamer verwendet wurde. Was war denn damals Ihre Position, als die Ölpreise stiegen? Da wollten Sie die gestiegenen Ölpreise für die Verbraucher und Industrie durch Subventionen ausgleichen und niedriger machen. Damit hätten Sie den Effekt der Öleinsparung und der Entwicklung von modernen Technologien zunichte gemacht. (Roth [SPD]: Sie haben geschlafen oder schlecht geträumt!) Sie haben eben mit dem Markt überhaupt nichts im Sinn. Das ist Ihr Problem. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Dr. Hauff [SPD]: Zugabe!) Die gegenwärtige Lage auf dem Ölmarkt ist zunächst einmal Ausdruck des Kampfes der OPEC- Mitglieder. Aber ihre wirtschaftliche Ursache liegt auch in einer Überkapazität auf dem Ölmarkt, die übrigens nicht allein dadurch entstanden ist, daß neue Ölfelder erschlossen worden sind oder Produktionsreserven heute stärker ausgeschöpft werden, sondern auch deswegen, weil die Nachfrage gesunken ist. Das heißt, der heutige Preisverfall beweist erneut, daß ein Preiskartell, wenn es überhöhte Preise durchsetzen will, letztendlich am Markt scheitert. Denn die Nachfrage sinkt bei solchen Preisen. Die Verbraucher weichen entweder, soweit sie es können, auf Ersatzprodukte aus oder sparen eben. Diese konsequente Energiepolitik, die auf Marktkräfte setzt, hatte diesen Preisverfall zur Folge. Deswegen kann man sehr wohl sagen, daß wir diese Politik, wenn wir sie fortsetzen, zum Vorteil des Verbrauchers und unserer Wirtschaft gestalten können. Die Bundesregierung wird sich jedenfalls nicht an der Lotterie über kurzfristige Ölpreisprognosen und kurzatmige Steuerpläne beteiligen. Wir halten nichts davon, daß kurzatmige Politik betrieben wird. Denn das würde auch ein schlechtes Klima in der internationalen Debatte über Zölle und andere Handelshemmnisse schaffen. Wie würden wir bei unserem Bemühen, in den anstehenden GATT-Verhandlungen zu mehr Freihandel zu kommen, denn dastehen, wenn wir selber Zölle einführen würden — für die wir übrigens nach den GATT- Regeln Ausgleich schaffen müßten —, und wie will man denn den Ausgleich gegenüber erdölexportierenden Ländern schaffen? Also auch außenwirtschaftlich wäre die Erhebung derartiger Zölle oder Steuern ein Rückschritt gegenüber dem, was wir anstreben. Die langfristigen Preis- und Versorgungsentwicklungen kann wohl niemand heute verläßlich vorhersagen. Aber es wäre völlig falsch, von der Politik der Energieeinsparung jetzt Abschied zu nehmen oder nicht mehr alle Anstrengungen zu unternehmen, um Ersatztechnologien zu schaffen. (Auhagen [GRÜNE]: Das machen Sie doch!) Wenn wir diese Ölpreisentwicklungen verfolgen, müssen wir feststellen, daß das jetzige Preisniveau nicht auf lange Sicht beibehalten wird. Natürlich hat diese Ölpreisentwicklung nicht nur positive Folgen. Diese Frage stellt sich besonders für die Kohlepolitik. Deswegen mache ich dazu einige Ausführungen. Wie Sie wissen, sind die beiden wichtigsten Absatzbereiche der deutschen Kohle, nämlich die Stahlindustrie und die Verstromung, durch den Jahrhundertvertrag und durch den erst vor kurzem erfolgreich neu verhandelten Hüttenvertrag wirksam abgesichert. An diesen beiden Sicherungen ändert sich durch die Entwicklung des Ölpreises grundsätzlich nichts. Allerdings steigen die volkswirtschaftlichen Kosten, weil die Differenz, die wir im Hüttenvertrag ausgleichen müssen, bei den insgesamt gesunkenen Energiepreisen auf dem Weltmarkt natürlich ausgeglichen werden muß. Das wird den Haushalt stärker belasten. Aber diese beiden Sicherungen bleiben bestehen. Die Bundesregierung wird ihre Kontinuität auch in der Kohlepolitik beibehalten. Niemand kann davon sprechen, daß diese kurzfristigen Ölpreisschwankungen die Position der Kohle langfristig gefährden. Wir werden das, was wir mit der Kohle vereinbart haben, durchhalten und weiter durchführen. Man darf natürlich auch nicht übersehen, daß diese Entwicklung der Ölpreise für ölexportierende Entwicklungsländer eine Belastung ist, andererseits für die ölimportierenden Entwicklungsländer eine erhebliche Entlastung. Auch diesem Problem kann man nicht mit Ölsteuern beikommen. (Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!) Vielmehr müssen wir dafür sorgen, daß die ölexportierenden Entwicklungsländer wie beispielsweise Mexiko nicht in eine Situation geraten, die sie aus eigener Kraft nicht mehr bestehen können. Das ist eine Frage an unsere Kooperationsbereitschaft. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Die Fakten zeigen: Optimismus und Zuversicht haben ein solides Fundament, weil sich die wirtschaftlichen Daten deutlich verbessert haben. Was haben wir erreicht, was erwarten wir für dieses Jahr? Vor wenigen Tagen hat das Statistische Bundesamt gemeldet, daß die Preise im Januar nur noch um 1,3 % gestiegen sind. Eine so niedrige Zahl hat es seit 18 Jahren nicht mehr gegeben. Das ganze Gerede über den sogenannten Sozialabbau fällt in sich zusammen, wenn man weiß, daß diese Preissteigerungsrate ein erheblicher Beitrag zu einer menschlichen Sozialpolitik ist; denn sie hilft denen, die weniger Einkommen haben als andere oder der Durchschnitt. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Einkommenszuwächse sind heute wieder Einkommenszuwächse. (Zurufe von der SPD) — Daß Ihnen das nicht gefällt, wirft doch ein Licht auf Ihre eigenen Ziele. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Vizepräsident Cronenberg: Herr Bundesminister, der Abgeordnete Ehrenberg möchte gerne eine Zwischenfrage stellen. Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft: Bitte sehr. Dr. Ehrenberg (SPD): Herr Bundesminister, können Sie dem Plenum bestätigen, daß die Statistik ausweist, daß seit 1982 in jedem Jahr der Anstieg der Nettolöhne unterhalb der Preissteigerungsrate geblieben ist, und können Sie erklären, wie die Arbeitnehmer von dieser Preissteigerungsrate Vorteile haben, wenn der Anstieg der Nettolöhne unterhalb der Preissteigerungsrate bleibt? (Beifall bei der SPD) Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft: Nein, das kann ich nicht bestätigen, Herr Ehrenberg. (Dr. Ehrenberg [SPD]: Es ist aber so!) Wenn Sie nachsehen, werden Sie feststellen, daß wir im vergangenen Jahr zum erstenmal wieder reale Einkommenszuwächse hatten (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Zurufe von der SPD: Nein!) und daß wir in diesem Jahr erneut solche realen Nettozuwächse haben werden; denn die Preissteigerungsrate liegt sicher — wie wir sagen — zwischen 1,5 und 2 %, wahrscheinlich sogar erheblich darunter, (Zuruf von der CDU/CSU: So ist es! — Wi - derspruch bei der SPD) und das bei den bereits bekannten Tarifabschlüssen und auch angesichts der Verbesserungen für die Rentner, über die wir noch diskutieren können. Das führt in diesem Jahr mit Sicherheit zu einem realen Zuwachs bei den Einkommen. Das kann man überhaupt nicht wegdiskutieren. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Steuer reform!) Herr Ehrenberg, Sie wissen ganz genau, daß z. B. — um eine andere Zahl zu nennen — von 1980 bis 1982 das Sozialprodukt um 2 1 /2% zurückgegangen ist und daß es, seitdem diese Regierung Politik macht, um 10 % gestiegen ist. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Lachen und Zurufe bei der SPD) Wir haben eine Zunahme der wirtschaftlichen Leistungen, seitdem diese Regierung die Wirtschaftspolitik bestimmt, um 150 Milliarden DM. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Das haben wir nicht durch Wachstums- oder Beschäftigungsprogramme erreicht. (Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Ihr Vorgänger muß miserabel gewesen sein!) — Mein Vorgänger war sehr gut, nur konnte er seine Qualität leider nicht unter Beweis stellen, weil er einen schlechteren Koalitionspartner hatte. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Ich habe schon von unserem Bilanzüberschuß gesprochen. Dieser Überschuß sowohl in der Handelsbilanz wie auch in der Zahlungsbilanz ist inzwischen so groß, daß die Regierung anfängt, sich darüber Gedanken zu machen, was wir tun müssen, damit diese Situation für unsere Handelspartner nicht unzumutbar wird. Aber ich sage Ihnen: Wir werden Exporte nicht künstlich beschneiden — dafür gibt es auch gar keine Instrumente —, sondern wir werden unsere Märkte für unsere Handelspartner weiter öffnen, um dadurch zu einem besseren Ausgleich zu kommen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Nun gibt es ein Datum, bei dem diese sehr optimistische Schilderung sicherlich nachdenklicher und kritischer werden muß. Das sieht die Regierung auch. Natürlich kann niemand leugnen, daß die mehr als 2 Millionen Arbeitslosen ein Schatten auf dem sonst günstigen Konjunkturbild sind. (Dr. Vogel [SPD]: Schatten? Das ist der richtige Ausdruck!) — Wenn Sie sich schon über diesen Ausdruck aufregen, (Dr. Vogel [SPD]: 2 Millionen Schatten!) wenn Sie sich darüber aufregen, daß diese Zahl das Konjunkturbild nicht in denselben guten Farben und demselben hellen Licht erscheinen läßt, wenn Sie sich darüber aufregen, daß ich das als einen Schatten, als eine ungünstige Zahl bezeichne, dann weiß ich überhaupt nicht mehr, worüber man sich mit Ihnen unterhalten soll. Aber auch auf dem Arbeitsmarkt, meine Damen und Herren, gibt es eine spürbare Verbesserung. Seit dem Tiefpunkt der Beschäftigung 1983/84 ist die Zahl der Beschäftigten bis Ende 1985 um 350 000 gestiegen. Die günstigen Wachstumsperspektiven lassen erwarten, daß sich der Anstieg der Beschäftigung 1986 verstärkt fortsetzen wird. Im Jahreswirtschaftsbericht rechnen wir mit einer Zunahme von rund 300 000 Erwerbspersonen im Jahresdurchschnitt. Das heißt, Ende 1986 wird wahrscheinlich die Erwerbstätigenzahl gegenüber dem letzten Tiefpunkt um mindestens 600 000 zugenommen haben. Wir hätten dann zwei Drittel der Arbeitsplätze, die früher verlorengegangen sind, neu geschaffen. (Dr. Vogel [SPD]: Sie haben heute noch nicht den Stand von 1982!) Meine Damen und Herren, wie sorgfältig die Opposition auch hier mit Zahlen umgeht, hat j a Herr Roth vor kurzem bewiesen. Ich unterstelle einmal, daß die Agenturmeldung richtig ist, nach der er sagt, wir hätten 100 000 Arbeitsplätze hinzufabuliert. Diese Auseinandersetzung des Herrn Roth mit den Zahlen des Jahreswirtschaftsberichts zeigt, daß Sie nicht nur in den Prognosen sehr fehlerhaft sind, sondern daß Sie nicht einmal mit empirischen Daten ordentlich umgehen. (Dr. Ehrenberg [SPD]: Besser als Sie!) — Das will ich Ihnen jetzt einmal zeigen, Herr Ehrenberg. Sagen Sie dem Kollegen Roth, daß er sich ein bißchen besser informieren soll. Zunächst einmal folgendes. Er macht zwei Fehler. Erstens nimmt er Zahlen, die in den anfänglichen Entwürfen des Jahreswirtschaftsberichts standen, die nicht in die endgültige Fassung übernommen worden sind, weil für die ersten Entwürfe natürlich die statistischen Daten noch gar nicht vorliegen, die wir am Ende unserer Arbeiten vorliegen haben, so daß Zahlen, die aus den ersten Entwürfen stammen, anständigerweise — und da kann man auch einmal ein bißchen Anstand mit Zahlen praktizieren — nicht übernommen werden sollten. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Zweitens macht Herr Roth einen ganz einfachen Trick. Er vergleicht Jahresdurchschnittszahlen. Da muß er natürlich zu einem niedrigeren Ergebnis kommen. Im Jahreswirtschaftsbericht ist der Anstieg der Zahl der Beschäftigten aber seit dem Tiefpunkt, also von Ende 1983/Anfang 1984 bis Ende 1985, im Jahresverlauf ausgewiesen. Das heißt, wir hatten im Jahre 1983 eine Entwicklung, die noch abwärts gerichtet war. Deswegen muß der Jahresdurchschnitt in diesem Jahr über dem Niveau am Jahresende liegen. 1985 hatten wir einen Jahresdurchschnitt unter dem Jahresendstand, weil es das ganze Jahr mit der Beschäftigung aufwärts ging. Es ist j a nun wirklich nicht so, daß die Zeitpunkte, auf die die Zahlen bezogen sind, und auch die Methode, mit der sie ermittelt worden sind, im Jahreswirtschaftsbericht nicht ausgewiesen sind. Das steht im Jahreswirtschaftsbericht drin. Wenn der wirtschaftspolitische Sprecher der Opposition falsche Zahlen erfindet, obwohl er den Jahreswirtschaftsbericht ja lesen kann, dann sind nur zwei Schlußfolgerungen möglich. Entweder er hat ihn nicht gelesen oder er macht bewußt und absichtlich falsche Zahlenangaben. Und das ist nicht in Ordnung. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Wir haben immerhin erreicht, meine Damen und Herren, daß in den letzten drei Jahren das Ausbildungsplatzangebot auf eine Rekordhöhe von rund 700 000 gebracht werden konnte und daß die Jugendarbeitslosigkeit — anders als in allen anderen europäischen Nachbarländer — nicht gestiegen ist, sonder zurückgegangen ist. Es ist durchaus positiv zu werten, daß neue Arbeitsmöglichkeiten zunehmend auch von Frauen und Männern aus der sogenannten stillen Reserve wahrgenommen werden. Das beweist übrigens, wie wichtig es ist, daß wir die Qualifikation der registrierten Arbeitslosen anheben. Denn wenn heute schon von jedem neugeschaffenen Arbeitsplatz angenommen werden kann, daß die Chance, daß ein Arbeitsloser ihn besetzt, mindestens gleichwertig ist mit der Chance, daß ein Berufsanfänger oder jemand aus der vorhandenen Reserve diesen Platz besetzt, dann bedeutet das, daß die Chancen der Arbeitslosen besser werden müssen und wir sie besser qualifizieren müssen, damit sie diese Chancen wahrnehmen können. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Deswegen kann man hier nicht durch Umverteilungspolitik, sondern nur durch mehr Flexibilität und Dynamik auch auf dem Arbeitsmarkt Verbesserungen schaffen. Die flankierenden Maßnahmen, die wir im Bereich des Arbeitsrechts und des Arbeitsschutzes ergriffen haben, haben ja die Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft der Arbeitnehmer verbessert. Diese Qualifizierungsanstrengungen müssen wir fortsetzen, denn natürlich wird die technische Entwicklung dazu führen, daß die Gefahr, durch Technologie arbeitslos zu werden, um so größer ist, je weniger qualifiziert ein Arbeitnehmer ist. Das sind nun einmal Tatsachen, an denen niemand vorbeigehen sollte, übrigens auch die Tarifpartner nicht. Natürlich tragen wir, die Bundesregierung, auch Verantwortung für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, aber auch die Tarifpartner tragen diese Verantwortung. Wenn ich mir ansehe, welche kümmerlichen Ergebnisse in bezug auf eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes herausgekommen sind, ist die Frage erlaubt, ob die Tarifpolitik jedenfalls von einigen derjenigen, die die Verantwortung dafür tragen, auch wirklich berücksichtigt, daß das Schicksal der Arbeitslosen auch die Tarifpolitik beschäftigen muß. Wir dürfen nicht Tarifpolitik nur für diejenigen machen, die einen Arbeitsplatz haben, sondern die Tarifpolitik muß so ausgestaltet werden, daß Arbeitslose eine neue Chance bekommen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Zurufe von der SPD) Meine Damen und Herren, Lohndifferenzierung ist nicht ein sozialer Abbau, sondern ein Beitrag zu mehr Chancen für Arbeitslose. Das wollen Sie nicht einsehen, aber ich meine, daß jemand, der eine solche offensive Tarifpolitik ablehnt, nicht im gleichen Atemzug von sich behaupten kann, daß er wirkungsvoll die Arbeitslosigkeit bekämpft. Es ist nämlich die eigentliche Heuchelei unserer Tage, daß diejenigen, die eine Politik für die glücklichen Arbeitsplatzbesitzer betreiben, das auch noch als einen Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verkaufen. Das ist Heuchelei. