Rede von Michael Stübgen (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/88
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Michael Stübgen (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/88
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Über die Römischen Verträge ist in den
vergangenen Tagen und Wochen viel geschrieben und – auch
hier im Parlament – noch viel mehr geredet worden,
sicherlich mehr als in den vergangenen 50 Jahren. Ich
denke, das ist auch richtig so; denn die Unterzeichnung
der Römischen Verträge vor 50 Jahren war ein
gewaltiges historisches Ereignis, von dem wir bis heute
profitieren. Es ist gut, dass wir dieses historische Datum am
kommenden Wochenende feiern und angemessen
würdigen. Aber – darin teile ich zu 100 Prozent die
Auffassung der Bundesregierung – uns geht es vor dem
Hintergrund der deutschen Ratspräsidentschaft an diesem
Wochenende um mehr als das würdige Andenken an die
Unterzeichnung der Römischen Verträge. Die
Geschichte hat uns immer wieder gezeigt, dass durch
zufälliges Zusammentreffen von Sachverhalten und
Ereignissen – wenn sie nur mutig und tatkräftig genutzt wurden –
bedeutsame Veränderungen begonnen haben, die häufig
eine historische Dimension entfaltet haben.
Es ist zunächst ein Zufall, dass das 50-jährige
Jubiläum der Römischen Verträge mit der deutschen
Ratspräsidentschaft zusammenfällt und deshalb die
Feierlichkeiten in Berlin stattfinden, der Stadt, die über
Jahrzehnte das Symbol für die Teilung unseres
Vaterlandes und ganz Europas war. Wir haben hier vor 17 Jahren
die Mauer niedergerissen und damit auf unserem
Kontinent und weltweit eine beispiellose Entwicklung
ausgelöst. Ich glaube, Berlin ist der richtige Ort, um den
festgefahrenen Verfassungsprozess der Europäischen Union
wieder in Gang zu bringen.
Von den Römischen Verträgen bis heute hat die
Europäische Union immer wieder Höhen und Tiefen erlebt.
Wir können uns ebenso an Bilder fröhlicher und
jubelnder Menschen erinnern wie an festgefahrene, fast
ausweglos erscheinende Situationen. Dennoch – das
zeichnet die europäische Politik besonders aus – hat die
Europäische Union es immer wieder geschafft,
voranzukommen. Sie hat es immer wieder geschafft, die neuen
Herausforderungen zu meistern.
Wo stehen wir heute? Sinnbildlich passt vielleicht der
Vergleich mit einem etwas stotternden Motor am besten.
Wir kommen zwar voran, aber mühselig. Manchmal
scheint es, als ob wir stehen bleiben könnten.
Die Berliner Erklärung kann die Initialzündung dafür
sein, dass der europäische Motor wieder rundläuft. Allen
Widrigkeiten zum Trotz möchte ich eines deutlich
herausstellen – ich glaube nicht, dass es in diesem Haus
dagegen Widerspruch gibt –: Die Europäische Union ist
alles in allem eine Erfolgsgeschichte. Die Europäische
Union hat Europa zu einem Kontinent gemacht, auf dem
die Menschen in Frieden, Freiheit, Demokratie undWohlstand leben können. Die Europäische Union ist das
erfolgreichste Friedensprojekt der Weltgeschichte.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten der FDP und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Wir in Deutschland sind heute von Freunden und
Partnern umgeben. Wir profitieren vom freien Handel in
Europa und sichern so bei uns Wohlstand und
Arbeitsplätze. Dabei war es gerade in den letzten Jahren eine
gewaltige Leistung, die Länder aus Mittel-, Ost- und
Südosteuropa voll in die Europäische Union zu
integrieren. Wir sind jetzt eine Gemeinschaft, die 480 Millionen
Menschen miteinander verbindet. Dabei ist die von allen
Mitgliedstaaten gezeigte Solidarität bei diesem
Erweiterungsprozess für mich besonders bemerkenswert. Es
liegt klar auf der Hand, dass für uns Deutsche die
Integration unserer östlichen Nachbarn im genuinen
nationalen Interesse gestanden hat und steht. Aber diesen
Erweiterungsprozess haben auch Länder wie Spanien,
Portugal und Italien mitgestaltet, die an ihren
Außengrenzen weiß Gott andere Probleme haben. Trotzdem
haben sie die Osterweiterung mitgestaltet. Das ist ein
Beispiel für gelebte Solidarität.
