Protokoll der 198. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 198. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/198
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
198. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 20. Februar 1986
Inhalt:
Nachträgliche Überweisung eines Antrags
an den Haushaltsausschuß 15231A
Erweiterung und Abwicklung der
Tagesordnung 15231B, 15280 C
Begrüßung von Mitgliedern der
Kommission für die Zusammenarbeit mit den
Parlamenten und der Öffentlichkeitsarbeit der
WEU 15287 D
Absetzung eines Punktes von der
Tagesordnung 15338 D
Beratung des Jahresgutachtens 1985/86
des Sachverständigenrates zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung
— Drucksache 10/4295 —
in Verbindung mit
Beratung des Jahreswirtschaftsberichts
1986 der Bundesregierung
— Drucksache 10/4981 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu
dem Antrag der Abgeordneten Dr. Vogel,
Dr. Apel, Frau Fuchs (Köln), Roth, Dr. Jens,
Lutz, Dr. Spöri, Wieczorek (Duisburg) und
der Fraktion der SPD
Politik zur Bekämpfung der
Massenarbeitslosigkeit und Überwindung der
Wachstumsschwäche
— Drucksachen 10/3431, 10/4561 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung zu dem Antrag der
Abgeordneten Rohde (Hannover), Dr. Jens, Lutz,
Dr. von Bülow, Buschfort, Collet, Dreßler,
Egert, Dr. Ehrenberg, Frau Fuchs (Köln),
Glombig, Heyenn, Jung (Düsseldorf),
Junghans, Kirschner, Frau Dr. Martiny-Glotz,
Meininghaus, Dr. Mitzscherling, Peter
(Kassel), Reimann, Reuschenbach, Roth,
Schreiner, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau
Steinhauer, Urbaniak, Weinhofer, von der
Wiesche, Wolfram (Recklinghausen),
Zeitler, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD
Einführung eines Arbeitsmarktberichts
durch die Bundesregierung
— Drucksachen 10/1893, 10/4984 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für
Raumordnung, Bauwesen und Städtebau zu dem
Antrag der Abgeordneten Müntefering,
Conradi, Huonker, Dr. Jens, Lohmann
(Witten), Meininghaus, Menzel, Polkehn, Purps,
Ranker, Reschke, Roth, Schmitt
(Wiesbaden), Dr. Sperling, Waltemathe, Frau
Weyel, Wolfram (Recklinghausen) und der
Fraktion der SPD
Stärkung und Verstetigung der
Bautätigkeit
— Drucksachen 10/3274, 10/4125 —
Dr. Bangemann, Bundesminister BMWi 15232 C
Roth SPD 15238 B
Hauser (Krefeld) CDU/CSU 15243 D
Auhagen GRÜNE 15246 B
Dr. Haussmann FDP 15248 C
Dr. Ehrenberg SPD 15250 D
Wissmann CDU/CSU 15252 D
Dr. Mitzscherling SPD 15255A
Kittelmann CDU/CSU 15256 D
Dr. Müller (Bremen) GRÜNE 15258 C
Kraus CDU/CSU 15259 C
Ruf CDU/CSU 15261 B
Dr. Jens SPD 15263 A
Dr. von Wartenberg CDU/CSU 15264 C
Namentliche Abstimmung 15266 D
Abgabe einer Erklärung der
Bundesregierung
„Aktivitäten des BND bei der
Nachforschung nach Dioxinabfällen im Jahre
1983"
in Verbindung mit
Unterrichtung durch die Parlamentarische
Kontrollkommission
Private Zuwendungen an den
Bundesnachrichtendienst im Jahre 1983
— Drucksache 10/5049 —
Dr. Zimmermann, Bundesminister BMI . 15269A
Dr. Emmerlich SPD 15271A
Dr. Waigel CDU/CSU 15274 D
Ströbele GRÜNE 15277 B
Dr. Hirsch FDP 15278 C
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Innenausschusses zu dem
Entschließungsantrag der Fraktionen der
CDU/CSU und FDP zur Großen Anfrage
der Abgeordneten Frau Dr. Däubler-
Gmelin, Dr. Schmude, Bachmaier, Bernrath,
Frau Blunck, Catenhusen, Frau Dr.
Czempiel, Dr. Diederich (Berlin), Egert, Frau
Fuchs (Köln), Frau Fuchs (Verl), Frau Dr.
Hartenstein, Frau Huber, Immer
(Altenkirchen), Dr. Kübler, Kuhlwein, Lutz, Frau
Luuk, Frau Dr. Martiny-Glotz, Frau
Matthäus-Maier, Müller (Düsseldorf), Frau
Odendahl, Peter (Kassel), Frau Renger,
Schäfer (Offenburg), Frau Schmidt
(Nürnberg), Schröer (Mülheim), Frau Simonis,
Dr. Soell, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau
Steinhauer, Frau Terborg, Frau Dr. Timm,
Frau Traupe, Wartenberg (Berlin), Frau
Weyel, Frau Zutt und der Fraktion der SPD
Frauen im öffentlichen Dienst
— Drucksachen 10/2842, 10/4729 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für das Post- und
Fernmeldewesen zu dem Antrag der
Fraktion der SPD
Verbesserung der Ausbildungssituation
junger Frauen bei der Deutschen
Bundespost
— Drucksachen 10/1428, 10/4554 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Innenausschusses zu dem
Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Däubler-
Gmelin, Dr. Schmude, Bachmaier,
Bernrath, Frau Blunck, Catenhusen, Dr.
Diederich (Berlin), Egert, Frau Fuchs (Köln),
Frau Fuchs (Verl), Frau Dr. Hartenstein,
Frau Huber, Immer (Altenkirchen), Dr.
Kübler, Kuhlwein, Lutz, Frau Luuk, Frau
Dr. Martiny-Glotz, Frau Matthäus-Maier,
Müller (Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter
(Kassel), Frau Renger, Schäfer
(Offenburg), Frau Schmedt (Lengerich), Frau
Schmidt (Nürnberg), Schröer (Mülheim),
Frau Simonis, Dr. Soell, Frau Dr. Skarpelis-
Sperk, Frau Steinhauer, Stiegler, Frau
Terborg, Frau Dr. Timm, Frau Traupe,
Wartenberg (Berlin), Frau Weyel, Frau Zutt, Dr.
Vogel und der Fraktion der SPD
Förderung von Frauen im öffentlichen
Dienst
— Drucksachen 10/3055, 10/5026 —
Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD 15296 D
Dr. Waffenschmidt, Parl. Staatssekretär
BMI 15299 A
Frau Pack CDU/CSU 15299 C
Frau Dann GRÜNE 15302 B
Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 15303 C
Frau Dr. Süssmuth, Bundesminister
BMJFG 15305 B
Schröer (Mülheim) SPD 15307 C
Dr. Schwarz-Schilling, Bundesminister
BMP 15309 D
Frau Steinhauer SPD 15311C
Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Volmer, Frau Eid, Auhagen und
der Fraktion DIE GRÜNEN
Lieferbindung und Mischfinanzierung in
der bundesdeutschen Entwicklungshilfe
— Drucksachen 10/3643, 10/4602 —
Volmer GRÜNE 15313 C
Dr. Hüsch CDU/CSU 15314 C
Dr. Holtz SPD 15315C
Dr. Rumpf FDP 15316 C
Dr. Warnke, Bundesminister BMZ . . 15317 B
Namentliche Abstimmung 15317 D
Ergebnis 15319 B
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Borgmann und der Fraktion DIE
GRÜNEN
Vertriebsverbot für Krügerrand-
Goldmünzen
— Drucksache 10/3818 —
Frau Eid GRÜNE 15318 B
von Schmude CDU/CSU 15320C
Toetemeyer SPD 15321 D
Dr. Solms FDP 15322 D
Dr. Sprung, Parl. Staatssekretär BMWI 15323A
Namentliche Abstimmung 15324 A
Ergebnis 15327 C
Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Dr. Müller (Bremen), Vogel
(München), Tatge und der Fraktion DIE GRÜ-
NEN
Haushaltspolitische, ökologische und
entwicklungspolitische Risiken der
Ausfuhrbürgschaften
— Drucksachen 10/3855, 10/4549 —
Dr. Müller (Bremen) GRÜNE 15324 B
Dr. Lippold CDU/CSU 15325 D
Walther SPD 15329A
Frau Dr. Segall FDP 15330 D
Dr. Köhler, Parl. Staatssekretär BMZ . 15331 D
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Pinger, Dr. Hüsch, Höffkes, Hedrich,
Dr. Lammert, Lamers, Repnik, Schreiber,
Sauter (Epfendorf), Borchert, Feilcke, Frau
Fischer, Dr. Kunz (Weiden), Dr. Pohlmeier,
Graf von Waldburg-Zeil, Herkenrath,
Echternach, Kraus, Schulhoff, Hornung, Weiß,
Wilz, Kolb, Dr. Hornhues, Eylmann,
Seesing, Frau Roitzsch (Quickborn), Dr.
Hoffacker, Schemken, Maaß, Jagoda, Magin,
Ruf, Schneider (Idar-Oberstein), Link
(Frankfurt), Sauer (Stuttgart), Dr. Olderog,
Dr. Schroeder (Freiburg), Clemens und der
Fraktion der CDU/CSU sowie der
Abgeordneten Schäfer (Mainz), Dr. Rumpf, Frau Dr.
Hamm-Brücher, Dr. Feldmann, Frau
Seiler-Albring, Ertl, Ronneburger, Dr. Solms,
Dr. Weng (Gerlingen) und der Fraktion der
FDP
Reformen der wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als
Voraussetzung für Selbsthilfe in der Dritten
Welt
— Drucksache 10/4109 —
Frau Eid GRÜNE 15333 D
Dr. Pinger CDU/CSU 15334 D
Dr. Hauchler SPD 15335 D
Dr. Rumpf FDP 15336 D
Dr. Köhler, Parl. Staatssekretär BMZ . 15337 D
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu
dem Antrag des Abgeordneten
Schwenninger und der Fraktion DIE GRÜNEN
Rüstungsexportstatistiken
— Drucksachen 10/2959, 10/4281 —
Volmer GRÜNE 15339 A
Lattmann CDU/CSU 15340 A
Gansel SPD 15341 A
Beckmann FDP 15342 B
Senfft GRÜNE (zur GO) 15343A
Frau Hürland CDU/CSU (zur GO) . . 15343 B
Vizepräsident Cronenberg 15343 C
Fragestunde
— Drucksache 10/5031 vom 14. Februar
1986 —
Verhinderung des Beitritts Spaniens zur
NATO über die Partei der Spanischen
Sozialisten durch deutsche politische Kräfte
MdlAnfr 39 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Weng (Gerlingen) FDP
Antw StMin Möllemann AA 15280 D
ZusFr Dr. Weng (Gerlingen) FDP . . . 15280 D
Effektivität des Goethe-Instituts in
Daressalam; Auswirkungen des geplanten
Kulturabkommens mit Tansania
MdlAnfr 40, 41 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Rose CDU/CSU
Antw StMin Möllemann AA 15281 B
ZusFr Dr. Rose CDU/CSU 15281 C
ZusFr Dr. Riedl (München) CDU/CSU . 15282 C
Erkenntnisse der Bundesregierung über
den Tod des Smart Alpha Kargbo in einem
Gefängnis in Sierra Leone; abschließende
Stellungnahme der Bundesregierung zum
Fall Kargbo; Asylgewährung für eine in
der Bundesrepublik Deutschland lebende
Verwandte
MdlAnfr 42, 57 14.02.86 Drs 10/5031
Stahl (Kempen) SPD
Antw StMin Möllemann AA 15282 C
ZusFr Stahl (Kempen) SPD 15282 D
Streichung des Themas
Menschenrechtsverletzung in Ost-Timor von der
Tagesordnung der UN-Menschenrechtskommission
auf Grund der Ausführungen des
Delegierten der Bundesrepublik Deutschland;
Vergabe von Stipendien an Ost-Timoresen
MdlAnfr 43, 44 14.02.86 Drs 10/5031
Frau Eid GRÜNE
Antw StMin Möllemann AA 15284 B
Einsatz des Staatssicherheitsdienstes der
DDR in Nicaragua und Kambodscha
MdlAnfr 45 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Hupka CDU/CSU
Antw StMin Möllemann AA 15284 C
ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU 15284 D
ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD . . . 15285A
Präsidentschaftswahlen auf den
Philippinen
MdlAnfr 46 14.02.86 Drs 10/5031
Jäger (Wangen) CDU/CSU
Antw StMin Möllemann AA 15285 B
ZusFr Jäger (Wangen) CDU/CSU . . . 15285 C
ZusFr Oostergetelo SPD 15285 D
ZusFr Dr. Hupka CDU/CSU 15286 A
ZusFr Stahl (Kempen) SPD 15286 B
Herausgabe von Gedenkmünzen aus Silber
zum Nennwert von 10 DM
MdlAnfr 65 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Riedl (München) CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. Voss BMF 15286 D
ZusFr Dr. Riedl (München) CDU/CSU . . 15286 D
Umfang des Einsatzes von DDR-
Bauarbeiter-Kolonnen auf Baustellen in der
Bundesrepublik Deutschland; Schutz der
arbeitslosen deutschen Bauhandwerker
MdlAnfr 73, 74 14.02.86 Drs 10/5031
Reuter SPD
Antw PStSekr Grüner BMWi 15287 C
ZusFr Reuter SPD 15287 C
ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU . . . . 15288A
ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD . . . . 15288 B
ZusFr Jäger (Wangen) CDU/CSU . . . . 15288 C
ZusFr Vogel (München) GRÜNE . . . . 15288 D
ZusFr Frau Hürland CDU/CSU 15289 B
ZusFr Oostergetelo SPD 15289 B
ZusFr Klein (Dieburg) SPD 15289C
ZusFr Büchner (Speyer) SPD 15290 C
Gefährdung der Altölentsorgung durch
Kurzarbeit bei der Dr. Dr. Meier AG
(Uetze)
MdlAnfr 58, 59 14.02.86 Drs 10/5031
Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU
Antw PStSekr Grüner BMWi 15291 B
ZusFr Dr.-Ing. Kansy CDU/CSU . . . 15291 C
Verhinderung der Einfuhr von nach dem
Washingtoner Artenschutz-Abkommen
geschützten Tierprodukten, deren
Begleitpapiere offenbar gefälscht sind
MdlAnfr 77 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Weng (Gerlingen) FDP
Antw PStSekr Gallus BML 15292 D
ZusFr Dr. Weng (Gerlingen) FDP . . . 15293A
Förderung der Ausdehnung der
Industriestärke aus landwirtschaftlichen
Rohstoffen
MdlAnfr 78, 79 14.02.86 Drs 10/5031
Funk CDU/CSU
Antw PStSekr Gallus BML 15293 B
ZusFr Funk CDU/CSU 15293C
ZusFr Oostergetelo SPD 15293 D
ZusFr Immer (Altenkirchen) SPD . . . 15294A
ZusFr Heistermann SPD 15294 D
Erfolg der Umschulungsmaßnahmen für
Arbeitslose durch die Bundesanstalt für
Arbeit
MdlAnfr 82, 83 14.02.86 Drs 10/5031
Müller (Wesseling) CDU/CSU
Antw PStSekr Höpfinger BMA 15295A
ZusFr Müller (Wesseling) CDU/CSU . . 15295 B
ZusFr Frau Hürland CDU/CSU 15295 D
Nächste Sitzung 15344 C
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten 15345* A
Anlage 2
Veröffentlichung von Lohnleitlinien durch
die Bundesregierung vor
Tarifverhandlungen
MdlAnfr 66 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Jens SPD
SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 15345* B
Anlage 3
Nachlassender Leistungswille auf Grund
der Steuerbelastung mit steigendem
Einkommen
MdlAnfr 69, 70 14.02.86 Drs 10/5031
Walther SPD
SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 15345*C
Anlage 4
Hinausschiebung des Stillegungstermins
(Oktober 1986) des Kaltwalzwerks der
Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte in
Maxhütte-Heidhof; Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen
MdlAnfr 71, 72 14.02.86 Drs 10/5031
Dr. Jobst CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . 15346*A
Anlage 5
Einfluß der Strompreise auf die
Wettbewerbsfähigkeit der verschiedenen
Industriebranchen
MdlAnfr 75 14.02.86 Drs 10/5031
Stiegler SPD
SchrAntw PStSekr Grüner BMWi . . . 15346* C
Anlage 6
Gründung von Milchquoten-Banken in den
Niederlanden
MdlAnfr 76 14.02.86 Drs 10/5031
Borchert CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Gallus BML . . . 15347*A
Anlage 7
Widerspruch zwischen einer Untersuchung
des Arbeitsamtes Ludwigshafen und der
Stellungnahme der Bundesregierung zum
Bericht der Enquete-Kommission
„Jugendprotest im demokratischen Staat" über die
Jugendarbeitslosigkeit
MdlAnfr 80, 81 14.02.86 Drs 10/5031
Reimann SPD
SchrAntw PStSekr Höpfinger BMA . . 15347*A
Anlage 8
Anrechnung des Erziehungsgeldes auf
andere Sozialleistungen für Rentnerinnen
auf Grund des Gesetzes zur Neuordnung
der Hinterbliebenenversorgung; Größe des
Personenkreises
MdlAnfr 84, 85 14.02.86 Drs 10/5031
Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD
SchrAntw PStSekr Höpfinger BMA . . 15347* D
Anlage 9
Unfallversicherungsschutz für die Wege zu
und von Vorstellungsgesprächen
MdlAnfr 86 14.02.86 Drs 10/5031
Stiegler SPD
SchrAntw PStSekr Höpfinger BMA . . 15348*C
198. Sitzung
Bonn, den 20. Februar 1986
Beginn: 9.00 Uhr
Vizepräsident Cronenberg: Die Sitzung ist
eröffnet.
Zunächst einmal habe ich einige amtliche
Mitteilungen zu verlesen. Erstens. Der Vorsitzende des
Haushaltsausschusses hat gebeten, daß der in der
194. Sitzung des Deutschen Bundestages gemäß § 96
unserer Geschäftsordnung überwiesene Antrag der
Fraktion der SPD zur Beteiligung der
Arbeitnehmer am Produktivvermögen — Drucksache 10/4747
— dem Haushaltsausschuß zur Mitberatung
überwiesen wird. Damit würde die Beratung gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung entfallen. Ist das Haus
damit einverstanden? — Widerspruch erhebt sich
offensichtlich nicht. Dann ist das so
beschlossen.
Zweitens. Nach einer interfraktionellen
Vereinbarung soll die verbundene Tagesordnung erweitert
werden, und zwar um die Punkte, die Sie auf der
Ihnen vorliegenden Liste „Zusatzpunkte zur
verbundenen Tagesordnung" aufgeführt bekommen
haben:
2. Unterrichtung durch die Parlamentarische
Kontrollkommission
Private Zuwendungen an den
Bundesnachrichtendienst im Jahre 1983
— Drucksache 10/5049 —
3. Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts
des Innenausschusses (4. Ausschuß) zu dem Antrag der
Abgeordneten Frau Dr. Däubler-Gmelin, Dr. Schmude,
Bachmaier, Bernrath, Frau Blunck, Catenhusen, Dr.
Diederich (Berlin), Egert, Frau Fuchs (Köln), Frau
Fuchs (Verl), Frau Dr. Hartenstein, Frau Huber, Immer
(Altenkirchen), Dr. Kübler, Kuhlwein, Lutz, Frau Luuk,
Frau Dr. Martiny-Glotz, Frau Matthäus-Maier, Müller
(Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter (Kassel), Frau
Renger, Schäfer (Offenburg), Frau Schmedt (Lengerich),
Frau Schmidt (Nürnberg), Schröer (Mülheim), Frau
Simonis, Dr. Soell, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau
Steinhauer, Stiegler, Frau Terborg, Frau Dr. Timm, Frau
Traupe, Wartenberg (Berlin), Frau Weyel, Frau Zutt, Dr.
Vogel und der Fraktion der SPD
Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst
— Drucksachen 10/3055, 10/5026 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Regenspurger
Schröer (Mülheim)
Frau Hönes
4. Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU
und FDP eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung von Vorschriften der gesetzlichen
Rentenversicherung (Sechstes Rentenversicherungs-
Änderungsgesetz — 6. RVÄndG)
— Drucksache 10/5053 —
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung
(federführend)
Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit
Haushaltsausschuß
5. Aktuelle Stunde
Ausbildungsplatzsituation 1986
Zugleich soll mit der Aufsetzung des
Zusatzpunktes 4 — erste Beratung des Sechsten
Rentenversicherungs-Änderungsgesetzes — von der Frist für
den Beginn der Beratung abgewichen werden. Ist
das Haus hiermit einverstanden? — Auch das ist
der Fall. Dann ist auch dies beschlossen.
Ich rufe nunmehr den Tagesordnungspunkt 2
auf:
a) Beratung des Jahresgutachtens 1985/86 des
Sachverständigenrates zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
— Drucksache 10/4295 —
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Wirtschaft (federführend)
Finanzausschuß
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuß für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau
Haushaltsausschuß
b) Beratung des Jahreswirtschaftsberichts 1986
der Bundesregierung
— Drucksache 10/4981 —
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Wirtschaft (federführend)
Finanzausschuß
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit
Haushaltsausschuß
c) Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft
(9. Ausschuß) zu dem Antrag der
Abgeordneten Dr. Vogel, Dr. Apel, Frau Fuchs (Köln),
Roth, Dr. Jens, Lutz, Dr. Spöri, Wieczorek
(Duisburg) und der Fraktion der SPD
Politik zur Bekämpfung der
Massenarbeitslosigkeit und Überwindung der
Wachstumsschwäche
— Drucksachen 10/3431, 10/4561 —
Berichterstatter:
Abgeordneter Dr. Graf Lambsdorff
Beschlußfassung
d) Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung (11. Ausschuß) zu dem Antrag
der Abgeordneten Rohde (Hannover), Dr.
Jens, Lutz, Dr. von Bülow, Buschfort, Collet,
Dreßler, Egert, Dr. Ehrenberg, Frau Fuchs
(Köln), Glombig, Heyenn, Jung (Düsseldorf),
Junghans, Kirschner, Frau Dr. Martiny-Glotz,
Meininghaus, Dr. Mitzscherling, Peter
(Kassel), Reimann, Reuschenbach, Roth,
Schreiner, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Frau
Steinhauer, Urbaniak, Weinhofer, von der Wiesche,
Wolfram (Recklinghausen), Zeitler, Dr. Vogel
und der Fraktion der SPD
Einführung eines Arbeitsmarktberichts
durch die Bundesregierung
— Drucksachen 10/1893, 10/4984 —
Berichterstatter:
Abgeordneter Pohlmann
Beschlußfassung
e) Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Raumordnung,
Bauwesen und Städtebau (16. Ausschuß) zu
dem Antrag der Abgeordneten Müntefering,
Conradi, Huonker, Dr. Jens, Lohmann
(Witten), Meininghaus, Menzel, Polkehn, Purps,
Ranker, Reschke, Roth, Schmitt (Wiesbaden),
Dr. Sperling, Waltemathe, Frau Weyel,
Wolfram (Recklinghausen) und der Fraktion der
SPD
Stärkung und Verstetigung der Bautätigkeit
— Drucksachen 10/3274, 10/4125 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Ruf
Dr. Sperling
Beschlußfassung
Meine Damen und Herren, nach einer
Vereinbarung im Ältestenrat sind eine gemeinsame
Beratung der Tagesordnungspunkte 2 a bis 2 e und eine
Aussprache von insgesamt drei Stunden
vorgesehen. — Das Haus ist damit einverstanden. So ist
auch dies beschlossen.