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Widerspruch bei der SPD) Meine Damen und Herren, 1986 planen die Unternehmen eine Ausdehnung ihrer Investitionen, und Investitionen sind immer noch der beste Weg zu mehr Arbeitsplätzen. Wir müssen das unterstützen. Das Steuerentlastungsgesetz, das zu einem Teil in Kraft ist und das in der zweiten Stufe in Kraft treten wird, ist ein Beitrag dazu. Aber wir brauchen eine große Steuerstrukturreform. Die Koalitionsparteien und -fraktionen sind sich in diesem Ziel auch einig. Es gibt nur noch ganz geringe Unterschiede in den Nuancen, die uns nicht daran hindern werden, in der nächsten Legislaturperiode dafür zu sorgen, daß die durchschnittliche Steuerbelastung der Unternehmen nicht mehr — wie es heute der Fall ist — bei 70 % liegt. Meine Damen und Herren von der Opposition, die Anlage in Geldkapital war zur Zeit Ihrer Regierung lohnender geworden als die Anlage von Geld in Sachkapital. (Zurufe von der SPD) — Herr Jens, das hat sich heute geändert! Zum erstenmal ist die Anlage von Geld in Sachkapital, also die Investition, die Arbeitsplätze schafft, lohnender geworden als die Anlage in Geldkapital, und das ist eine vernünftige Politik. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Weitere Zurufe von der SPD) Wir brauchen einen linear ansteigenden Progressionstarif für die Einkommen- und Lohnsteuer. Wir dürfen das Existenzminimum nicht mehr besteuern. Es macht keinen Sinn, daß jemand, der nur das Existenzminimum verdient, dafür auch noch Steuern zahlen muß. Aber ich sage ebenso: Auch die übergroße Belastung in den Spitzensteuersätzen ist eine Belastung derjenigen, die Arbeitsplätze schaffen sollen. Wenn um uns herum andere europäische Länder diese Belastung ihrer Wirtschaft abbauen, müssen wir für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und dafür sorgen, daß diese unsinnige Steuerpolitik aufhört, daß die Steuerpolitik vernünftiger gemacht wird, was übrigens auch gerechter ist; denn ein allgemein niedriger Einkommensteuertarif ohne große Ausnahmen ist allemal auch sozial gerechter als hohe Einkommensteuertarife mit vielen Ausnahmen, die nur einige wenige nutzen können. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Der Abbau der Subventionen gehört in diesen Kontext, und weil das alles so ist, Herr Präsident, meine Damen und Herren, kann sich die Regierung für die Vorschläge, die die Opposition hier vorlegt, nicht erwärmen. Wir halten diese Vorschläge in der Tat für das Gegenteil unserer Politik, und es ist gut, daß das so ist, denn es wird ja immer behauptet, der Wähler könne zwischen den einzelnen Alternativen gar nicht mehr unterscheiden, weil mindestens in der Wirtschaftspolitik der Sachverstand ja bei allen so vertreten sei, daß man gar nicht mehr wisse, wo man nun eigentlich sein Kreuz machen solle. Dann aber, wenn der Wähler in der Wirtschaftspolitik das, was die Opposition vorschlägt, mit dem vergleicht, was die Regierung gemacht hat, erkennt er zweierlei: Erstens. Was wir gemacht haben, hat seine guten Ergebnisse gehabt. Zweitens. Wenn wir das fortsetzen wollen, hat es keinen Sinn, die Vorschläge der Opposition zu unterstützen, sondern dann muß man dafür sorgen, daß auch in der nächsten Legislaturperiode diese Regierung vernünftige Politik machen kann. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Abgeordnete Roth. Roth (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die „Welt" schrieb am 14. Februar 1986: Er fühlt sich oft mißverstanden, vor allem von Journalisten, doch selbst und besonders in seinem Wirtschaftsministerium sähe man es gern, wenn Martin Bangemann sich besser informierte, bevor er plauderte. (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der GRÜNEN) Ich stimme der „Welt" selten zu; aber dies ist wirklich ein treffsicheres Urteil über die Person. Beispiel: er setzt sich wortreich mit mir auseinander, weil ich gesagt habe, es sei vernünftiger, Jahresdurchschnittszahlen in der Entwicklung am Arbeitsmarkt zu vergleichen als eine Quartalszahl, wo wir immer wieder Ausreißer haben. (Zurufe von der CDU/CSU) Wenn ich diese Jahresdurchschnittszahlen nehme, dann ist in der Tat eine Mehrbeschäftigung von nur 190 000 statt 350 000 im Jahre 1985 herausgekommen, und dies im vierten Jahr des konjunkturellen Aufschwungs; wahrhaft eine bedauerliche Entwicklung am Arbeitsmarkt, über die wir ernsthaft reden sollten. (Beifall bei der SPD) Vizepräsident Cronenberg: Geben Sie dem Abgeordneten Wissmann die Möglichkeit, eine Zwischenfrage zu stellen? Roth (SPD): Lassen Sie mich doch jetzt erst noch ein paar Minuten reden; aber später — — Vizepräsident Cronenberg: Es ist Ihre Entscheidung. Roth (SPD): Ich bin jetzt beim „Plauderer", und da glaube ich nicht, daß er Ihre Verteidigung notwendig hat — ach doch, er hat sie notwendig. Bitte schön. (Heiterkeit) Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Roth, ich hätte Sie gerne gefragt, ob Sie mit dieser Bemerkung hier, die natürlich anders klingt als in Ihrer Presseerklärung, den Vorwurf zurücknehmen, wir hätten Zahlen über die Beschäftigungsentwicklung falsch dargestellt? Roth (SPD): Na, ich glaube, das ist falsch dargestellt, wenn man statt Jahresdurchschnittszahlen mal eine Quartalszahl heraussucht. Ich sehe doch dieses Spiel im Wirtschaftsministerium immer. Wenn die Zahl mal gut ist, nimmt man eine Monatszahl; wenn die Zahl schlecht ist, nimmt man einen Zweimonatsdurchschnitt, damit es wieder besser aussieht. Es wird permanent so gemacht. Zu früheren Zeiten war das übrigens seriöser; (Lachen und Zurufe von der CDU/CSU) also, da muß ich Graf Lambsdorff gegen seinen Nachfolger in Schutz nehmen, meine Damen und Herren. (Beifall bei der SPD) Aber lassen Sie mich das Plaudern ein bißchen darstellen. Was haben wir in den letzten Jahren erlebt? Schuldzinsabzug: die Verkündigung, jetzt würde der deutsche Bürger, der sich hat verschulden müssen, einen Schuldzinsabzug bekommen. Wo ist er geblieben? Oder ein anderes Thema: wir würden jetzt von der FDP bzw. vielleicht von der ganzen Koalition eine staatliche Grundrente bekommen, staatliche Grundrente für alle, vom Bundeswirtschaftsminister vorgeschlagen. Wo ist es geblieben? Oder ein anderer Fall. Wenige Tage vor der komplizierten Londoner Konferenz über Zinspolitik im Westen verkündigt der Bundeswirtschaftsminister, man werde jetzt Zinssenkungen vornehmen. Allein durch seine Aktion hat er eine sinnvolle Zinsrunde verhindert. (Dr. Vogel [SPD]: „Plauderer"! — Weitere Zurufe von der SPD) Das sind nun wahrhaft Plauderleistungen, die einem Wirtschaftsminister wirklich nicht angemessen sind. (Beifall bei der SPD — Zurufe von der FDP und der CDU/CSU) Meine Damen und Herren, er plaudert dann frech über Zahlen, bzw. über anderer Leute Zahlen, und sagt z. B., im letzten Jahr hätten wir Realeinkommenssteigerungen bei Arbeitnehmern gehabt. Ausweislich des DIW — ich habe es hier mit, ich kann es Ihnen auch herüberreichen, und Sie können das studieren — hatten wir im Jahre 1985 beim privaten Verbrauch eine Preissteigerungsrate von 2,0 % und bei den Nettolöhnen eine Steigerungsrate von 1,5 %, sprich 0,5 % weniger in den Taschen der Arbeitnehmer. So ist es ausweislich dieser Statistik, die jeder nachlesen kann. Im übrigen, ich kenne das Wirtschaftsministerium und seine Beamten ganz gut. Er hat qualifizierte, fähige Berater, aber er plaudert in der Tat, statt daß er sich auf seriöse Beratung verläßt. (Beifall bei der SPD) Mich hat heute früh — neben vielem anderen — noch etwas erstaunt: daß eines der schwierigsten strukturpolitischen Probleme in diesen Tagen in der Rede des Herrn Bundeswirtschaftsministers nicht vorkommt, daß darauf keine Antwort gegeben wird. Ich meine die Lage bei Arbed Saarstahl. Wir hatten in mehreren Legislaturperioden FDP- Wirtschaftsminister im Saarland. In diesen Jahren ist die Entscheidung über Arbed Saarstahl ständig verschleppt worden. Man hat immer gesagt, wir haben kein Konzept. Seit mehreren Monaten liegt jetzt ein Konzept vor. Es liegt die Tatsache vor, daß die IG Metall einem veränderten Sozialplan zugestimmt hat. Es liegt die Tatsache vor, daß die Banken auf Forderungen in Höhe von 250 Millionen DM verzichten wollen. Es liegt die Tatsache vor, daß eine saarländische Stahlgesellschaft bereit wäre, treuhänderisch das Management dieser Arbed Saarstahl zu übernehmen. — Das Konzept liegt auf dem Tisch. Und seit Monaten taktiert die Bundesregierung und gefährdet Arbed Saarstahl, so daß die Gefahr besteht, daß Ende des Monats das Licht ausgeht. Ich halte es für skandalös, daß dazu beim Jahreswirtschaftsbericht nicht einmal ein Wort gesagt wird. (Beifall bei der SPD) Wir erwarten, daß Sie in einer zweiten Stellungnahme hier klar sagen, ob Sie das Konzept der Landesregierung Lafontaine, das von dem früheren CDU-Wirtschaftsminister im Saarland, Schäfer, unterstützt wird, das von der öffentlichen Meinung, soweit sie sich informiert hat, (Lachen des Abg. Kittelmann [CDU/CSU]) unterstützt wird, akzeptieren oder ob Sie weiter taktieren und einen Konkurs dieses Unternehmens riskieren. Das erwarten wir heute noch von Ihnen. (Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/ CSU]: Keinen Druck, bitte!) Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zur konjunkturellen und strukturellen Lage unserer Wirtschaft kommen. Man könnte sagen: Kohl im Glück, wenn man die außenwirtschaftlichen Bedingungen betrachtet. Die internationale wirtschaftliche Lage war seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr so gut wie im Augenblick. (Zuruf von der CDU/CSU: Vielen Dank!) In allen Industrieländern gehen die Inflationsraten zurück. Preisstabilität ist in Europa nun typisch geworden. (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Na! Na!) Man bedenke, daß in Frankreich die Preissteigerungsrate, als die sozialistische Regierung ans Ruder kam, 13,4 % betrug, daß sie zum jetzigen Zeitpunkt 4 % beträgt und daß sie nach der Prognose 1986 auf 2 % zurückgehen wird — wahrhaft eine gute Entwicklung, eine gute Entwicklung auch bei uns, die wir begrüßen. (Dr. Vogel [SPD]: Richtig!) Die deutsche Wirtschaft erzielt Exportüberschüsse wie seit langem nicht mehr. Der günstigste Wechselkurs gegenüber dem Dollar seit 1974 hat sich im Jahre 1985 geradezu wie eine Exportdroge ausgewirkt. Die wenigen Arbeitsplätze, die mehr entstanden sind, sind praktisch auf den gewaltigen Außenhandelsüberschuß von 73 Milliarden DM zurückzuführen. Was die Mineralölpreisentwicklung angeht, die uns in den 70er Jahren so außerordentlich zu schaffen machte, muß man geradezu von einer Traumkonstellation sprechen. Der Mineralölpreis hat sich innerhalb von wenigen Wochen von 620 DM pro Tonne an der Grenze auf 300 DM reduziert. Mußten wir beispielsweise noch im Vorjahr 70 Milliarden DM für Rohölprodukte ausgeben — ich spreche jetzt nicht von den Krisenjahren, sondern von den Verhältnissen noch im letzten Jahr —, so werden wir dieses Jahr, wenn es sich hält, nur 35 Milliarden DM auszugeben brauchen. Das ist auf der Seite eine außerordentlich positive Bedingung. Das waren also Chancen. Wir sprechen heute über die Lage am Arbeitsmarkt, in der Finanzpolitik und in der Wirtschaftspolitik. Hat diese Bundesregierung diese außerordentlich positive außenwirtschaftliche Konstellation genutzt? (Kittelmann [CDU/CSU]: Natürlich!) Der Bundeskanzler hatte bei seiner Regierungserklärung 1983 folgendes ausgeführt: Aufgabe Nummer eins ist die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit. (Dr. Vogel [SPD]: Sehr gut!) Und mit welchem Optimismus sind Sie damals ans Werk gegangen. Lassen Sie mich noch etwas anderes zitieren, nur um auf Prognosen zurückzukommen: Wir brauchen mindestens zwei Jahre — 1983 auf 1985 — harter Arbeit, um die Arbeitslosigkeit auf 1 Million herunterzudrücken. (Dr. Vogel [SPD]: Hört! Hört!) Wenn wir das bis 1985 schaffen, ist das ein großer Erfolg. Das sagte der Generalsekretär der CDU, Heiner Geißler, am 3. Mai 1983, einen Tag vor der genannten Regierungserklärung. (Dr. Vogel [SPD]: Hört! Hört!) Daß dies nun kein propagandistischer Ausrutscher des Herrn Chefdemagogen war, sondern das Ziel Ihrer Regierung, wird deutlich, wenn am 5. Juli 1983 der Kölner „Express" aufmacht: Blüm optimistisch: '85 eine Million Arbeitslose. Der „Express" zitiert Blüm in diesem Artikel: „Ein solcher Abbau" — auf eine Million — „sei ,ganz sicher' möglich ..." Das waren die großen Hoffnungen, die diese Bundesregierung erweckt hat, als sie das Amt übernahm. Das waren aber nicht nur die Hoffnungen der Bundesregierung, das waren die Erwartungen von Millionen von Arbeitslosen an diese Regierung. Lassen Sie mich an dieser Stelle aus einem gemeinsamen Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur Arbeitslosigkeit zitieren: Arbeit gehört zum menschlichen Leben. Insbesondere durch Arbeit kann der Mensch seine Fähigkeiten und Kräfte entfalten und am Leben der Gesellschaft teilhaben. Der Erwerbsarbeit kommt dabei besondere Bedeutung zu. Arbeitslosigkeit, insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit, bedeutet für die Betroffenen erhebliche materielle Einbußen. Sie unterhöhlt den Leistungswillen und das Selbstbewußtsein. Sie greift die sozialen Bindungen in Ehe und Familie, im nachbarschaftlichen Leben an und zerstört die Solidarität. Arbeitslosigkeit trifft Jugendliche besonders schwer. Ich kann mich diesem Wort nur anschließen. (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der GRÜNEN) Gemessen an der Tatsache einer unverändert hohen Arbeitslosigkeit seit der Wahl vor drei Jahren erscheint mir Ihr Hurra-Optimismus hemmungslos und unmenschlich, meine Damen und Herren. (Beifall bei der SPD) Wenn ich Tag für Tag lese: Die Wirtschaft läuft!, dann frage ich mich: Reden Sie niemals mit den 2,5 Millionen registrierter Arbeitsloser und der weiteren Million nicht registrierter Arbeitsloser in der Bundesrepublik Deutschland? Gemessen an der f abelhaften internationalen Ausgangslage muß man Ihrer Regierung vorwerfen, daß sie Chancen und Bedingungen zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit verspielt und vertan hat, meine Damen und Herren. (Beifall bei der SPD) Die Massenarbeitslosigkeit stieg, während die Gewinne geradezu explodierten. Das ist die Realität in diesem Land. Es ist ein niederschmetterndes Ergebnis, ein besonders niederschmetterndes Ergebnis auch deshalb, weil es Alternativen zu dieser Politik gibt. Jeder, der über die Grenzen schaut, jeder, der beispielsweise nach Schweden schaut (Zurufe von der CDU/CSU: Oje!) oder nach Österreich, der weiß, daß Vollbeschäftigung unter heutigen internationalen Bedingungen möglich ist. (Beifall bei der SPD) Es gibt keine Jugendarbeitslosigkeit in Österreich und Schweden. Das ist Tatsache. In keinem anderen Land ist die Arbeitslosigkeit von 1980 bis 1985 so stark gestiegen wie in der Bundesrepublik Deutschland. Waren wir noch 1980 in der Gruppe der Länder mit der niedrigsten Arbeitslosenquote — wie die Schweiz, wie Österreich, wie Japan, wie Schweden —, so sind wir heute in der Gruppe mit der höchsten Arbeitslosigkeit in der Welt. (Dr. Ehrenberg [SPD]: Und mit dem aller - höchsten Anstieg!) Ich frage Sie — legen Sie sich diese Frage doch selbst vor —: Wann denn sonst als bei derart positiven außenwirtschaftlichen Bedingungen, wann denn sonst als in der Hochkonjunktur soll die Massenarbeitslosigkeit abgebaut werden? Wann denn sonst? (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der GRÜNEN) Wenn Sie in den vergangenen Jahren auf Ihre überzogene Konsolidierungspolitik verzichtet hätten, dann hätten wir vielleicht eine Million Arbeitslose weniger bekommen, wenn man das noch mit Arbeitszeitverkürzung gekoppelt hätte. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) Aber exakt das haben Sie abgelehnt. Meine Damen und Herren, Sie haben einen Aufschwung regelrecht verspielt. Wenn Sie, anstatt sich sich auf die Seite der Arbeitgeber zu schlagen und jede Arbeitszeitverkürzung stur abzulehnen, zwischen den Tarifparteien vermittelt hätten und einen konstruktiven Weg zur Arbeitszeitverkürzung mitentwickelt hätten, dann läge die Arbeitslosenzahl heute sicher weit niedriger. Sie hätten damit auch einen Beitrag zum sozialen Frieden geleistet. Statt dessen haben Sie das soziale Feuer angefacht. Meinen Damen und Herren, das zentrale Mißverständnis der Wirtschaftspolitik dieser Regierung ist, daß sie bedingungslos an eine Gleichung glaubt: Höhere Gewinne bedeuten mehr Investitionen; mehr Investitionen bedeuten automatisch mehr Arbeitsplätze. Aber, meine Damen und Herren, diese simple Gleichung stimmt heute nicht mehr. Sie haben mehr als jede Regierung, übrigens auch mehr als jede CDU-Regierung vorher, Einkommen zugunsten der Unternehmen und zu Lasten der Arbeitnehmer, der Rentner und der Sozialleistungsempfänger umverteilt. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland verdiente im Jahre 1985 real so viel wie im Jahre 1977. Man hat also acht Jahre früher genau soviel wie heute verdient. (Wissmann [CDU/CSU]: Wer hat die Ursa chen dafür gesetzt? — Weitere Zurufe von der CDU/CSU) Trotz sinkender Inflationsraten sind die Realein kommen bis ins letzte Jahr hinein — ich habe das schon gesagt — gesunken, nicht zuletzt wegen der drastisch erhöhten Steuern und Sozialabgaben. Wir haben heute trotz der angeblich größten Steuerreform aller Zeiten eine höhere Steuer- und Abgabenbelastung als jemals zuvor in der Bundesrepublik Deutschland. (Beifall bei der SPD) Das war realer Einkommensentzug. Allein in den vier Jahren von 1982 bis 1985 sind 145 Milliarden DM an die Unternehmer gegangen und von den Arbeitnehmern abgezogen worden; die Lohnquote ist von 74 % auf 70 % zurückgegangen. (Zuruf von der FDP: Und deshalb wollen Sie die Steuern erhöhen?) Was hat diese Umverteilung gebracht? Sie behaupten, das gibt eine Investitionsexplosion, aber auch im letzten Jahr sind die Anlageinvestitionen mit einem Minus von 0,8 % sogar leicht gesunken. Im Vorjahr waren das 1,5 % Minus. Meine Damen und Herren, Sie setzen sich mit dem Problem, warum die Investitionen nicht in dem Umfang wachsen, wie es die Gewinne an sich erlaubten, überhaupt nicht auseinander. Dabei gibt es Zahlen von der Deutschen Bundesbank, die das Problem verdeutlichen. Der Novemberbericht der Deutschen Bundesbank zeigt Ihnen, warum dieses Patentrezept nicht aufgeht. In dem Bericht der Deutschen Bundesbank heißt es, daß die gesamten Finanzierungsmittel der Unternehmen im Jahre 1984, Eigen- und Fremdmittel, 200 Milliarden DM betragen haben. Von diesen 200 Milliarden DM — das ist eine Globalzahl — wurden nur 107 Milliarden DM in eigene Investitionen gesteckt, in Sachanlagen investiert, und sage und schreibe ein Superrekordbetrag von über 72 Milliarden DM wurde thesauriert, in Geldvermögen gelegt. Dieses Grundproblem unserer heutigen wirtschaftlichen Situation analysieren Sie nicht. Siemens hat eine Kriegskasse von 20,5 Milliarden DM angesammelt, Daimler Benz von 6,5 Milliarden DM, und nun wollen Sie den Spitzensteuersatz senken. Das ist wohl eine ideale Maßnahme, um noch mehr Thesaurierung zu erhalten! (Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/ CSU]: Das ist doch gar nicht das Thema!) Diese gewaltige Umverteilung haben viele Unternehmen genutzt, um Kapital aus den Unternehmen herauszuziehen. Wir haben noch nie so viel Gewinnentnahmen wie in den letzten Jahren gehabt, und damit sind Geldvermögensbestände außerhalb angehäuft worden. Die tatsächliche Steuerfreiheit vieler Vermögenserträge förderte den Kapitalabzug aus den Unternehmen zusätzlich. Sie wissen das, aber Sie tun überhaupt nichts dagegen. Wir sind konsequent und fordern, daß die großen leistungslosen Geldvermögenserträge steuerlich genauso wie jede vom Arbeitnehmer verdiente Mark erfaßt werden. Wir wollen nicht, daß es beim Arbeitnehmer gläserne Taschen gibt, während die Geldvermögenserträge am Finanzamt vorbeifließen. (Beifall bei der SPD) Wir haben auch Vorschläge gemacht, z. B. eine steuerfreie Investitionsrücklage, die dann dem Unternehmer, der tatsächlich etwas unternimmt, der tatsächlich etwas tut, bei seiner unternehmerischen Leistung hilft. Dazu kommt, meine Damen und Herren, daß der zweite Teil Ihrer Gleichung auch nicht mehr so aufgeht wie früher. Investitionen an sich bedeuten nicht automatisch mehr Arbeitsplätze, wenn Unternehmen mehr rationalisieren als erweitern. Das ist ein Wissen, das inzwischen jeder Arbeitnehmer auf Grund seiner Erfahrungen hat. Die Bundesregierung sollte sich wenigstens mal damit auseinandersetzen. Auch deshalb ist es falsch, daß Sie jede aktive Politik für mehr Arbeit durch die Gemeinschaft ablehnen. Auch deshalb ist es falsch, daß Sie Arbeitszeitverkürzungen ablehnen. Warum gibt es beispielsweise kein Überstundengesetz, das durch den Abbau der 1,7 Milliarden Überstunden im Jahr ein paar hunderttausend Arbeitsplätze mehr schaffen könnte? Das wäre praktische Solidarität aller Arbeitgeber wie Arbeitnehmer mit den jungen Leuten. (Beifall bei der SPD) Sie lehnen — und das ist heute schon wieder geschehen — die große Chance ab, durch ein Sondervermögen „Arbeit und Umwelt" die Umwelt zu verbessern, (Zurufe von der CDU/CSU: Oh!) obgleich damit, wie ein Hearing gezeigt hat, mehrere hunderttausend Arbeitsplätze zu schaffen sind. (Beifall bei der SPD) Warum betreiben Sie keine konjunkturgerechte, an den Produktionsmöglichkeiten unserer Wirtschaft ausgerichtete Finanzpolitik? Warum bremsen Sie durch das Runterfahren der öffentlichen Investition den Konjunkturaufschwung? (Beifall bei der SPD) Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage? — Bitte sehr! Dr. Lippold (CDU/CSU): Herr Abgeordneter Roth, Sie haben jetzt erneut auf das Programm „Arbeit und Umwelt" hingewiesen. Wir sind als CDU- Fraktion sehr stark an diesem Programm interessiert. Nur konnte bedauerlicherweise Ihre Fraktion bislang die Finanzierungsseite dieses Programms im Ausschuß noch nicht vorlegen. Wenn Sie also so weit vorgedacht haben, wann werden wir damit rechnen können, daß das Programm, das Sie seit langer Zeit als Allheilmittel anpreisen, wenigstens eine Finanzierungsseite bekommt? (Dr. Jens [SPD]: Das haben wir Ihnen ge - stern gesagt!) Roth (SPD): Wir haben das ja schon für die Ausschußsitzungen in der nächsten Woche angemeldet. (Lachen bei der CDU/CSU) Ich interessiere mich dann für die Auseinandersetzung zu diesem Thema. Führen Sie doch nicht das Scheingefecht! (Lachen bei der CDU/CSU) Zentral geht es doch um ein Problem, nämlich ob man ähnlich, wie damals nach dem Zweiten Weltkrieg, als es Massenarbeitslosigkeit gab, durch Wohnungsbau Arbeitsplätze geschafft hat, jetzt durch Umweltinvestitionen Arbeitsplätze schafft, (Beifall bei der SPD) oder ob man das aus Sturheit ablehnt. Die Menschen wollen bessere Umwelt, und wir haben die Chance, sie ihnen zu geben. Sie lehnen eine Beschäftigungsbrücke für die junge Generation ab, obgleich inzwischen — man muß sich das klarmachen — 600 000 junge Leute unter 25 Jahren arbeitslos sind, und zwar registriert, und weitere 300 000 nicht registriert. 900 000, meine Damen und Herren, unter 25 Jahren arbeitslos! Und dann machen Sie so eine aus dem Handgelenk organisierte Optimismuskampagne, ohne sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, (Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/ CSU: Die Zahl ist falsch!) und das in einer Gesellschaft, die reich und leistungsfähig ist. Die Massenarbeitslosigkeit bei uns ist nach meiner Überzeugung ein zynischer Luxus. (Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/ CSU: Das hat die SPD angefangen, diesen Luxus!) Kein Wort verliert der Jahreswirtschaftsbericht im übrigen über die immer bedrohlichere Kluft zwischen wirtschaftsstarken und wirtschaftsschwachen Regionen, kein Wort zu den katastrophalen Arbeitslosenzahlen in benachteiligten Regionen, kein Wort zum sprunghaften Anstieg der Firmenpleiten und Firmenzusammenbrüche gerade in diesen Regionen. Professor Pestel, der ehemalige Wissenschaftsminister im Kabinett von Herrn Albrecht in Niedersachsen, hat gerade in einem Gutachten bestätigt, war zuvor schon Prognos in der Schweiz gesagt hat: „Ohne Korrektur der Wirtschaftspolitik wird die Arbeitslosigkeit in Niedersachsen bis 1990, also in nur fünf Jahren, um weitere 25 % steigen." (Hört! Hört! bei der SPD) Wir müssen heute feststellen, die Lebensverhältnisse und Zukunftsaussichten einzelner Regionen in der Bundesrepublik sind deprimierend. Die Bundesregierung schweigt in ihrem Jahreswirtschaftsbericht dazu. Das Gebot der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse in den Teilräumen wird in verfassungswidriger Weise allmählich verletzt. Die Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf. Einzelne leistungsstarke Bundesländer veranstalten auf Kosten der Steuerzahler und zum Schaden der strukturschwachen Regionen einen regelrechten Wettbewerb um Großunternehmen. Darauf hat die Bundesregierung keine Antwort. Sie läßt den Grafen Lambsdorff ein bißchen kritisieren, aber der Herr Bundeswirtschaftsminister schweigt sich zu diesem Problem aus. Eine aktive Politik für alte und neue Problemregionen ist nicht nur ein Verfassungsgebot, sondern auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft. Wie vernünftig ist es eigentlich, daß wir jetzt große Zuwanderungen haben in die Region München, in die Region Stuttgart, in die Frankfurter Region und dort weiter die Infrastruktur expandieren, während sich die von der Infrastruktur her guten Räume im Ruhrgebiet, an der Küste und im Saarland entleeren? Welchen Sinn hat das eigentlich? Ich frage: Ist Mobilität, ist der Verlust der Heimat ein wirtschaftspolitisches Ziel dieser Bundesregierung? (Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/ CSU]: Unerhörte Polemik! — Weitere Zu - rufe von der CDU/CSU) Da geht es nicht um Grundsatzstreitigkeiten, meine Damen und Herren, sondern schlicht um die Frage: Gibt es einen neuen Länderfinanzausgleich, der den benachteiligten Regionen in der Bundesrepublik Deutschland wieder eine Entwicklungschance gibt? Das ist das Thema, das zur Klärung auch beim Bundesverfassungsgericht ansteht. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Menschen in großen Teilen Schleswig-Holsteins, Niedersachsens, in der Eifel, in der Oberpfalz, im Zonenrandgebiet, (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Reden Sie lie ber einmal von Hamburg und Bremen statt von Schleswig-Holstein und Niedersach sen!) in den altindustriell geprägten Regionen an Rhein und Ruhr, an der Saar, an der Küste werden im Jahreswirtschaftsbericht in einem Nebensatz behandelt. Diese Menschen werden gegenüber den Aufschwungparolen der Regierung zunehmend mißtrauischer. Sie stellen fest, daß sich die Probleme in ihren Regionen verschärfen, und zwar gerade in Niedersachsen. Dies sage ich, weil Sie immer von anderen Regionen sprechen. Diese Menschen durchschauen, daß sich diese Bundesregierung ausschließlich an den positiven Räumen orientiert. (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Niedersach sen ist ein positiver Raum!) Meine Damen und Herren, der Kern unserer Auseinandersetzung ist das folgende: Sollen und können wir die Solidarität und Gerechtigkeit aufbringen, um die Massenarbeitslosigkeit auch in regionaler Hinsicht zu bekämpfen? Lassen Sie mich zu diesem Thema den Herrn Bundeskanzler aus einem offiziellen Informationsdienst der CDU zitieren. Helmut Kohl schreibt dort — ich zitiere jetzt wörtlich — : Liebe Freunde! Wir müssen darum kämpfen, daß am Wahltag unseren Mitbürgern vor allem eines klar ist: (Roth [Gießen] [CDU/CSU]: Nie wieder SPD! — Heiterkeit bei der CDU/CSU) Die Gefahr, arbeitslos zu werden, wird für jene, die einen Arbeitsplatz besitzen, immer geringer. Denn machen wir uns keine Illusionen: Ich glaube nicht an die große Solidarität der Arbeitsbesitzenden mit den Arbeitsplatzsuchenden. (Dr. Vogel [SPD]: Unglaublich! — Weiterer Zuruf von der SPD: Pfui!) Herr Bundeskanzler — er ist heute nicht anwesend; sagen Sie es ihm —, ich halte das nicht für einen Beitrag zur geistig-moralischen Erneuerung, sondern für einen Beitrag zum geistig-politischen Niedergang in dieser Gesellschaft. (Beifall bei der SPD) Mit diesem Satz wird ein nackter Egoismus einfach hingenommen, j a, geradezu gepredigt. Lassen Sie mich dem Bundeskanzler und dem Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands hier mit einem Zitat begegnen: Wir dürfen es nicht zulassen, daß die von Arbeitslosigkeit Betroffenen von den Arbeitsplatzbesitzern mit ihrem Schicksal alleingelassen werden und ein Abbau der Solidarisierung weiter um sich greift. Wir dürfen es auch nicht zulassen, daß durch leichtfertige Unterstellungen in der öffentlichen Diskussion — z. B.: viele Arbeitslose wollen in Wirklichkeit gar nicht arbeiten — die menschliche Not vergrößert und das gesellschaftliche Ansehen der von Arbeitslosigkeit Betroffenen überschattet wird. Etwas später heißt es im gleichen Text: Gefordert ist von uns allen und jedem einzelnen tätige Solidarität. Jeder unbesetzte Arbeitsplatz, jede unnötige Überstunde, jede versäumte Qualifizierung, jedes unnötige Einstellungshemmnis ist ein Verstoß gegen dieses Gebot der Solidarität. Dies, meine Damen und Herren, waren Worte aus der gemeinsamen Erklärung des Landesbischofs Eduard Lohse, des Vorsitzenden der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, und des Kardinals Höffner, des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Ich unterstreiche jedes dieser Worte und möchte mich besonders auch den Schlußfolgerungen der beiden Kirchen anschließen: Die in Politik und Wirtschaft Verantwortlichen sollten sich jetzt zusammenfinden und schnell handeln. Wir müssen miteinander und füreinander die Arbeitslosigkeit bewältigen helfen. Das gilt auch für das gemeinsame Tragen der finanziellen Lasten. Beim Staat, bei den Arbeitgebern und den Gewerkschaften liegt ein besonders hohes Maß der Verantwortung. Wir müssen im Sinne eines Sozialpaktes gemeinsam handeln. (Zuruf des Abg. Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU] — Heiterkeit bei der CDU/CSU) Es genügt nicht, Forderungen jeweils an den anderen zu stellen. (Dr. Vogel [SPD]: Richtig!) Notwendig ist vielmehr, gemeinsam Kraftanstrengungen zu unternehmen. (Beifall bei der SPD) Lassen Sie es mich in unseren Worten sagen — das ist derselbe Gedanke —: Wir brauchen ein soziales Bündnis (Zuruf von der CDU/CSU: GRÜNE!) Arbeit für alle. Genau diese Aufgabe ist nun von der Politik zu lösen. Weil es einen Aufschwung gibt, ist diese Aufgabe jetzt auch zu bewältigen, anders als in einer Ölkrise. (Beifall bei der SPD) Wenn der Wirtschaftsminister in seiner Rede zum Thema Massenarbeitslosigkeit hier wörtlich ausführt, da falle „ein kleiner Schatten" auf die Politik, (Urbaniak [SPD]: Unerhört dieser Bange - mann! — Weitere Zurufe von der SPD und den GRÜNEN) dann ist das der Zynismus, den die beiden Kirchenführer abgelehnt haben. Ich fordere die CDU auf, in dieser Koalition endlich auch für Solidarität mit den Arbeitslosen einzutreten. (Beifall bei der SPD — Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Fangen Sie mal bei der Neuen Heimat an! Das war die versammelte wirt schaftspolitische Potenz der deutschen Op position! — Kittelmann [CDU/CSU]: Wo bleibt die Alternative?) Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Abgeordnete Hauser. Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Da heute morgen offenbar die Stunde der Zitate ist, will auch ich nicht zurückstehen. (Heiterkeit bei der CDU/CSU) Ich beginne mit einer Frage: Welches Land ist so stark wie die Schweiz, so arbeitswütig wie Japan und besitzt die Managementfähigkeiten der USA? Ein solches Land gibt es zwar nicht, aber das, das ihm am nächsten kommt, ist die Bundesrepublik Deutschland. Das schrieb der „Daily Mail" Mitte Januar zur Situation in unserem Land. Der Jahreswirtschaftsbericht 1986 stellt das Ergebnis eines geschlossenen Konzepts dar, von dem zu Recht festgestellt wird: Nicht kurzfristiger, an Tagesereignissen orientierter Aktionismus, sondern eine mittelfristige Strategie, die dauerhaft die Ursachen der Probleme behebt, führt zum Ziel. Meine Damen und Herren, die Aufwärtsentwicklung unserer Wirtschaft vollzieht sich fast wie im Bilderbuch. Der bisher vom Export getragene Aufschwung wird jetzt durch eine immer stärkere binnenwirtschaftliche Nachfrage unterstützt. Herr Kollege Roth, Sie haben sich hier heute morgen eingehend mit der Frage befaßt, ob diese Politik auch dem sogenannten kleinen Mann — was immer das heißen mag — zugute komme. Dazu möchte ich zunächst einmal feststellen, daß die durch unsere Politik erreichte Preissteigerungsrate, die ja zu Ihrer Zeit knapp 6% betrug und heute unter 2 % liegt, mit jedem Prozent (Zuruf des Abg. Dr. Ehrenberg [SPD]) — Herr Kollege Ehrenberg, ich sage das, auch wenn Sie es nicht gerne hören — für die Arbeitnehmerhaushalte 5 Milliarden DM und für die Rentnerhaushalte 2 Milliarden DM Zuwachs an Kaufkraft bringt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das heißt: pro anno 25 Milliarden DM zusätzlicher Kaufkraft für die Arbeitnehmer und für die Rentner —, allein dieser eine Punkt als Ergebnis unserer Politik. Die deutsche Wirtschaft hat endgültig wieder Tritt gefaßt, und zwar mit Produktionssteigerungen, die selbst Optimisten nicht für möglich gehalten haben. Das entspricht auch dem Stimmungsbild, dem Geschäftsklimaindex, der sich im Laufe der letzten Monate immer weiter nach oben entwikkelt hat. Er war schon seit Jahren nicht mehr so gut wie zur Zeit. Meine Damen und Herren, natürlich ist es unser gemeinsames Ziel — ich hoffe, das ist unstreitig —, diese Ergebnisse unserer Politik auch verstärkt zum Abbau der Arbeitslosigkeit auszuwerten. Die Zahl der Kurzarbeiter konnte weitgehend abgebaut werden. Damit hat die Regierung Kohl ein weiteres Stück Wirtschaftswunder in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erreicht. (Beifall bei der CDU/CSU — Lachen bei der SPD und den GRÜNEN — Zurufe von der SPD: Blackout!) — Meine Damen und Herren, ich verstehe natürlich sehr gut, daß Sie das alles nicht gerne hören und daß das für Sie sehr unangenehm ist. (Anhaltende Zurufe von der SPD) Aber ich frage mich natürlich: In welcher Wirklichkeit leben Sie eigentlich, wenn sich Ihre Aussagen darauf reduzieren, all das mieszumachen, was für jeden, der mit einigermaßen offenen Augen durch dieses Land geht, als ein positives Ergebnis unserer Politik erkennbar wird? (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Müller (Bremen)? Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Ich tue das gern, wenn ich gleich mit meiner Redezeit zurechtkomme. Ich habe nur zehn Minuten, und das ist ein bißchen knapp. Der Kollege Roth hat sich heute morgen zunächst zehn Minuten lang darauf beschränkt, den Herrn Wirtschaftsminister mit dummen Bemerkungen zu glossieren, was ihm aber nicht gelungen ist. (Dr. Vogel (SPD): Zitiert hat er ihn!) Das war ein Beispiel dafür, daß man sich, wenn man in der Sache nichts beizutragen hat, in solche Nebenkriegsschauplätze verliert. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zurufe von der SPD) Trotz mehrfacher Nachfrage ist während der ganzen Rede, die der Kollege Roth hier gehalten hat, nicht mit einem einzigen Satz erkennbar geworden, wo denn die Alternative der Opposition zu dieser Politik liegt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Dr. Unland (CDU/CSU): Wie ist es denn mit dem Programm der SPD?) Sie zeigen ja nicht den leisesten Ansatz, Ihre Fehler aus Ihrer Regierungszeit zu überdenken, also Ihre Oppositionszeit auch für sich selbst als Chance zu begreifen. Vielleicht liegt das daran, daß die Marktwirtschaft für ihre Gegner so schwer zu begreifen ist, weil sie so einfach ist, wie Ludwig Erhard gesagt hat. Genau das scheint mir bei Ihnen der Fall zu sein: Sie begreifen nicht die simplen Gesetzes des Marktes, weil Sie sie nicht begreifen wollen. Das ist der Eindruck, den ich auch aus der heutigen Debatte gewinnen mußte. Die positive Entwicklung in weiten Bereichen der deutschen Wirtschaft hat mittlerweile auch große Teile des Mittelstands erfaßt, obwohl hier — das will ich gleich hinzufügen — die Dinge etwas differenzierter zu betrachten sind. Ich will gern ein Zitat von einem Mann vortragen, den vor allen Dingen der Kollege Vogel besonders gut kennen muß, weil er zu seiner sogenannten Regierungsmannschaft gehörte. Ich meine Herrn Professor Krupp, der vorige Woche im Wochenbericht seines Instituts festgestellt hat: Mit Beginn dieses Jahres sind für die privaten Haushalte Steuerentlastungen in Kraft getreten, die zu einer kräftigen Erhöhung der verfügbaren Einkommen geführt haben. Da diese erste Stufe der Steuersenkung vor allem die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen begünstigt, (Wissmann [CDU/CSU]: Hört! Hört!) ist damit zu rechnen, daß der größere Teil dieser Gelder auch zu mehr Konsum verwendet wird. (Zuruf des Abg. Dr. Ehrenberg [SPD]) Hierzu kommen die stabilen Verbraucherpreise, die die Kaufkraft der privaten Haushalte stärken. Meine Damen und Herren von der SPD, wenn Ihr eigener wirtschaftspolitischer Berater solche Erklärungen zum derzeitigen Stand unserer Politik abgibt, dann weiß ich nicht, was dieses ganze Geschwafel von der ständigen Benachteiligung der privaten Haushalte und der weniger Verdienenden hier zu suchen hat. (Beifall bei der SPD und der FDP) Wenn die objektiven Forschungsinstitute dies alles feststellen, dann diskutiert die SPD neue Steuerpläne wie beispielsweise die Zurücknahme der bereits beschlossenen zweiten Stufe. Gleichzeitig fordern Sie von der SPD zwar die Einführung einer steuerstundenden Investitionsrücklage für kleine und mittlere Unternehmen, aber diese mittelstandspolitische Hauptmahlzeit haben Sie durch Zutaten garniert wie die Beseitigung der Kinderfreibeträge, die Erhöhung der Einheitswerte, die Revitalisierung der Gewerbesteuer, umweltspezifische Abgaben, Ergänzungsabgabe und anderes mehr, wodurch das ganze Gericht völlig ungenießbar und unappetitlich wird. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wenn Sie hierherkommen und meinen: „Weil die Ölpreise gesunken sind, müssen wir uns ganz schnell etwas Neues einfallen lassen; wir wollen jetzt eine Ölsteuer einführen", dann muß ich Ihnen sagen: Die Fraktionen der CDU/CSU und der FDP werden heute hier einen Antrag vorlegen, wonach der Bundestag durch eine Entscheidung ganz klipp und klar sagen soll, daß wir einer solchen Politik unsere Zustimmung nicht geben, (Kittelmann [CDU/CSU]: Sehr gut!) damit die Verunsicherung der Verbraucher im Keim erstickt wird. Es handelt sich hier um die Drucksache 10/5065. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Cronenberg: Der Abgeordnete Roth, Herr Abgeordneter Hauser, bittet Sie um eine Zwischenfrage. Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Der Abgeordnete Roth kann diese Zwischenfrage stellen. (Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Das ist eine Gemeinheit! Das ist richtig gemein!) Roth (SPD): Ich möchte, Herr Präsident, dem Abgeordneten Hauser die folgende Frage stellen. (Kittelmann [CDU/CSU]: Das wird interes - sant!) Ist Ihnen bekannt, daß der energiepolitische Sprecher der CDU, Herr Gerstein, gestern eine Ölimportsteuer verlangt hat? Ist Ihnen ferner bekannt, daß die SPD-Fraktion eine Ölimportsteuer ablehnt? Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Erstens hat der energiepolitische Sprecher der Fraktion diese Forderung nicht erhoben. (Kittelmann [CDU/CSU]: So ist es!) Zweitens hat der bei Ihnen für Steuerfragen zuständige Kollege Spöri diese Forderung lautstark verkündet. Und damit es überhaupt keinen Zweifel darüber gibt, was wir wollen, werden wir diesen Antrag einbringen. Dann ist ziemlich gleichgültig, wer was wann gesagt hat. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Ich sagte schon: Die Alternative der Fraktionen der Opposition ist hier auf der Strecke geblieben. Das Wirtschaftsprogramm aus Ihrer Feder, Herr Kollege Roth, das seit drei Monaten in irgendwelchen Schubladen liegt, ist ja nicht zu verabschieden, weil Sie sich nicht einmal untereinander verständigen können, was aus diesem Programm werden soll. Deswegen ist für uns so schwer, überhaupt mit Ihnen eine politische Auseinandersetzung zu führen, weil wir gar nicht wissen, mit wem wir uns auseinandersetzen. Wir haben das gerade wieder bei dem Kollegen Spöri gehört. Wer sagt denn bei Ihnen eigentlich verbindlich, was Sie wirtschaftspolitisch und finanzpolitisch wollen? Da ist doch niemand auszumachen. Da redet doch jeder etwas anderes. Und dann wollen Sie uns hier als Volksbeglückung ein Programm „Arbeit und Umwelt" andienen, von dem Sie im Grunde nicht einmal wissen, wie Sie das Ganze finanzieren sollen. Die Probleme in unserer Wirtschaft verdienen auch von der Opposition einen solideren und fundierteren Lösungsbeitrag, nicht aber das Larifari, das wir uns in der letzten Zeit immer anhören mußten. (Beifall bei der CDU/CSU) Lassen Sie mich in dem Zusammenhang ein paar weitere Bemerkungen machen, die mir wichtig erscheinen. Sie betreffen den Abbau der Subventionen. Ich mache es sehr kurz. Ich bin der Meinung, wir sollten durchaus einmal ernsthafter darangehen, den Subventionsabbau zu betreiben. Graf Lambsdorff hat j a vor einigen Wochen unseren alten Vorschlag aufgegriffen, durch die Senkung eines bestimmten Prozentsatzes Abhilfe zu schaffen. Diesen Vorschlag haben wir schon in unserer Oppositionszeit gemacht. Ich kann mir vorstellen, daß in meiner Fraktion für diesen Vorschlag Sympathien vorhanden sind, trotz Bedenken von Interessengruppen und der leisen, aber wirkungsvollen Einwände der Bürokraten. Auch der Bereich der Privatisierung verdient eine differenzierte Betrachtung. Wir begrüßen die Bemühungen der Bundesregierung, die hier ihr Konzept vorgelegt hat. Ich finde es notwendig, daß wir dabei vorankommen. In diesem Zusammenhang mache ich ein paar Anmerkungen zum Marktverhalten großer Staatsunternehmen. Der Sachverständigenrat hat sich in den Textziffern 337 ff. mit der Deutschen Bundespost und ihrer Marktstellung befaßt. Das Bundeskabinett hat eine Regierungskommission beauftragt, sich mit der Entwicklung des Fernmeldewesens zu befassen. Ich halte es nicht für hilfreich, wenn vor Abschluß dieser Untersuchungen der Regierungskommission irgendwelche Änderungsvorschläge öffentlich zur Debatte gestellt werden. Das gilt sowohl für die Netzträgerschaft als auch für den Einfluß auf den Endgerätemarkt. Individualkommunikation ist auch ein Stück Daseinsvorsorge. Hier ist bei jeder Änderung Vorsicht geboten. Wir müssen hier sehr sorgfältig darauf achten, daß es vernünftig läuft. Das gibt mir Anlaß, ein paar Bemerkungen zum Verhalten der Bundesbahn zu machen. Ich tue es mit ein paar Sätzen. Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter Hauser, entschuldigen Sie, daß ich unterbreche. Sie haben Ihre Redezeit deutlich überschritten. Auch die Rückfrage von Ihrer Fraktion läßt es nicht zu, daß ich Ihnen mehr zugestehe. Ich bitte Sie ernsthaft, zum Schluß zu kommen. Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Herr Präsident, ich will das sehr gern tun. Ich will nur sagen, daß es nicht Aufgabe der Bundesbahn sein kann, Hotels zu bauen und ihre Tochtergesellschaft DSG jetzt in alle Bahnhofswirtschaften zu Lasten der privaten Gastronomen zu bringen. Zur Privatisierung gehört auch die Beschränkung der Staatsunternehmen auf ihre eigentliche Aufgabe. (Wissmann [CDU/CSU]: Sehr gut!) Die Politik dieser Bundesregierung ist geeignet, auch die Probleme der Arbeitslosigkeit zu lösen. Wir werden diese Politik nachhaltig weiter unterstützen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Auhagen. Auhagen (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich mit einem Bild beginnen. Zwei Busfahrer konkurrieren um das Steuer, obwohl sie sich über die Strecke einig sind. Der erste Busfahrer kommt auf der passablen Straße zunächst gut voran. Dann mehren sich die Schlaglöcher. Das Fahrzeug ächzt. Vielen Fahrgästen wird schlecht. „Laßt mich ans Steuer, der andere Busfahrer wird den Bus sonst total ruinieren, ich werde den Bus wieder in Fahrt bringen", sagt der zweite Busfahrer. Es kommt zum Fahrerwechsel, aber die Straße bleibt schlecht. Noch mehr Fahrgästen wird übel. Der zweite Fahrer verteidigt sich: „Ich muß das Fahrzeug erst einmal wieder ins Gleichgewicht bringen." Dann wird die Straße wieder besser, und auf gutem Asphalt gleitet der Bus und gewinnt an Fahrt. „Seht ihr, ich habe mein Versprechen gehalten", triumpiert der zweite Fahrer. „Mit mir fahrt ihr besser." Diese Vereinnahmung äußerer Bedingungen als eigene Erfolge charakterisiert diese wirtschaftspolitische Debatte und macht sie so unglaubwürdig. (Beifall bei den GRÜNEN) Stellen wir uns doch vor, die SPD wäre noch an der Regierung und die CDU/CSU in der Opposition. Wie würde dann bei den gleichen wirtschaftspolitischen Daten argumentiert werden? Herr Stoltenberg spräche angesichts der hohen Bundesbankgewinne wütend von der Konsolidierungslüge. (Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Genau!) Herr Blüm würde die Massenarbeitslosigkeit als ein Beispiel sozialistischer Unsozialität attackieren. (Beifall bei den GRÜNEN) Und Herr Geißler würde die neue Armut geißeln. (Zustimmung bei den GRÜNEN) Finanzminister Apel dagegen würde die niedrige Inflationsrate als größten sozialen Akt feiern. Und die Exportrekorde gingen natürlich auf das Konto des Weltökonomen Helmut Schmidt. Diese Austauschbarkeit der Argumente macht die wirtschaftspolitische Debatte unglaubwürdig. (Kittelmann [CDU/CSU]: Wollen Sie in Ih - ren paar Minuten nicht sagen, was Sie wollen?) Leistungskriterium für erfolgreiche Politik muß die Nutzung von Handlungsspielräumen sein. Also nicht die Frage nach der Wirtschaftslage sagt etwas über den Erfolg einer Regierung aus, sondern die Frage nach den zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten: (Zuruf von den GRÜNEN: Genau!) ob sie genutzt werden, um die Lage der Menschen, die in Not geraten sind, zu verbessern, und ob sie genutzt werden, um die Lage der Umwelt zu verbessern. (Zustimmung bei den GRÜNEN) Betrachten wir in diesem Sinne den Jahreswirtschaftsbericht. Es ist nicht zu leugnen: Der Aufschwung ist da. Vielleicht wird er sich in diesem Jahr sogar noch verstärken. Aber noch niemals zuvor — und das ist das Neue — ist ein Aufschwung einerseits so zu einem Aufschwung für Gutverdiener geworden, während es andererseits keinerlei Hoffnung für die Hauptbetroffenen der Krise gibt, nämlich für die Arbeitslosen. (Beifall bei den GRÜNEN) Es handelt sich um eine gespaltene Entwicklung: Boom für Exporte und Spitzenindustrien wie die Chemieindustrie, Autoindustrie, Anlagenbau mit einer Fusionswelle ohne Beispiel, die wirtschaftliche Machtblöcke erzeugt, (Bohl [CDU/CSU]: Haben Sie etwas da gegen?) die die demokratische Ebene immer stärker an den Rand drückt. Wenn nämlich die zehn größten Unternehmen einen Umsatz haben, der dem Volumen des Bundeshaushaltes gleichkommt, dann bedeutet das in diesem Lande eine Machtverlagerung. Eine Existenzgründungswelle überzieht das Land, und gleichzeitig ist für 1985 ein Pleitenrekord zu verbuchen — nicht nur im Baugewerbe, sondern auch im vielbeschworenen Dienstleistungsgewerbe, 3000 Lebensmittelgeschäfte verschwinden jährlich. Es finden Großinvestitionen in supergefährliche Projekte wie die Wiederaufbereitungsanlage statt, den zerstörerischen Fernstraßenausbau und die völlig unnötige, auf keine Nachfrage stoßende Verkabelung. Gleichzeitig unterläßt die Bundesregierung dringend notwendige ökologische Sanierungsaufgaben wie durchgreifende Energiesparmaßnahmen, Verbesserung des öffentlichen Verkehrs in der Fläche und die Lösung des immer riskanter werdenden Müllproblems. Kein Wort bei den Wachstums- und Konjunkturdaten des Wirtschaftsberichts dazu, inwiefern diese Gesellschaft, dieses Land durch Wachstum auch ärmer wird, so z. B. durch die Straßenbauprojekte. Ich selbst wohne in einem Konstanzer Stadtviertel, das durch eine Quasi-Autobahn zerteilt werden soll. Damit diese Autobahn — der hier so hoch gelobten Finanzpolitik der Bundesregierung wegen — möglichst billig ausfällt, soll sie oberirdisch verlaufen. Wo wird nun in diesem Jahreswirtschaftsbericht der Verlust an Wohnwert, an sauberer Luft und an Ruhe registriert? (Beifall bei den GRÜNEN) Solche Folgeschäden dieser Produktionsweise — wie ansteigende Krankheitskosten, Umweltzerstörung und Kriminalität — machen schon ein Fünftel des Bruttosozialprodukts aus. Diese Folgekosten wirtschaftlichen Handelns müssen endlich in den volkswirtschaftlichen Bilanzen als Wohlstandsverlust auftauchen. (Beifall bei den GRÜNEN) Daher wollen wir GRÜNEN eine neue, eine realistische Erfassung der Wirtschafts- und Ökoentwicklung durch ein Ökosozialprodukt. Kommen wir zum schärfsten Gegensatz in der Aufschwungsbilanz dieses Jahreswirtschaftsberichts, der anhaltenden Millionenarbeitslosigkeit bei gleichzeitigen Exportrekorden, im Jahresdurchschnitt 2,3 Millionen Registrierte und 1,3 Millionen stille Reserve an Arbeitslosen bei Einkommensverhältnissen, die bei ledigen Arbeitslosen im Durchschnitt 40 % der Einkommen bei vergleichbaren Beschäftigten ausmachen, bei verheirateten 60 % der vergleichbaren Einkommen. Das bedeutet in vielen Fällen bittere Armut für die Betroffenen. Trotzdem ist Arbeitslosigkeit nur zu einem Teil ein Problem akuter materieller Verelendung. Vielmehr ist es ein Problem ständiger Existenzunsicherheit, eine Existenzunsicherheit, die weit mehr Menschen als die 3,5 Millionen offen oder verdeckt Erwerbsloser betrifft. Es sind ebenso Millionen von noch Arbeitenden betroffen, die ständig unter dem Damoklesschwert des Rausschmisses stehen. Es sind Hunderttausende von Studenten betroffen, die angesichts dieser Politik kaum jemals die Aussicht auf eine Stelle haben werden. Millionen Hausfrauen sind dazu verdammt, weiter in ökonomischer Abhängigkeit von ihren Ehemännern zu leben, weil sie keine Aussicht auf Erwerbsarbeit haben. (Zurufe von der CDU/CSU) Wenn Sie sich, meine Damen und Herren von der Koalition, nun mit der Neuschaffung von — nach Berechnungen des IAB sind es nur 190 000 Stellen im letzten Jahr — neuen Stellen brüsten, dann ist zunächst einmal nach der Qualität und der Sicherheit dieser Arbeitsplätze zu fragen. Denn ungesicherte, schlecht bezahlte Teilzeitjobs à la US- Beschäftigungswunder werden am Existenzangstklima nichts ändern. (Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN) Erst wenn das gesellschaftliche Machtverhältnis, das sich im Verhältnis von einer offenen Stelle zu 23 gesuchten Stellen äußert, halbwegs ausgeglichen ist, wird das Problem Arbeitslosigkeit und schleichende Existenzangst überwunden sein. Die Frage aber stellt sich bei Ihrer konkreten Politik: Hat diese Regierungskoalition überhaupt ein Interesse daran? Die positiven Wirtschaftsdaten — Exportstärke, Ertragsstärke, niedrige Inflation — sind ja nicht Erfolge der Bundesregierung, sondern stellen Handlungsmöglichkeiten dar. (Beifall bei den GRÜNEN) Wie nutzt die Bundesregierung diese Handlungsmöglichkeiten, z. B. als konkurrenzstärkstes Land mit der Einführung der 35-Stunden-Woche voranzugehen? Bekanntlich lehnt die Bundesregierung generelle Arbeitszeitverkürzung als „dumm und töricht" ab, obwohl die 38,5-Stunden-Woche im Gegensatz zum Vorruhestand, von dem Sie ja alle nicht mehr sprechen wollen, zwischen 50 000 und 100 000 Arbeitsplätze geschaffen hat. Angesichts der Existenznöte und -ängste vieler offen oder verdeckt Arbeitsloser und angesichts der Tatsache, daß alle Wirtschafsforschungsinstitute prognostizieren, daß bis 1990 keine nennenswerte Besserung der Arbeitslosigkeit eintreten wird, wäre es ein Gebot der Mitmenschlickkeit, endlich eine Grundabsicherung für die Arbeitslosen zu schaffen. (Beifall bei den GRÜNEN) Was macht die Koalition? Sie hält die Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf einem menschenunwürdigen Niveau und begründet das mit der Notwendigkeit zu sparen. Gleichzeitig schiebt sie mit der Steuerreform den Gutverdienenden über 70 000 DM Jahreseinkommen 10 Milliarden DM jährlich zu. Eine solche Politik ist eine Kampfansage an die Betroffenen. (Beifall bei den GRÜNEN) Gleichzeitig werden Arbeitslose als faul, dumm oder unqualifiziert indirekt von der Bundesregierung diffamiert, obwohl 50 % der Arbeitslosen qualifizierte Abschlüsse haben. Damit haben Sie sich den Applaus der Stammtische gesichert, das ist richtig. Mit dieser Stimmungsmache aber betätigen Sie sich als Luntenleger. (Zuruf von der CDU/CSU: Was war das?) — Als Luntenleger! Die Betroffenen werden es nicht hinnehmen, sich einfach über den Tellerrand dieser Gesellschaft kippen zu lassen. In diesen Tagen formiert sich eine bundesweite Arbeitsloseninitiative, die in den Wahlkampf eingreifen — — (Kittelmann [CDU/CSU]: Ist das wieder so eine Deckorganisation der GRÜNEN?) — nein, nein, keine Deckorganisation der GRÜNEN — und schon in den nächsten Wochen durch entschlossene, gewaltfreie Aktionen ihren Handlungswillen zeigen wird. In diesem Zusammenhang, Herr Roth, ist aller - ding auch beschämend — bei Ihren großen Tönen von vorhin —, daß sich die SPD mit den jüngsten Apel-Steuerreformplänen zugunsten der Besserverdienenden eben auch der Wende zu- und von den Arbeitslosen abwendet. (Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Umvertei lungsklassenkämpfer seid ihr! — Zuruf des Abg. Dr. Ehrenberg [SPD]) — Dann dementieren Sie bitte schön die jüngsten Apel-Vorschläge. Statt die vorhandenen positiven Daten zu sozialen und ökologischen Strukturverbesserungen zu nutzen, betreibt die Bundesregierung eine Politik des Wellenreitens in der Konjunktursonne. Die Erhöhung der Mineralölsteuer wäre eine solche Möglichkeit, zu handeln, ohne jemandem weh zu tun, und finanziellen Handlungsspielraum dafür zu gewinnen, ökologische Reformen durchzuführen und zum solidarischen Ausgleich mit den Ölförderländern, die durch den Zusammenbruch des Ölpreises in den Bankrott getrieben werden, beizutragen. Kommen wir zum Antrag der SPD gegen Massenarbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche. Immerhin steht hinter diesem Antrag ein Handlungswille zugunsten ökologischer Maßnahmen. Daher lehnen wir diesen Antrag nicht ab. (Zustimmung des Abg. Dr. Müller [ Bre men] [GRÜNE]) Wir können aber einem Antrag, der Wachstum per se als etwas Wünschenswertes darstellt, auch nicht zustimmen. (Beifall bei den GRÜNEN) Ist es denn wünschenswert, wenn im Gefolge eines Wirtschaftsbooms die Kaufkraft auch für Autos, für Flugreisen, für Skiurlaube und dergleichen wieder steigt? Eine solche Nachfragestärkung wünschen wir nicht. Selbstverständlich sind wir GRÜNEN für ein Mehr an menschenwürdigen Wohnungen, an umweltfreundlichen und sparsamen Energietechnologien, an qualitativ besseren und schöneren Gebrauchsgütern. Gleichzeitig sind wir aber auch für Schrumpfung bei gefährlichen Chemieprodukten, bei dieser wahnsinnigen Agrarproduktion, bei der Verpackungsindustrie und bei der Autoherstellung. (Zustimmung bei den GRÜNEN) Falsch informiert sind diejenigen, die angesichts der Rede von Horst Janßen auf der Bundesversammlung der GRÜNEN behaupten, wir seien gegen moderne Technik und Industrie schlechthin. Das stimmt nicht. Wir sind nicht für den Ausstieg, sondern für den notwendigen sozialen und ökologischen Umbau des Industriesystems. (Kittelmann [CDU/CSU]: Es wird auf euch Gott sei Dank nicht ankommen!) Detaillierte, durchgerechnete Vorschläge — dies im Gegensatz zum SPD-Antrag „Arbeit und Umwelt" — (Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Hört! Hört!) dazu, was schon innerhalb der nächsten Jahre notwendig und machbar ist, haben wir in einem sozialen und ökologischen Umbauprogramm erarbeitet, das in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Ich danke. (Beifall bei den GRÜNEN) Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Haussmann. Dr. Haussmann (FDP): Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Man kann ja nur darüber staunen, mit welcher Unbekümmertheit rote und grüne Abgeordnete an den wirklichen sozialen Verbesserungen für breite Bevölkerungskreise vorbeireden. (Beckmann [FDP]: Das ist ein Skandal! — Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!) Meine Damen und Herren, jedermann weiß, daß sich in den letzten Monaten für Arbeitnehmer, für Rentner, für Jugendliche die Situation in der Bundesrepublik deutlich verbessert hat. Es würde Ihnen überhaupt nicht schlecht anstehen, wenn Sie im Deutschen Bundestag zugeben würden, daß sich die wirtschaftliche Lage für viele Menschen in der Bundesrepublik in den letzten Monaten deutlich verbessert hat. (Wissmann [CDU/CSU]: Sehr wahr!) Das würde zum positiven Klima und zur Verbesserung der Zukunftsperspektiven der jungen Leute beitragen. (Zustimmung bei der FDP) Meine Damen und Herren, bei der Diskussion des Jahreswirtschaftsberichts ist dieser bereits überholt. Ich halte das aus zwei Gründen nicht für negativ, sondern für positiv: Zum einen hat sich Martin Bangemann als Wirtschaftsminister auch in einem Vorwahljahr, was die Zahlen angeht, nicht gesund gerechnet. (Wissmann [CDU/CSU]: So ist es!) Zweitens hat die Wirtschaftspolitik inzwischen ein Ergebnis erreicht, das besser ist, als die Gutachter uns vorausgesagt haben. Meine Damen und Herren, zwar ist es sicher richtig, daß die Ergebnisse durch Entwicklungen besser geworden sind, die nicht alle von uns direkt beeinflußt waren — ich denke an die Ölpreissenkung, an die Dollarentwicklung und an den Bundesbankgewinn —, aber auch hier gilt das Sprichwort: Das Glück steht eben dem Tüchtigen bei. Wenn die Gesamtlage psychologisch besser wird, werden die Ergebnisse in sich besser, sie verstärken sich selbst. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Wissmann [CDU/CSU]: Ein kluges Wort!) Meine Damen und Herren, in meiner kurzen Rede will ich über das Soziale der Wirtschaftspolitik dieser Bundesregierung sprechen. Die Koalition wird diese Wirtschaftspolitik zur Abstimmung stellen, eine Wirtschaftspolitik, die zutiefst sozial ist, (Peter [Kassel] [SPD]: So tief, daß man es nicht sieht!) weil sie zunächst auf marktwirtschaftliche Weise dafür sorgt, daß junge Menschen wieder Perspektiven haben. (Menzel [SPD]: Ich könnte Ihnen Hunderte von Arbeitslosen bringen! — Weitere Zu - rufe von der SPD — Lachen bei den GRÜ NEN) Sie sollten auch als Opposition im Deutschen Bundestag zur Kenntnis nehmen, daß noch vor drei Jahren lediglich ein Drittel der jungen Generation in der Bundesrepublik Deutschland für sich selbst positive wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven sah. Die neueste, neutrale Umfrage zeigt, daß heute zwei Drittel der jungen Generation in der Bundesrepublik Deutschland für sich selbst positive wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven sehen, meine Damen und Herren. (Menzel [SPD]: Und was ist mit dem ande ren Drittel! — Weitere Zurufe von der SPD — Gegenruf von der CDU/CSU: Trotz eurer Schwarzmalerei!) Das ist wichtig, und die FDP wird dafür sorgen, daß diese Persepktiven trotz des Krisengeredes ihres Sprechers, meine Damen und Herren, besser werden. Jugend braucht Optimismus, Jugend braucht Zuversicht und nicht Krisengemälde von rot und schwarz, meine Damen und Herren. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Zurufe von der SPD) Zur Abstimmung für Bürger steht eine Wirtschaftspolitik, die sozial ist, weil sie endlich dem einzelnen Arbeiter und Rentner mehr netto auf die Hand gibt. Wir haben seit 18 Jahren zum erstenmal eine extrem niedrige Inflationsrate. (Zurufe von der SPD) Es bedeutet stabile Preise, und stabile Preise bedeuten praktizierte Sozialpolitik. (Beifall bei der FDP — Lachen und Zurufe von der SPD) Nicht künstliche Ausgabenprogramme, nicht eine aggressive Lohnpolitik, sondern eine vorbildliche Stabilitätspolitik hilft allen Menschen in einer sozialen Marktwirtschaft. Ein Prozent weniger Inflation bedeutet 8 Milliarden DM mehr Kaufkraft für Arbeitnehmer und für Rentner, meine Damen und Herren. Diese Zahl ist für die Bürger wichtig, nicht künstliche Ausgabenprogramme und nicht falsche Tarifpolitik. Was steht dieser Politik gegenüber? Niemand weiß, meine Damen und Herren, ob Johannes Rau eigene wirtschaftspolitische Vorstellungen hat. Die Ergebnisse in Nordrhein-Westfalen lassen jedenfalls nichts Gutes ahnen. (Wissmann [CDU/CSU]: In der Tat!) Fest steht auch heute, daß Johannes Rau und seine Sozialdemokraten auf Bundesebene keine Mehrheit bilden können. (Müntefering [SPD]: Das überlassen Sie mal dem Wähler!) 38 % bei der letzten Bundestagswahl zeigen, daß dies nicht möglich ist. (Anhaltende Zurufe von der SPD) Er muß sich also, ähnlich wie Herr Börner in Hessen, die Macht mit GRÜNEN teilen, wenn er überhaupt an die Macht kommen will. (Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Gott sei Dank! — Lachen bei der CDU/CSU — Roth [SPD]: Gehen Sie in Ihr Parteibüro!) Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter Haussmann, gestatten Sie eine Zwischenfrage? — Bitte sehr. Menzel (SPD): Herr Kollege Haussmann, da Sie sich auf die Umfrageergebnisse beziehen, frage ich: Sind Sie sich dann darüber im klaren, daß, wenn diese Umfrageergebnisse umgesetzt würden und Realität wären, Sie dann überhaupt nicht hier stünden, weil Ihre Partei bei 3% liegt? (Roth [SPD]: So wie in Nordrhein-Westfa len! — Weitere Zurufe von der SPD) Dr. Haussmann (FDP): Meine Damen und Herren, verehrter Kollege von der SPD, die letzten Wählerabstimmungen im letzten Jahr bei allen drei Landtagswahlen haben gezeigt, daß die FDP ein Wählerpotential zwischen 6 und 10% Bürgerstimmen hat. Wir sind sehr beruhigt, wir kümmern uns um unsere Wähler. Ich will auf meine vorigen Bemerkungen zurückkommen. Mehrheitsfähig kann Herr Rau auf Bundesebene nur durch Stimmen der GRÜNEN werden. (Sehr richtig! bei der CDU/CSU) Teile einer rot-grünen Regierungserklärung zur Wirtschaftspolitik konnte man ja der vielumjubelten Rede des IG Metallfunktionärs Janßen entnehmen. Die Bürger dürfen sich nicht täuschen lassen, meine Damen und Herren. Diese verquere Ideologie, die dort vorgetragen wurde, gefällt ja nicht nur GRÜNEN, sondern auch einem zunehmend wichtigeren Teil jüngerer und linker SPD-Funktionäre, auf die auch Herr Rau immer mehr angewiesen ist. (Sehr richtig! bei der CDU/CSU) Herr Eppler läßt grüßen! Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter Haussmann, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Beckmann? Dr. Haussmann (FDP): Nein, meine Zeit eilt. Ich werde ihm nachher zur Verfügung stehen. (Heiterkeit — Dr. Müller [Bremen] [GRÜ - NE]: Sagen Sie mal was zur Wirtschaftspo litik!) Herr Janßen sagte sinngemäß, die von der Regierung angestrebten Wachstumsraten würden mittelfristig zu einer Verdoppelung des Sozialproduktes führen. Und dies würde bedeuten: doppelt so viele Autos, doppelt so viel Blech, doppelt so viele Straßen, doppelt so viel Beton, doppelt so viele Abgase. — Bei diesem Umwelthorrorszenario tut das rotgrüne Bündnis so, als kämen keine alten Autos aus dem Verkehr, als bräuchte man ständig zusätzliche Straßen, als hätte ein Auto heutiger Technik die gleichen schlechten Abgaswerte wie ein altes. Wer so redet, meine Damen und Herren, hat mit den Arbeitern im Auto- und Baubereich nichts Gutes vor, (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) undenkbar im übrigen für einen amerikanischen oder japanischen Gewerkschaftsvertreter im Metallbereich. Gleichzeitig sucht die Sozialdemokratische Partei scheinheilig auf Technologiekongressen ihren Frieden mit moderner, technologieorientierter Wachstumspolitik, meine Damen und Herren. Welch eine Heuchelei, wenn man diesen Kongreß nimmt und das, was Herr Janßen für die IG Metall sagt. (Zuruf von der SPD: Zum Thema!) Wenn die IG Metall, meine Herren von der Opposition, so für sich reden läßt, darf sie sich nicht wundern, wenn jüngere Arbeitnehmer, teilzeitarbeitsuchende Frauen, Angestellte, Ingenieure sich nicht mehr gewerkschaftlich organisieren. Nur, meine Damen und Herren, diese Regierung und meine Partei, die FDP, können nicht Watschenmann für Gewerkschaften sein, die ihre eigenen Aufgaben nicht lösen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Es wird daher höchste Zeit, daß die Entscheidung im Hinblick auf die Neutralität der Bundesanstalt für Arbeit im nächsten Monat fällt. Hier geht es aus Sicht der Freien Demokraten um eine wichtige ordnungspolitische Aufgabe des Gesetzgebers, die uns auch kein irgendwie gearteter Schiedsrichter, neutraler Pfarrer oder Professor, abnehmen kann. Diese Wiederherstellung der Machtbalance der Tarifpartner stört nicht, sondern sie dient langfristig dem sozialen Ausgleich. Theodor Eschenburg hat recht: Es geht um die neue Machtbilanz, nicht um die Streikfähigkeit der Gewerkschaften. Wenn die Neutralität der Bundesanstalt für Arbeit wiederhergestellt ist, müssen sich die deutschen Gewerkschaften in einem Dialog mit dieser Regierung den wirklichen ökonomischen, technologischen und sozialen Herausforderungen stellen, meine Damen und Herren. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Und aus liberaler Sicht gilt: Genausowenig wie die Kirchen ein Definitionsmonopol für die Frage haben, was in unserer Gesellschaft gut oder böse ist, genausowenig steht es den deutschen Gewerkschaften zu, allein zu entscheiden, was in unserer Gesellschaft sozial oder unsozial ist. An dieser Diskussion über die wesentliche Frage des Sozialen in unserer Gesellschaft beteiligt sich die Freie Demokratische Partei gerne. Sozial ist aus unserer Sicht eine Wirtschaftspolitik, wenn sie auf Dauer wettbewerbsfähige Arbeitsplätze schafft und nicht auf Pump lebt. (Beifall bei der FDP) Sozial ist eine Wirtschaftspolitik, wenn sie für stabile Preise sorgt und damit den kleinen Leuten, den Arbeitern und Rentnern, hilft. Sozial ist aus unserer Sicht eine Wirtschaftspolitik, wenn sie das Ergebnis hat, daß die Finanzen wieder in Ordnung kommen, das Vertrauen wächst, die Zinsen sinken und jedermann mehr Geld zur eigenen Verfügung hat. (Wissmann [CDU/CSU]: So ist es!) In diesem Sinne wird die FDP mit Sozialdemokraten, mit GRÜNEN, mit Gewerkschaftern, mit allen Bürgern gerne eine Diskussion über das Soziale in unserer Gesellschaft führen. Dieser Jahreswirtschaftsbericht von Martin Bangemann ist jedenfalls der beste seit vielen Jahren. Die Fraktion der Freien Demokraten steht voll hinter dieser Politik. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Abgeordnete Ehrenberg. Dr. Ehrenberg (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Als der Kollege Haussmann hier seine Rede begann, hatte ich vorübergehend den Eindruck, hier würde vielleicht mal zur Sache gesprochen. (Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Doch nicht von Herrn Haussmann! — Kittelmann [CDU/CSU]: Bei Herrn Roth haben Sie gar nicht damit gerechnet, nehme ich an!) Nur, Herr Haussmann, ein moderater Tonfall hat leider noch nichts mit Redlichkeit zu tun. (Beifall bei der SPD) Und wenn Sie über soziale Politik sprechen, bitte ich Sie, vorher in die amtliche Statistik hineinzusehen. (Zuruf von der SPD: So ist es!) Nach der amtlichen Statistik war der Preisanstieg 1985 2,2 %. Die von der Mehrheit dieses Hauses beschlossene Rentenanpassung betrug knapp 1,5 %. Nach der Statistik des Bundesamtes in Wiesbaden ist der Anstieg der Nettolöhne 1985 bei 1,7 %. Wie Sie bei diesen Zahlen — einmal eine Steigerung von 0,7 Prozentpunkten und einmal eine von 0,5 Prozentpunkten unter dem Preisanstieg — hier behaupten, Sie hätten Politik für die Rentner und Arbeitnehmer gemacht, ist das Geheimnis Ihrer Unredlichkeit. (Beifall bei der SPD) Genauso unredlich geht der Bundeswirtschaftsminister, nicht ganz so moderat im Ton wie Sie, mit den Fakten um, wenn er hier am Pult behauptet, es habe eine reale Kaufkraftsteigerung für die Arbeitnehmer gegeben. Um 0,5 Prozentpunkte sind die Nettolöhne unter dem Preisanstieg geblieben. Lesen Sie die Statistik, Herr Bundeswirtschaftsminister. (Kittelmann [CDU/CSU]: Es geht Ihnen nur ums Miesmachen!) - Ich interpretiere die Statistik, und die wird in Wiesbaden nicht mies, sondern objektiv gemacht. (Kittelmann [CDU/CSU]: Wie Sie es ma - chen!) Herr Bundeswirtschaftsminister, wenn Sie schon die Wiesbadener Zahlen nicht lesen, dann vielleicht bitte die Ihres eigenen Wirtschaftsberichts! Wenn Sie die gelesen hätten, dann hätten Sie sich nicht hier hinstellen und sagen können, seit Ihrer Regierungszeit sei das reale Bruttosozialprodukt um 10 % gestiegen. Ich lese Ihnen die Zahlen des Wirtschaftsberichts vor. 1983 gab es ein Wachstum von 1,5 %, 1984 ein Wachstum von 2,7 %, 1985 ein Wachs tum von 2,5 %. Jetzt sagen Sie mir, mit welcher Mathematik — das würde noch nicht einmal mit der Mengenlehre gehen — Sie hieraus 10 % machen. (Beifall bei der SPD — Stockhausen [CDU/ CSU]: Besser als Ihr Nullwachstum!) Meine Damen und Herren, Redlichkeit statt Eigenlob, das ist das, was die Wirtschaftspolitik in diesem Lande bräuchte. Vielleicht hätte es Ihnen gut angestanden, Herr Bundeswirtschaftsminister, hier am Pult zuzugeben, wie es der Jahreswirtschaftsbericht tut, daß Sie sich bei der Einschätzung der Arbeitslosigkeit gründlich geirrt haben. Im Jahreswirtschaftsbericht 1985 wurde eine Arbeitslosenquote unter 9 % vorausgesagt, und 9,3 % sind es geworden. Das ist Ihre Beschäftigungspolitik. (Beifall bei der SPD) Meine Damen und Herren, für eines will ich dem Bundeswirtschaftsminister ausdrücklich Dank sagen, nämlich daß er meine Anregung aus dem Wirtschaftsausschuß aufgenommen hat und in diesem Jahreswirtschaftsbericht, anders als bei den Vorgängern, nicht nur die internationale Preisstatistik, sondern auch die ganze Breite der OECD-Statistik abgedruckt hat. Sie finden das in der Tabelle nach Ziffer 7 der Anlage. Der Text des Jahreswirtschaftsberichts nimmt allerdings von dieser Tabelle keine Kenntnis, der Bundeswirtschaftsminister auch nicht. Sonst hätte er nicht hier in so hohen Tönen von den Erfolgen der deutschen Wirtschaftspolitik sprechen können. (Beifall bei der SPD — Peter [Kassel] [SPD]: Der liest keinen Anhang!) Denn, meine Damen und Herren, aus diesem Text geht hervor, daß die Bundesrepublik im Jahre 1983 ein Wirtschaftswachstum von 1,5 % hatte. Im Durchschnitt der OECD waren es 2,7 %. 1984 gab es bei uns ein Wirtschaftswachstum von 2,7 %, im Durchschnitt der OECD von 4,9 %, 1985 bei uns 2,5 %, im Durchschnitt der OECD 2,8 %. Drei Jahre lang ist die Bundesrepublik bei ihrem großen Wirtschaftspotential mit ihren Wachstumsraten weit unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten geblieben. Soll das ein Erfolg sein, Herr Bundeswirtschaftsminister? (Beifall bei der SPD — Dr. von Wartenberg [CDU/CSU]: Wie hoch waren die USA?) — Die waren sehr viel höher. (Dr. von Wartenberg [CDU/CSU]: Eben! Und wer zieht den Durchschnitt hoch?) Es ist noch nicht so lange her — es war 1979 —, daß die Bundesrepublik von der ganzen Welt als Lokomotive in der Weltwirtschaftspolitik angesehen wurde. Da hatten wir allerdings Wachstumsraten von 3,5 % und 4 % und allein in den Jahren 1979 und 1980 eine Verbesserung der Beschäftigung um 745 000 Arbeitsplätze. Nehmen Sie das doch bitte zur Kenntnis! (Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/ CSU]: Sie lesen die Statistiken nicht! Neh men Sie doch mal die EG-Statistik! — Wei tere Zurufe von der CDU/CSU) Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter Ehrenberg, gestatten Sie eine Zwischenfrage? Dr. Ehrenberg (SPD): Ja, wenn Sie mir das nicht auf meine Redezeit anrechnen. Vizepräsident Cronenberg: Das wird Ihnen nicht angerechnet. Dr. von Wartenberg (CDU/CSU): Herr Ehrenberg, Sie zitieren die Statistik der OECD. Ich gehe davon aus, daß Sie auch über die gegenwärtige Beurteilung der OECD und über die Prognosen der OECD für das reale Bruttosozialproduktswachstum für die Bundesrepublik Deutschland informiert sind. Sind Sie bereit, zur Kenntnis zu nehmen, daß die OECD für dieses Jahr ein reales Bruttosozialproduktswachstum von 3,5 % prognostiziert hat und daß sich auf Grund der zugegebenermaßen für die deutsche Volkswirtschaft glücklichen Senkung der Ölpreise und der Dollarpreise mindestens noch ein halbes Prozent reales Wachstum mehr ergibt, so daß wir jetzt schon — ich frage, ob Sie das zur Kenntnis nehmen — an der Spitze der Durchschnittsbewegung der OECD liegen, wenn wir die zugegebenermaßen lange und schwierige USA-Politik beiseite lassen? Vizepräsident Cronenberg: Unsere Geschäftsordnung weist darauf hin, daß die Fragen kurz und präzise sein sollen. Ich will nicht die Präzision, aber mindestens die Kürze anzweifeln, Herr Abgeordneter. Dr. Ehrenberg (SPD): Herr Kollege, ich habe über Fakten gesprochen, (Zuruf von der CDU/CSU: Das sind doch Fakten!) und Prognosen sind, wie die Prognose des Bundes wirtschaftsministers über die Arbeitslosigkeit 1985 zeigt, noch lange keine Fakten. Aber es ist sicher, daß die Ölpreissenkung unser Wirtschaftswachs - tum beschleunigen wird. (Hauser [Krefeld] [CDU/CSU]: Zusätzlich beschleunigen!) Das ist in den anderen europäischen Staaten auch so; davon profitieren wir nicht allein. Das widerlegt überhaupt nichts. (Beifall bei der SPD) Viel schlimmer ist der Verlauf der Arbeitslosenstatistik. Innerhalb der 16 OECD-Staaten hat die Bundesrepublik beim Anstieg der Arbeitslosigkeit von 1982 bis 1985 den traurigen 13. Platz, wenn die niedrigste Zahl oben rangiert. So hoch ist der Anstieg bei uns! Nur drei OECD-Staaten haben einen höheren Anstieg, in fünf OECD-Staaten ist die Arbeitslosigkeit seit 1982 rückläufig, und im Durchschnitt der OECD ist sie konstant geblieben. Das ist doch keine erfolgreiche, das ist eine miese Wirtschaftspolitik, die dieses Ergebnis hervorbringt. (Beifall bei der SPD) Die Preissteigerungsrate ist gut, aber hier liegen wir exakt im Schnitt der OECD-Staaten und sind nicht besser als die anderen. Diese Stabilisierung hat sich überall vollzogen. (Zurufe von der CDU/CSU) Nur, wenn die Erhöhung der Nettolöhne unterhalb der Preiserhöhungen liegt, wie es bei Ihrer Politik der Fall war, hilft es den Arbeitnehmern nicht, da sie weniger haben. Sie haben heute netto und real so viel wie 1977 und leider nicht mehr. Sie haben 1 200 DM im Jahr weniger als 1980. Da hilft es Ihnen gar nichts, mit schönen Worten von Steigerung zu reden. Auch die neue Steuersenkung wird diese 1200 DM nicht aufholen, zumal ein Teil davon durch die schon steigenden Krankenversicherungsbeiträge wieder aufgefressen wird. Herr Bundeswirtschaftsminister, ich hätte von Ihnen gern etwas über die regionale Differenzierung in diesem Lande gehört und in dem Bericht gefunden. Haben Sie jemals zur Kenntnis genommen, daß im Januar dieses Jahres in Friesoythe die Arbeitslosigkeit 39,1 %, in Wittmund 28,7 % und in Leer 26,7 % betrug? Herr Bundeswirtschaftsminister, dies ist nicht nur zur Winterszeit so, auch im Sommer ist in der Nordwestregion unseres Landes die Arbeitslosigkeit nie unter 20 % gesunken, und das ist erst so, seit Sie regieren; vorher hat es diese Zahlen niemals gegeben. (Kittelmann [CDU/CSU]: Bei der SPD würde es auch im Sommer schneien! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU) — Da gab es das nicht. Zu unseren Zeiten waren das viel weniger als jetzt. Was sagt der Jahreswirtschaftsbericht zur regionalen Verbesserung? Er bietet nichts. Dabei bieten die katastrophale Lage der Bauwirtschaft und gleichzeitig die drängenden Umweltprobleme das Rezept geradezu an. Herr Bundeswirtschaftsminister, ein ganz simples Beispiel von der Nordseeküste: Das Marpol-Abkommen gibt jetzt von den rechtlichen Bestimmungen her jede Chance, die Nordsee allmählich sauber zu bekommen. Aber Reeder und Kapitäne, die das Abkommen erfüllen wollen, müssen ewig lange suchen, bis sie für öl- und chemiekalienhaltige Schiffsrückstände geeignete Entsorgungsanlagen finden. Und der Bundesverkehrsminister? Statt sich um ein gemeinsames Programm mit den Küstenländern zu bemühen, das hier helfen würde, gibt mir zur Antwort: „Abfallbeseitigung ist Ländersache", und er kümmert sich nicht darum, daß dort etwas geschieht, das Beschäftigung und Umwelt gleichzeitig verbessern würde. Letzte Bemerkung, weil sie gleich etwas zur Finanzierung mitsagt. Ein so langer und ausführlicher Jahreswirtschaftsbericht, Herr Bundeswirtschaftsminister, sollte vielleicht auch von der Kapitalbilanz dieses Landes Kenntnis nehmen und etwas zu der traurigen Tatsache sagen, daß in den ersten elf Monaten — Dezemberzahlen gibt es noch nicht — wieder ein Kapitalexport von mehr als 30 Milliarden DM aus der Bundesrepublik stattgefunden hat. Bis 1982 kamen in die Bundesrepublik mehr Kapitalanlagen als aus der Bundesrepublik hinausgingen. Diese 30 Milliarden DM, Herr Bundeswirtschaftsminister, beweisen erneut, daß Sie die Bundesrepublik zu einem von der internationalen Finanzwelt gemiedenen und nicht zu einem gesuchten Investitionsplatz gemacht haben. (Widerspruch bei der CDU/CSU — Dr. Schwörer [CDU/CSU]: Deshalb die hohen Aktienkurse?) Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich sehr, die Monatsberichte der Deutschen Bundesbank gründlich nachzulesen. Alle diese Zahlen finden Sie dort auf der Seite 74. (Beifall bei der SPD) Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Abgeordnete Wissmann. Wissmann (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Kollege Ehrenberg hat zwei Punkte in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt. Zum einen hat er gesagt, die Wirtschaftspolitik sei mies, weil sie nicht sozial sei. (Beifall bei der SPD) Ich glaube, lieber Kollege Wolfram, wenn man das untersucht, dann muß man sich auf die Entwicklung des Jahres 1986 konzentrieren. Wir haben 1986 10,9 Milliarden DM Steuerentlastungen vor allem im Bereich der Lohn- und Einkommensteuer. (Roth [SPD]: Zwei Jahre zu spät!) Wir haben 1986 zusammengenommen 6 Milliarden DM Familienentlastung, Kindergelderhöhung, Erhöhung des Kinderfreibetrages, Erziehungsgelderweiterung. (Roth [SPD]: Zwei Jahre zu spät!) Wir haben 1986 steigende Bruttolohn- und - gehaltssummen. (Roth [SPD]: Zwei Jahre zu spät!) Wir haben 1986 stabile Mietpreise, wir haben, was wir selbst nicht beeinflussen, was aber ein günstige Ergänzung ist, sinkende Energie- und Treibstoffpreise, so daß sich alle Experten einig sind: Wir werden 1986 durch diese zusammenwirkenden Entwicklungen etwa 60 Milliarden DM zusätzlich in den Haushaltskassen der Bürger haben. Wenn das als unsozial gekennzeichnet ist, dann haben Sie Statistiken manipuliert und nicht die Wirklichkeit getroffen, meine Damen und Herren. Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Jens? Wissmann (CDU/CSU): Bitte schön, Herr Kollege Jens. Dr. Jens (SPD): Herr Kollege Wissmann, können Sie bei diesen ganzen Wohltaten, die Sie verteilen, wenigstens zugeben, daß die Statistik auch ausweist, daß die Lohnsteuerquote weiterhin gestiegen ist und sie auch in Zukunft, trotz der ganzen Vergünstigungen, die Sie da anpreisen, weiterhin steigen wird? Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Jens, ich bin Ihnen für diese Frage dankbar, weil sie unseren Willen, mit der einmal begonnenen Lohn- und Einkommensteuersenkung auch in der nächsten Legislaturperiode fortzufahren, nachhaltig unterstreicht. Meine Bitte an Sie wäre: Helfen Sie, mit uns den Weg zu bereiten, und fordern Sie nicht Steuererhöhungen statt Steuersenkungen. Ich will einen zweiten Punkt ansprechen, zumal auch der Kollege Roth das heute morgen getan hat: die Beschäftigungsentwicklung: Meine Damen und Herren, vom Tiefpunkt der Beschäftigung im vierten Quartal 1983 bis zum Ende des dritten Quartals 1985 ist ausweislich aller Statistiken die Zahl der Beschäftigten in der Bundesrepublik Deutschland um 240 000 gestiegen. Im vierten Quartal 1985 ist die Zahl der Beschäftigten — auch nach den Schätzungen des DIW in Berlin — um noch einmal 100 000 angestiegen. Summe also: 340 000 zusätzliche Beschäftigte. (Kittelmann [CDU/CSU]: Zuhören, Herr Ehrenberg!) Alle Experten erwarten, daß wir im Jahre 1986 noch einmal etwa 300 000, 350 000, vielleicht sogar 400 000 zusätzliche Arbeitsplätze bekommen werden. Das heißt, wir werden mit rund 700 000 mehr Arbeitsplätzen in das Ende des Jahres 1986 und den Anfang des Jahres 1987 hineingehen als auf dem Tiefpunkt der Beschäftigungsentwicklung. Ich erwähne das hier deswegen, meine Damen und Herren, weil der Kollege Roth — er hat sich vorhin bei meiner Zwischenfrage um eine Antwort gedrückt — noch in der letzten Woche eine Erklärung unter der Überschrift „Fälschern das Handwerk legen" abgegeben hat, weil er zu dem — ich möchte es zurückhaltend sagen — Kunstgriff gegriffen hat, nicht den Tiefpunkt der Beschäftigungsentwicklung, den Sie uns hinterlassen haben, (Stockhausen [CDU/CSU]: Sehr richtig!) sondern schnell die Jahresdurchschnittszahlen zum Maßstab zu nehmen und damit zu einer niedrigeren Beschäftigtenentwicklung zu kommen. Lieber Herr Roth, nicht wir haben gefälscht, sondern Sie haben sich, um es freundlich zu sagen, geirrt. Sie sollten hier herkommen und zugeben, daß wir mit dem Zuwachs von 340 000 Beschäftigten, den Sie bestritten haben und den selbst Professor Krupp in Berlin, Ihr Wirtschaftsberater, zugibt, einen großen Erfolg im Interesse von Millionen Arbeitnehmern erreicht haben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter, dies veranlaßt den Abgeordneten Peter, eine Zwischenfrage stellen zu wollen. Wissmann (CDU/CSU): Der Herr Abgeordnete Peter ist herzlich willkommen. Peter (Kassel) (SPD): Herr Kollege Wissmann, sind Sie vor dem Hintergrund der Aussage der Bundesregierung, des Parlamentarischen Staatssekretärs Vogt, daß zwar die Beschäftigtenzahl gestiegen, aber die Zahl der Jahresarbeitsstunden seit 1982 kontinuierlich gesunken ist, (Zuruf von der CDU/CSU: Logo!) bereit, Ihre Aussage über die Beschäftigungszahl dahin gehend zu relativieren, daß dies das Ergebnis von Umverteilung vorhandener Beschäftigung sein muß? Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Peter, ich finde alle einfachen oder parteipolitisch verengten Erklärungen der erfreulichen Entwicklung falsch. Natürlich hat auch die Entwicklung im Bereich der Arbeitsstundenzahl zu dieser Entwicklung beigetragen. (Zuruf von der SPD: Aha!) Aber an einem ist doch nicht vorbeizureden, meine Damen und Herren: Seitdem wir wieder Wachstumszahlen und nicht Minus-Entwicklung haben, seitdem wir wieder mehr Existenzneugründungen als Pleiten haben, steigt die Beschäftigtenzahl wieder deutlich. (Vo r s itz : Vizepräsident Westphal) Ich bin froh, wenn es auch andere Entwicklungen gibt, die diesen erfreulichen Prozeß begleiten. Ich bin nicht dafür, das, was wir hier als erfreuliche Bilanz gemeinsam feststellen können, parteipolitisch kleinkariert auf einen einzigen Grund zu verengen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter, es gibt noch den Wunsch nach einer weiteren Zwischenfrage. Sind Sie dazu bereit? Wissmann (CDU/CSU): Gern, eine letzte Zusatzfrage. Vizepräsident Westphal: Herr Kollege Roth, bitte. Roth (SPD): Lieber Herr Wissmann, ich habe folgende Frage: Ist es nicht auch für Sie bestürzend, (Kittelmann [CDU/CSU]: Nein!) daß wir ausweislich der von Ihnen zitierten Statistik im Durchschnitt des Jahres 1985 22,253 Millionen Beschäftigte und im weltwirtschaftlichen Krisenjahr 1982 , also vier Jahre vorher — jeder weiß, daß das das Jahr der Ölpreiskrise und der Verwerfungen weltweit war —, 22 436 000 Beschäftigte hatten, also fast 200 000 mehr, und müßte es nicht auch Ihrer Meinung nach uns alle bestürzt machen, daß im vierten Aufschwungjahr weniger Beschäftigung vorhanden ist als zum Tiefpunkt der Krise? Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Roth, natürlich wissen wir — der Wirtschaftsminister hat es vorhin gesagt —, daß wir hinsichtlich der Beschäftigtenentwicklung bisher nur einen Teil dessen wieder haben aufholen können, was — u. a. durch die Wirtschaftspolitik der früheren Regierung beeinflußt — in der Zeit zuvor verlorengegangen war. Aber deswegen ist es ja so erfreulich, daß der Sachverständigenrat in seinem Gutachten sagt: Es ist in der Bundesrepublik auch in der Zukunft eine größere Chance für eine positive Beschäftigungsentwicklung da als in jedem anderen Land in Europa. Ich finde, das gibt Anlaß zu einem vernünftigen Optimismus. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Meine Damen und Herren, lassen Sie mich auf einen Aspekt hinweisen, der heute noch nicht erwähnt worden ist und der gerade für die CDU/CSU- Bundestagsfraktion von besonderer Bedeutung ist. Wir haben wieder Wachstumszahlen. Die vorsichtige Schätzung der Bundesregierung für 1986 sagt 3 % voraus. Viele Auguren meinen inzwischen, auch eine 4 vor dem Komma sei realistisch. Es gibt keine bessere Zeit für einen von der Union lange vertretenen Grundgedanken, den wir heute erneut ins Bewußtsein rufen wollen, nämlich die Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand wieder stärker zu forcieren. Denn nur in Zeiten des Wachstums, in Zeiten, in denen es reale Einkommenszuwächse der Arbeitnehmer bei niedriger Inflationsentwicklung geben kann, gibt es die Chance, daß auch in Tarifabschlüsse Vermögensbildungsleistungen eingebaut werden. Sie wissen, die Bundesregierung und die Koalitionsfraktionen legen einen Entwurf zu einer zweiten Stufe der Vermögensbildung mit dem Ziel vor, die Ausgabe von Belegschaftsaktien zu begünstigen, mit der Zulassung von Kapitalanlagegesellschaften, mit Beteilgungs-Sondervermögen im Investmentgesetz, also mit dem Ziel, den Tarifparteien, Arbeitgebern und Gewerkschaften, anzubieten, stärker als bisher die Chancen zur Vermögensbildung zu nutzen. Meine Damen und Herren, bis Ende des vergangenen Jahres sind 17 Tarifverträge über vermögenswirksame Leistungen abgeschlossen worden. Rund 400 000 Arbeitnehmer kamen in deren Genuß. Mehr als 90 000 Verträge über den Kauf von Aktienvoranteilen sind abgeschlossen worden. Das ist ein erfreuliches Zeichen, aber es ist nicht genug. Ich will die Gelegenheit dieser Debatte über den Jahreswirtschaftsbericht nutzen, um nicht nur die Kollegen der SPD aufzufordern, unseren Entwurf zu einer zweiten Stufe zu unterstützen, sondern um auch Gewerkschaftsvertretern und Arbeitgebervertretern zu sagen: Jetzt, in einer Zeit des Wachstums, der realen Einkommenszuwächse und der niedrigen Preissteigerungen, ist die Stunde, Vermögensbildungsanteile in Tarifverträge einzubauen. Wir wollen mit dazu beitragen, daß Millionen Menschen am Produktivkapital beteiligt werden. Wir wollen nicht die klassenkämpferische Strategie des Herrn Janßen, die er bei den GRÜNEN vertreten hat, mit - unterstützen, sondern wir wollen die Partnerschaftsstrategie, für die auch ein Mann wie Herr Rappe steht, stärker als bisher ins Bewußtsein breiter Bevölkerungskreise rufen, meine Damen und Herren. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir wollen ein zweites. Wir wollen den erfreulich belebten Gedanken der Existenzgründung junger Leute noch stärker als bisher auch ins Bewußtsein jener Kreise tragen, die sich bisher nicht zur Selbständigkeit entschließen konnten. Im vergangenen Jahr dürften etwa 318 000 Existenzen neu gegründet worden ein. Seit dem Sommer 1984 werden in der Bundesrepublik erfreulicherweise insgesamt wieder mehr Existenzen neu gegründet, als Existenzen durch Konkurs, Vergleich oder natürliches Ausscheiden verlorengehen. Wir sollten diesen Prozeß weiter unterstützten. Wir sollten mit dazu beitragen, daß der Gedanke der Existensgründungsansparverträge stärker als bisher ins breite Bewußtsein getragen wird. Ich füge hinzu: Wir sollten dazu beitragen, daß die Programme von Bund und Ländern zur Existenzgründung so abgestimmt und so unbürokratisch gemacht werden — hier bestehen häufig noch Hindernisse —, daß sie für den potentiellen Existenzgründer attraktiv sind. Wir wissen: Jeder, der eine Existenz neu gründet, schafft nach einigen Jahren drei bis vier neue Arbeitsplätze. Wenn es uns gelingt, diese Existenzgründungswelle zu beschleunigen, schaffen wir mehr neue Arbeitsplätze als durch jedes SPD-Wirtschaftsprogramm. