Rede von Markus Löning (FDP) – Plenarprotokoll 16/88
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Markus Löning (FDP) – Plenarprotokoll 16/88
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lassen
Sie mich zunächst meiner Freude darüber Ausdruck
geben, dass die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der
Europäischen Union hier in Berlin stattfinden und dass Sie,
Herr Steinmeier und Frau Bundeskanzlerin, die Staats-
und Regierungschefs nach Berlin eingeladen haben. Es
gibt wohl keine Stadt in Europa, die aufgrund der Mauer
so für die Teilung Europas steht und mit dem Fall der
Mauer auch ein Signal für die Überwindung der Teilung
gesetzt hat, wie Berlin. Ich glaube, es gibt auch keine
Stadt in Europa, die so deutlich macht, wie das neue,
moderne Europa aussehen kann, wie Berlin.
Europa lebt in Berlin. Hier treffen sich die jungen
Leute, die Künstler, die Studenten, Leute, die hier
arbeiten wollen, die an neuen, modernen Entwicklungen und
an völkerverbindenden und völkerübergreifenden
Beziehungen ohne Vorurteile interessiert sind. Sie arbeiten
zusammen, und sie studieren und feiern miteinander. Ich
finde, das ist richtig. Das brauchen wir nach 50 Jahren
EU hier in Berlin.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Herr Steinmeier, Sie haben gerade zum Thema
Berliner Erklärung das eine oder andere gesagt und von
einem Grundtenor gesprochen. Diese Berliner Erklärung
muss ja ein schreckliches Geheimdokument sein.
Noch nicht einmal zwei Tage bevor sie verabschiedet
wird, bekommen wir hier etwas davon zu hören.
(Thomas Silberhorn [CDU/CSU]: Diese
Diskretion wünschen wir uns bei der FDP-
Fraktion!)
Wir wünschen Ihnen von Herzen, dass das ein Erfolg
wird und dass Sie einen Impuls für die Renovierung der
europäischen Spielregeln setzen können; das ist doch
selbstverständlich. Eines sage ich hier aber ganz klar und
deutlich: Dieses Verfahren der Geheimdiplomatie hinter
verschlossenen Türen und unter Ausschluss nicht nur der
Öffentlichkeit, sondern auch der Parlamente ist für den
Fortgang der Verfassungsdiskussion absolut
inakzeptabel.
(Beifall bei der FDP und der LINKEN sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN und des Abg. Markus Meckel
[SPD])Es kann nicht sein, dass Regierungen versuchen, hier
etwas auszumauscheln, während der Bundestag, der diese
Verträge ratifizieren soll, an den Debatten nicht im
Geringsten beteiligt wird. Das ist inakzeptabel. Wir werden
mit aller Vehemenz einfordern, dass hier über den
Verfassungsvertrag berichtet und diskutiert wird.
(Beifall bei der FDP und der LINKEN sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN und des Abg. Markus Meckel
[SPD])
Sie haben unsere Unterstützung, wenn Sie einen
enorm ambitionierten Zeitplan vorlegen; denn eines ist
klar: Unsere Partner und die Bürger erwarten von uns
Handlungsfähigkeit; das ist oft angesprochen worden.
Handlungsfähigkeit heißt, dass wir den
Verfassungsprozess endlich zum Abschluss bringen müssen. Wenn wir
mit Partnern in Übersee bzw. außerhalb Europas reden,
dann kommt doch immer dieselbe Antwort auf die
Frage, wie es mit Europa weitergeht: Meine Güte, macht
endlich einmal eure Hausaufgaben! Verabschiedet zu
Hause endlich eure Spielregeln, damit wir wieder über
substanzielle Politik reden können! – Herr Steinmeier,
Sie haben unsere volle Unterstützung dafür, dass das
schnell über die Bühne geht. Nur so können wir als
Europäer letztendlich Handlungsfähigkeit zeigen.
Wir als Liberale erwarten von Ihrer
Ratspräsidentschaft, dass Sie Ihre Ziele höher stecken und im Juni
nicht nur sagen, dass Sie einen Zeitplan vorlegen. Es
muss mehr vorgelegt werden, zum Beispiel ein Mandat
für eine Regierungskonferenz. Es muss klargemacht
werden, dass dieser Text bis Ende des Jahres unter Dach
und Fach sein muss und dass es das Ziel ist, dass die
Kommission 2009 nach den neuen Spielregeln ins Amt
kommt und das Parlament nach den neuen Spielregeln
gewählt werden kann. Das müssen wir doch von uns
verlangen; ich verlange diesen Ehrgeiz an dieser Stelle auch
von der Bundesregierung.
Ich komme jetzt zu dem, was die Bürger von uns zu
Recht erwarten. Sie erwarten von uns, dass wir im
Bereich des Binnenmarktes etwas tun. Sie erwarten von
uns, dass die Europäische Union etwas tut, was ihnen
persönlich in ihrem Leben sichtbare und greifbare
Vorteile bringt. Sie erwarten von uns, dass die Europäische
Union etwas tut – ich nenne als Beispiel die Roaming-
Gebühren –, wodurch ihr tägliches Leben besser und
angenehmer gestaltet wird, und nicht, dass wir uns hier
über Spielregeln auseinandersetzen.
Ich wünsche der Bundesregierung viel Erfolg am
Wochenende. Ich wünsche mir, dass ein Impuls für Europa
und für den Verfassungsvertrag gegeben wird und dass
wir uns anschließend wieder auf die Substanz
europäischer Politik, auf eine EU, die Erfolge für unsere Bürger
produziert, konzentrieren können.
Vielen Dank.