Nun habe ich zu fragen, ob das Wort zur
Berichterstattung gewünscht wird. — Das ist nicht der Fall.
Dann können wir mit der Beratung beginnen.
Das Wort hat der Herr Bundesminister für
Wirtschaft.
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren!
Der Aufschwung in der Bundesrepublik
entfaltet sich auf solider Basis. Expansion bei
Stabilität — das ist der Weg, zu dem alle, nicht nur die
Wirtschaftspolitik, in den letzten Jahren
beigetragen haben. Einfach war es nicht, ihn zu
erreichen ... Der Weg, der in der Bundesrepublik
beschritten wird, findet auch international
zunehmend Anerkennung.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Herr Präsident, ich habe nicht darauf hingewiesen,
daß dies ein Zitat war. Ich bitte daher nachträglich
um Genehmigung.
(Zuruf von der CDU/CSU: Brauchen Sie
nicht!)
Es war das Urteil des Sachverständigenrates
(Dr. Weng [Gerlingen] [FDP]: Kluge
Leute!)
in seinem jüngsten Jahresgutachten, das ich hier
vorgetragen habe, weil es, glaube ich, wichtig ist,
daß man sich in der Beurteilung seiner eigenen
Politik nicht nur an das hält, was man selbst richtig
und gut findet, sondern auch das Urteil anderer
einbezieht. Ich möchte dem Sachverständigenrat für
seine gute Arbeit ausdrücklich danken.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Eine Debatte über den Jahreswirtschaftsbericht
ist gleichzeitig auch immer eine Debatte über
Zahlen, die Prognosen sind. Deswegen ist es vielleicht
ein guter Anlaß, einmal der Frage nachzugehen, ob
die Zahlen, die wir vor einem Jahr genannt haben,
realistisch waren.
(Dr. Jens [SPD]: Anlageinvestitionen nicht
vergessen!)
— Herr Jens, ich habe Zitate mitgebracht, die
belegen, welche Schätzungen und Prognosen Sie in der
Öffentlichkeit gemacht haben. Wenn es Sie
interessiert, dann darf ich vielleicht auf eine kleine
Verlautbarung von Ihnen eingehen,
(Kittelmann [CDU/CSU]: Das wird
schlimm!)
um die Treffsicherheit Ihrer Prognosen mit der
meiner Prognosen, die ich im vergangenen Jahr
abgegeben habe, zu vergleichen. Sie haben in einer
Information der sozialdemokratischen
Bundestagsfraktion vom 22. Oktober 1984 — Sie können sie
unschwer finden — folgendes gesagt — ich zitiere
wörtlich —:
Es besteht die heute schon absehbare Gefahr,
daß wir mit einem Sockel von 2,5 Millionen Ar
-
beitslosen noch im Laufe des Jahres 1985 in die
nächste konjunkturelle Abschwungphase
eintreten.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU — Kittel
-
mann [CDU/CSU]: Wer war das, Herr Kol
lege?)
— Das war Herr Jens.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Ich kann aber noch mehr Prognosen vortragen,
falls Herr Roth noch einen Zwischenruf machen
sollte, wozu ich ihn einlade. Mir liegen auch von
ihm eine Reihe falscher Prognosen vor.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und
der CDU/CSU — Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren von der Opposition,
Sie müssen — gemessen an Ihren Einlassungen
von damals — schon zugeben, daß das, was Sie
damals gesagt haben, keine realistische Prognose
war; Ihre damaligen Äußerungen wurden vielmehr
von der Absicht getragen, die Stimmung zu
vermiesen, damit das eintreten sollte, was Sie eigentlich
wollten.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Panikmacher!
— Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Jetzt
haben sie Pech gehabt!)
Wir dagegen standen mit unseren Einschätzungen
auf der sicheren Seite.
(Zurufe von der SPD)
— Das kann man ja nachlesen. — Meine Damen
und Herren, auch für die Werte des
Jahreswirtschaftsberichts 1986, die wir heute vorlegen, gilt —
das werden Sie vielleicht nicht mehr bestreiten —,
daß sie eher an der Untergrenze des
Wahrscheinlichen angesiedelt worden sind. Alle Betrachter und
Beobachter — einschließlich dessen, was die
Bundesbank dazu sagt — gehen davon aus, daß die
Werte im Verlaufe des Jahres 1986 besser werden
können. Angesichts der aktuellen
Ölpreisentwicklung, auf deren Folgen ich auch noch eingehen
möchte, kann man in dem Zusammenhang
sicherlich sagen, daß diese Entwicklung — vorausgesetzt,
man macht keine falsche Politik — auch dazu
beitragen wird, daß sich die Zahlen hin zum Besseren
entwickeln und daß wir eine noch höhere
Geldwertstabilität, ein beschleunigteres Wachstum und eine
bessere Entwicklung am Arbeitsmarkt verzeichnen
können.
Meine Damen und Herren, es ist auch
unbestrittene Meinung aller Beobachter, daß der
Aufschwung 1986 nicht zu Ende gehen wird, sondern
daß er sich fortsetzen kann und daß auch die
Beschäftigung weiter steigt.
Als wir vor einem Jahr über den
Jahreswirtschaftsbericht debattierten, behauptete die
Opposition u. a., wir bauten nur Luftschlösser; in Wahrheit
sei der wirtschaftliche Erfolg ja ausschließlich auf
den starken Dollar zurückzuführen. Ich habe schon
damals vergeblich versucht, Herrn Roth und Herrn
Jens einige Grundtatsachen wirtschaftlichen
Beobachtens und Beurteilens nahezubringen, aber ohne
Erfolg.
Ich will aber jetzt noch einmal darauf hinweisen,
was ich damals in bezug auf die Zahlen gesagt habe.
Der Dollarkurs betrug im Februar 1985
durchschnittlich 3,29 DM. Er bewegt sich heute um die
2,40 DM-Marke herum; zum Teil wurde er in den
jeweiligen Tagesfeststellungen erheblich niedriger
notiert; ich rede vom Durchschnitt. Er wird um
ungefähr 90 Pfennig oder 27% niedriger als damals
notiert. Es ist natürlich unbestreitbar, daß ein
exportierendes Unternehmen Vorteile daraus zieht,
daß der Dollar stark ist, und Nachteile erleidet,
wenn er schwach ist. Aber das ist eben nicht die
ganze Wahrheit. Ich habe versucht, Ihnen das im
letzten Jahr zu erklären. Ich habe vor
monokausalen Erklärungen gewarnt, etwa des Stils — ich bin
froh, daß Herr Ehrenberg gerade kommt, denn er
hat das damals mit großer Verve vorgetragen —:
Der starke Dollar ist die alleinige Erklärung für das
Wirtschaftswachstum; alles andere, was Sie, Herr
Wirtschaftsminister, vortragen, ist Unsinn. —
(Kittelmann [CDU/CSU]: Das war schon
peinlich damals!)
Schon damals habe ich gesagt: Zwei Drittel der
deutschen Ausfuhr gehen in europäische Länder;
unmittelbar in die USA gehen nur 10 % der Exporte.
Bei einem Rückgang des Dollarkurses verbilligen
sich unsere Einfuhren in dem so wichtigen Bereich
Rohstoffe, Energie. Dadurch sinken die
Produktionskosten. Außerdem hat ein niedriger bewerteter
Dollar für die Entwicklungsländer den Vorteil, daß
sie Erleichterung im Hinblick auf ihre
Verschuldung erfahren und zusätzlich die Möglichkeit
haben, zu importieren. Alles das haben Sie damals
nicht wissen wollen. Sie haben es vom Tisch gefegt,
weil Sie auch dort wieder Ihren eigenen
pessimistischen Prophezeiungen glauben wollten.
Was ist eingetreten? Wir haben im vergangenen
Jahr, meine Damen und Herren, einen Höchstwert
sowohl im Handelsbilanzüberschuß als auch bei
der Zahlungsbilanz erreicht, obwohl sich der
Dollarkurs im vergangenen Jahr kontinuierlich
abgeschwächt hat.
Wer hat denn nun eigentlich recht? Man kann die
einfache Frage stellen: Wer macht die bessere
Wirtschaftspolitik? Die Opposition, die sich in allem irrt
— in ihren Prognosen, in ihren Beurteilungen —,
oder die Regierung, die auf Zahlen verweisen kann,
die so gut sind wie nie zuvor?
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage des Abgeordneten Jens?
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Ich nehme an, Herr Präsident, daß Herr Jens
immer noch nicht genug belehrt ist. Deswegen möchte
ich ihm die Chance nicht rauben, heute morgen
noch mehr zu erfahren.
Vizepräsident Cronenberg: Ohne zu der
Begründung Stellung zu nehmen: Herr Abgeordneter, bitte
schön!
Dr. Jens (SPD): Herr Minister, können Sie mir
denn zugestehen, daß auch Ihre Betrachtungsweise
wiederum sehr einseitig ist, daß es durchaus
Unternehmen in der Bundesrepublik gibt, die
insbesondere in den Dollarraum exportieren, die
zwangsweise auf Grund des sinkenden Dollarkurses jetzt
Schwierigkeiten bekommen? Ich kann Ihnen sogar
Namen nennen. Können Sie das denn nicht
eingestehen?
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Aber Herr Jens, natürlich ist das richtig. Nur: Wenn
wir hier jetzt über die Erfolge der Wirtschaftspolitik
diskutieren, dann muß ich doch Durchschnittswerte
nehmen. Ich kann doch nicht nur auf die
Schlechten schauen. Dann müßte ich mit demselben Recht
fragen: Warum schauen Sie nicht dauernd auf die
Guten?
(Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD])
— Herr Vogel, nun regen Sie sich nicht auf. Ich
nehme doch bei der Beurteilung der Finanzlage der
Kommunen auch nicht die schlechten Daten der
sozialdemokratisch regierten Kommunen, sondern
man muß Durchschnittswerte nehmen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr. Vogel [SPD]: Bangemanns Plauder
-
stunde! — Weitere Zurufe von der SPD)
Eines, meine Damen und Herren, muß man auch
deutlich sagen: Das Vertrauen der Bevölkerung,
insbesondere der Wirtschaft, in diese
Wirtschaftspolitik der Regierung und in den Kurs der
Regierung ist gestiegen. Das gibt eine Basis für
Kontinuität. Wir müssen unsere Politik fortsetzen, wenn
wir nicht einen abrupten Abbruch dieser
wirtschaftlichen Entwicklung erleben wollen. Wir müssen
deswegen für eine neue Investitions- und
Verbrauchsdynamik durch unsere Wirtschaftspolitik
sorgen. Wir dürfen uns nicht auf irgendwelche noch
so gutgemeinten Experimente einlassen; denn die
Leistungskraft und der Leistungswille der
Wirtschaft und der in ihr Arbeitenden werden von der
Opposition kontinuierlich unterschätzt.
Ich darf einige Bemerkungen zur Entwicklung
der Ölpreise und zu den Folgerungen machen, die
daraus zu ziehen sind. Diese Ölpreissenkungen
wirken sich bei uns besonders stark aus, weil sie mit
dem schwächeren Dollar zusammenfallen. Alle
Analysen und Modellrechnungen stimmen darin
überein: Diese eingetretenen Preissenkungen sind
für uns wie für alle Ölimportländer positiv. Die
Verbraucher werden spürbar entlastet. Die
Inflationsrate wird gedrückt. Die Energiekosten für die
Industrie sinken. Die Wettbewerbsfähigkeit nimmt zu.
All das wird Konjunktur und Wachstum zugute
kommen. Deswegen werden wir in 1986 vermutlich
noch bessere Zahlen erreichen, als wir sie
angenommen haben.
Alles das, meine Damen und Herren kann man
aber mit einem Handstreich zunichte machen,
wenn man den Vorschlägen folgt, die die Opposition
sofort wieder gemacht hat, mit Steuern oder
Abgaben diese Ölpreisentwicklung zu beeinflussen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD] — Weitere
Zurufe von der SPD)
— Ich spreche hier für die Regierung, verehrter
Herr Vogel. Soweit ich weiß, gehört Herr Spöri
Ihrer eigenen Fraktion immer noch an.
(Erneuter Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD])
Er hat ja die Schnapsidee zuerst geäußert, daß man
die positiven Impulse für Stabilität, Wachstum und
Beschäftigung wieder wegsteuern soll.
(Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Hört!
Hört!)
Meine Damen und Herren von der SPD, immer
dann, wenn Sie einen wirtschaftspolitischen
Vorschlag machen, fällt Ihnen nichts anderes ein, als
eine neue Steuer einzuführen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD])
Sie sollten sich überlegen, ob „SPD" heute nicht
übersetzt werden muß mit „Steuerpartei
Deutschlands".
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr. Vogel [SPD]: Das ist ja mäßiges Kaba
rett!)
— Herr Vogel, es stimmt schon, daß das, was Sie
wirtschaftspolitisch vorschlagen, sehr mäßiges
Kabarett ist. Sie müssen doch einmal zur Kenntnis
nehmen: In Ihrem Programm „Arbeit und Umwelt",
das Sie heute wieder vortragen, schlagen Sie eine
Erhöhung der Abgaben und Strompreise vor. Wenn
die Ölpreise sinken: Was fällt Ihnen dazu ein? Eine
Ölimportsteuer, um dem Verbraucher die Vorteile
wegzunehmen.
Ich frage mich auch: Wo ist denn eigentlich das
Soziale in dieser Politik? Der kleine Mann ist es, der
bei Ihnen immer, jedesmal belastet wird oder
belastet werden soll.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Roth [SPD]: Ergänzungsabgabe! — Zuruf
des Abg. Dr. Vogel [SPD])
Sie haben auch gar nicht richtig verstanden, daß
die Marktkräfte, die wir damals, als die Ölpreise
stiegen,
(Dr. Hauff [SPD]: Zugabe!)
sich haben auswirken lassen, dazu beigetragen
haben, daß neue Technologien entwickelt wurden und
daß Öl sparsamer verwendet wurde. Was war denn
damals Ihre Position, als die Ölpreise stiegen? Da
wollten Sie die gestiegenen Ölpreise für die
Verbraucher und Industrie durch Subventionen
ausgleichen und niedriger machen. Damit hätten Sie
den Effekt der Öleinsparung und der Entwicklung
von modernen Technologien zunichte gemacht.
(Roth [SPD]: Sie haben geschlafen oder
schlecht geträumt!)
Sie haben eben mit dem Markt überhaupt nichts im
Sinn. Das ist Ihr Problem.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr. Hauff [SPD]: Zugabe!)
Die gegenwärtige Lage auf dem Ölmarkt ist
zunächst einmal Ausdruck des Kampfes der OPEC-
Mitglieder. Aber ihre wirtschaftliche Ursache liegt
auch in einer Überkapazität auf dem Ölmarkt, die
übrigens nicht allein dadurch entstanden ist, daß
neue Ölfelder erschlossen worden sind oder
Produktionsreserven heute stärker ausgeschöpft
werden, sondern auch deswegen, weil die Nachfrage
gesunken ist. Das heißt, der heutige Preisverfall
beweist erneut, daß ein Preiskartell, wenn es
überhöhte Preise durchsetzen will, letztendlich am
Markt scheitert. Denn die Nachfrage sinkt bei
solchen Preisen. Die Verbraucher weichen entweder,
soweit sie es können, auf Ersatzprodukte aus oder
sparen eben.
Diese konsequente Energiepolitik, die auf
Marktkräfte setzt, hatte diesen Preisverfall zur Folge.
Deswegen kann man sehr wohl sagen, daß wir diese
Politik, wenn wir sie fortsetzen, zum Vorteil des
Verbrauchers und unserer Wirtschaft gestalten
können. Die Bundesregierung wird sich jedenfalls
nicht an der Lotterie über kurzfristige
Ölpreisprognosen und kurzatmige Steuerpläne beteiligen. Wir
halten nichts davon, daß kurzatmige Politik
betrieben wird. Denn das würde auch ein schlechtes
Klima in der internationalen Debatte über Zölle
und andere Handelshemmnisse schaffen. Wie
würden wir bei unserem Bemühen, in den anstehenden
GATT-Verhandlungen zu mehr Freihandel zu
kommen, denn dastehen, wenn wir selber Zölle
einführen würden — für die wir übrigens nach den GATT-
Regeln Ausgleich schaffen müßten —, und wie will
man denn den Ausgleich gegenüber
erdölexportierenden Ländern schaffen? Also auch
außenwirtschaftlich wäre die Erhebung derartiger Zölle oder
Steuern ein Rückschritt gegenüber dem, was wir
anstreben.
Die langfristigen Preis- und
Versorgungsentwicklungen kann wohl niemand heute verläßlich
vorhersagen. Aber es wäre völlig falsch, von der Politik der
Energieeinsparung jetzt Abschied zu nehmen oder
nicht mehr alle Anstrengungen zu unternehmen,
um Ersatztechnologien zu schaffen.
(Auhagen [GRÜNE]: Das machen Sie
doch!)
Wenn wir diese Ölpreisentwicklungen verfolgen,
müssen wir feststellen, daß das jetzige Preisniveau
nicht auf lange Sicht beibehalten wird.
Natürlich hat diese Ölpreisentwicklung nicht nur
positive Folgen. Diese Frage stellt sich besonders
für die Kohlepolitik. Deswegen mache ich dazu
einige Ausführungen. Wie Sie wissen, sind die beiden
wichtigsten Absatzbereiche der deutschen Kohle,
nämlich die Stahlindustrie und die Verstromung,
durch den Jahrhundertvertrag und durch den erst
vor kurzem erfolgreich neu verhandelten
Hüttenvertrag wirksam abgesichert. An diesen beiden
Sicherungen ändert sich durch die Entwicklung des
Ölpreises grundsätzlich nichts. Allerdings steigen
die volkswirtschaftlichen Kosten, weil die
Differenz, die wir im Hüttenvertrag ausgleichen müssen,
bei den insgesamt gesunkenen Energiepreisen auf
dem Weltmarkt natürlich ausgeglichen werden
muß. Das wird den Haushalt stärker belasten. Aber
diese beiden Sicherungen bleiben bestehen. Die
Bundesregierung wird ihre Kontinuität auch in der
Kohlepolitik beibehalten. Niemand kann davon
sprechen, daß diese kurzfristigen
Ölpreisschwankungen die Position der Kohle langfristig
gefährden. Wir werden das, was wir mit der Kohle
vereinbart haben, durchhalten und weiter durchführen.
Man darf natürlich auch nicht übersehen, daß
diese Entwicklung der Ölpreise für ölexportierende
Entwicklungsländer eine Belastung ist,
andererseits für die ölimportierenden Entwicklungsländer
eine erhebliche Entlastung. Auch diesem Problem
kann man nicht mit Ölsteuern beikommen.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Vielmehr müssen wir dafür sorgen, daß die
ölexportierenden Entwicklungsländer wie beispielsweise
Mexiko nicht in eine Situation geraten, die sie aus
eigener Kraft nicht mehr bestehen können. Das ist
eine Frage an unsere Kooperationsbereitschaft.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Die Fakten zeigen: Optimismus und Zuversicht
haben ein solides Fundament, weil sich die
wirtschaftlichen Daten deutlich verbessert haben. Was
haben wir erreicht, was erwarten wir für dieses
Jahr? Vor wenigen Tagen hat das Statistische
Bundesamt gemeldet, daß die Preise im Januar nur
noch um 1,3 % gestiegen sind. Eine so niedrige Zahl
hat es seit 18 Jahren nicht mehr gegeben. Das
ganze Gerede über den sogenannten Sozialabbau
fällt in sich zusammen, wenn man weiß, daß diese
Preissteigerungsrate ein erheblicher Beitrag zu
einer menschlichen Sozialpolitik ist; denn sie hilft
denen, die weniger Einkommen haben als andere oder
der Durchschnitt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Einkommenszuwächse sind heute wieder
Einkommenszuwächse.
(Zurufe von der SPD)
— Daß Ihnen das nicht gefällt, wirft doch ein Licht
auf Ihre eigenen Ziele.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Herr Bundesminister,
der Abgeordnete Ehrenberg möchte gerne eine
Zwischenfrage stellen.
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Bitte sehr.
Dr. Ehrenberg (SPD): Herr Bundesminister,
können Sie dem Plenum bestätigen, daß die Statistik
ausweist, daß seit 1982 in jedem Jahr der Anstieg
der Nettolöhne unterhalb der Preissteigerungsrate
geblieben ist, und können Sie erklären, wie die
Arbeitnehmer von dieser Preissteigerungsrate
Vorteile haben, wenn der Anstieg der Nettolöhne
unterhalb der Preissteigerungsrate bleibt?
(Beifall bei der SPD)
Dr. Bangemann, Bundesminister für Wirtschaft:
Nein, das kann ich nicht bestätigen, Herr
Ehrenberg.
(Dr. Ehrenberg [SPD]: Es ist aber so!)
Wenn Sie nachsehen, werden Sie feststellen, daß
wir im vergangenen Jahr zum erstenmal wieder
reale Einkommenszuwächse hatten
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD: Nein!)
und daß wir in diesem Jahr erneut solche realen
Nettozuwächse haben werden; denn die
Preissteigerungsrate liegt sicher — wie wir sagen — zwischen
1,5 und 2 %, wahrscheinlich sogar erheblich
darunter,
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es! — Wi
-
derspruch bei der SPD)
und das bei den bereits bekannten
Tarifabschlüssen und auch angesichts der Verbesserungen für
die Rentner, über die wir noch diskutieren können.
Das führt in diesem Jahr mit Sicherheit zu einem
realen Zuwachs bei den Einkommen. Das kann
man überhaupt nicht wegdiskutieren.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Steuer
reform!)
Herr Ehrenberg, Sie wissen ganz genau, daß z. B.
— um eine andere Zahl zu nennen — von 1980 bis
1982 das Sozialprodukt um 2 1 /2% zurückgegangen
ist und daß es, seitdem diese Regierung Politik
macht, um 10 % gestiegen ist.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Lachen und Zurufe bei der SPD)
Wir haben eine Zunahme der wirtschaftlichen
Leistungen, seitdem diese Regierung die
Wirtschaftspolitik bestimmt, um 150 Milliarden DM.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Das haben wir nicht durch Wachstums- oder
Beschäftigungsprogramme erreicht.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Ihr Vorgänger
muß miserabel gewesen sein!)
— Mein Vorgänger war sehr gut, nur konnte er
seine Qualität leider nicht unter Beweis stellen,
weil er einen schlechteren Koalitionspartner hatte.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Ich habe schon von unserem Bilanzüberschuß
gesprochen. Dieser Überschuß sowohl in der
Handelsbilanz wie auch in der Zahlungsbilanz ist
inzwischen so groß, daß die Regierung anfängt, sich
darüber Gedanken zu machen, was wir tun müssen,
damit diese Situation für unsere Handelspartner
nicht unzumutbar wird. Aber ich sage Ihnen: Wir
werden Exporte nicht künstlich beschneiden —
dafür gibt es auch gar keine Instrumente —, sondern
wir werden unsere Märkte für unsere
Handelspartner weiter öffnen, um dadurch zu einem besseren
Ausgleich zu kommen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Nun gibt es ein Datum, bei dem diese sehr
optimistische Schilderung sicherlich nachdenklicher und
kritischer werden muß. Das sieht die Regierung
auch. Natürlich kann niemand leugnen, daß die
mehr als 2 Millionen Arbeitslosen ein Schatten auf
dem sonst günstigen Konjunkturbild sind.