Ich will aktuell erwähnen, dass die Europäische
Union mit den Beschlüssen zum Klimaschutz auf dem
letzten Europäischen Rat weltweit eine Vorbild- und
Führungsfunktion in dieser so wichtigen
Menschheitsfrage eingenommen hat. Es liegt jetzt an uns, sie
umzusetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Europäische
Union hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder
dadurch ausgezeichnet, dass sie in schier ausweglosen
Situationen und festgefahrenen Verhandlungen neue
Wege beschritten hat, um wieder voranzukommen. So
war zum Beispiel das Modell der
Regierungskonferenzen für den Maastrichter Vertrag ausgesprochen
erfolgreich. Die darauf folgenden Regierungskonferenzen zur
Vertragsänderung – Amsterdam und Nizza – gestalteten
sich allerdings immer schwieriger. Die entscheidenden
Fragen, nämlich die institutionellen Reformen, konnten
nicht gelöst werden und wurden jeweils verschoben.
Spätestens mit dem Vertrag von Nizza wurde klar, dass
diese Methode allein nicht mehr ausreichend praktikabel
ist.
Wir haben dann in Europa zur Erarbeitung des
Grundrechtekatalogs die sogenannte Konventsmethode
entwickelt. Diese Methode zeichnet sich durch die
Beteiligung aller nationalen Parlamente, des Europäischen
Parlaments und aller europäischen Regierungen aus. Sie
war bei der Erarbeitung des Grundrechtekatalogs sehr
erfolgreich. Für die Erarbeitung des
Verfassungsvertrages wurde die Konventsmethode ebenfalls gewählt.
Nach langem, zähem Ringen ist durch diesen
Verfassungskonvent – wir haben in diesem Haus mehrfach
darüber diskutiert und mehrere große Anhörungen dazu
Michael Stübgendurchgeführt – der europäische Verfassungsvertrag als
ein gutes, wegweisendes, zukunftsweisendes Dokument
erarbeitet worden. Der Verfassungskonvent hat es
geschafft, die meisten offenen Fragen, zum Beispiel der
notwendigen institutionellen Reformen, zu lösen. Daran
sind vorher viele Regierungskonferenzen gescheitert.
Die Tatsache, dass bereits 18 Länder den Vertrag
ratifiziert haben, ist ein Beleg für die Qualität dieses
Entwurfes. Allerdings ist der Prozess durch die gescheiterten
Referenden in Frankreich und den Niederlanden ins
Stocken geraten.
Nun, nach mehr als zwei Jahren Denkpause, wird es
allerhöchste Zeit, dass wir wieder handeln. Die Methode
der Bundesregierung ist, auf Grundlage der Berliner
Erklärung einen Ansatz zur Lösung der
Verfassungsfrage für den Europäischen Rat im Juni dieses Jahres zu
erarbeiten. So werden die Verhandlungsführer der
Regierungschefs unmittelbar nach der feierlichen
Unterzeichnung der Berliner Erklärung die notwendigen
Beschlüsse für den Rat im Juni vorbereiten. Welcher Name
dann über dem Projekt steht, halte ich für zweitrangig.
Wenn damit Widerstände überwunden werden können,
kann eine neue Begriffsbestimmung sogar hilfreich sein.
Wichtig und entscheidend ist, dass die Substanz des
vorliegenden Verfassungsvertrages erhalten bleibt. So
müssen die Funktionsfähigkeit der europäischen
Institutionen verbessert, die Grundrechte eingebunden und die
Kompetenzen zwischen Europäischer Union und den
Mitgliedstaaten klar aufgeteilt sein. Wenn wir dann
schlussendlich dazu kämen, dass der Text des
Verfassungsvertrages vor allen Dingen im dritten Teil kürzer
und übersichtlicher gestaltet wird, beseitigten wir damit
sogar ein Defizit, wozu der Verfassungskonvent nicht in
der Lage war.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, allerdings
wird die Lösung der Verfassungsfrage durch die
Regierungschefs und möglicherweise alle nationalen
Parlamente in Europa eines unserer großen Probleme in der
gegenwärtigen Europapolitik nicht automatisch
beseitigen. Weite Teile der Bevölkerung in Europa stehen der
europäischen Integrationspolitik misstrauisch bis
ablehnend gegenüber. So haben zum Beispiel in
Deutschland laut einer Umfrage des Eurobarometers nur
42 Prozent der Deutschen ein positives Bild von Europa.
Woran liegt das? Das liegt sicherlich an der
Unübersichtlichkeit der jetzigen europäischen Strukturen und
mangelnder Kompetenzabgrenzung zwischen Europa und
den Nationalstaaten. Viele Bürger fühlen sich der
europäischen Politik ausgeliefert. Sie können nicht die
Zusammenhänge europäischer Entscheidungen verstehen,
und sie haben erst recht nicht das Gefühl, irgendeinen
Einfluss darauf nehmen zu können. Das zeigen uns auch
die europaweit beängstigend niedrigen Beteiligungen an
Europawahlen.