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich, um die Alternative klar auszusprechen, nur noch einmal sagen: Der entscheidende Unterschied zwischen der Wirtschaftspolitik dieser Regierung der CDU/CSU und der FDP und derjenigen von SPD und GRÜNEN ist, daß wir darauf setzen, durch Steuerentlastung die Investitionsbereitschaft und die Leistungsbereitschaft von Unternehmen und Arbeitnehmern zu unterstützen, während Sie darauf setzen, die Steuerbelastung von Unternehmen und Bürgern durch Ölimportsteuer, durch Chemiesteuer, durch eine 10 %ige Abgabenerhöhung, wie sie gar Herr Farthmann vorschlägt, und durch andere Formen von Energiesteuern zu erhöhen. Meine Damen und Herren, damit töten Sie den Aufschwung ab und vernichten Arbeitsplätze. Deswegen bitte ich Sie: Denken Sie um, helfen Sie mit, daß ein freiheitliches Wirtschaftskonzept in Zukunft auch in der Sozialdemokratischen Partei auf breitere Unterstützung stößt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Mitzscherling. Dr. Mitzscherling (SPD): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen! Meine Herren! Wachstum, Preisstabilität, Außenhandelsüberschüsse, mehr Arbeitsplätze — ein großer Erfolg der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung; so hat es der Bundeswirtschaftsminister erklärt. (Zustimmung bei der CDU/CSU und der FDP) Es gibt nur einen leichten kleinen Schatten: Wir haben eben ein bißchen Massenarbeitslosigkeit. Keiner von uns leugnet, daß das Jahr 1986 ein gutes Jahr werden wird, um das klipp und klar zu sagen. (Beifall bei Abgeordneten der FDP) Aber wir wollen dabei doch nicht verdrängen, daß das, was dieser Jahreswirtschaftsbericht beschreibt, Maßstab für Beurteilungen ist. Wenn ich diesen Maßstab der eigenen Erwartungen anlege, meine Damen und Herren von der Regierungskoalition, dann ist die Gleichung, wie heute schon gesagt wurde, nicht aufgegangen: Lohnzurückhaltung, vermehrte Gewinne — sie sind in der Tat in den letzten Jahren gestiegen — gleich viel mehr Investitionen und gleich erheblich mehr Arbeitsplätze. Das alles hat nicht stattgefunden. 1984 ist ein Investitionsboom ausgeblieben. Die Anlageinvestitionen der Unternehmen — Herr Bangemann, das steht in Ihren Wirtschaftsberichten —, und zwar ohne Wohnungsbau, aber einschließlich der Wirtschaftsbauten und der Ausrüstungen, sind nur um 0,6 % gestiegen. Im Jahre 1985 sind sie nur um 4,7 % gestiegen, auch unter den Erwartungen, die Sie selbst im Jahr zuvor hatten. Es ist also kein Investitionsboom gewesen. Davon kann keine Rede sein, trotz aller glänzenden Gewinne und trotz des Verzichts der Arbeitnehmer auf erhebliche Teile ihres Lohns. Die Frage, warum nicht investiert wurde, ist im wesentlichen mit drei Gründen zu beantworten. Der erste Grund waren die schlechten Absatzerwartungen im Inland. Der zweite Grund war, daß die Unternehmen durch die Dollarkursentwicklung und die Aberwitzigkeit dieses Kurses wesentlich irritiert waren. Der dritte Grund war, daß die Realzinsen zu hoch waren und die Entscheidungen der Unternehmer, erhebliche Teile ihrer Gewinne in Geldvermögen anzulegen, erleichtert haben. (Dr. Ehrenberg [SPD]: Das weiß nur Herr Bangemann nicht!) Ihre wirtschaftspolitische Strategie, Herr Bangemann, durch eine rapide Umverteilung zugunsten der Unternehmen die Investitionen anzuregen, ist aus diesen Gründen bislang nicht aufgegangen. Das hat sich in den letzten Monaten etwas geändert. Es zeigen sich erste Anzeichen einer Verbesserung der Investitionstätigkeit. Wir wollen uns nicht darüber streiten: Es ist eindeutig so, daß erhebliche Teile dessen, was Sie als Ihren wirtschaftlichen Erfolg verbuchen, auf äußere Einflüsse zurückzuführen ist. Die weltweite Konjunkturerholung, der amerikanische Wirtschaftsaufschwung, der gewaltige Dollaranstieg — das hat Ihnen ein Exportkonjunkturprogramm beschert, aber investiert wurde deshalb kaum. Wir haben Sie immer vor dem Glauben gewarnt, daß die Unternehmen allein wegen günstiger Gewinnentwicklung investieren würden. Wir haben Ihnen stets gesagt: Es müssen Absatzerwartungen hinzukommen, und zwar sowohl im Inland als auch im Ausland. Stabile Absatzerwartungen auf dem Auslandsmarkt bedeuten in jedem Fall kalkulierbare Wechselkursentwicklungen. Wir haben Sie immer wieder gedrängt, die Weltwirtschaftsgipfel dazu zu nutzen, internationale Absprachen über eine Stabilisierung der Wechselkursentwicklung zu erreichen. Dagegen haben Sie sich massiv gesträubt. Sie haben gesagt: Das ist die Entscheidung des Marktes. Jetzt gibt es Devisenmarktinterventionen, die Sie zunächst verteufelt haben. Erst unter dem Druck des amerikanischen Finanzministers Baker haben Sie sich schließlich eines Besseren besonnen. Inzwischen ist der Dollar gesunken. Wenn man den Unternehmensumfragen glaubt, dann ist bei einem heutigen Dollarkurs von 2,31 DM für viele Unternehmen die „Schmerzgrenze" deutlich erreicht. (Kittelmann [CDU/CSU]: Bringen Sie doch einmal Beispiele dazu!) Seit Mitte letzten Jahres sinken die in D-Mark gerechneten deutschen Ausfuhrpreise. Das heißt, daß viele Unternehmen seit einem halben Jahr ihre DM-Preise zurücknehmen müssen, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Die Gewinne schrumpfen. Das bedeutet, daß die Exporterträge schlechter werden. Dennoch propagieren Sie, der Investitionsboom werde jetzt erst so richtig beginnen. Was spricht denn eigentlich dafür? Ist es nicht genausogut möglich, daß die Unternehmen, wie sie in den letzten Jahren Geldvermögen angesammelt haben, nun erhebliche Teile dieses Vermögens dafür verwenden, um im Ausland, wo viele ihrer Absatzmärkte liegen, neue Unternehmen zu kaufen? (Zuruf von der CDU/CSU: Ja!) Und sind denn die extrem hohen Realzinsen von gegenwärtig 5 1 /2 bis 6 % nicht ebenfalls ein Hemmnis für mehr Unternehmensinvestitionen? Japan hat in letzter Zeit seine Zinsen drastisch gesenkt, um die Binnenkonjunktur anzustoßen. Sie, Herr Bangemann — das wurde ja heute schon gesagt —, haben damals bei Ihrem Amerikabesuch ausgeplaudert, es stehe eine konzertierte Zinssenkungsrunde bevor, um eine von uns immer wieder geforderte akkordierte Zinssenkungsbemühung einzuleiten. Das wäre nötig gewesen. Aber dazu ist es leider nicht gekommen. (Beifall bei der SPD) Meine Damen und Herren von der Koalition, Sie können sich heute so viel bejubeln, wie Sie wollen, und das Jahr 1986 mag noch ein ausgezeichnetes Exportjahr werden. Aber die Exportkonjunktur geht zu Ende. Sie muß zu Ende gehen. Denn die USA wollen und müssen von ihrem enormen Handelsbilanzdefizit herunterkommen, und dies kann nur zu Lasten der Leistungsbilanz der Bundesrepublik und der Leistungsbilanz der Japaner gehen. Wir Sozialdemokraten haben Sie schon im letzten Jahr aufgefordert, für diesen Fall Vorsorge zu treffen und einiges zur Stärkung der Binnenkonjunktur zu tun. Übrigens standen wir mit dieser Forderung nicht allein. Auch Graf Lambsdorff verlangte Steuertarifkorrekturen in einem Schritt, und Herr Strauß warnte davor, sich zu Tode zu konsolidieren. Nur, Herr Stoltenberg hat dies alles abgelehnt. Sie müßten heute bei einem Dollarkurs von 2,31 DM — und es ist noch keinesfalls ausgemacht, ob dieser Kursabschwung damit schon zu Ende ist — über solche Maßnahmen ernsthaft nachdenken, wenn — Sie haben Glück — Saudi-Arabien nicht einen Preiskrieg begonnen hätte, Herr Kittelmann. Dann hätten Sie nicht diese Schützenhilfe gehabt, die Ihnen heute ein Konjunkturprogramm zur Stärkung der Binnennachfrage beschert hat. (Dr. Schwörer [CDU/CSU]: Das Glück des Tüchtigen!) Wir sollten uns darüber im klaren sein, Herr Schwörer, daß wegen der sich erhöhenden Produktivität damit noch keine Entlastung für den Arbeitsmarkt verbunden sein muß. Das sagt übrigens das Ifo-Institut. Aber natürlich: Diese Ölpreissenkung ist ein Konjunkturprogramm — allerdings, und das kann keiner heute sagen, möglicherweise nur für ein bis zwei Jahre. Keiner weiß, wie lang das dauern wird. Man muß davon ausgehen, daß der Ölpreiskrieg gänzlich andere Ziele verfolgt, nämlich die Kartellpartner zu größerer Disziplin zu bekehren und die bisherigen Außenseiter in das Kartell hineinzuzwingen. Es wäre also völlig verfehlt, zu glauben, daß sich nun alle Probleme von selber lösen, daß die Wirtschaftspolitik richtig war und daß alles, was von anderen vorgeschlagen wird von vornherein unsinnig ist. Dies wird Sie nicht davon abhalten dürfen, international tätig zu bleiben. Es wird nach wie vor darauf ankommen, die Verschuldungsprobleme in der Dritten Welt, die sich in einigen Staaten infolge des Ölpreisverfalls enorm verschärft haben, anzupacken. Es gibt nach wie vor die amerikanischen Haushaltsprobleme. Es gibt Untersicherheit im Weltwährungssystem. Schließlich halten die protektionistischen Tendenzen an, die uns durch unrealistische Wechselkurse beschert worden sind, und erfahren neuen Auftrieb. Aber, Herr Bangemann, auch unsere Handelspolitik ist weiter gefordert. Sie haben im vorigen Herbst dazu etwas, wie Sie sagten, völlig Neues vorlegen wollen: ein in sich geschlossenes Außenhandelskonzept mit neuen Möglichkeiten. Das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine gute, säuberliche Zusammenstellung der bisherigen außenwirtschaftlichen Aktivitäten. Aber es ist im wesentlichen auf Exportförderungsmaßnahmen gerichtet. Doch nicht nur darum kann es gehen. Wer exportieren und Absatzmärkte sichern und erhalten will, muß sich auch Gedanken darüber machen, wie man Import fördern kann. Denn wir müssen importieren. Das gilt in besonderem Maße für den Ost-West - Handel. Der Bundeskanzler hat erst kürzlich erklärt, die Möglichkeiten wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Ost und West seien noch nicht ausgeschöpft. Recht hat er. Doch, meine Damen und Herren von der Koalition, eines muß klar sein: Der Handel mit den RGW-Staaten wird nur dann auszuweiten sein, wenn wir diese Staaten beim Absatz ihrer Produkte bei uns und auf Drittmärkten und bei der Modernisierung ihrer Produktion noch mehr unterstützen. Auch das ist Außenwirtschaftspolitik, Herr Bangemann. Denn erst dann kann sie zu einer wirklichen Politik der Zusammenarbeit zwischen Ost und West und West und Ost werden. Wir Sozialdemokraten haben mit Willy Brandt und Helmut Schmidt diese Politik vorangebracht, weil sie der Entspannung dient. Wir fordern Sie auf, alle Möglichkeiten zu nutzen, diese Politik fortzusetzen und auszubauen, damit der Frieden auch durch Handel sicherer wird. Ich bedanke mich. (Beifall bei der SPD) Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der Abgeordnete Kittelmann. Kittelmann (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Gewichte in der Diskussion über den Jahreswirtschaftsbericht 1986 wären noch vor wenigen Wochen von vielen Rednern anders gelagert worden. Der unerwartete und radikale Verfall der Erdölpreise zeigt, wie viele Prognosen schnellebig sind und sich rasch verändern können. Für die CDU/CSU heißt das, unabhängig von Prognosen unsere erfolgreiche Wirtschaftspolitik fortzusetzen. Das betrifft nicht nur die inzwischen — Herr Mitzscherling, ich kann mich an Ihre Rede vor einem Jahr erinnern — (Roth [SPD]: Den Bausektor in Berlin!) erfreuliche Entwicklung in der Binnenwirtschaft, sondern auch kontinuierliche, durch flankierende Hilfe sich abzeichnende Erfolge in der Außenwirtschaft. Im Bereich des Wirtschaftswachstums hat die Außenwirtschaft wesentlich zur Kontinuität beigetragen. Wir wissen, daß eine kontinuierliche positive Wachstumsentwicklung nicht allein auf den Export gestützt werden kann. Deswegen freuen wir uns, daß jetzt auch binnenwirtschaftlich die Impulse immer stärker werden. Die Sozialdemokraten haben das immer angezweifelt. (Schreiner [SPD]: Wer hat Ihnen denn das aufgeschrieben?) Zu den letzten Daten, die Sie, Herr Mitzscherling, eben genannt haben, darf ich kurz feststellen: Unsere Wirtschaftspolitik hat dazu geführt — die Zahlen beweisen es; wenn Sie doch nur einmal die Statistik richtig lesen würden! —, daß sich das Investitionsklima nachhaltig verbessert hat. Die Investitionspläne der Unternehmen erhöhen sich in letzter Zeit kräftig. Einige Branchen vermelden bereits Kapazitätsengpässe. Fast ein Drittel aller Unternehmen nennt als Hauptinvestitionsmotiv die Kapazitätserweiterung. Das kommt unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit zugute. Die Unternehmen richten sich auf Expansion ein. Ich habe ja Verständnis dafür, daß den Sozialdemokraten diese positive Politik nicht paßt, weil sie ihren Wählern zu erklären versuchen, daß sie die bessere Politik machen. Aber man kann doch deshalb nicht so brutal an der Wahrheit vorbeigehen. Unsere Wettbewerbsfähigkeit hat sich — im Gegensatz zu dem, was immer wieder gesagt wird — in den letzten Jahren erheblich verbessert. Die meisten unserer Produkte können sich trotz des sich abschwächenden Dollarkurses auf den internationalen Märkten behaupten. Herr Roth hat ja seine erste Viertelstunde nur zu Plaudereien genutzt. Er hätte sie an sich sehr gut nutzen können, um uns einmal klarzumachen, wo eigentlich das Wirtschaftsprogramm der SPD bleibt. Dann hätte man eindeutig feststellen können, welches eigentlich die Alternative ist; denn auch uns käme es zugute, wenn konkrete Impulse von Ihnen kämen. Wo etwas zu lernen ist, wollen wir das schließlich auch aufnehmen. (Zurufe von der SPD) Ich darf zu den Ölpreissenkungen folgendes sagen. Für den Bundesbürger ergibt sich aus dem Verfall des Ölpreises — so die Bundesbank — ein realer Wohlstandsgewinn von etwa 16 Milliarden DM. Vielleicht ist er sogar höher. Wir wissen, die derzeitigen Ölpreissenkungen sind durch drei Entwicklungen eingetreten. Erstens. Durch den Kursrückgang des Dollars sind die Öleinfuhren labil geworden. Zweitens. Der Einsatz anderer Energieressourcen hat dazu geführt, daß das Öl in verschiedenen Marktbereichen durch andere Energieträger, wie z. B. die Kernenergie und die Kohle, ersetzt wurde. Drittens. Mit dem Ersetzen des Rohöls durch andere Energieträger und der Erschließung des Nordseeöls ist das OPEC-Kartell zusammengebrochen. Durch ein gleichzeitiges Auftreten dieser drei Faktoren wird der Verfall des Ölpreises begünstigt. Diese kurzfristigen Signale können nicht als Indikator für die langfristige Entwicklung des Preises am Weltenergiemarkt gesehen werden. Die derzeitige Entwicklung am Mineralölmarkt ist kein Indiz für einen Überfluß an Rohöl. Ö1 bleibt aus geologischen Gründen ein knappes Gut, und wir haben allen Anlaß, dies immer wieder in Erinnerung zu bringen. Verbraucher und Unternehmen in der Bundesrepublik Deutschland sollten sich daher in ihre

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