(Dr. Vogel [SPD]: Schatten? Das ist der
richtige Ausdruck!)
— Wenn Sie sich schon über diesen Ausdruck
aufregen,
(Dr. Vogel [SPD]: 2 Millionen Schatten!)
wenn Sie sich darüber aufregen, daß diese Zahl das
Konjunkturbild nicht in denselben guten Farben
und demselben hellen Licht erscheinen läßt, wenn
Sie sich darüber aufregen, daß ich das als einen
Schatten, als eine ungünstige Zahl bezeichne, dann
weiß ich überhaupt nicht mehr, worüber man sich
mit Ihnen unterhalten soll.
Aber auch auf dem Arbeitsmarkt, meine Damen
und Herren, gibt es eine spürbare Verbesserung.
Seit dem Tiefpunkt der Beschäftigung 1983/84 ist
die Zahl der Beschäftigten bis Ende 1985 um 350 000
gestiegen. Die günstigen Wachstumsperspektiven
lassen erwarten, daß sich der Anstieg der
Beschäftigung 1986 verstärkt fortsetzen wird. Im
Jahreswirtschaftsbericht rechnen wir mit einer Zunahme von
rund 300 000 Erwerbspersonen im
Jahresdurchschnitt. Das heißt, Ende 1986 wird wahrscheinlich
die Erwerbstätigenzahl gegenüber dem letzten
Tiefpunkt um mindestens 600 000 zugenommen haben.
Wir hätten dann zwei Drittel der Arbeitsplätze, die
früher verlorengegangen sind, neu geschaffen.
(Dr. Vogel [SPD]: Sie haben heute noch
nicht den Stand von 1982!)
Meine Damen und Herren, wie sorgfältig die
Opposition auch hier mit Zahlen umgeht, hat j a Herr
Roth vor kurzem bewiesen. Ich unterstelle einmal,
daß die Agenturmeldung richtig ist, nach der er
sagt, wir hätten 100 000 Arbeitsplätze
hinzufabuliert. Diese Auseinandersetzung des Herrn Roth mit
den Zahlen des Jahreswirtschaftsberichts zeigt, daß
Sie nicht nur in den Prognosen sehr fehlerhaft sind,
sondern daß Sie nicht einmal mit empirischen
Daten ordentlich umgehen.
(Dr. Ehrenberg [SPD]: Besser als Sie!)
— Das will ich Ihnen jetzt einmal zeigen, Herr
Ehrenberg. Sagen Sie dem Kollegen Roth, daß er sich
ein bißchen besser informieren soll. Zunächst
einmal folgendes. Er macht zwei Fehler. Erstens
nimmt er Zahlen, die in den anfänglichen
Entwürfen des Jahreswirtschaftsberichts standen, die nicht
in die endgültige Fassung übernommen worden
sind, weil für die ersten Entwürfe natürlich die
statistischen Daten noch gar nicht vorliegen, die wir
am Ende unserer Arbeiten vorliegen haben, so daß
Zahlen, die aus den ersten Entwürfen stammen,
anständigerweise — und da kann man auch einmal
ein bißchen Anstand mit Zahlen praktizieren —
nicht übernommen werden sollten.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Zweitens macht Herr Roth einen ganz einfachen
Trick. Er vergleicht Jahresdurchschnittszahlen. Da
muß er natürlich zu einem niedrigeren Ergebnis
kommen. Im Jahreswirtschaftsbericht ist der
Anstieg der Zahl der Beschäftigten aber seit dem
Tiefpunkt, also von Ende 1983/Anfang 1984 bis Ende
1985, im Jahresverlauf ausgewiesen. Das heißt, wir
hatten im Jahre 1983 eine Entwicklung, die noch
abwärts gerichtet war. Deswegen muß der
Jahresdurchschnitt in diesem Jahr über dem Niveau am
Jahresende liegen. 1985 hatten wir einen
Jahresdurchschnitt unter dem Jahresendstand, weil es das
ganze Jahr mit der Beschäftigung aufwärts ging. Es
ist j a nun wirklich nicht so, daß die Zeitpunkte, auf
die die Zahlen bezogen sind, und auch die Methode,
mit der sie ermittelt worden sind, im
Jahreswirtschaftsbericht nicht ausgewiesen sind. Das steht im
Jahreswirtschaftsbericht drin. Wenn der
wirtschaftspolitische Sprecher der Opposition falsche
Zahlen erfindet, obwohl er den
Jahreswirtschaftsbericht ja lesen kann, dann sind nur zwei
Schlußfolgerungen möglich. Entweder er hat ihn nicht
gelesen oder er macht bewußt und absichtlich falsche
Zahlenangaben. Und das ist nicht in Ordnung.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Wir haben immerhin erreicht, meine Damen und
Herren, daß in den letzten drei Jahren das
Ausbildungsplatzangebot auf eine Rekordhöhe von rund
700 000 gebracht werden konnte und daß die
Jugendarbeitslosigkeit — anders als in allen anderen
europäischen Nachbarländer — nicht gestiegen ist,
sonder zurückgegangen ist. Es ist durchaus positiv
zu werten, daß neue Arbeitsmöglichkeiten
zunehmend auch von Frauen und Männern aus der
sogenannten stillen Reserve wahrgenommen werden.
Das beweist übrigens, wie wichtig es ist, daß wir die
Qualifikation der registrierten Arbeitslosen
anheben. Denn wenn heute schon von jedem
neugeschaffenen Arbeitsplatz angenommen werden
kann, daß die Chance, daß ein Arbeitsloser ihn
besetzt, mindestens gleichwertig ist mit der Chance,
daß ein Berufsanfänger oder jemand aus der
vorhandenen Reserve diesen Platz besetzt, dann
bedeutet das, daß die Chancen der Arbeitslosen besser
werden müssen und wir sie besser qualifizieren
müssen, damit sie diese Chancen wahrnehmen
können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Deswegen kann man hier nicht durch
Umverteilungspolitik, sondern nur durch mehr Flexibilität
und Dynamik auch auf dem Arbeitsmarkt
Verbesserungen schaffen. Die flankierenden Maßnahmen,
die wir im Bereich des Arbeitsrechts und des
Arbeitsschutzes ergriffen haben, haben ja die
Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft der Arbeitnehmer
verbessert. Diese Qualifizierungsanstrengungen
müssen wir fortsetzen, denn natürlich wird die
technische Entwicklung dazu führen, daß die Gefahr,
durch Technologie arbeitslos zu werden, um so
größer ist, je weniger qualifiziert ein Arbeitnehmer
ist.
Das sind nun einmal Tatsachen, an denen
niemand vorbeigehen sollte, übrigens auch die
Tarifpartner nicht. Natürlich tragen wir, die
Bundesregierung, auch Verantwortung für die Entwicklung
auf dem Arbeitsmarkt, aber auch die Tarifpartner
tragen diese Verantwortung. Wenn ich mir ansehe,
welche kümmerlichen Ergebnisse in bezug auf eine
stärkere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes
herausgekommen sind, ist die Frage erlaubt, ob die
Tarifpolitik jedenfalls von einigen derjenigen, die
die Verantwortung dafür tragen, auch wirklich
berücksichtigt, daß das Schicksal der Arbeitslosen
auch die Tarifpolitik beschäftigen muß. Wir dürfen
nicht Tarifpolitik nur für diejenigen machen, die
einen Arbeitsplatz haben, sondern die Tarifpolitik
muß so ausgestaltet werden, daß Arbeitslose eine
neue Chance bekommen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, Lohndifferenzierung
ist nicht ein sozialer Abbau, sondern ein Beitrag zu
mehr Chancen für Arbeitslose. Das wollen Sie nicht
einsehen, aber ich meine, daß jemand, der eine
solche offensive Tarifpolitik ablehnt, nicht im gleichen
Atemzug von sich behaupten kann, daß er
wirkungsvoll die Arbeitslosigkeit bekämpft. Es ist
nämlich die eigentliche Heuchelei unserer Tage,
daß diejenigen, die eine Politik für die glücklichen
Arbeitsplatzbesitzer betreiben, das auch noch als
einen Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
verkaufen. Das ist Heuchelei.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Widerspruch bei der SPD)
Meine Damen und Herren, 1986 planen die
Unternehmen eine Ausdehnung ihrer Investitionen, und
Investitionen sind immer noch der beste Weg zu
mehr Arbeitsplätzen. Wir müssen das unterstützen.
Das Steuerentlastungsgesetz, das zu einem Teil in
Kraft ist und das in der zweiten Stufe in Kraft
treten wird, ist ein Beitrag dazu. Aber wir brauchen
eine große Steuerstrukturreform. Die
Koalitionsparteien und -fraktionen sind sich in diesem Ziel
auch einig. Es gibt nur noch ganz geringe
Unterschiede in den Nuancen, die uns nicht daran
hindern werden, in der nächsten Legislaturperiode
dafür zu sorgen, daß die durchschnittliche
Steuerbelastung der Unternehmen nicht mehr — wie es heute
der Fall ist — bei 70 % liegt.
Meine Damen und Herren von der Opposition, die
Anlage in Geldkapital war zur Zeit Ihrer Regierung
lohnender geworden als die Anlage von Geld in
Sachkapital.
(Zurufe von der SPD)
— Herr Jens, das hat sich heute geändert! Zum
erstenmal ist die Anlage von Geld in Sachkapital,
also die Investition, die Arbeitsplätze schafft,
lohnender geworden als die Anlage in Geldkapital, und
das ist eine vernünftige Politik.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Weitere Zurufe von der SPD)
Wir brauchen einen linear ansteigenden
Progressionstarif für die Einkommen- und Lohnsteuer. Wir
dürfen das Existenzminimum nicht mehr
besteuern. Es macht keinen Sinn, daß jemand, der nur das
Existenzminimum verdient, dafür auch noch
Steuern zahlen muß. Aber ich sage ebenso: Auch die
übergroße Belastung in den Spitzensteuersätzen ist
eine Belastung derjenigen, die Arbeitsplätze
schaffen sollen. Wenn um uns herum andere europäische
Länder diese Belastung ihrer Wirtschaft abbauen,
müssen wir für die Wettbewerbsfähigkeit unserer
Wirtschaft und dafür sorgen, daß diese unsinnige
Steuerpolitik aufhört, daß die Steuerpolitik
vernünftiger gemacht wird, was übrigens auch
gerechter ist; denn ein allgemein niedriger
Einkommensteuertarif ohne große Ausnahmen ist allemal auch
sozial gerechter als hohe Einkommensteuertarife
mit vielen Ausnahmen, die nur einige wenige
nutzen können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Der Abbau der Subventionen gehört in diesen
Kontext, und weil das alles so ist, Herr Präsident,
meine Damen und Herren, kann sich die Regierung
für die Vorschläge, die die Opposition hier vorlegt,
nicht erwärmen. Wir halten diese Vorschläge in der
Tat für das Gegenteil unserer Politik, und es ist gut,
daß das so ist, denn es wird ja immer behauptet, der
Wähler könne zwischen den einzelnen Alternativen
gar nicht mehr unterscheiden, weil mindestens in
der Wirtschaftspolitik der Sachverstand ja bei allen
so vertreten sei, daß man gar nicht mehr wisse, wo
man nun eigentlich sein Kreuz machen solle. Dann
aber, wenn der Wähler in der Wirtschaftspolitik das,
was die Opposition vorschlägt, mit dem vergleicht,
was die Regierung gemacht hat, erkennt er
zweierlei: Erstens. Was wir gemacht haben, hat seine
guten Ergebnisse gehabt. Zweitens. Wenn wir das
fortsetzen wollen, hat es keinen Sinn, die Vorschläge
der Opposition zu unterstützen, sondern dann muß
man dafür sorgen, daß auch in der nächsten
Legislaturperiode diese Regierung vernünftige Politik
machen kann.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Abgeordnete Roth.
Roth (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die „Welt" schrieb am 14. Februar 1986:
Er fühlt sich oft mißverstanden, vor allem von
Journalisten, doch selbst und besonders in
seinem Wirtschaftsministerium sähe man es gern,
wenn Martin Bangemann sich besser
informierte, bevor er plauderte.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Ich stimme der „Welt" selten zu; aber dies ist
wirklich ein treffsicheres Urteil über die Person.
Beispiel: er setzt sich wortreich mit mir
auseinander, weil ich gesagt habe, es sei vernünftiger,
Jahresdurchschnittszahlen in der Entwicklung am
Arbeitsmarkt zu vergleichen als eine Quartalszahl, wo
wir immer wieder Ausreißer haben.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Wenn ich diese Jahresdurchschnittszahlen nehme,
dann ist in der Tat eine Mehrbeschäftigung von nur
190 000 statt 350 000 im Jahre 1985
herausgekommen, und dies im vierten Jahr des konjunkturellen
Aufschwungs; wahrhaft eine bedauerliche
Entwicklung am Arbeitsmarkt, über die wir ernsthaft reden
sollten.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Cronenberg: Geben Sie dem
Abgeordneten Wissmann die Möglichkeit, eine
Zwischenfrage zu stellen?
Roth (SPD): Lassen Sie mich doch jetzt erst noch
ein paar Minuten reden; aber später — —
Vizepräsident Cronenberg: Es ist Ihre
Entscheidung.
Roth (SPD): Ich bin jetzt beim „Plauderer", und da
glaube ich nicht, daß er Ihre Verteidigung
notwendig hat — ach doch, er hat sie notwendig. Bitte
schön.
(Heiterkeit)
Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Roth, ich
hätte Sie gerne gefragt, ob Sie mit dieser
Bemerkung hier, die natürlich anders klingt als in Ihrer
Presseerklärung, den Vorwurf zurücknehmen, wir
hätten Zahlen über die Beschäftigungsentwicklung
falsch dargestellt?
Roth (SPD): Na, ich glaube, das ist falsch
dargestellt, wenn man statt Jahresdurchschnittszahlen
mal eine Quartalszahl heraussucht. Ich sehe doch
dieses Spiel im Wirtschaftsministerium immer.
Wenn die Zahl mal gut ist, nimmt man eine
Monatszahl; wenn die Zahl schlecht ist, nimmt man einen
Zweimonatsdurchschnitt, damit es wieder besser
aussieht. Es wird permanent so gemacht. Zu
früheren Zeiten war das übrigens seriöser;
(Lachen und Zurufe von der CDU/CSU)
also, da muß ich Graf Lambsdorff gegen seinen
Nachfolger in Schutz nehmen, meine Damen und
Herren.
(Beifall bei der SPD)
Aber lassen Sie mich das Plaudern ein bißchen
darstellen. Was haben wir in den letzten Jahren
erlebt? Schuldzinsabzug: die Verkündigung, jetzt
würde der deutsche Bürger, der sich hat
verschulden müssen, einen Schuldzinsabzug bekommen. Wo
ist er geblieben? Oder ein anderes Thema: wir
würden jetzt von der FDP bzw. vielleicht von der
ganzen Koalition eine staatliche Grundrente
bekommen, staatliche Grundrente für alle, vom
Bundeswirtschaftsminister vorgeschlagen. Wo ist es
geblieben?
Oder ein anderer Fall. Wenige Tage vor der
komplizierten Londoner Konferenz über Zinspolitik im
Westen verkündigt der Bundeswirtschaftsminister,
man werde jetzt Zinssenkungen vornehmen. Allein
durch seine Aktion hat er eine sinnvolle Zinsrunde
verhindert.
(Dr. Vogel [SPD]: „Plauderer"! — Weitere
Zurufe von der SPD)
Das sind nun wahrhaft Plauderleistungen, die
einem Wirtschaftsminister wirklich nicht
angemessen sind.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der FDP
und der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, er plaudert dann frech
über Zahlen, bzw. über anderer Leute Zahlen, und
sagt z. B., im letzten Jahr hätten wir
Realeinkommenssteigerungen bei Arbeitnehmern gehabt.
Ausweislich des DIW — ich habe es hier mit, ich kann
es Ihnen auch herüberreichen, und Sie können das
studieren — hatten wir im Jahre 1985 beim privaten
Verbrauch eine Preissteigerungsrate von 2,0 % und
bei den Nettolöhnen eine Steigerungsrate von 1,5 %,
sprich 0,5 % weniger in den Taschen der
Arbeitnehmer. So ist es ausweislich dieser Statistik, die jeder
nachlesen kann. Im übrigen, ich kenne das
Wirtschaftsministerium und seine Beamten ganz gut. Er
hat qualifizierte, fähige Berater, aber er plaudert in
der Tat, statt daß er sich auf seriöse Beratung
verläßt.
(Beifall bei der SPD)
Mich hat heute früh — neben vielem anderen —
noch etwas erstaunt: daß eines der schwierigsten
strukturpolitischen Probleme in diesen Tagen in
der Rede des Herrn Bundeswirtschaftsministers
nicht vorkommt, daß darauf keine Antwort gegeben
wird. Ich meine die Lage bei Arbed Saarstahl. Wir
hatten in mehreren Legislaturperioden FDP-
Wirtschaftsminister im Saarland. In diesen Jahren ist
die Entscheidung über Arbed Saarstahl ständig
verschleppt worden. Man hat immer gesagt, wir haben
kein Konzept. Seit mehreren Monaten liegt jetzt ein
Konzept vor. Es liegt die Tatsache vor, daß die IG
Metall einem veränderten Sozialplan zugestimmt
hat. Es liegt die Tatsache vor, daß die Banken auf
Forderungen in Höhe von 250 Millionen DM
verzichten wollen. Es liegt die Tatsache vor, daß eine
saarländische Stahlgesellschaft bereit wäre,
treuhänderisch das Management dieser Arbed
Saarstahl zu übernehmen. — Das Konzept liegt auf dem
Tisch. Und seit Monaten taktiert die
Bundesregierung und gefährdet Arbed Saarstahl, so daß die
Gefahr besteht, daß Ende des Monats das Licht
ausgeht. Ich halte es für skandalös, daß dazu beim
Jahreswirtschaftsbericht nicht einmal ein Wort gesagt
wird.
(Beifall bei der SPD)
Wir erwarten, daß Sie in einer zweiten
Stellungnahme hier klar sagen, ob Sie das Konzept der
Landesregierung Lafontaine, das von dem früheren
CDU-Wirtschaftsminister im Saarland, Schäfer,
unterstützt wird, das von der öffentlichen Meinung,
soweit sie sich informiert hat,
(Lachen des Abg. Kittelmann [CDU/CSU])
unterstützt wird, akzeptieren oder ob Sie weiter
taktieren und einen Konkurs dieses Unternehmens
riskieren. Das erwarten wir heute noch von Ihnen.
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Keinen Druck, bitte!)
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zur
konjunkturellen und strukturellen Lage unserer
Wirtschaft kommen. Man könnte sagen: Kohl im
Glück, wenn man die außenwirtschaftlichen
Bedingungen betrachtet. Die internationale
wirtschaftliche Lage war seit mindestens einem Jahrzehnt
nicht mehr so gut wie im Augenblick.
(Zuruf von der CDU/CSU: Vielen Dank!)
In allen Industrieländern gehen die Inflationsraten
zurück. Preisstabilität ist in Europa nun typisch
geworden.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Na! Na!)
Man bedenke, daß in Frankreich die
Preissteigerungsrate, als die sozialistische Regierung ans
Ruder kam, 13,4 % betrug, daß sie zum jetzigen
Zeitpunkt 4 % beträgt und daß sie nach der Prognose
1986 auf 2 % zurückgehen wird — wahrhaft eine
gute Entwicklung, eine gute Entwicklung auch bei
uns, die wir begrüßen.
(Dr. Vogel [SPD]: Richtig!)
Die deutsche Wirtschaft erzielt
Exportüberschüsse wie seit langem nicht mehr. Der günstigste
Wechselkurs gegenüber dem Dollar seit 1974 hat
sich im Jahre 1985 geradezu wie eine Exportdroge
ausgewirkt. Die wenigen Arbeitsplätze, die mehr
entstanden sind, sind praktisch auf den gewaltigen
Außenhandelsüberschuß von 73 Milliarden DM
zurückzuführen.
Was die Mineralölpreisentwicklung angeht, die
uns in den 70er Jahren so außerordentlich zu
schaffen machte, muß man geradezu von einer
Traumkonstellation sprechen. Der Mineralölpreis hat sich
innerhalb von wenigen Wochen von 620 DM pro
Tonne an der Grenze auf 300 DM reduziert. Mußten
wir beispielsweise noch im Vorjahr 70 Milliarden
DM für Rohölprodukte ausgeben — ich spreche
jetzt nicht von den Krisenjahren, sondern von den
Verhältnissen noch im letzten Jahr —, so werden
wir dieses Jahr, wenn es sich hält, nur 35 Milliarden
DM auszugeben brauchen. Das ist auf der Seite
eine außerordentlich positive Bedingung.
Das waren also Chancen. Wir sprechen heute
über die Lage am Arbeitsmarkt, in der
Finanzpolitik und in der Wirtschaftspolitik. Hat diese
Bundesregierung diese außerordentlich positive
außenwirtschaftliche Konstellation genutzt?
(Kittelmann [CDU/CSU]: Natürlich!)
Der Bundeskanzler hatte bei seiner
Regierungserklärung 1983 folgendes ausgeführt:
Aufgabe Nummer eins ist die Beseitigung der
Massenarbeitslosigkeit.
(Dr. Vogel [SPD]: Sehr gut!)
Und mit welchem Optimismus sind Sie damals ans
Werk gegangen. Lassen Sie mich noch etwas
anderes zitieren, nur um auf Prognosen
zurückzukommen:
Wir brauchen mindestens zwei Jahre
— 1983 auf 1985 —
harter Arbeit, um die Arbeitslosigkeit auf 1
Million herunterzudrücken.
(Dr. Vogel [SPD]: Hört! Hört!)
Wenn wir das bis 1985 schaffen, ist das ein
großer Erfolg.
Das sagte der Generalsekretär der CDU, Heiner
Geißler, am 3. Mai 1983, einen Tag vor der
genannten Regierungserklärung.
(Dr. Vogel [SPD]: Hört! Hört!)
Daß dies nun kein propagandistischer
Ausrutscher des Herrn Chefdemagogen war, sondern das
Ziel Ihrer Regierung, wird deutlich, wenn am 5. Juli
1983 der Kölner „Express" aufmacht:
Blüm optimistisch: '85 eine Million
Arbeitslose.
Der „Express" zitiert Blüm in diesem Artikel:
„Ein solcher Abbau" — auf eine Million — „sei
,ganz sicher' möglich ..."
Das waren die großen Hoffnungen, die diese
Bundesregierung erweckt hat, als sie das Amt
übernahm. Das waren aber nicht nur die Hoffnungen
der Bundesregierung, das waren die Erwartungen
von Millionen von Arbeitslosen an diese
Regierung.
Lassen Sie mich an dieser Stelle aus einem
gemeinsamen Wort des Rates der Evangelischen
Kirche in Deutschland und der Deutschen
Bischofskonferenz zur Arbeitslosigkeit zitieren:
Arbeit gehört zum menschlichen Leben.
Insbesondere durch Arbeit kann der Mensch seine
Fähigkeiten und Kräfte entfalten und am
Leben der Gesellschaft teilhaben. Der
Erwerbsarbeit kommt dabei besondere Bedeutung zu.