Wir müssen selbstkritisch feststellen, dass bei der
Frage, ob wir genügend Überzeugungsarbeit für dieses
Europa geleistet haben, die Bilanz für uns Politiker
mangelhaft ist. Wir müssen mehr dafür tun, dass in der
Bevölkerung ausreichendes Verständnis dafür geweckt
wird, dass der Verfassungsvertrag nicht das Problem,
sondern die Lösung vieler Probleme ist. Es gibt aber auch das objektive Problem der
mangelnden Zustimmung der Bevölkerung zu Europa, das wir
mit Beschlüssen und Verträgen alleine nicht lösen
können. Dafür brauchen wir Zeit. Wir sind jetzt nach einem
gigantischen Erweiterungsprozess 27 Mitgliedsländer
und 480 Millionen Menschen in dieser neuen
Europäischen Union. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich
die Bürgerinnen und Bürger an diese neue Situation
gewöhnen müssen. Hier muss Vertrauen wachsen, dass
diese Europäische Union auch weiterhin
zukunftsorientiert arbeiten kann. Dazu reichen zwei oder drei Jahre
nicht aus.
Es darf deshalb angesichts der schnellen
Erweiterungspolitik der vergangenen Jahre, zu der es in der Tat keine
Alternative gab, kein einfaches „Weiter so!“ geben.
Unsere Hauptaufgabe liegt jetzt darin, die europäische
Einigung zu vertiefen und die Arbeitsfähigkeit der
europäischen Institutionen zu verbessern. Genau aus diesem
Grund ist der vorliegende Verfassungsvertrag das beste
und fortschrittlichste Dokument, das wir gegenwärtig
haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
des Abg. Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])
Ich möchte noch einige Sätze zur Berliner Erklärung
sagen. Sie entfaltet – das war durchaus geplant –, schon
bevor es sie überhaupt gibt, eine erstaunliche Wirkung.
Die Zeitungen sind voll von Veröffentlichungen zu
Europa und drucken Sonderbeilagen. Die Menschen
beschäftigen sich intensiver mit der Europäischen Union.
Es wäre wünschenswert, dass das so bleibt. Die
Befassung mit der Berliner Erklärung geht sogar so weit – das
konnte ich gestern im Ausschuss hören –, dass die
Fraktion Die Linke jetzt schon an einer Berliner
Gegenerklärung schreibt.
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Guido
Westerwelle [FDP]: Das wird die Welt
verändern, Leute!)
Ich frage mich allerdings, wogegen, da es die Berliner
Erklärung noch gar nicht gibt.
(Dr. Diether Dehm [DIE LINKE]: Wir haben
sie! Wir haben sie allerdings nicht aus dem
Bundestag bekommen!)
Selbst Ihre Fraktion scheint der Berliner Erklärung eine
besondere Bedeutung zuzumessen.
Bei den anderen Fraktionen im Deutschen Bundestag
funktioniert die Arbeitsteilung nach bekanntem Muster.
Die Opposition beklagt eine mangelnde
parlamentarische Beteiligung, und es wird von Geheimniskrämerei
und Geheimdiplomatie gesprochen. Das ist
nachvollziehbar. Aber eines ist doch sicher, und das weiß hier
jeder von uns: Wenn die Berliner Erklärung von allen
nationalen Parlamenten der Europäischen Union diskutiert
und beschlossen worden wäre, hätten wir sie wenigstens
zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es geht hier auch um
Vertrauen. Ich vertraue darauf, dass unsere
Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Verhandlungsführer einen
Michael Stübgenguten und zukunftsweisenden Text aushandeln. Dass die
Opposition dieses Vertrauen nicht hat wie die
Regierungsfraktionen, ist auch verständlich. Aber vielleicht
sind auch Sie von dem Text der Berliner Erklärung
überrascht, und zwar positiv überrascht.
(Jörg van Essen [FDP]: Ach, Sie kennen sie
schon?)
Sicherlich werden wir in den kommenden Wochen noch
viel Gelegenheit haben, uns auch kritisch mit der
Auswertung dieses Textes zu beschäftigen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir
befinden uns ungefähr in der Mitte der deutschen
Ratspräsidentschaft. Schon Monate vor Beginn der deutschen
Ratspräsidentschaft war die Erwartungshaltung
gegenüber Deutschland enorm groß, eine Erwartungshaltung,
die mich anfangs beunruhigt hat. Von uns wurde – so
kam es mir manchmal vor – schlichtweg erwartet, dass
wir in einem halben Jahr alle offenstehenden Probleme
der europäischen Politik lösen können.