Arbeitslosigkeit, insbesondere
Langzeitarbeitslosigkeit, bedeutet für die Betroffenen erhebliche
materielle Einbußen. Sie unterhöhlt den
Leistungswillen und das Selbstbewußtsein. Sie
greift die sozialen Bindungen in Ehe und
Familie, im nachbarschaftlichen Leben an und
zerstört die Solidarität. Arbeitslosigkeit trifft
Jugendliche besonders schwer.
Ich kann mich diesem Wort nur anschließen.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Gemessen an der Tatsache einer unverändert
hohen Arbeitslosigkeit seit der Wahl vor drei Jahren
erscheint mir Ihr Hurra-Optimismus hemmungslos
und unmenschlich, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der SPD)
Wenn ich Tag für Tag lese: Die Wirtschaft läuft!,
dann frage ich mich: Reden Sie niemals mit den 2,5
Millionen registrierter Arbeitsloser und der
weiteren Million nicht registrierter Arbeitsloser in der
Bundesrepublik Deutschland? Gemessen an der f
abelhaften internationalen Ausgangslage muß man
Ihrer Regierung vorwerfen, daß sie Chancen und
Bedingungen zur Überwindung der
Massenarbeitslosigkeit verspielt und vertan hat, meine Damen
und Herren.
(Beifall bei der SPD)
Die Massenarbeitslosigkeit stieg, während die
Gewinne geradezu explodierten. Das ist die Realität
in diesem Land. Es ist ein niederschmetterndes
Ergebnis, ein besonders niederschmetterndes
Ergebnis auch deshalb, weil es Alternativen zu dieser
Politik gibt. Jeder, der über die Grenzen schaut, jeder,
der beispielsweise nach Schweden schaut
(Zurufe von der CDU/CSU: Oje!)
oder nach Österreich, der weiß, daß
Vollbeschäftigung unter heutigen internationalen Bedingungen
möglich ist.
(Beifall bei der SPD)
Es gibt keine Jugendarbeitslosigkeit in Österreich
und Schweden. Das ist Tatsache. In keinem
anderen Land ist die Arbeitslosigkeit von 1980 bis 1985
so stark gestiegen wie in der Bundesrepublik
Deutschland. Waren wir noch 1980 in der Gruppe
der Länder mit der niedrigsten Arbeitslosenquote
— wie die Schweiz, wie Österreich, wie Japan, wie
Schweden —, so sind wir heute in der Gruppe mit
der höchsten Arbeitslosigkeit in der Welt.
(Dr. Ehrenberg [SPD]: Und mit dem aller
-
höchsten Anstieg!)
Ich frage Sie — legen Sie sich diese Frage doch
selbst vor —: Wann denn sonst als bei derart
positiven außenwirtschaftlichen Bedingungen, wann
denn sonst als in der Hochkonjunktur soll die
Massenarbeitslosigkeit abgebaut werden? Wann denn
sonst?
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Wenn Sie in den vergangenen Jahren auf Ihre
überzogene Konsolidierungspolitik verzichtet
hätten, dann hätten wir vielleicht eine Million
Arbeitslose weniger bekommen, wenn man das noch mit
Arbeitszeitverkürzung gekoppelt hätte.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Aber exakt das haben Sie abgelehnt. Meine Damen
und Herren, Sie haben einen Aufschwung
regelrecht verspielt. Wenn Sie, anstatt sich sich auf die
Seite der Arbeitgeber zu schlagen und jede
Arbeitszeitverkürzung stur abzulehnen, zwischen den
Tarifparteien vermittelt hätten und einen
konstruktiven Weg zur Arbeitszeitverkürzung mitentwickelt
hätten, dann läge die Arbeitslosenzahl heute sicher
weit niedriger. Sie hätten damit auch einen Beitrag
zum sozialen Frieden geleistet.
Statt dessen haben Sie das soziale Feuer
angefacht. Meinen Damen und Herren, das zentrale
Mißverständnis der Wirtschaftspolitik dieser
Regierung ist, daß sie bedingungslos an eine Gleichung
glaubt: Höhere Gewinne bedeuten mehr
Investitionen; mehr Investitionen bedeuten automatisch
mehr Arbeitsplätze. Aber, meine Damen und
Herren, diese simple Gleichung stimmt heute nicht
mehr. Sie haben mehr als jede Regierung, übrigens
auch mehr als jede CDU-Regierung vorher,
Einkommen zugunsten der Unternehmen und zu
Lasten der Arbeitnehmer, der Rentner und der
Sozialleistungsempfänger umverteilt. Ein
durchschnittlicher Arbeitnehmer in der Bundesrepublik
Deutschland verdiente im Jahre 1985 real so viel wie im
Jahre 1977. Man hat also acht Jahre früher genau
soviel wie heute verdient.
(Wissmann [CDU/CSU]: Wer hat die Ursa
chen dafür gesetzt? — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
Trotz sinkender Inflationsraten sind die Realein
kommen bis ins letzte Jahr hinein — ich habe das
schon gesagt — gesunken, nicht zuletzt wegen der
drastisch erhöhten Steuern und Sozialabgaben. Wir
haben heute trotz der angeblich größten
Steuerreform aller Zeiten eine höhere Steuer- und
Abgabenbelastung als jemals zuvor in der Bundesrepublik
Deutschland.
(Beifall bei der SPD)
Das war realer Einkommensentzug. Allein in den
vier Jahren von 1982 bis 1985 sind 145 Milliarden
DM an die Unternehmer gegangen und von den
Arbeitnehmern abgezogen worden; die Lohnquote
ist von 74 % auf 70 % zurückgegangen.
(Zuruf von der FDP: Und deshalb wollen
Sie die Steuern erhöhen?)
Was hat diese Umverteilung gebracht? Sie
behaupten, das gibt eine Investitionsexplosion, aber auch
im letzten Jahr sind die Anlageinvestitionen mit
einem Minus von 0,8 % sogar leicht gesunken. Im
Vorjahr waren das 1,5 % Minus.
Meine Damen und Herren, Sie setzen sich mit
dem Problem, warum die Investitionen nicht in dem
Umfang wachsen, wie es die Gewinne an sich
erlaubten, überhaupt nicht auseinander. Dabei gibt es
Zahlen von der Deutschen Bundesbank, die das
Problem verdeutlichen. Der Novemberbericht der
Deutschen Bundesbank zeigt Ihnen, warum dieses
Patentrezept nicht aufgeht. In dem Bericht der
Deutschen Bundesbank heißt es, daß die gesamten
Finanzierungsmittel der Unternehmen im Jahre
1984, Eigen- und Fremdmittel, 200 Milliarden DM
betragen haben. Von diesen 200 Milliarden DM —
das ist eine Globalzahl — wurden nur 107
Milliarden DM in eigene Investitionen gesteckt, in
Sachanlagen investiert, und sage und schreibe ein
Superrekordbetrag von über 72 Milliarden DM wurde
thesauriert, in Geldvermögen gelegt. Dieses
Grundproblem unserer heutigen wirtschaftlichen Situation
analysieren Sie nicht. Siemens hat eine
Kriegskasse von 20,5 Milliarden DM angesammelt,
Daimler Benz von 6,5 Milliarden DM, und nun wollen Sie
den Spitzensteuersatz senken. Das ist wohl eine
ideale Maßnahme, um noch mehr Thesaurierung zu
erhalten!
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Das ist doch gar nicht das Thema!)
Diese gewaltige Umverteilung haben viele
Unternehmen genutzt, um Kapital aus den Unternehmen
herauszuziehen. Wir haben noch nie so viel
Gewinnentnahmen wie in den letzten Jahren gehabt,
und damit sind Geldvermögensbestände außerhalb
angehäuft worden. Die tatsächliche Steuerfreiheit
vieler Vermögenserträge förderte den Kapitalabzug
aus den Unternehmen zusätzlich. Sie wissen das,
aber Sie tun überhaupt nichts dagegen. Wir sind
konsequent und fordern, daß die großen
leistungslosen Geldvermögenserträge steuerlich genauso
wie jede vom Arbeitnehmer verdiente Mark erfaßt
werden. Wir wollen nicht, daß es beim
Arbeitnehmer gläserne Taschen gibt, während die
Geldvermögenserträge am Finanzamt vorbeifließen.
(Beifall bei der SPD)
Wir haben auch Vorschläge gemacht, z. B. eine
steuerfreie Investitionsrücklage, die dann dem
Unternehmer, der tatsächlich etwas unternimmt, der
tatsächlich etwas tut, bei seiner unternehmerischen
Leistung hilft.
Dazu kommt, meine Damen und Herren, daß der
zweite Teil Ihrer Gleichung auch nicht mehr so
aufgeht wie früher. Investitionen an sich bedeuten
nicht automatisch mehr Arbeitsplätze, wenn
Unternehmen mehr rationalisieren als erweitern. Das ist
ein Wissen, das inzwischen jeder Arbeitnehmer auf
Grund seiner Erfahrungen hat. Die
Bundesregierung sollte sich wenigstens mal damit
auseinandersetzen. Auch deshalb ist es falsch, daß Sie jede
aktive Politik für mehr Arbeit durch die
Gemeinschaft ablehnen. Auch deshalb ist es falsch, daß Sie
Arbeitszeitverkürzungen ablehnen. Warum gibt es
beispielsweise kein Überstundengesetz, das durch
den Abbau der 1,7 Milliarden Überstunden im Jahr
ein paar hunderttausend Arbeitsplätze mehr
schaffen könnte? Das wäre praktische Solidarität aller
Arbeitgeber wie Arbeitnehmer mit den jungen
Leuten.
(Beifall bei der SPD)
Sie lehnen — und das ist heute schon wieder
geschehen — die große Chance ab, durch ein
Sondervermögen „Arbeit und Umwelt" die Umwelt zu
verbessern,
(Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)
obgleich damit, wie ein Hearing gezeigt hat,
mehrere hunderttausend Arbeitsplätze zu schaffen
sind.
(Beifall bei der SPD)
Warum betreiben Sie keine konjunkturgerechte, an
den Produktionsmöglichkeiten unserer Wirtschaft
ausgerichtete Finanzpolitik? Warum bremsen Sie
durch das Runterfahren der öffentlichen Investition
den Konjunkturaufschwung?
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage? — Bitte sehr!
Dr. Lippold (CDU/CSU): Herr Abgeordneter Roth,
Sie haben jetzt erneut auf das Programm „Arbeit
und Umwelt" hingewiesen. Wir sind als CDU-
Fraktion sehr stark an diesem Programm interessiert.
Nur konnte bedauerlicherweise Ihre Fraktion
bislang die Finanzierungsseite dieses Programms im
Ausschuß noch nicht vorlegen. Wenn Sie also so
weit vorgedacht haben, wann werden wir damit
rechnen können, daß das Programm, das Sie seit
langer Zeit als Allheilmittel anpreisen, wenigstens
eine Finanzierungsseite bekommt?
(Dr. Jens [SPD]: Das haben wir Ihnen ge
-
stern gesagt!)
Roth (SPD): Wir haben das ja schon für die
Ausschußsitzungen in der nächsten Woche
angemeldet.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Ich interessiere mich dann für die
Auseinandersetzung zu diesem Thema. Führen Sie doch nicht das
Scheingefecht!
(Lachen bei der CDU/CSU)
Zentral geht es doch um ein Problem, nämlich ob
man ähnlich, wie damals nach dem Zweiten
Weltkrieg, als es Massenarbeitslosigkeit gab, durch
Wohnungsbau Arbeitsplätze geschafft hat, jetzt
durch Umweltinvestitionen Arbeitsplätze schafft,
(Beifall bei der SPD)
oder ob man das aus Sturheit ablehnt. Die
Menschen wollen bessere Umwelt, und wir haben die
Chance, sie ihnen zu geben.
Sie lehnen eine Beschäftigungsbrücke für die
junge Generation ab, obgleich inzwischen — man
muß sich das klarmachen — 600 000 junge Leute
unter 25 Jahren arbeitslos sind, und zwar
registriert, und weitere 300 000 nicht registriert. 900 000,
meine Damen und Herren, unter 25 Jahren
arbeitslos! Und dann machen Sie so eine aus dem
Handgelenk organisierte Optimismuskampagne, ohne sich
mit dem Problem auseinanderzusetzen,
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Die Zahl ist falsch!)
und das in einer Gesellschaft, die reich und
leistungsfähig ist. Die Massenarbeitslosigkeit bei uns
ist nach meiner Überzeugung ein zynischer Luxus.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Das hat die SPD angefangen, diesen
Luxus!)
Kein Wort verliert der Jahreswirtschaftsbericht im
übrigen über die immer bedrohlichere Kluft
zwischen wirtschaftsstarken und
wirtschaftsschwachen Regionen, kein Wort zu den katastrophalen
Arbeitslosenzahlen in benachteiligten Regionen,
kein Wort zum sprunghaften Anstieg der
Firmenpleiten und Firmenzusammenbrüche gerade in
diesen Regionen. Professor Pestel, der ehemalige
Wissenschaftsminister im Kabinett von Herrn Albrecht
in Niedersachsen, hat gerade in einem Gutachten
bestätigt, war zuvor schon Prognos in der Schweiz
gesagt hat: „Ohne Korrektur der Wirtschaftspolitik
wird die Arbeitslosigkeit in Niedersachsen bis 1990,
also in nur fünf Jahren, um weitere 25 % steigen."
(Hört! Hört! bei der SPD)
Wir müssen heute feststellen, die
Lebensverhältnisse und Zukunftsaussichten einzelner Regionen
in der Bundesrepublik sind deprimierend. Die
Bundesregierung schweigt in ihrem
Jahreswirtschaftsbericht dazu. Das Gebot der Einheitlichkeit der
Lebensverhältnisse in den Teilräumen wird in
verfassungswidriger Weise allmählich verletzt. Die
Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf.
Einzelne leistungsstarke Bundesländer veranstalten
auf Kosten der Steuerzahler und zum Schaden der
strukturschwachen Regionen einen regelrechten
Wettbewerb um Großunternehmen. Darauf hat die
Bundesregierung keine Antwort. Sie läßt den
Grafen Lambsdorff ein bißchen kritisieren, aber der
Herr Bundeswirtschaftsminister schweigt sich zu
diesem Problem aus.
Eine aktive Politik für alte und neue
Problemregionen ist nicht nur ein Verfassungsgebot, sondern
auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft. Wie
vernünftig ist es eigentlich, daß wir jetzt große
Zuwanderungen haben in die Region München, in die
Region Stuttgart, in die Frankfurter Region und
dort weiter die Infrastruktur expandieren, während
sich die von der Infrastruktur her guten Räume im
Ruhrgebiet, an der Küste und im Saarland
entleeren?
Welchen Sinn hat das eigentlich? Ich frage: Ist
Mobilität, ist der Verlust der Heimat ein
wirtschaftspolitisches Ziel dieser Bundesregierung?
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Unerhörte Polemik! — Weitere Zu
-
rufe von der CDU/CSU)
Da geht es nicht um Grundsatzstreitigkeiten, meine
Damen und Herren, sondern schlicht um die Frage:
Gibt es einen neuen Länderfinanzausgleich, der
den benachteiligten Regionen in der
Bundesrepublik Deutschland wieder eine Entwicklungschance
gibt? Das ist das Thema, das zur Klärung auch beim
Bundesverfassungsgericht ansteht.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der
Menschen in großen Teilen Schleswig-Holsteins,
Niedersachsens, in der Eifel, in der Oberpfalz, im
Zonenrandgebiet,
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Reden Sie lie
ber einmal von Hamburg und Bremen statt
von Schleswig-Holstein und Niedersach
sen!)
in den altindustriell geprägten Regionen an Rhein
und Ruhr, an der Saar, an der Küste werden im
Jahreswirtschaftsbericht in einem Nebensatz
behandelt. Diese Menschen werden gegenüber den
Aufschwungparolen der Regierung zunehmend
mißtrauischer. Sie stellen fest, daß sich die
Probleme in ihren Regionen verschärfen, und zwar
gerade in Niedersachsen. Dies sage ich, weil Sie
immer von anderen Regionen sprechen. Diese
Menschen durchschauen, daß sich diese
Bundesregierung ausschließlich an den positiven Räumen
orientiert.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Niedersach
sen ist ein positiver Raum!)
Meine Damen und Herren, der Kern unserer
Auseinandersetzung ist das folgende: Sollen und
können wir die Solidarität und Gerechtigkeit
aufbringen, um die Massenarbeitslosigkeit auch in
regionaler Hinsicht zu bekämpfen? Lassen Sie mich zu
diesem Thema den Herrn Bundeskanzler aus einem
offiziellen Informationsdienst der CDU zitieren.
Helmut Kohl schreibt dort — ich zitiere jetzt
wörtlich — :
Liebe Freunde!
Wir müssen darum kämpfen, daß am Wahltag
unseren Mitbürgern vor allem eines klar ist:
(Roth [Gießen] [CDU/CSU]: Nie wieder
SPD! — Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Die Gefahr, arbeitslos zu werden, wird für jene,
die einen Arbeitsplatz besitzen, immer
geringer. Denn machen wir uns keine Illusionen: Ich
glaube nicht an die große Solidarität der
Arbeitsbesitzenden mit den
Arbeitsplatzsuchenden.
(Dr. Vogel [SPD]: Unglaublich! — Weiterer
Zuruf von der SPD: Pfui!)
Herr Bundeskanzler — er ist heute nicht anwesend;
sagen Sie es ihm —, ich halte das nicht für einen
Beitrag zur geistig-moralischen Erneuerung,
sondern für einen Beitrag zum geistig-politischen
Niedergang in dieser Gesellschaft.
(Beifall bei der SPD)
Mit diesem Satz wird ein nackter Egoismus einfach
hingenommen, j a, geradezu gepredigt.
Lassen Sie mich dem Bundeskanzler und dem
Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union
Deutschlands hier mit einem Zitat begegnen:
Wir dürfen es nicht zulassen, daß die von
Arbeitslosigkeit Betroffenen von den
Arbeitsplatzbesitzern mit ihrem Schicksal
alleingelassen werden und ein Abbau der Solidarisierung
weiter um sich greift. Wir dürfen es auch nicht
zulassen, daß durch leichtfertige
Unterstellungen in der öffentlichen Diskussion — z. B.: viele
Arbeitslose wollen in Wirklichkeit gar nicht
arbeiten — die menschliche Not vergrößert und
das gesellschaftliche Ansehen der von
Arbeitslosigkeit Betroffenen überschattet wird.
Etwas später heißt es im gleichen Text:
Gefordert ist von uns allen und jedem
einzelnen tätige Solidarität. Jeder unbesetzte
Arbeitsplatz, jede unnötige Überstunde, jede
versäumte Qualifizierung, jedes unnötige
Einstellungshemmnis ist ein Verstoß gegen dieses
Gebot der Solidarität.
Dies, meine Damen und Herren, waren Worte aus
der gemeinsamen Erklärung des Landesbischofs
Eduard Lohse, des Vorsitzenden der EKD, der
Evangelischen Kirche in Deutschland, und des
Kardinals Höffner, des Vorsitzenden der Deutschen
Bischofskonferenz. Ich unterstreiche jedes dieser
Worte und möchte mich besonders auch den
Schlußfolgerungen der beiden Kirchen
anschließen:
Die in Politik und Wirtschaft Verantwortlichen
sollten sich jetzt zusammenfinden und schnell
handeln. Wir müssen miteinander und
füreinander die Arbeitslosigkeit bewältigen helfen.
Das gilt auch für das gemeinsame Tragen der
finanziellen Lasten. Beim Staat, bei den
Arbeitgebern und den Gewerkschaften liegt ein
besonders hohes Maß der Verantwortung. Wir
müssen im Sinne eines Sozialpaktes
gemeinsam handeln.
(Zuruf des Abg. Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]
— Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Es genügt nicht, Forderungen jeweils an den
anderen zu stellen.
(Dr. Vogel [SPD]: Richtig!)
Notwendig ist vielmehr, gemeinsam
Kraftanstrengungen zu unternehmen.
(Beifall bei der SPD)
Lassen Sie es mich in unseren Worten sagen —
das ist derselbe Gedanke —: Wir brauchen ein
soziales Bündnis
(Zuruf von der CDU/CSU: GRÜNE!)
Arbeit für alle. Genau diese Aufgabe ist nun von der
Politik zu lösen. Weil es einen Aufschwung gibt, ist
diese Aufgabe jetzt auch zu bewältigen, anders als
in einer Ölkrise.
(Beifall bei der SPD)
Wenn der Wirtschaftsminister in seiner Rede
zum Thema Massenarbeitslosigkeit hier wörtlich
ausführt, da falle „ein kleiner Schatten" auf die
Politik,
(Urbaniak [SPD]: Unerhört dieser Bange
-
mann! — Weitere Zurufe von der SPD und
den GRÜNEN)
dann ist das der Zynismus, den die beiden
Kirchenführer abgelehnt haben. Ich fordere die CDU auf, in
dieser Koalition endlich auch für Solidarität mit
den Arbeitslosen einzutreten.
(Beifall bei der SPD — Dr.-Ing. Kansy
[CDU/CSU]: Fangen Sie mal bei der Neuen
Heimat an! Das war die versammelte wirt
schaftspolitische Potenz der deutschen Op
position! — Kittelmann [CDU/CSU]: Wo
bleibt die Alternative?)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Abgeordnete Hauser.
Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Da heute morgen
offenbar die Stunde der Zitate ist, will auch ich nicht
zurückstehen.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Ich beginne mit einer Frage:
Welches Land ist so stark wie die Schweiz, so
arbeitswütig wie Japan und besitzt die
Managementfähigkeiten der USA? Ein solches Land
gibt es zwar nicht, aber das, das ihm am
nächsten kommt, ist die Bundesrepublik
Deutschland.
Das schrieb der „Daily Mail" Mitte Januar zur
Situation in unserem Land.
Der Jahreswirtschaftsbericht 1986 stellt das
Ergebnis eines geschlossenen Konzepts dar, von dem
zu Recht festgestellt wird:
Nicht kurzfristiger, an Tagesereignissen
orientierter Aktionismus, sondern eine mittelfristige
Strategie, die dauerhaft die Ursachen der
Probleme behebt, führt zum Ziel.
Meine Damen und Herren, die
Aufwärtsentwicklung unserer Wirtschaft vollzieht sich fast wie im
Bilderbuch. Der bisher vom Export getragene
Aufschwung wird jetzt durch eine immer stärkere
binnenwirtschaftliche Nachfrage unterstützt. Herr
Kollege Roth, Sie haben sich hier heute morgen
eingehend mit der Frage befaßt, ob diese Politik auch
dem sogenannten kleinen Mann — was immer das
heißen mag — zugute komme. Dazu möchte ich
zunächst einmal feststellen, daß die durch unsere
Politik erreichte Preissteigerungsrate, die ja zu
Ihrer Zeit knapp 6% betrug und heute unter 2 % liegt,
mit jedem Prozent
(Zuruf des Abg. Dr. Ehrenberg [SPD])
— Herr Kollege Ehrenberg, ich sage das, auch wenn
Sie es nicht gerne hören — für die
Arbeitnehmerhaushalte 5 Milliarden DM und für die
Rentnerhaushalte 2 Milliarden DM Zuwachs an Kaufkraft
bringt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das heißt: pro anno 25 Milliarden DM zusätzlicher
Kaufkraft für die Arbeitnehmer und für die
Rentner —, allein dieser eine Punkt als Ergebnis
unserer Politik.
Die deutsche Wirtschaft hat endgültig wieder
Tritt gefaßt, und zwar mit
Produktionssteigerungen, die selbst Optimisten nicht für möglich
gehalten haben. Das entspricht auch dem
Stimmungsbild, dem Geschäftsklimaindex, der sich im Laufe
der letzten Monate immer weiter nach oben
entwikkelt hat. Er war schon seit Jahren nicht mehr so gut
wie zur Zeit.
Meine Damen und Herren, natürlich ist es unser
gemeinsames Ziel — ich hoffe, das ist unstreitig —,
diese Ergebnisse unserer Politik auch verstärkt
zum Abbau der Arbeitslosigkeit auszuwerten. Die
Zahl der Kurzarbeiter konnte weitgehend abgebaut
werden. Damit hat die Regierung Kohl ein weiteres
Stück Wirtschaftswunder in der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland erreicht.
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen bei
der SPD und den GRÜNEN — Zurufe von
der SPD: Blackout!)
— Meine Damen und Herren, ich verstehe natürlich
sehr gut, daß Sie das alles nicht gerne hören und
daß das für Sie sehr unangenehm ist.
(Anhaltende Zurufe von der SPD)
Aber ich frage mich natürlich: In welcher
Wirklichkeit leben Sie eigentlich, wenn sich Ihre Aussagen
darauf reduzieren, all das mieszumachen, was für
jeden, der mit einigermaßen offenen Augen durch
dieses Land geht, als ein positives Ergebnis unserer
Politik erkennbar wird?
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Müller (Bremen)?
Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Ich tue das gern,
wenn ich gleich mit meiner Redezeit
zurechtkomme. Ich habe nur zehn Minuten, und das ist ein
bißchen knapp.
Der Kollege Roth hat sich heute morgen zunächst
zehn Minuten lang darauf beschränkt, den Herrn
Wirtschaftsminister mit dummen Bemerkungen zu
glossieren, was ihm aber nicht gelungen ist.
(Dr. Vogel (SPD): Zitiert hat er ihn!)
Das war ein Beispiel dafür, daß man sich, wenn
man in der Sache nichts beizutragen hat, in solche
Nebenkriegsschauplätze verliert.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Trotz mehrfacher Nachfrage ist während der
ganzen Rede, die der Kollege Roth hier gehalten hat,
nicht mit einem einzigen Satz erkennbar geworden,
wo denn die Alternative der Opposition zu dieser
Politik liegt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Unland (CDU/CSU): Wie ist es denn mit
dem Programm der SPD?)
Sie zeigen ja nicht den leisesten Ansatz, Ihre
Fehler aus Ihrer Regierungszeit zu überdenken, also
Ihre Oppositionszeit auch für sich selbst als Chance
zu begreifen. Vielleicht liegt das daran, daß die
Marktwirtschaft für ihre Gegner so schwer zu
begreifen ist, weil sie so einfach ist, wie Ludwig
Erhard gesagt hat. Genau das scheint mir bei Ihnen
der Fall zu sein: Sie begreifen nicht die simplen
Gesetzes des Marktes, weil Sie sie nicht begreifen
wollen. Das ist der Eindruck, den ich auch aus der
heutigen Debatte gewinnen mußte.
Die positive Entwicklung in weiten Bereichen der
deutschen Wirtschaft hat mittlerweile auch große
Teile des Mittelstands erfaßt, obwohl hier — das
will ich gleich hinzufügen — die Dinge etwas
differenzierter zu betrachten sind. Ich will gern ein Zitat
von einem Mann vortragen, den vor allen Dingen
der Kollege Vogel besonders gut kennen muß, weil
er zu seiner sogenannten Regierungsmannschaft
gehörte. Ich meine Herrn Professor Krupp, der
vorige Woche im Wochenbericht seines Instituts
festgestellt hat:
Mit Beginn dieses Jahres sind für die privaten
Haushalte Steuerentlastungen in Kraft
getreten, die zu einer kräftigen Erhöhung der
verfügbaren Einkommen geführt haben. Da diese
erste Stufe der Steuersenkung vor allem die
Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen
begünstigt,
(Wissmann [CDU/CSU]: Hört! Hört!)
ist damit zu rechnen, daß der größere Teil
dieser Gelder auch zu mehr Konsum verwendet
wird.
(Zuruf des Abg. Dr. Ehrenberg [SPD])
Hierzu kommen die stabilen
Verbraucherpreise, die die Kaufkraft der privaten
Haushalte stärken.
Meine Damen und Herren von der SPD, wenn Ihr
eigener wirtschaftspolitischer Berater solche
Erklärungen zum derzeitigen Stand unserer Politik
abgibt, dann weiß ich nicht, was dieses ganze
Geschwafel von der ständigen Benachteiligung der
privaten Haushalte und der weniger Verdienenden
hier zu suchen hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wenn die objektiven Forschungsinstitute dies
alles feststellen, dann diskutiert die SPD neue
Steuerpläne wie beispielsweise die Zurücknahme der
bereits beschlossenen zweiten Stufe. Gleichzeitig
fordern Sie von der SPD zwar die Einführung einer
steuerstundenden Investitionsrücklage für kleine
und mittlere Unternehmen, aber diese
mittelstandspolitische Hauptmahlzeit haben Sie durch Zutaten
garniert wie die Beseitigung der Kinderfreibeträge,
die Erhöhung der Einheitswerte, die
Revitalisierung der Gewerbesteuer, umweltspezifische
Abgaben, Ergänzungsabgabe und anderes mehr,
wodurch das ganze Gericht völlig ungenießbar und
unappetitlich wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wenn Sie hierherkommen und meinen: „Weil die
Ölpreise gesunken sind, müssen wir uns ganz
schnell etwas Neues einfallen lassen; wir wollen
jetzt eine Ölsteuer einführen", dann muß ich Ihnen
sagen: Die Fraktionen der CDU/CSU und der FDP
werden heute hier einen Antrag vorlegen, wonach
der Bundestag durch eine Entscheidung ganz klipp
und klar sagen soll, daß wir einer solchen Politik
unsere Zustimmung nicht geben,
(Kittelmann [CDU/CSU]: Sehr gut!)
damit die Verunsicherung der Verbraucher im
Keim erstickt wird. Es handelt sich hier um die
Drucksache 10/5065.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Der Abgeordnete Roth,
Herr Abgeordneter Hauser, bittet Sie um eine
Zwischenfrage.
Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Der Abgeordnete
Roth kann diese Zwischenfrage stellen.
(Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Das ist
eine Gemeinheit! Das ist richtig gemein!)
Roth (SPD): Ich möchte, Herr Präsident, dem
Abgeordneten Hauser die folgende Frage stellen.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Das wird interes
-
sant!)
Ist Ihnen bekannt, daß der energiepolitische
Sprecher der CDU, Herr Gerstein, gestern eine
Ölimportsteuer verlangt hat? Ist Ihnen ferner bekannt,
daß die SPD-Fraktion eine Ölimportsteuer
ablehnt?
Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Erstens hat der
energiepolitische Sprecher der Fraktion diese
Forderung nicht erhoben.
(Kittelmann [CDU/CSU]: So ist es!)
Zweitens hat der bei Ihnen für Steuerfragen
zuständige Kollege Spöri diese Forderung lautstark
verkündet. Und damit es überhaupt keinen Zweifel
darüber gibt, was wir wollen, werden wir diesen
Antrag einbringen. Dann ist ziemlich gleichgültig,
wer was wann gesagt hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich sagte schon: Die Alternative der Fraktionen
der Opposition ist hier auf der Strecke geblieben.
Das Wirtschaftsprogramm aus Ihrer Feder, Herr
Kollege Roth, das seit drei Monaten in
irgendwelchen Schubladen liegt, ist ja nicht zu verabschieden,
weil Sie sich nicht einmal untereinander
verständigen können, was aus diesem Programm werden
soll. Deswegen ist für uns so schwer, überhaupt mit
Ihnen eine politische Auseinandersetzung zu
führen, weil wir gar nicht wissen, mit wem wir uns
auseinandersetzen. Wir haben das gerade wieder bei
dem Kollegen Spöri gehört. Wer sagt denn bei
Ihnen eigentlich verbindlich, was Sie
wirtschaftspolitisch und finanzpolitisch wollen? Da ist doch
niemand auszumachen. Da redet doch jeder etwas
anderes. Und dann wollen Sie uns hier als
Volksbeglückung ein Programm „Arbeit und Umwelt"
andienen, von dem Sie im Grunde nicht einmal
wissen, wie Sie das Ganze finanzieren sollen.
Die Probleme in unserer Wirtschaft verdienen
auch von der Opposition einen solideren und
fundierteren Lösungsbeitrag, nicht aber das Larifari,
das wir uns in der letzten Zeit immer anhören
mußten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Lassen Sie mich in dem Zusammenhang ein paar
weitere Bemerkungen machen, die mir wichtig
erscheinen. Sie betreffen den Abbau der
Subventionen. Ich mache es sehr kurz. Ich bin der Meinung,
wir sollten durchaus einmal ernsthafter
darangehen, den Subventionsabbau zu betreiben. Graf
Lambsdorff hat j a vor einigen Wochen unseren
alten Vorschlag aufgegriffen, durch die Senkung
eines bestimmten Prozentsatzes Abhilfe zu schaffen.
Diesen Vorschlag haben wir schon in unserer
Oppositionszeit gemacht. Ich kann mir vorstellen, daß in
meiner Fraktion für diesen Vorschlag Sympathien
vorhanden sind, trotz Bedenken von
Interessengruppen und der leisen, aber wirkungsvollen
Einwände der Bürokraten.
Auch der Bereich der Privatisierung verdient
eine differenzierte Betrachtung. Wir begrüßen die
Bemühungen der Bundesregierung, die hier ihr
Konzept vorgelegt hat. Ich finde es notwendig, daß
wir dabei vorankommen.
In diesem Zusammenhang mache ich ein paar
Anmerkungen zum Marktverhalten großer
Staatsunternehmen. Der Sachverständigenrat hat sich in
den Textziffern 337 ff. mit der Deutschen
Bundespost und ihrer Marktstellung befaßt. Das
Bundeskabinett hat eine Regierungskommission beauftragt,
sich mit der Entwicklung des Fernmeldewesens zu
befassen. Ich halte es nicht für hilfreich, wenn vor
Abschluß dieser Untersuchungen der
Regierungskommission irgendwelche Änderungsvorschläge
öffentlich zur Debatte gestellt werden. Das gilt
sowohl für die Netzträgerschaft als auch für den
Einfluß auf den Endgerätemarkt.
Individualkommunikation ist auch ein Stück Daseinsvorsorge. Hier ist
bei jeder Änderung Vorsicht geboten. Wir müssen
hier sehr sorgfältig darauf achten, daß es
vernünftig läuft.
Das gibt mir Anlaß, ein paar Bemerkungen zum
Verhalten der Bundesbahn zu machen. Ich tue es
mit ein paar Sätzen.
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter
Hauser, entschuldigen Sie, daß ich unterbreche. Sie
haben Ihre Redezeit deutlich überschritten. Auch
die Rückfrage von Ihrer Fraktion läßt es nicht zu,
daß ich Ihnen mehr zugestehe. Ich bitte Sie
ernsthaft, zum Schluß zu kommen.
Hauser (Krefeld) (CDU/CSU): Herr Präsident, ich
will das sehr gern tun.
Ich will nur sagen, daß es nicht Aufgabe der
Bundesbahn sein kann, Hotels zu bauen und ihre
Tochtergesellschaft DSG jetzt in alle
Bahnhofswirtschaften zu Lasten der privaten Gastronomen zu
bringen. Zur Privatisierung gehört auch die
Beschränkung der Staatsunternehmen auf ihre
eigentliche Aufgabe.
(Wissmann [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Die Politik dieser Bundesregierung ist geeignet,
auch die Probleme der Arbeitslosigkeit zu lösen.
Wir werden diese Politik nachhaltig weiter
unterstützen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Auhagen.
Auhagen (GRÜNE): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Lassen Sie mich mit einem Bild
beginnen. Zwei Busfahrer konkurrieren um das
Steuer, obwohl sie sich über die Strecke einig sind.
Der erste Busfahrer kommt auf der passablen
Straße zunächst gut voran. Dann mehren sich die
Schlaglöcher. Das Fahrzeug ächzt. Vielen
Fahrgästen wird schlecht. „Laßt mich ans Steuer, der
andere Busfahrer wird den Bus sonst total ruinieren,
ich werde den Bus wieder in Fahrt bringen", sagt
der zweite Busfahrer. Es kommt zum
Fahrerwechsel, aber die Straße bleibt schlecht. Noch mehr
Fahrgästen wird übel. Der zweite Fahrer verteidigt
sich: „Ich muß das Fahrzeug erst einmal wieder ins
Gleichgewicht bringen." Dann wird die Straße
wieder besser, und auf gutem Asphalt gleitet der Bus
und gewinnt an Fahrt. „Seht ihr, ich habe mein
Versprechen gehalten", triumpiert der zweite Fahrer.
„Mit mir fahrt ihr besser."
Diese Vereinnahmung äußerer Bedingungen als
eigene Erfolge charakterisiert diese
wirtschaftspolitische Debatte und macht sie so unglaubwürdig.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Stellen wir uns doch vor, die SPD wäre noch an der
Regierung und die CDU/CSU in der Opposition. Wie
würde dann bei den gleichen wirtschaftspolitischen
Daten argumentiert werden? Herr Stoltenberg
spräche angesichts der hohen Bundesbankgewinne
wütend von der Konsolidierungslüge.
(Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Genau!)
Herr Blüm würde die Massenarbeitslosigkeit als
ein Beispiel sozialistischer Unsozialität
attackieren.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Und Herr Geißler würde die neue Armut geißeln.
(Zustimmung bei den GRÜNEN)
Finanzminister Apel dagegen würde die niedrige
Inflationsrate als größten sozialen Akt feiern. Und
die Exportrekorde gingen natürlich auf das Konto
des Weltökonomen Helmut Schmidt.
Diese Austauschbarkeit der Argumente macht
die wirtschaftspolitische Debatte unglaubwürdig.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Wollen Sie in Ih
-
ren paar Minuten nicht sagen, was Sie
wollen?)
Leistungskriterium für erfolgreiche Politik muß die
Nutzung von Handlungsspielräumen sein. Also
nicht die Frage nach der Wirtschaftslage sagt etwas
über den Erfolg einer Regierung aus, sondern die
Frage nach den zur Verfügung stehenden
Handlungsmöglichkeiten:
(Zuruf von den GRÜNEN: Genau!)
ob sie genutzt werden, um die Lage der Menschen,
die in Not geraten sind, zu verbessern, und ob sie
genutzt werden, um die Lage der Umwelt zu
verbessern.
(Zustimmung bei den GRÜNEN)
Betrachten wir in diesem Sinne den
Jahreswirtschaftsbericht. Es ist nicht zu leugnen: Der
Aufschwung ist da. Vielleicht wird er sich in diesem
Jahr sogar noch verstärken. Aber noch niemals
zuvor — und das ist das Neue — ist ein Aufschwung
einerseits so zu einem Aufschwung für
Gutverdiener geworden, während es andererseits keinerlei
Hoffnung für die Hauptbetroffenen der Krise gibt,
nämlich für die Arbeitslosen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Es handelt sich um eine gespaltene Entwicklung:
Boom für Exporte und Spitzenindustrien wie die
Chemieindustrie, Autoindustrie, Anlagenbau mit
einer Fusionswelle ohne Beispiel, die wirtschaftliche
Machtblöcke erzeugt,
(Bohl [CDU/CSU]: Haben Sie etwas da
gegen?)
die die demokratische Ebene immer stärker an den
Rand drückt. Wenn nämlich die zehn größten
Unternehmen einen Umsatz haben, der dem Volumen
des Bundeshaushaltes gleichkommt, dann bedeutet
das in diesem Lande eine Machtverlagerung.
Eine Existenzgründungswelle überzieht das
Land, und gleichzeitig ist für 1985 ein Pleitenrekord
zu verbuchen — nicht nur im Baugewerbe, sondern
auch im vielbeschworenen Dienstleistungsgewerbe,
3000 Lebensmittelgeschäfte verschwinden jährlich.
Es finden Großinvestitionen in supergefährliche
Projekte wie die Wiederaufbereitungsanlage statt,
den zerstörerischen Fernstraßenausbau und die
völlig unnötige, auf keine Nachfrage stoßende
Verkabelung. Gleichzeitig unterläßt die
Bundesregierung dringend notwendige ökologische
Sanierungsaufgaben wie durchgreifende
Energiesparmaßnahmen, Verbesserung des öffentlichen Verkehrs in der
Fläche und die Lösung des immer riskanter
werdenden Müllproblems.
Kein Wort bei den Wachstums- und
Konjunkturdaten des Wirtschaftsberichts dazu, inwiefern diese
Gesellschaft, dieses Land durch Wachstum auch
ärmer wird, so z. B. durch die Straßenbauprojekte. Ich
selbst wohne in einem Konstanzer Stadtviertel, das
durch eine Quasi-Autobahn zerteilt werden soll.
Damit diese Autobahn — der hier so hoch gelobten
Finanzpolitik der Bundesregierung wegen —
möglichst billig ausfällt, soll sie oberirdisch verlaufen.
Wo wird nun in diesem Jahreswirtschaftsbericht
der Verlust an Wohnwert, an sauberer Luft und an
Ruhe registriert?
(Beifall bei den GRÜNEN)
Solche Folgeschäden dieser Produktionsweise —
wie ansteigende Krankheitskosten,
Umweltzerstörung und Kriminalität — machen schon ein Fünftel
des Bruttosozialprodukts aus. Diese Folgekosten
wirtschaftlichen Handelns müssen endlich in den
volkswirtschaftlichen Bilanzen als
Wohlstandsverlust auftauchen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Daher wollen wir GRÜNEN eine neue, eine
realistische Erfassung der Wirtschafts- und
Ökoentwicklung durch ein Ökosozialprodukt.
Kommen wir zum schärfsten Gegensatz in der
Aufschwungsbilanz dieses
Jahreswirtschaftsberichts, der anhaltenden Millionenarbeitslosigkeit
bei gleichzeitigen Exportrekorden, im
Jahresdurchschnitt 2,3 Millionen Registrierte und 1,3 Millionen
stille Reserve an Arbeitslosen bei
Einkommensverhältnissen, die bei ledigen Arbeitslosen im
Durchschnitt 40 % der Einkommen bei vergleichbaren
Beschäftigten ausmachen, bei verheirateten 60 % der
vergleichbaren Einkommen. Das bedeutet in vielen
Fällen bittere Armut für die Betroffenen.
Trotzdem ist Arbeitslosigkeit nur zu einem Teil
ein Problem akuter materieller Verelendung.
Vielmehr ist es ein Problem ständiger
Existenzunsicherheit, eine Existenzunsicherheit, die weit mehr
Menschen als die 3,5 Millionen offen oder verdeckt
Erwerbsloser betrifft. Es sind ebenso Millionen von
noch Arbeitenden betroffen, die ständig unter dem
Damoklesschwert des Rausschmisses stehen. Es
sind Hunderttausende von Studenten betroffen, die
angesichts dieser Politik kaum jemals die Aussicht
auf eine Stelle haben werden. Millionen
Hausfrauen sind dazu verdammt, weiter in
ökonomischer Abhängigkeit von ihren Ehemännern zu
leben, weil sie keine Aussicht auf Erwerbsarbeit
haben.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Wenn Sie sich, meine Damen und Herren von der
Koalition, nun mit der Neuschaffung von — nach
Berechnungen des IAB sind es nur 190 000 Stellen
im letzten Jahr — neuen Stellen brüsten, dann ist
zunächst einmal nach der Qualität und der
Sicherheit dieser Arbeitsplätze zu fragen. Denn
ungesicherte, schlecht bezahlte Teilzeitjobs à la US-
Beschäftigungswunder werden am
Existenzangstklima nichts ändern.
(Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN)
Erst wenn das gesellschaftliche Machtverhältnis,
das sich im Verhältnis von einer offenen Stelle zu
23 gesuchten Stellen äußert, halbwegs ausgeglichen
ist, wird das Problem Arbeitslosigkeit und
schleichende Existenzangst überwunden sein.
Die Frage aber stellt sich bei Ihrer konkreten
Politik: Hat diese Regierungskoalition überhaupt
ein Interesse daran? Die positiven Wirtschaftsdaten
— Exportstärke, Ertragsstärke, niedrige Inflation
— sind ja nicht Erfolge der Bundesregierung,
sondern stellen Handlungsmöglichkeiten dar.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Wie nutzt die Bundesregierung diese
Handlungsmöglichkeiten, z. B. als konkurrenzstärkstes Land
mit der Einführung der 35-Stunden-Woche
voranzugehen? Bekanntlich lehnt die Bundesregierung
generelle Arbeitszeitverkürzung als „dumm und
töricht" ab, obwohl die 38,5-Stunden-Woche im
Gegensatz zum Vorruhestand, von dem Sie ja alle nicht
mehr sprechen wollen, zwischen 50 000 und 100 000
Arbeitsplätze geschaffen hat.
Angesichts der Existenznöte und -ängste vieler
offen oder verdeckt Arbeitsloser und angesichts der
Tatsache, daß alle Wirtschafsforschungsinstitute
prognostizieren, daß bis 1990 keine nennenswerte
Besserung der Arbeitslosigkeit eintreten wird, wäre
es ein Gebot der Mitmenschlickkeit, endlich eine
Grundabsicherung für die Arbeitslosen zu
schaffen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Was macht die Koalition? Sie hält die Arbeitslosen-
und Sozialhilfe auf einem menschenunwürdigen
Niveau und begründet das mit der Notwendigkeit zu
sparen. Gleichzeitig schiebt sie mit der
Steuerreform den Gutverdienenden über 70 000 DM
Jahreseinkommen 10 Milliarden DM jährlich zu. Eine
solche Politik ist eine Kampfansage an die
Betroffenen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Gleichzeitig werden Arbeitslose als faul, dumm
oder unqualifiziert indirekt von der
Bundesregierung diffamiert, obwohl 50 % der Arbeitslosen
qualifizierte Abschlüsse haben. Damit haben Sie sich
den Applaus der Stammtische gesichert, das ist
richtig. Mit dieser Stimmungsmache aber betätigen
Sie sich als Luntenleger.
(Zuruf von der CDU/CSU: Was war das?)
— Als Luntenleger! Die Betroffenen werden es
nicht hinnehmen, sich einfach über den Tellerrand
dieser Gesellschaft kippen zu lassen.
In diesen Tagen formiert sich eine bundesweite
Arbeitsloseninitiative, die in den Wahlkampf
eingreifen — —
(Kittelmann [CDU/CSU]: Ist das wieder so
eine Deckorganisation der GRÜNEN?)
— nein, nein, keine Deckorganisation der GRÜNEN
— und schon in den nächsten Wochen durch
entschlossene, gewaltfreie Aktionen ihren
Handlungswillen zeigen wird.
In diesem Zusammenhang, Herr Roth, ist aller
-
ding auch beschämend — bei Ihren großen Tönen
von vorhin —, daß sich die SPD mit den jüngsten
Apel-Steuerreformplänen zugunsten der
Besserverdienenden eben auch der Wende zu- und von den
Arbeitslosen abwendet.
(Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Umvertei
lungsklassenkämpfer seid ihr! — Zuruf des
Abg. Dr. Ehrenberg [SPD])
— Dann dementieren Sie bitte schön die jüngsten
Apel-Vorschläge. Statt die vorhandenen positiven
Daten zu sozialen und ökologischen
Strukturverbesserungen zu nutzen, betreibt die
Bundesregierung eine Politik des Wellenreitens in der
Konjunktursonne. Die Erhöhung der Mineralölsteuer wäre
eine solche Möglichkeit, zu handeln, ohne
jemandem weh zu tun, und finanziellen
Handlungsspielraum dafür zu gewinnen, ökologische Reformen
durchzuführen und zum solidarischen Ausgleich
mit den Ölförderländern, die durch den
Zusammenbruch des Ölpreises in den Bankrott getrieben
werden, beizutragen.
Kommen wir zum Antrag der SPD gegen
Massenarbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche.
Immerhin steht hinter diesem Antrag ein
Handlungswille zugunsten ökologischer Maßnahmen. Daher
lehnen wir diesen Antrag nicht ab.
(Zustimmung des Abg. Dr. Müller [ Bre
men] [GRÜNE])
Wir können aber einem Antrag, der Wachstum per
se als etwas Wünschenswertes darstellt, auch nicht
zustimmen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Ist es denn wünschenswert, wenn im Gefolge eines
Wirtschaftsbooms die Kaufkraft auch für Autos, für
Flugreisen, für Skiurlaube und dergleichen wieder
steigt? Eine solche Nachfragestärkung wünschen
wir nicht. Selbstverständlich sind wir GRÜNEN für
ein Mehr an menschenwürdigen Wohnungen, an
umweltfreundlichen und sparsamen
Energietechnologien, an qualitativ besseren und schöneren
Gebrauchsgütern. Gleichzeitig sind wir aber auch für
Schrumpfung bei gefährlichen Chemieprodukten,
bei dieser wahnsinnigen Agrarproduktion, bei der
Verpackungsindustrie und bei der Autoherstellung.
(Zustimmung bei den GRÜNEN)
Falsch informiert sind diejenigen, die angesichts
der Rede von Horst Janßen auf der
Bundesversammlung der GRÜNEN behaupten, wir seien
gegen moderne Technik und Industrie schlechthin.
Das stimmt nicht. Wir sind nicht für den Ausstieg,
sondern für den notwendigen sozialen und
ökologischen Umbau des Industriesystems.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Es wird auf euch
Gott sei Dank nicht ankommen!)
Detaillierte, durchgerechnete Vorschläge — dies
im Gegensatz zum SPD-Antrag „Arbeit und
Umwelt" —
(Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Hört!
Hört!)
dazu, was schon innerhalb der nächsten Jahre
notwendig und machbar ist, haben wir in einem
sozialen und ökologischen Umbauprogramm erarbeitet,
das in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit
vorgestellt wird.
Ich danke.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Haussmann.
Dr. Haussmann (FDP): Herr Präsident! Verehrte
Kolleginnen und Kollegen! Man kann ja nur
darüber staunen, mit welcher Unbekümmertheit rote
und grüne Abgeordnete an den wirklichen sozialen
Verbesserungen für breite Bevölkerungskreise
vorbeireden.
(Beckmann [FDP]: Das ist ein Skandal! —
Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Meine Damen und Herren, jedermann weiß, daß
sich in den letzten Monaten für Arbeitnehmer, für
Rentner, für Jugendliche die Situation in der
Bundesrepublik deutlich verbessert hat. Es würde
Ihnen überhaupt nicht schlecht anstehen, wenn Sie
im Deutschen Bundestag zugeben würden, daß sich
die wirtschaftliche Lage für viele Menschen in der
Bundesrepublik in den letzten Monaten deutlich
verbessert hat.
(Wissmann [CDU/CSU]: Sehr wahr!)
Das würde zum positiven Klima und zur
Verbesserung der Zukunftsperspektiven der jungen Leute
beitragen.
(Zustimmung bei der FDP)
Meine Damen und Herren, bei der Diskussion des
Jahreswirtschaftsberichts ist dieser bereits
überholt. Ich halte das aus zwei Gründen nicht für
negativ, sondern für positiv: Zum einen hat sich Martin
Bangemann als Wirtschaftsminister auch in einem
Vorwahljahr, was die Zahlen angeht, nicht gesund
gerechnet.
(Wissmann [CDU/CSU]: So ist es!)
Zweitens hat die Wirtschaftspolitik inzwischen ein
Ergebnis erreicht, das besser ist, als die Gutachter
uns vorausgesagt haben. Meine Damen und Herren,
zwar ist es sicher richtig, daß die Ergebnisse durch
Entwicklungen besser geworden sind, die nicht alle
von uns direkt beeinflußt waren — ich denke an die
Ölpreissenkung, an die Dollarentwicklung und an
den Bundesbankgewinn —, aber auch hier gilt das
Sprichwort: Das Glück steht eben dem Tüchtigen
bei. Wenn die Gesamtlage psychologisch besser
wird, werden die Ergebnisse in sich besser, sie
verstärken sich selbst.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Wissmann [CDU/CSU]: Ein kluges Wort!)
Meine Damen und Herren, in meiner kurzen
Rede will ich über das Soziale der
Wirtschaftspolitik dieser Bundesregierung sprechen. Die Koalition
wird diese Wirtschaftspolitik zur Abstimmung
stellen, eine Wirtschaftspolitik, die zutiefst sozial ist,
(Peter [Kassel] [SPD]: So tief, daß man es
nicht sieht!)
weil sie zunächst auf marktwirtschaftliche Weise
dafür sorgt, daß junge Menschen wieder
Perspektiven haben.
(Menzel [SPD]: Ich könnte Ihnen Hunderte
von Arbeitslosen bringen! — Weitere Zu
-
rufe von der SPD — Lachen bei den GRÜ
NEN)
Sie sollten auch als Opposition im Deutschen
Bundestag zur Kenntnis nehmen, daß noch vor drei
Jahren lediglich ein Drittel der jungen Generation
in der Bundesrepublik Deutschland für sich selbst
positive wirtschaftliche und gesellschaftliche
Perspektiven sah. Die neueste, neutrale Umfrage zeigt,
daß heute zwei Drittel der jungen Generation in der
Bundesrepublik Deutschland für sich selbst
positive wirtschaftliche und gesellschaftliche
Perspektiven sehen, meine Damen und Herren.
(Menzel [SPD]: Und was ist mit dem ande
ren Drittel! — Weitere Zurufe von der SPD
— Gegenruf von der CDU/CSU: Trotz eurer
Schwarzmalerei!)
Das ist wichtig, und die FDP wird dafür sorgen, daß
diese Persepktiven trotz des Krisengeredes ihres
Sprechers, meine Damen und Herren, besser
werden. Jugend braucht Optimismus, Jugend braucht
Zuversicht und nicht Krisengemälde von rot und
schwarz, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
Zur Abstimmung für Bürger steht eine
Wirtschaftspolitik, die sozial ist, weil sie endlich dem
einzelnen Arbeiter und Rentner mehr netto auf die
Hand gibt. Wir haben seit 18 Jahren zum erstenmal
eine extrem niedrige Inflationsrate.
(Zurufe von der SPD)
Es bedeutet stabile Preise, und stabile Preise
bedeuten praktizierte Sozialpolitik.
(Beifall bei der FDP — Lachen und Zurufe
von der SPD)
Nicht künstliche Ausgabenprogramme, nicht eine
aggressive Lohnpolitik, sondern eine vorbildliche
Stabilitätspolitik hilft allen Menschen in einer
sozialen Marktwirtschaft. Ein Prozent weniger
Inflation bedeutet 8 Milliarden DM mehr Kaufkraft für
Arbeitnehmer und für Rentner, meine Damen und
Herren. Diese Zahl ist für die Bürger wichtig, nicht
künstliche Ausgabenprogramme und nicht falsche
Tarifpolitik.
Was steht dieser Politik gegenüber? Niemand
weiß, meine Damen und Herren, ob Johannes Rau
eigene wirtschaftspolitische Vorstellungen hat. Die
Ergebnisse in Nordrhein-Westfalen lassen
jedenfalls nichts Gutes ahnen.
(Wissmann [CDU/CSU]: In der Tat!)
Fest steht auch heute, daß Johannes Rau und seine
Sozialdemokraten auf Bundesebene keine
Mehrheit bilden können.
(Müntefering [SPD]: Das überlassen Sie
mal dem Wähler!)
38 % bei der letzten Bundestagswahl zeigen, daß
dies nicht möglich ist.
(Anhaltende Zurufe von der SPD)
Er muß sich also, ähnlich wie Herr Börner in
Hessen, die Macht mit GRÜNEN teilen, wenn er
überhaupt an die Macht kommen will.
(Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Gott sei
Dank! — Lachen bei der CDU/CSU — Roth
[SPD]: Gehen Sie in Ihr Parteibüro!)
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter
Haussmann, gestatten Sie eine Zwischenfrage? —
Bitte sehr.
Menzel (SPD): Herr Kollege Haussmann, da Sie
sich auf die Umfrageergebnisse beziehen, frage ich:
Sind Sie sich dann darüber im klaren, daß, wenn
diese Umfrageergebnisse umgesetzt würden und
Realität wären, Sie dann überhaupt nicht hier
stünden, weil Ihre Partei bei 3% liegt?
(Roth [SPD]: So wie in Nordrhein-Westfa
len! — Weitere Zurufe von der SPD)
Dr. Haussmann (FDP): Meine Damen und Herren,
verehrter Kollege von der SPD, die letzten
Wählerabstimmungen im letzten Jahr bei allen drei
Landtagswahlen haben gezeigt, daß die FDP ein
Wählerpotential zwischen 6 und 10% Bürgerstimmen hat.
Wir sind sehr beruhigt, wir kümmern uns um
unsere Wähler.
Ich will auf meine vorigen Bemerkungen
zurückkommen. Mehrheitsfähig kann Herr Rau auf
Bundesebene nur durch Stimmen der GRÜNEN
werden.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Teile einer rot-grünen Regierungserklärung zur
Wirtschaftspolitik konnte man ja der
vielumjubelten Rede des IG Metallfunktionärs Janßen
entnehmen. Die Bürger dürfen sich nicht täuschen lassen,
meine Damen und Herren. Diese verquere
Ideologie, die dort vorgetragen wurde, gefällt ja nicht nur
GRÜNEN, sondern auch einem zunehmend
wichtigeren Teil jüngerer und linker SPD-Funktionäre,
auf die auch Herr Rau immer mehr angewiesen
ist.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Herr Eppler läßt grüßen!
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter
Haussmann, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Abgeordneten Beckmann?
Dr. Haussmann (FDP): Nein, meine Zeit eilt. Ich
werde ihm nachher zur Verfügung stehen.
(Heiterkeit — Dr. Müller [Bremen] [GRÜ
-
NE]: Sagen Sie mal was zur Wirtschaftspo
litik!)
Herr Janßen sagte sinngemäß, die von der
Regierung angestrebten Wachstumsraten würden
mittelfristig zu einer Verdoppelung des Sozialproduktes
führen. Und dies würde bedeuten: doppelt so viele
Autos, doppelt so viel Blech, doppelt so viele
Straßen, doppelt so viel Beton, doppelt so viele Abgase.
— Bei diesem Umwelthorrorszenario tut das
rotgrüne Bündnis so, als kämen keine alten Autos aus
dem Verkehr, als bräuchte man ständig zusätzliche
Straßen, als hätte ein Auto heutiger Technik die
gleichen schlechten Abgaswerte wie ein altes. Wer
so redet, meine Damen und Herren, hat mit den
Arbeitern im Auto- und Baubereich nichts Gutes
vor,
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
undenkbar im übrigen für einen amerikanischen
oder japanischen Gewerkschaftsvertreter im
Metallbereich.
Gleichzeitig sucht die Sozialdemokratische Partei
scheinheilig auf Technologiekongressen ihren
Frieden mit moderner, technologieorientierter
Wachstumspolitik, meine Damen und Herren. Welch eine
Heuchelei, wenn man diesen Kongreß nimmt und
das, was Herr Janßen für die IG Metall sagt.
(Zuruf von der SPD: Zum Thema!)
Wenn die IG Metall, meine Herren von der
Opposition, so für sich reden läßt, darf sie sich nicht
wundern, wenn jüngere Arbeitnehmer,
teilzeitarbeitsuchende Frauen, Angestellte, Ingenieure sich nicht
mehr gewerkschaftlich organisieren. Nur, meine
Damen und Herren, diese Regierung und meine
Partei, die FDP, können nicht Watschenmann für
Gewerkschaften sein, die ihre eigenen Aufgaben
nicht lösen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Es wird daher höchste Zeit, daß die Entscheidung
im Hinblick auf die Neutralität der Bundesanstalt
für Arbeit im nächsten Monat fällt. Hier geht es aus
Sicht der Freien Demokraten um eine wichtige
ordnungspolitische Aufgabe des Gesetzgebers, die uns
auch kein irgendwie gearteter Schiedsrichter,
neutraler Pfarrer oder Professor, abnehmen kann.
Diese Wiederherstellung der Machtbalance der
Tarifpartner stört nicht, sondern sie dient langfristig
dem sozialen Ausgleich. Theodor Eschenburg hat
recht: Es geht um die neue Machtbilanz, nicht um
die Streikfähigkeit der Gewerkschaften.
Wenn die Neutralität der Bundesanstalt für
Arbeit wiederhergestellt ist, müssen sich die
deutschen Gewerkschaften in einem Dialog mit dieser
Regierung den wirklichen ökonomischen,
technologischen und sozialen Herausforderungen stellen,
meine Damen und Herren.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Und aus liberaler Sicht gilt: Genausowenig wie
die Kirchen ein Definitionsmonopol für die Frage
haben, was in unserer Gesellschaft gut oder böse
ist, genausowenig steht es den deutschen
Gewerkschaften zu, allein zu entscheiden, was in unserer
Gesellschaft sozial oder unsozial ist. An dieser
Diskussion über die wesentliche Frage des Sozialen in
unserer Gesellschaft beteiligt sich die Freie
Demokratische Partei gerne. Sozial ist aus unserer Sicht
eine Wirtschaftspolitik, wenn sie auf Dauer
wettbewerbsfähige Arbeitsplätze schafft und nicht auf
Pump lebt.
(Beifall bei der FDP)
Sozial ist eine Wirtschaftspolitik, wenn sie für
stabile Preise sorgt und damit den kleinen Leuten, den
Arbeitern und Rentnern, hilft. Sozial ist aus unserer
Sicht eine Wirtschaftspolitik, wenn sie das Ergebnis
hat, daß die Finanzen wieder in Ordnung kommen,
das Vertrauen wächst, die Zinsen sinken und
jedermann mehr Geld zur eigenen Verfügung hat.
(Wissmann [CDU/CSU]: So ist es!)
In diesem Sinne wird die FDP mit
Sozialdemokraten, mit GRÜNEN, mit Gewerkschaftern, mit allen
Bürgern gerne eine Diskussion über das Soziale in
unserer Gesellschaft führen.
Dieser Jahreswirtschaftsbericht von Martin
Bangemann ist jedenfalls der beste seit vielen Jahren.
Die Fraktion der Freien Demokraten steht voll
hinter dieser Politik.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Abgeordnete Ehrenberg.
Dr. Ehrenberg (SPD): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Als der Kollege Haussmann hier
seine Rede begann, hatte ich vorübergehend den
Eindruck, hier würde vielleicht mal zur Sache
gesprochen.
(Dr. Müller [Bremen] [GRÜNE]: Doch nicht
von Herrn Haussmann! — Kittelmann
[CDU/CSU]: Bei Herrn Roth haben Sie gar
nicht damit gerechnet, nehme ich an!)
Nur, Herr Haussmann, ein moderater Tonfall hat
leider noch nichts mit Redlichkeit zu tun.
(Beifall bei der SPD)
Und wenn Sie über soziale Politik sprechen, bitte
ich Sie, vorher in die amtliche Statistik
hineinzusehen.
(Zuruf von der SPD: So ist es!)
Nach der amtlichen Statistik war der
Preisanstieg 1985 2,2 %. Die von der Mehrheit dieses
Hauses beschlossene Rentenanpassung betrug knapp
1,5 %. Nach der Statistik des Bundesamtes in
Wiesbaden ist der Anstieg der Nettolöhne 1985 bei 1,7 %.
Wie Sie bei diesen Zahlen — einmal eine
Steigerung von 0,7 Prozentpunkten und einmal eine von
0,5 Prozentpunkten unter dem Preisanstieg — hier
behaupten, Sie hätten Politik für die Rentner und
Arbeitnehmer gemacht, ist das Geheimnis Ihrer
Unredlichkeit.
(Beifall bei der SPD)
Genauso unredlich geht der
Bundeswirtschaftsminister, nicht ganz so moderat im Ton wie Sie, mit
den Fakten um, wenn er hier am Pult behauptet, es
habe eine reale Kaufkraftsteigerung für die
Arbeitnehmer gegeben. Um 0,5 Prozentpunkte sind die
Nettolöhne unter dem Preisanstieg geblieben.
Lesen Sie die Statistik, Herr
Bundeswirtschaftsminister.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Es geht Ihnen
nur ums Miesmachen!)
- Ich interpretiere die Statistik, und die wird in
Wiesbaden nicht mies, sondern objektiv gemacht.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Wie Sie es ma
-
chen!)
Herr Bundeswirtschaftsminister, wenn Sie schon
die Wiesbadener Zahlen nicht lesen, dann vielleicht
bitte die Ihres eigenen Wirtschaftsberichts! Wenn
Sie die gelesen hätten, dann hätten Sie sich nicht
hier hinstellen und sagen können, seit Ihrer
Regierungszeit sei das reale Bruttosozialprodukt um
10 % gestiegen. Ich lese Ihnen die Zahlen des
Wirtschaftsberichts vor. 1983 gab es ein Wachstum von
1,5 %, 1984 ein Wachstum von 2,7 %, 1985 ein Wachs
tum von 2,5 %. Jetzt sagen Sie mir, mit welcher
Mathematik — das würde noch nicht einmal mit der
Mengenlehre gehen — Sie hieraus 10 % machen.
(Beifall bei der SPD — Stockhausen [CDU/
CSU]: Besser als Ihr Nullwachstum!)
Meine Damen und Herren, Redlichkeit statt
Eigenlob, das ist das, was die Wirtschaftspolitik in
diesem Lande bräuchte. Vielleicht hätte es Ihnen gut
angestanden, Herr Bundeswirtschaftsminister, hier
am Pult zuzugeben, wie es der
Jahreswirtschaftsbericht tut, daß Sie sich bei der Einschätzung der
Arbeitslosigkeit gründlich geirrt haben. Im
Jahreswirtschaftsbericht 1985 wurde eine
Arbeitslosenquote unter 9 % vorausgesagt, und 9,3 % sind es
geworden. Das ist Ihre Beschäftigungspolitik.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, für eines will ich dem
Bundeswirtschaftsminister ausdrücklich Dank
sagen, nämlich daß er meine Anregung aus dem
Wirtschaftsausschuß aufgenommen hat und in diesem
Jahreswirtschaftsbericht, anders als bei den
Vorgängern, nicht nur die internationale Preisstatistik,
sondern auch die ganze Breite der OECD-Statistik
abgedruckt hat. Sie finden das in der Tabelle nach
Ziffer 7 der Anlage. Der Text des
Jahreswirtschaftsberichts nimmt allerdings von dieser Tabelle keine
Kenntnis, der Bundeswirtschaftsminister auch
nicht. Sonst hätte er nicht hier in so hohen Tönen
von den Erfolgen der deutschen Wirtschaftspolitik
sprechen können.
(Beifall bei der SPD — Peter [Kassel]
[SPD]: Der liest keinen Anhang!)
Denn, meine Damen und Herren, aus diesem Text
geht hervor, daß die Bundesrepublik im Jahre 1983
ein Wirtschaftswachstum von 1,5 % hatte. Im
Durchschnitt der OECD waren es 2,7 %. 1984 gab es bei
uns ein Wirtschaftswachstum von 2,7 %, im
Durchschnitt der OECD von 4,9 %, 1985 bei uns 2,5 %, im
Durchschnitt der OECD 2,8 %. Drei Jahre lang ist
die Bundesrepublik bei ihrem großen
Wirtschaftspotential mit ihren Wachstumsraten weit unter dem
Durchschnitt der OECD-Staaten geblieben. Soll das
ein Erfolg sein, Herr Bundeswirtschaftsminister?
(Beifall bei der SPD — Dr. von Wartenberg
[CDU/CSU]: Wie hoch waren die USA?)
— Die waren sehr viel höher.
(Dr. von Wartenberg [CDU/CSU]: Eben!
Und wer zieht den Durchschnitt hoch?)
Es ist noch nicht so lange her — es war 1979 —,
daß die Bundesrepublik von der ganzen Welt als
Lokomotive in der Weltwirtschaftspolitik
angesehen wurde. Da hatten wir allerdings
Wachstumsraten von 3,5 % und 4 % und allein in den Jahren 1979
und 1980 eine Verbesserung der Beschäftigung um
745 000 Arbeitsplätze. Nehmen Sie das doch bitte
zur Kenntnis!
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Sie lesen die Statistiken nicht! Neh
men Sie doch mal die EG-Statistik! — Wei
tere Zurufe von der CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter
Ehrenberg, gestatten Sie eine Zwischenfrage?
Dr. Ehrenberg (SPD): Ja, wenn Sie mir das nicht
auf meine Redezeit anrechnen.
Vizepräsident Cronenberg: Das wird Ihnen nicht
angerechnet.
Dr. von Wartenberg (CDU/CSU): Herr Ehrenberg,
Sie zitieren die Statistik der OECD. Ich gehe davon
aus, daß Sie auch über die gegenwärtige
Beurteilung der OECD und über die Prognosen der OECD
für das reale Bruttosozialproduktswachstum für die
Bundesrepublik Deutschland informiert sind. Sind
Sie bereit, zur Kenntnis zu nehmen, daß die OECD
für dieses Jahr ein reales
Bruttosozialproduktswachstum von 3,5 % prognostiziert hat und daß sich
auf Grund der zugegebenermaßen für die deutsche
Volkswirtschaft glücklichen Senkung der Ölpreise
und der Dollarpreise mindestens noch ein halbes
Prozent reales Wachstum mehr ergibt, so daß wir
jetzt schon — ich frage, ob Sie das zur Kenntnis
nehmen — an der Spitze der
Durchschnittsbewegung der OECD liegen, wenn wir die
zugegebenermaßen lange und schwierige USA-Politik beiseite
lassen?
Vizepräsident Cronenberg: Unsere
Geschäftsordnung weist darauf hin, daß die Fragen kurz und
präzise sein sollen. Ich will nicht die Präzision, aber
mindestens die Kürze anzweifeln, Herr
Abgeordneter.
Dr. Ehrenberg (SPD): Herr Kollege, ich habe über
Fakten gesprochen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Das sind doch
Fakten!)
und Prognosen sind, wie die Prognose des Bundes
wirtschaftsministers über die Arbeitslosigkeit 1985
zeigt, noch lange keine Fakten. Aber es ist sicher,
daß die Ölpreissenkung unser Wirtschaftswachs
-
tum beschleunigen wird.
(Hauser [Krefeld] [CDU/CSU]: Zusätzlich
beschleunigen!)
Das ist in den anderen europäischen Staaten auch
so; davon profitieren wir nicht allein. Das widerlegt
überhaupt nichts.
(Beifall bei der SPD)
Viel schlimmer ist der Verlauf der
Arbeitslosenstatistik. Innerhalb der 16 OECD-Staaten hat die
Bundesrepublik beim Anstieg der Arbeitslosigkeit
von 1982 bis 1985 den traurigen 13. Platz, wenn die
niedrigste Zahl oben rangiert. So hoch ist der
Anstieg bei uns! Nur drei OECD-Staaten haben einen
höheren Anstieg, in fünf OECD-Staaten ist die
Arbeitslosigkeit seit 1982 rückläufig, und im
Durchschnitt der OECD ist sie konstant geblieben. Das ist
doch keine erfolgreiche, das ist eine miese
Wirtschaftspolitik, die dieses Ergebnis hervorbringt.
(Beifall bei der SPD)
Die Preissteigerungsrate ist gut, aber hier liegen
wir exakt im Schnitt der OECD-Staaten und sind
nicht besser als die anderen. Diese Stabilisierung
hat sich überall vollzogen.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Nur, wenn die Erhöhung der Nettolöhne unterhalb
der Preiserhöhungen liegt, wie es bei Ihrer Politik
der Fall war, hilft es den Arbeitnehmern nicht, da
sie weniger haben. Sie haben heute netto und real
so viel wie 1977 und leider nicht mehr. Sie haben
1 200 DM im Jahr weniger als 1980. Da hilft es
Ihnen gar nichts, mit schönen Worten von Steigerung
zu reden. Auch die neue Steuersenkung wird diese
1200 DM nicht aufholen, zumal ein Teil davon
durch die schon steigenden
Krankenversicherungsbeiträge wieder aufgefressen wird.
Herr Bundeswirtschaftsminister, ich hätte von
Ihnen gern etwas über die regionale
Differenzierung in diesem Lande gehört und in dem Bericht
gefunden. Haben Sie jemals zur Kenntnis
genommen, daß im Januar dieses Jahres in Friesoythe die
Arbeitslosigkeit 39,1 %, in Wittmund 28,7 % und in
Leer 26,7 % betrug? Herr
Bundeswirtschaftsminister, dies ist nicht nur zur Winterszeit so, auch im
Sommer ist in der Nordwestregion unseres Landes
die Arbeitslosigkeit nie unter 20 % gesunken, und
das ist erst so, seit Sie regieren; vorher hat es diese
Zahlen niemals gegeben.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Bei der SPD
würde es auch im Sommer schneien! —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
— Da gab es das nicht. Zu unseren Zeiten waren
das viel weniger als jetzt.
Was sagt der Jahreswirtschaftsbericht zur
regionalen Verbesserung? Er bietet nichts. Dabei bieten
die katastrophale Lage der Bauwirtschaft und
gleichzeitig die drängenden Umweltprobleme das
Rezept geradezu an. Herr
Bundeswirtschaftsminister, ein ganz simples Beispiel von der
Nordseeküste: Das Marpol-Abkommen gibt jetzt von den
rechtlichen Bestimmungen her jede Chance, die
Nordsee allmählich sauber zu bekommen. Aber
Reeder und Kapitäne, die das Abkommen erfüllen
wollen, müssen ewig lange suchen, bis sie für öl-
und chemiekalienhaltige Schiffsrückstände
geeignete Entsorgungsanlagen finden. Und der
Bundesverkehrsminister? Statt sich um ein gemeinsames
Programm mit den Küstenländern zu bemühen, das
hier helfen würde, gibt mir zur Antwort:
„Abfallbeseitigung ist Ländersache", und er kümmert sich
nicht darum, daß dort etwas geschieht, das
Beschäftigung und Umwelt gleichzeitig verbessern würde.
Letzte Bemerkung, weil sie gleich etwas zur
Finanzierung mitsagt. Ein so langer und
ausführlicher Jahreswirtschaftsbericht, Herr
Bundeswirtschaftsminister, sollte vielleicht auch von der
Kapitalbilanz dieses Landes Kenntnis nehmen und
etwas zu der traurigen Tatsache sagen, daß in den
ersten elf Monaten — Dezemberzahlen gibt es noch
nicht — wieder ein Kapitalexport von mehr als 30
Milliarden DM aus der Bundesrepublik
stattgefunden hat. Bis 1982 kamen in die Bundesrepublik
mehr Kapitalanlagen als aus der Bundesrepublik
hinausgingen. Diese 30 Milliarden DM, Herr
Bundeswirtschaftsminister, beweisen erneut, daß Sie
die Bundesrepublik zu einem von der
internationalen Finanzwelt gemiedenen und nicht zu einem
gesuchten Investitionsplatz gemacht haben.
(Widerspruch bei der CDU/CSU — Dr.
Schwörer [CDU/CSU]: Deshalb die hohen
Aktienkurse?)
Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich sehr, die
Monatsberichte der Deutschen Bundesbank
gründlich nachzulesen. Alle diese Zahlen finden Sie dort
auf der Seite 74.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat der
Abgeordnete Wissmann.
Wissmann (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Der Kollege Ehrenberg hat zwei
Punkte in den Mittelpunkt seiner Ausführungen
gestellt. Zum einen hat er gesagt, die
Wirtschaftspolitik sei mies, weil sie nicht sozial sei.
(Beifall bei der SPD)
Ich glaube, lieber Kollege Wolfram, wenn man das
untersucht, dann muß man sich auf die
Entwicklung des Jahres 1986 konzentrieren. Wir haben 1986
10,9 Milliarden DM Steuerentlastungen vor allem
im Bereich der Lohn- und Einkommensteuer.
(Roth [SPD]: Zwei Jahre zu spät!)
Wir haben 1986 zusammengenommen 6 Milliarden
DM Familienentlastung, Kindergelderhöhung,
Erhöhung des Kinderfreibetrages,
Erziehungsgelderweiterung.
(Roth [SPD]: Zwei Jahre zu spät!)
Wir haben 1986 steigende Bruttolohn- und -
gehaltssummen.
(Roth [SPD]: Zwei Jahre zu spät!)
Wir haben 1986 stabile Mietpreise, wir haben, was
wir selbst nicht beeinflussen, was aber ein günstige
Ergänzung ist, sinkende Energie- und
Treibstoffpreise, so daß sich alle Experten einig sind: Wir
werden 1986 durch diese zusammenwirkenden
Entwicklungen etwa 60 Milliarden DM zusätzlich in
den Haushaltskassen der Bürger haben. Wenn das
als unsozial gekennzeichnet ist, dann haben Sie
Statistiken manipuliert und nicht die Wirklichkeit
getroffen, meine Damen und Herren.
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Dr. Jens?
Wissmann (CDU/CSU): Bitte schön, Herr Kollege
Jens.
Dr. Jens (SPD): Herr Kollege Wissmann, können
Sie bei diesen ganzen Wohltaten, die Sie verteilen,
wenigstens zugeben, daß die Statistik auch
ausweist, daß die Lohnsteuerquote weiterhin gestiegen
ist und sie auch in Zukunft, trotz der ganzen
Vergünstigungen, die Sie da anpreisen, weiterhin
steigen wird?
Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Jens, ich bin
Ihnen für diese Frage dankbar, weil sie unseren
Willen, mit der einmal begonnenen Lohn- und
Einkommensteuersenkung auch in der nächsten
Legislaturperiode fortzufahren, nachhaltig unterstreicht.
Meine Bitte an Sie wäre: Helfen Sie, mit uns den
Weg zu bereiten, und fordern Sie nicht
Steuererhöhungen statt Steuersenkungen.
Ich will einen zweiten Punkt ansprechen, zumal
auch der Kollege Roth das heute morgen getan hat:
die Beschäftigungsentwicklung: Meine Damen und
Herren, vom Tiefpunkt der Beschäftigung im
vierten Quartal 1983 bis zum Ende des dritten Quartals
1985 ist ausweislich aller Statistiken die Zahl der
Beschäftigten in der Bundesrepublik Deutschland
um 240 000 gestiegen. Im vierten Quartal 1985 ist
die Zahl der Beschäftigten — auch nach den
Schätzungen des DIW in Berlin — um noch einmal
100 000 angestiegen. Summe also: 340 000
zusätzliche Beschäftigte.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Zuhören, Herr
Ehrenberg!)
Alle Experten erwarten, daß wir im Jahre 1986 noch
einmal etwa 300 000, 350 000, vielleicht sogar 400 000
zusätzliche Arbeitsplätze bekommen werden. Das
heißt, wir werden mit rund 700 000 mehr
Arbeitsplätzen in das Ende des Jahres 1986 und den
Anfang des Jahres 1987 hineingehen als auf dem
Tiefpunkt der Beschäftigungsentwicklung. Ich erwähne
das hier deswegen, meine Damen und Herren, weil
der Kollege Roth — er hat sich vorhin bei meiner
Zwischenfrage um eine Antwort gedrückt — noch
in der letzten Woche eine Erklärung unter der
Überschrift „Fälschern das Handwerk legen"
abgegeben hat, weil er zu dem — ich möchte es
zurückhaltend sagen — Kunstgriff gegriffen hat, nicht den
Tiefpunkt der Beschäftigungsentwicklung, den Sie
uns hinterlassen haben,
(Stockhausen [CDU/CSU]: Sehr richtig!)
sondern schnell die Jahresdurchschnittszahlen zum
Maßstab zu nehmen und damit zu einer niedrigeren
Beschäftigtenentwicklung zu kommen. Lieber Herr
Roth, nicht wir haben gefälscht, sondern Sie haben
sich, um es freundlich zu sagen, geirrt. Sie sollten
hier herkommen und zugeben, daß wir mit dem
Zuwachs von 340 000 Beschäftigten, den Sie
bestritten haben und den selbst Professor Krupp in Berlin,
Ihr Wirtschaftsberater, zugibt, einen großen Erfolg
im Interesse von Millionen Arbeitnehmern erreicht
haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter,
dies veranlaßt den Abgeordneten Peter, eine
Zwischenfrage stellen zu wollen.
Wissmann (CDU/CSU): Der Herr Abgeordnete
Peter ist herzlich willkommen.
Peter (Kassel) (SPD): Herr Kollege Wissmann,
sind Sie vor dem Hintergrund der Aussage der
Bundesregierung, des Parlamentarischen
Staatssekretärs Vogt, daß zwar die Beschäftigtenzahl gestiegen,
aber die Zahl der Jahresarbeitsstunden seit 1982
kontinuierlich gesunken ist,
(Zuruf von der CDU/CSU: Logo!)
bereit, Ihre Aussage über die Beschäftigungszahl
dahin gehend zu relativieren, daß dies das Ergebnis
von Umverteilung vorhandener Beschäftigung sein
muß?
Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Peter, ich
finde alle einfachen oder parteipolitisch verengten
Erklärungen der erfreulichen Entwicklung falsch.
Natürlich hat auch die Entwicklung im Bereich der
Arbeitsstundenzahl zu dieser Entwicklung
beigetragen.
(Zuruf von der SPD: Aha!)
Aber an einem ist doch nicht vorbeizureden, meine
Damen und Herren: Seitdem wir wieder
Wachstumszahlen und nicht Minus-Entwicklung haben,
seitdem wir wieder mehr Existenzneugründungen
als Pleiten haben, steigt die Beschäftigtenzahl
wieder deutlich.
(Vo r s itz : Vizepräsident Westphal)
Ich bin froh, wenn es auch andere Entwicklungen
gibt, die diesen erfreulichen Prozeß begleiten. Ich
bin nicht dafür, das, was wir hier als erfreuliche
Bilanz gemeinsam feststellen können,
parteipolitisch kleinkariert auf einen einzigen Grund zu
verengen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Westphal: Herr Abgeordneter, es
gibt noch den Wunsch nach einer weiteren
Zwischenfrage. Sind Sie dazu bereit?
Wissmann (CDU/CSU): Gern, eine letzte
Zusatzfrage.
Vizepräsident Westphal: Herr Kollege Roth, bitte.
Roth (SPD): Lieber Herr Wissmann, ich habe
folgende Frage: Ist es nicht auch für Sie bestürzend,
(Kittelmann [CDU/CSU]: Nein!)
daß wir ausweislich der von Ihnen zitierten
Statistik im Durchschnitt des Jahres 1985 22,253
Millionen Beschäftigte und im weltwirtschaftlichen
Krisenjahr 1982 , also vier Jahre vorher — jeder weiß,
daß das das Jahr der Ölpreiskrise und der
Verwerfungen weltweit war —, 22 436 000 Beschäftigte
hatten, also fast 200 000 mehr, und müßte es nicht auch
Ihrer Meinung nach uns alle bestürzt machen, daß
im vierten Aufschwungjahr weniger Beschäftigung
vorhanden ist als zum Tiefpunkt der Krise?
Wissmann (CDU/CSU): Herr Kollege Roth,
natürlich wissen wir — der Wirtschaftsminister hat es
vorhin gesagt —, daß wir hinsichtlich der
Beschäftigtenentwicklung bisher nur einen Teil dessen
wieder haben aufholen können, was — u. a. durch die
Wirtschaftspolitik der früheren Regierung
beeinflußt — in der Zeit zuvor verlorengegangen war.
Aber deswegen ist es ja so erfreulich, daß der
Sachverständigenrat in seinem Gutachten sagt: Es ist in
der Bundesrepublik auch in der Zukunft eine
größere Chance für eine positive
Beschäftigungsentwicklung da als in jedem anderen Land in Europa.
Ich finde, das gibt Anlaß zu einem vernünftigen
Optimismus.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich auf
einen Aspekt hinweisen, der heute noch nicht
erwähnt worden ist und der gerade für die CDU/CSU-
Bundestagsfraktion von besonderer Bedeutung ist.
Wir haben wieder Wachstumszahlen. Die
vorsichtige Schätzung der Bundesregierung für 1986 sagt
3 % voraus. Viele Auguren meinen inzwischen, auch
eine 4 vor dem Komma sei realistisch. Es gibt keine
bessere Zeit für einen von der Union lange
vertretenen Grundgedanken, den wir heute erneut ins
Bewußtsein rufen wollen, nämlich die
Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand wieder stärker zu
forcieren. Denn nur in Zeiten des Wachstums, in
Zeiten, in denen es reale Einkommenszuwächse der
Arbeitnehmer bei niedriger Inflationsentwicklung
geben kann, gibt es die Chance, daß auch in
Tarifabschlüsse Vermögensbildungsleistungen eingebaut
werden.
Sie wissen, die Bundesregierung und die
Koalitionsfraktionen legen einen Entwurf zu einer
zweiten Stufe der Vermögensbildung mit dem Ziel vor,
die Ausgabe von Belegschaftsaktien zu
begünstigen, mit der Zulassung von
Kapitalanlagegesellschaften, mit Beteilgungs-Sondervermögen im
Investmentgesetz, also mit dem Ziel, den
Tarifparteien, Arbeitgebern und Gewerkschaften, anzubieten,
stärker als bisher die Chancen zur
Vermögensbildung zu nutzen.
Meine Damen und Herren, bis Ende des
vergangenen Jahres sind 17 Tarifverträge über
vermögenswirksame Leistungen abgeschlossen worden.
Rund 400 000 Arbeitnehmer kamen in deren Genuß.
Mehr als 90 000 Verträge über den Kauf von
Aktienvoranteilen sind abgeschlossen worden. Das ist ein
erfreuliches Zeichen, aber es ist nicht genug.
Ich will die Gelegenheit dieser Debatte über den
Jahreswirtschaftsbericht nutzen, um nicht nur die
Kollegen der SPD aufzufordern, unseren Entwurf
zu einer zweiten Stufe zu unterstützen, sondern um
auch Gewerkschaftsvertretern und
Arbeitgebervertretern zu sagen: Jetzt, in einer Zeit des Wachstums,
der realen Einkommenszuwächse und der
niedrigen Preissteigerungen, ist die Stunde,
Vermögensbildungsanteile in Tarifverträge einzubauen. Wir
wollen mit dazu beitragen, daß Millionen Menschen
am Produktivkapital beteiligt werden. Wir wollen
nicht die klassenkämpferische Strategie des Herrn
Janßen, die er bei den GRÜNEN vertreten hat, mit
-
unterstützen, sondern wir wollen die
Partnerschaftsstrategie, für die auch ein Mann wie Herr
Rappe steht, stärker als bisher ins Bewußtsein
breiter Bevölkerungskreise rufen, meine Damen und
Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir wollen ein zweites. Wir wollen den erfreulich
belebten Gedanken der Existenzgründung junger
Leute noch stärker als bisher auch ins Bewußtsein
jener Kreise tragen, die sich bisher nicht zur
Selbständigkeit entschließen konnten. Im vergangenen
Jahr dürften etwa 318 000 Existenzen neu
gegründet worden ein. Seit dem Sommer 1984 werden in
der Bundesrepublik erfreulicherweise insgesamt
wieder mehr Existenzen neu gegründet, als
Existenzen durch Konkurs, Vergleich oder natürliches
Ausscheiden verlorengehen.
Wir sollten diesen Prozeß weiter unterstützten.
Wir sollten mit dazu beitragen, daß der Gedanke
der Existensgründungsansparverträge stärker als
bisher ins breite Bewußtsein getragen wird. Ich
füge hinzu: Wir sollten dazu beitragen, daß die
Programme von Bund und Ländern zur
Existenzgründung so abgestimmt und so unbürokratisch
gemacht werden — hier bestehen häufig noch
Hindernisse —, daß sie für den potentiellen
Existenzgründer attraktiv sind. Wir wissen: Jeder, der eine
Existenz neu gründet, schafft nach einigen Jahren drei
bis vier neue Arbeitsplätze. Wenn es uns gelingt,
diese Existenzgründungswelle zu beschleunigen,
schaffen wir mehr neue Arbeitsplätze als durch
jedes SPD-Wirtschaftsprogramm.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich, um
die Alternative klar auszusprechen, nur noch
einmal sagen: Der entscheidende Unterschied
zwischen der Wirtschaftspolitik dieser Regierung der
CDU/CSU und der FDP und derjenigen von SPD
und GRÜNEN ist, daß wir darauf setzen, durch
Steuerentlastung die Investitionsbereitschaft und
die Leistungsbereitschaft von Unternehmen und
Arbeitnehmern zu unterstützen, während Sie
darauf setzen, die Steuerbelastung von Unternehmen
und Bürgern durch Ölimportsteuer, durch
Chemiesteuer, durch eine 10 %ige Abgabenerhöhung, wie
sie gar Herr Farthmann vorschlägt, und durch
andere Formen von Energiesteuern zu erhöhen.
Meine Damen und Herren, damit töten Sie den
Aufschwung ab und vernichten Arbeitsplätze.
Deswegen bitte ich Sie: Denken Sie um, helfen
Sie mit, daß ein freiheitliches Wirtschaftskonzept in
Zukunft auch in der Sozialdemokratischen Partei
auf breitere Unterstützung stößt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Dr. Mitzscherling.
Dr. Mitzscherling (SPD): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen! Meine Herren! Wachstum,
Preisstabilität, Außenhandelsüberschüsse, mehr
Arbeitsplätze — ein großer Erfolg der
Wirtschaftspolitik der Bundesregierung; so hat es der
Bundeswirtschaftsminister erklärt.
(Zustimmung bei der CDU/CSU und der
FDP)
Es gibt nur einen leichten kleinen Schatten: Wir
haben eben ein bißchen Massenarbeitslosigkeit.
Keiner von uns leugnet, daß das Jahr 1986 ein
gutes Jahr werden wird, um das klipp und klar zu
sagen.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Aber wir wollen dabei doch nicht verdrängen, daß
das, was dieser Jahreswirtschaftsbericht
beschreibt, Maßstab für Beurteilungen ist. Wenn ich
diesen Maßstab der eigenen Erwartungen anlege,
meine Damen und Herren von der
Regierungskoalition, dann ist die Gleichung, wie heute schon gesagt
wurde, nicht aufgegangen: Lohnzurückhaltung,
vermehrte Gewinne — sie sind in der Tat in den
letzten Jahren gestiegen — gleich viel mehr
Investitionen und gleich erheblich mehr Arbeitsplätze. Das
alles hat nicht stattgefunden. 1984 ist ein
Investitionsboom ausgeblieben.
Die Anlageinvestitionen der Unternehmen —
Herr Bangemann, das steht in Ihren
Wirtschaftsberichten —, und zwar ohne Wohnungsbau, aber
einschließlich der Wirtschaftsbauten und der
Ausrüstungen, sind nur um 0,6 % gestiegen. Im Jahre 1985
sind sie nur um 4,7 % gestiegen, auch unter den
Erwartungen, die Sie selbst im Jahr zuvor hatten.
Es ist also kein Investitionsboom gewesen. Davon
kann keine Rede sein, trotz aller glänzenden
Gewinne und trotz des Verzichts der Arbeitnehmer
auf erhebliche Teile ihres Lohns.
Die Frage, warum nicht investiert wurde, ist im
wesentlichen mit drei Gründen zu beantworten. Der
erste Grund waren die schlechten
Absatzerwartungen im Inland. Der zweite Grund war, daß die
Unternehmen durch die Dollarkursentwicklung und
die Aberwitzigkeit dieses Kurses wesentlich
irritiert waren. Der dritte Grund war, daß die
Realzinsen zu hoch waren und die Entscheidungen der
Unternehmer, erhebliche Teile ihrer Gewinne in
Geldvermögen anzulegen, erleichtert haben.
(Dr. Ehrenberg [SPD]: Das weiß nur Herr
Bangemann nicht!)
Ihre wirtschaftspolitische Strategie, Herr
Bangemann, durch eine rapide Umverteilung zugunsten
der Unternehmen die Investitionen anzuregen, ist
aus diesen Gründen bislang nicht aufgegangen. Das
hat sich in den letzten Monaten etwas geändert. Es
zeigen sich erste Anzeichen einer Verbesserung der
Investitionstätigkeit.
Wir wollen uns nicht darüber streiten: Es ist
eindeutig so, daß erhebliche Teile dessen, was Sie als
Ihren wirtschaftlichen Erfolg verbuchen, auf äußere
Einflüsse zurückzuführen ist. Die weltweite
Konjunkturerholung, der amerikanische
Wirtschaftsaufschwung, der gewaltige Dollaranstieg — das hat
Ihnen ein Exportkonjunkturprogramm beschert,
aber investiert wurde deshalb kaum. Wir haben Sie
immer vor dem Glauben gewarnt, daß die
Unternehmen allein wegen günstiger
Gewinnentwicklung investieren würden. Wir haben Ihnen stets
gesagt: Es müssen Absatzerwartungen hinzukommen,
und zwar sowohl im Inland als auch im Ausland.
Stabile Absatzerwartungen auf dem
Auslandsmarkt bedeuten in jedem Fall kalkulierbare
Wechselkursentwicklungen.
Wir haben Sie immer wieder gedrängt, die
Weltwirtschaftsgipfel dazu zu nutzen, internationale
Absprachen über eine Stabilisierung der
Wechselkursentwicklung zu erreichen. Dagegen haben Sie
sich massiv gesträubt. Sie haben gesagt: Das ist die
Entscheidung des Marktes.
Jetzt gibt es Devisenmarktinterventionen, die Sie
zunächst verteufelt haben. Erst unter dem Druck
des amerikanischen Finanzministers Baker haben
Sie sich schließlich eines Besseren besonnen.
Inzwischen ist der Dollar gesunken. Wenn man
den Unternehmensumfragen glaubt, dann ist bei
einem heutigen Dollarkurs von 2,31 DM für viele
Unternehmen die „Schmerzgrenze" deutlich erreicht.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Bringen Sie doch
einmal Beispiele dazu!)
Seit Mitte letzten Jahres sinken die in D-Mark
gerechneten deutschen Ausfuhrpreise. Das heißt, daß
viele Unternehmen seit einem halben Jahr ihre
DM-Preise zurücknehmen müssen, um
international konkurrenzfähig zu bleiben. Die Gewinne
schrumpfen. Das bedeutet, daß die Exporterträge
schlechter werden. Dennoch propagieren Sie, der
Investitionsboom werde jetzt erst so richtig
beginnen. Was spricht denn eigentlich dafür? Ist es nicht
genausogut möglich, daß die Unternehmen, wie sie
in den letzten Jahren Geldvermögen angesammelt
haben, nun erhebliche Teile dieses Vermögens
dafür verwenden, um im Ausland, wo viele ihrer
Absatzmärkte liegen, neue Unternehmen zu kaufen?
(Zuruf von der CDU/CSU: Ja!)
Und sind denn die extrem hohen Realzinsen von
gegenwärtig 5 1 /2 bis 6 % nicht ebenfalls ein
Hemmnis für mehr Unternehmensinvestitionen? Japan
hat in letzter Zeit seine Zinsen drastisch gesenkt,
um die Binnenkonjunktur anzustoßen. Sie, Herr
Bangemann — das wurde ja heute schon gesagt —,
haben damals bei Ihrem Amerikabesuch
ausgeplaudert, es stehe eine konzertierte Zinssenkungsrunde
bevor, um eine von uns immer wieder geforderte
akkordierte Zinssenkungsbemühung einzuleiten.
Das wäre nötig gewesen. Aber dazu ist es leider
nicht gekommen.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren von der Koalition, Sie
können sich heute so viel bejubeln, wie Sie wollen,
und das Jahr 1986 mag noch ein ausgezeichnetes
Exportjahr werden. Aber die Exportkonjunktur
geht zu Ende. Sie muß zu Ende gehen. Denn die
USA wollen und müssen von ihrem enormen
Handelsbilanzdefizit herunterkommen, und dies kann
nur zu Lasten der Leistungsbilanz der
Bundesrepublik und der Leistungsbilanz der Japaner gehen.
Wir Sozialdemokraten haben Sie schon im letzten
Jahr aufgefordert, für diesen Fall Vorsorge zu
treffen und einiges zur Stärkung der
Binnenkonjunktur zu tun. Übrigens standen wir mit dieser
Forderung nicht allein. Auch Graf Lambsdorff verlangte
Steuertarifkorrekturen in einem Schritt, und Herr
Strauß warnte davor, sich zu Tode zu konsolidieren.
Nur, Herr Stoltenberg hat dies alles abgelehnt.
Sie müßten heute bei einem Dollarkurs von 2,31
DM — und es ist noch keinesfalls ausgemacht, ob
dieser Kursabschwung damit schon zu Ende ist —
über solche Maßnahmen ernsthaft nachdenken,
wenn — Sie haben Glück — Saudi-Arabien nicht
einen Preiskrieg begonnen hätte, Herr Kittelmann.
Dann hätten Sie nicht diese Schützenhilfe gehabt,
die Ihnen heute ein Konjunkturprogramm zur
Stärkung der Binnennachfrage beschert hat.
(Dr. Schwörer [CDU/CSU]: Das Glück des
Tüchtigen!)
Wir sollten uns darüber im klaren sein, Herr
Schwörer, daß wegen der sich erhöhenden
Produktivität damit noch keine Entlastung für den
Arbeitsmarkt verbunden sein muß. Das sagt übrigens das
Ifo-Institut.
Aber natürlich: Diese Ölpreissenkung ist ein
Konjunkturprogramm — allerdings, und das kann
keiner heute sagen, möglicherweise nur für ein bis
zwei Jahre. Keiner weiß, wie lang das dauern wird.
Man muß davon ausgehen, daß der Ölpreiskrieg
gänzlich andere Ziele verfolgt, nämlich die
Kartellpartner zu größerer Disziplin zu bekehren und die
bisherigen Außenseiter in das Kartell
hineinzuzwingen.
Es wäre also völlig verfehlt, zu glauben, daß sich
nun alle Probleme von selber lösen, daß die
Wirtschaftspolitik richtig war und daß alles, was von
anderen vorgeschlagen wird von vornherein
unsinnig ist. Dies wird Sie nicht davon abhalten dürfen,
international tätig zu bleiben. Es wird nach wie vor
darauf ankommen, die Verschuldungsprobleme in
der Dritten Welt, die sich in einigen Staaten infolge
des Ölpreisverfalls enorm verschärft haben,
anzupacken. Es gibt nach wie vor die amerikanischen
Haushaltsprobleme. Es gibt Untersicherheit im
Weltwährungssystem. Schließlich halten die
protektionistischen Tendenzen an, die uns durch
unrealistische Wechselkurse beschert worden sind, und
erfahren neuen Auftrieb.
Aber, Herr Bangemann, auch unsere
Handelspolitik ist weiter gefordert. Sie haben im vorigen
Herbst dazu etwas, wie Sie sagten, völlig Neues
vorlegen wollen: ein in sich geschlossenes
Außenhandelskonzept mit neuen Möglichkeiten. Das entpuppt
sich bei näherem Hinsehen als eine gute,
säuberliche Zusammenstellung der bisherigen
außenwirtschaftlichen Aktivitäten. Aber es ist im
wesentlichen auf Exportförderungsmaßnahmen gerichtet.
Doch nicht nur darum kann es gehen. Wer
exportieren und Absatzmärkte sichern und erhalten will,
muß sich auch Gedanken darüber machen, wie man
Import fördern kann. Denn wir müssen
importieren. Das gilt in besonderem Maße für den Ost-West
-
Handel. Der Bundeskanzler hat erst kürzlich
erklärt, die Möglichkeiten wirtschaftlicher
Zusammenarbeit zwischen Ost und West seien noch nicht
ausgeschöpft. Recht hat er. Doch, meine Damen und
Herren von der Koalition, eines muß klar sein: Der
Handel mit den RGW-Staaten wird nur dann
auszuweiten sein, wenn wir diese Staaten beim Absatz
ihrer Produkte bei uns und auf Drittmärkten und
bei der Modernisierung ihrer Produktion noch
mehr unterstützen. Auch das ist
Außenwirtschaftspolitik, Herr Bangemann. Denn erst dann kann sie
zu einer wirklichen Politik der Zusammenarbeit
zwischen Ost und West und West und Ost werden.
Wir Sozialdemokraten haben mit Willy Brandt
und Helmut Schmidt diese Politik vorangebracht,
weil sie der Entspannung dient. Wir fordern Sie auf,
alle Möglichkeiten zu nutzen, diese Politik
fortzusetzen und auszubauen, damit der Frieden auch
durch Handel sicherer wird.
Ich bedanke mich.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Westphal: Das Wort hat der
Abgeordnete Kittelmann.
Kittelmann (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Die Gewichte in der
Diskussion über den Jahreswirtschaftsbericht 1986 wären
noch vor wenigen Wochen von vielen Rednern
anders gelagert worden. Der unerwartete und radikale
Verfall der Erdölpreise zeigt, wie viele Prognosen
schnellebig sind und sich rasch verändern können.
Für die CDU/CSU heißt das, unabhängig von
Prognosen unsere erfolgreiche Wirtschaftspolitik
fortzusetzen. Das betrifft nicht nur die inzwischen —
Herr Mitzscherling, ich kann mich an Ihre Rede vor
einem Jahr erinnern —
(Roth [SPD]: Den Bausektor in Berlin!)
erfreuliche Entwicklung in der Binnenwirtschaft,
sondern auch kontinuierliche, durch flankierende
Hilfe sich abzeichnende Erfolge in der
Außenwirtschaft.
Im Bereich des Wirtschaftswachstums hat die
Außenwirtschaft wesentlich zur Kontinuität
beigetragen. Wir wissen, daß eine kontinuierliche
positive Wachstumsentwicklung nicht allein auf den
Export gestützt werden kann. Deswegen freuen wir
uns, daß jetzt auch binnenwirtschaftlich die
Impulse immer stärker werden.
Die Sozialdemokraten haben das immer
angezweifelt.
(Schreiner [SPD]: Wer hat Ihnen denn das
aufgeschrieben?)
Zu den letzten Daten, die Sie, Herr Mitzscherling,
eben genannt haben, darf ich kurz feststellen:
Unsere Wirtschaftspolitik hat dazu geführt — die
Zahlen beweisen es; wenn Sie doch nur einmal die
Statistik richtig lesen würden! —, daß sich das
Investitionsklima nachhaltig verbessert hat. Die
Investitionspläne der Unternehmen erhöhen sich in letzter
Zeit kräftig. Einige Branchen vermelden bereits
Kapazitätsengpässe. Fast ein Drittel aller
Unternehmen nennt als Hauptinvestitionsmotiv die
Kapazitätserweiterung. Das kommt unserer
internationalen Wettbewerbsfähigkeit zugute. Die
Unternehmen richten sich auf Expansion ein.
Ich habe ja Verständnis dafür, daß den
Sozialdemokraten diese positive Politik nicht paßt, weil sie
ihren Wählern zu erklären versuchen, daß sie die
bessere Politik machen. Aber man kann doch
deshalb nicht so brutal an der Wahrheit vorbeigehen.
Unsere Wettbewerbsfähigkeit hat sich — im
Gegensatz zu dem, was immer wieder gesagt wird —
in den letzten Jahren erheblich verbessert. Die
meisten unserer Produkte können sich trotz des sich
abschwächenden Dollarkurses auf den
internationalen Märkten behaupten.
Herr Roth hat ja seine erste Viertelstunde nur zu
Plaudereien genutzt. Er hätte sie an sich sehr gut
nutzen können, um uns einmal klarzumachen, wo
eigentlich das Wirtschaftsprogramm der SPD
bleibt. Dann hätte man eindeutig feststellen
können, welches eigentlich die Alternative ist; denn
auch uns käme es zugute, wenn konkrete Impulse
von Ihnen kämen. Wo etwas zu lernen ist, wollen
wir das schließlich auch aufnehmen.
(Zurufe von der SPD)
Ich darf zu den Ölpreissenkungen folgendes
sagen. Für den Bundesbürger ergibt sich aus dem
Verfall des Ölpreises — so die Bundesbank — ein
realer Wohlstandsgewinn von etwa 16 Milliarden
DM. Vielleicht ist er sogar höher. Wir wissen, die
derzeitigen Ölpreissenkungen sind durch drei
Entwicklungen eingetreten. Erstens. Durch den
Kursrückgang des Dollars sind die Öleinfuhren labil
geworden. Zweitens. Der Einsatz anderer
Energieressourcen hat dazu geführt, daß das Öl in
verschiedenen Marktbereichen durch andere Energieträger,
wie z. B. die Kernenergie und die Kohle, ersetzt
wurde. Drittens. Mit dem Ersetzen des Rohöls
durch andere Energieträger und der Erschließung
des Nordseeöls ist das OPEC-Kartell
zusammengebrochen. Durch ein gleichzeitiges Auftreten dieser
drei Faktoren wird der Verfall des Ölpreises
begünstigt.
Diese kurzfristigen Signale können nicht als
Indikator für die langfristige Entwicklung des Preises
am Weltenergiemarkt gesehen werden. Die
derzeitige Entwicklung am Mineralölmarkt ist kein Indiz
für einen Überfluß an Rohöl. Ö1 bleibt aus
geologischen Gründen ein knappes Gut, und wir haben
allen Anlaß, dies immer wieder in Erinnerung zu
bringen. Verbraucher und Unternehmen in der
Bundesrepublik Deutschland sollten sich daher in
ihre
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Abschließende Stellungnahme der Bundesregierung zum Fall Kargbo; Asylgewährung für eine in der Bundesrepublik Deutschland lebende Verwandte (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → "Aktivitäten des BND bei der Nachforschung nach Dioxinabfällen im Jahre 1983" (G-SIG: 10003712) (Aussprache)
- part_of_vorgang → Anrechnung des Erziehungsgeldes auf andere Sozialleistungen für Rentnerinnen aufgrund des Gesetzes zur Neuordnung der Hinterbliebenenversorg (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Antrag auf Feststellung der Beschlußfähigkeit bei der Beratung des Antrags betr. Rüstungsexportstatistiken (G-SIG: 10003721) (Antrag zur Geschäftsordnung)
- part_of_vorgang → Begrüßung von Mitgliedern der Kommission für die Zusammenarbeit mit den Parlamenten und der Öffentlichkeitsarbeit der WEU (G-SIG: 10003704) (Ansprache)
- part_of_vorgang → Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen (G-SIG: 10003633) (Beratung)
- part_of_vorgang → Effektivität des Goethe-Instituts in Dar-es-Salam; Auswirkungen des geplanten Kulturabkommens mit Tansania (G-SIG: 10052469) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Einfluß der Strompreise auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie (G-SIG: 10043848) (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Einführung eines Arbeitsmarktberichts durch die Bundesregierung (G-SIG: 10001647) (Beratung)
- part_of_vorgang → Einsatz des Staatssicherheitsdienstes der DDR in Nicaragua und Kambodscha (G-SIG: 10043842) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zum Antrag betr. Verbesserung der Ausbildungssituation junger Frauen bei der Deutschen Bundespost (G-SIG: 10003433) (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zum Jahreswirtschaftsbericht 1986 der Bundesregierung (G-SIG: 10003706) (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Erklärung der Bundesregierung zu den Aktivitäten des Bundesnachrichtendienstes bei der Nachforschung nach Dioxinabf (Aussprache)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Großen Anfrage betr. Frauen im öffentlichen Dienst (G-SIG: 10002215) (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Großen Anfrage betr. haushaltspolitische, ökologische und entwicklungspolitische Risiken der Ausfuhrbürgschaften (G (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Großen Anfrage betr. haushaltspolitische, ökologische und entwicklungspolitische Risiken der Ausfuhrbürgschaften (G (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Großen Anfrage betr. Lieferbindung und Mischfinanzierung in der bundesdeutschen Entwicklungshilfe (G-SIG: 10003713) (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Großen Anfrage betr. Lieferbindung und Mischfinanzierung in der bundesdeutschen Entwicklungshilfe (G-SIG: 10003714) (Beratung)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Unterrichtung durch die Parlamentarische Kontrollkommission betr. private Zuwendungen an den Bundesnachrichtendiens (Aussprache)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zur Unterrichtung durch die Parlamentarische Kontrollkommission betr. private Zuwendungen an den Bundesnachrichtendiens (Aussprache)
- part_of_vorgang → Erfolg der Umschulungsmaßnahmen für Arbeitslose durch die Bundesanstalt für Arbeit (G-SIG: 10043755) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Erkenntnisse der Bundesregierung über den Tod des Smart Alpha Kargbo in einem Gefängnis in Sierra Leone (G-SIG: 10049607) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Förderung der Ausdehnung der Industriestärke aus landwirtschaftlichen Rohstoffen (G-SIG: 10052465) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst (G-SIG: 10002372) (Beratung)
- part_of_vorgang → Gefährdung der Altölentsorgung durch Kurzarbeit bei der Dr.Dr. Meier AG (Uetze) (G-SIG: 10052466) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Geschäftsordnungsantrag der Fraktion DIE GRÜNEN auf Vertagung der Sitzung (G-SIG: 10003720) (Antrag zur Geschäftsordnung)
- part_of_vorgang → Gründung von sogenannten Milchquoten-Banken in den Niederlanden (G-SIG: 10043849) (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Haushaltspolitische, ökologische und entwicklungspolitische Risiken der Ausfuhrbürgschaften (G-SIG: 10002978) (Beratung)
- part_of_vorgang → Herausgabe von Gedenkmünzen aus Silber zum Nennwert von DM 10.- (G-SIG: 10049604) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Hinausschiebung des Stillegungstermins (Oktober 1986) des Kaltwalzwerks der Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte in Maxhütte-Haidhof; Sch (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Jahresgutachten 1985/86 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (G-SIG: 10003353) (Beratung)
- part_of_vorgang → Jahreswirtschaftsbericht 1986 der Bundesregierung (G-SIG: 10003622) (Beratung)
- part_of_vorgang → Lieferbindung und Mischfinanzierung in der bundesdeutschen Entwicklungshilfe (G-SIG: 10002830) (Beratung)
- part_of_vorgang → Nachlassender Leistungswille aufgrund der Steuerbelastung mit steigendem Einkommen (G-SIG: 10049541) (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Politik zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und Überwindung der Wachstumsschwäche (G-SIG: 10002641) (Beratung)
- part_of_vorgang → Präsidentschaftswahlen auf den Philippinen (G-SIG: 10043843) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Private Zuwendungen an den Bundesnachrichtendienst im Jahre 1983 (G-SIG: 10003694) (Aussprache)
- part_of_vorgang → Reformen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Voraussetzung für Selbsthilfe in der Dritten Welt (G-SIG: 1000317 (Beratung)
- part_of_vorgang → Rüstungsexportstatistiken (G-SIG: 10002299) (Antrag zur Geschäftsordnung)
- part_of_vorgang → Stärkung und Verstetigung der Bautätigkeit (G-SIG: 10002516) (Beratung)
- part_of_vorgang → Streichung des Themas Menschenrechtsverletzung in Osttimor von der Tagesordnung der UN-Menschenrechtskommission aufgrund der Ausführungen de (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Über den Antrag betr. Vertriebsverbot für Krügerrand-Goldmünzen (G-SIG: 10003701) (Namentliche Abstimmung (WP 08–11))
- part_of_vorgang → Über den Entschließungsantrag zur Großen Anfrage betr. Lieferbindung und Mischfinanzierung in der bundesdeutschen Entwicklungshilfe (Drs 10/ (Namentliche Abstimmung (WP 08–11))
- part_of_vorgang → Umfang des Einsatzes von DDR-Bauarbeiter-Kolonnen auf Baustellen in der Bundesrepublik Deutschland; Schutz der arbeitslosen deutschen Bauhan (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Unfallversicherungsschutz für die Wege zu und von Vorstellungsgesprächen (G-SIG: 10043851) (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Untersuchungen über nachlassenden Leistungswillen mit zunehmendem Einkommen bei unselbständig Beschäftigten und den Mitgliedern wissenschaft (Nichtbeantwortung)
- part_of_vorgang → Verbesserung der Ausbildungssituation junger Frauen bei der Deutschen Bundespost (G-SIG: 10001289) (Beratung)
- part_of_vorgang → Verhinderung der Einfuhr von nach dem Washingtoner Artenschutz-Abkommen geschützten Tierprodukten, deren Begleitpapiere offenbar gefälscht s (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Verhinderung des Beitritts Spaniens zur NATO über die Partei der Spanischen Sozialisten durch deutsche politische Kräfte (G-SIG: 10052461) (Mündliche Antwort)
- part_of_vorgang → Veröffentlichung von Lohnleitlinien vor Tarifverhandlungen durch die Bundesregierung (G-SIG: 10049601) (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Vertriebsverbot für Krügerrand-Goldmünzen (G-SIG: 10002956) (Beratung)
- part_of_vorgang → Widerspruch zwischen einer Untersuchung des Arbeitsamtes Ludwigshafen und der Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Enquete-Komm (Schriftliche Antwort)
- part_of_vorgang → Zum Entschließungsantrag zum Jahreswirtschaftsbericht 1986 der Bundesregierung (G-SIG: 10003707) (Namentliche Abstimmung (WP 08–11))
- spoke_in ← Agnes Hürland-Büning (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Alfons Müller (Frage)
- spoke_in ← Alfred Emmerlich (Rede)
- spoke_in ← Annemarie Renger (Rede)
- spoke_in ← Axel Vogel (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Bernd Reuter (Frage)
- spoke_in ← Burkhard Hirsch (Rede)
- spoke_in ← Christian Schwarz-Schilling (Rede)
- spoke_in ← Claus Jäger (Frage)
- spoke_in ← Dieter Heistermann (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Dieter Spöri (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Dietmar Kansy (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Dietrich Sperling (Frage)
- spoke_in ← Dionys Jobst (Frage)
- spoke_in ← Doris Pack (Rede)
- spoke_in ← Erich Riedl (Frage)
- spoke_in ← Erwin Stahl (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Franz Heinrich Krey (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Friedrich Voss (Antwort)
- spoke_in ← Friedrich Zimmermann (Rede)
- spoke_in ← Georg Gallus (Antwort)
- spoke_in ← Gerhart Rudolf Baum (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Hans-Christian Ströbele (Rede)
- spoke_in ← Hans-Günther Toetemeyer (Rede)
- spoke_in ← Hansheinz Hauser (Rede)
- spoke_in ← Hans Klein (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Hans-Werner Senfft (Zur Geschäftsordnung BT)
- spoke_in ← Heidemarie Dann (Rede)
- spoke_in ← Heinrich Klein (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Heinz Günther Hüsch (Rede)
- spoke_in ← Heinz Menzel (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Helmut Haussmann (Rede)
- spoke_in ← Hendrik Auhagen (Rede)
- spoke_in ← Herbert Ehrenberg (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Herbert Hupka (Frage)
- spoke_in ← Herbert Lattmann (Rede)
- spoke_in ← Hermann Otto Solms (Rede)
- spoke_in ← Herta Däubler-Gmelin (Frage)
- spoke_in ← Honor Funk (Frage)
- spoke_in ← Horst Peter (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Horst Waffenschmidt (Rede)
- spoke_in ← Inge Segall (Rede)
- spoke_in ← Ingomar Hauchler (Rede)
- spoke_in ← Ingrid Matthäus-Maier (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Irmgard Schwaetzer (Rede)
- spoke_in ← Jan Oostergetelo (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Joachim Müller (Rede)
- spoke_in ← Jochen Borchert (Frage)
- spoke_in ← Jürgen Warnke (Rede)
- spoke_in ← Jürgen W. Möllemann (Antwort)
- spoke_in ← Klaus Beckmann (Rede)
- spoke_in ← Klaus-Dieter Kühbacher (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Klaus Immer (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Klaus Rose (Frage)
- spoke_in ← Klaus W. Lippold (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Ludger Volmer (Rede)
- spoke_in ← Ludolf-Georg von Wartenberg (Rede)
- spoke_in ← Ludwig Gerstein (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Ludwig Stiegler (Frage)
- spoke_in ← Manfred Reimann (Frage)
- spoke_in ← Martin Bangemann (Rede)
- spoke_in ← Martin Grüner (Antwort)
- spoke_in ← Matthias Wissmann (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Michael von Schmude (Rede)
- spoke_in ← Norbert Gansel (Rede)
- spoke_in ← Norbert Mann (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Peter Büchner (Zusatzfrage)
- spoke_in ← Peter Kittelmann (Rede)
- spoke_in ← Peter Mitzscherling (Rede)
- spoke_in ← Rita Süssmuth (Rede)
- spoke_in ← Rudolf Kraus (Rede)
- spoke_in ← Rudolf Ruf (Rede)
- spoke_in ← Rudolf Sprung (Rede)
- spoke_in ← Rudolf Walther (Frage)
- spoke_in ← Stefan Höpfinger (Antwort)
- spoke_in ← Theodor Waigel (Rede)
- spoke_in ← Thomas Schröer (Rede)
- spoke_in ← Uschi Eid (Frage)
- spoke_in ← Uwe Holtz (Rede)
- spoke_in ← Uwe Jens (Frage)
- spoke_in ← Volkmar Köhler (Rede)
- spoke_in ← Waltraud Steinhauer (Rede)
- spoke_in ← Winfried Pinger (Rede)
- spoke_in ← Wolfgang Roth (Zwischenfrage)
- spoke_in ← Wolfgang Rumpf (Rede)
- spoke_in ← Wolfgang Weng (Frage)