Rede von Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/88
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/88
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber
Kollege Stübgen, Sie brauchen nicht eifersüchtig zu
sein: Wir sind von der Bundesregierung nicht bevorzugt
worden; wir haben die Informationen über die Berliner
Erklärung aus anderen Quellen in Europa bekommen.
Aber sie liegen uns vor; allzu große Überraschungen
sind es nicht.
(Jörg van Essen [FDP]: Sehen Sie mal, Stasi-
Erfahrung wirkt!)
– Ich bitte dann herzlich, diesen Zwischenruf in das
Protokoll aufzunehmen. Wir haben diese Informationen im
Wege demokratischer Prozesse erhalten. Ich kann nurnoch einmal sagen, wenn Sie da ein bisschen
eifersüchtig sind: Wir kennen die Berliner Erklärung,
überraschend sind die Informationen nicht.
(Jörg van Essen [FDP]: Ja, Stasi-Erfahrung
kann sich auszahlen!)
Vorgestern fand in Berlin der Rohstoffkongress des
BDI unter Anwesenheit des halben Bundeskabinetts
statt. Der Spitzenfunktionär des BDI Herr Grillo
appellierte, was die Rohstoffsicherung in Deutschland
anbetrifft, an die Wirtschafts-, Sicherheits-, Außen-, Europa-
und Entwicklungspolitik. Ich zitiere Herrn Grillo
wörtlich:
Der größte Teil der weltweiten Rohstoffförderung
findet in ... instabilen Ländern statt. Dies ist an sich
schon Grund genug zur Befassung der Außenpolitik
mit den Problemen der Rohstoffversorgung.
Und weiter:
China hat inzwischen mit einer Reihe von durch die
internationale Gemeinschaft geächteten Staaten in
Afrika, Asien und Lateinamerika Allianzen
geschlossen und in diesen zum Teil erhebliche
Investitionen getätigt – unter anderem im Sudan und in
Angola.
Herrn Grillos Interesse an militärischen Aktivitäten der
EU im Sudan hat mit Menschenrechten also wenig zu
tun.
Die Bundesregierung kommt, so schrieb die „FAZ“ in
ihrer gestrigen Ausgabe, „dem Wunsch des BDI nach
und gründet einen interministeriellen Ausschuss zur
Rohstoffpolitik“.
Die Bundeskanzlerin sagte vorgestern beim BDI zum
Thema Rohstoffsicherung:
Bei aller Unabhängigkeit zwischen Wirtschaft und
Politik müssen wir ... die strategische
Herangehensweise
– das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen –
angesichts des Herangehens anderer Akteure in der
Welt neu erlernen.
Nein, Frau Ratspräsidentin, lernen Sie lieber nicht vom
BDI und der Bertelsmann-Stiftung: Militäreinsätze für
Rohstoffsicherung und Sozialkahlschlag für
Konzernchefs.
Ich weiß nicht, wann Sie zuletzt mit
Kulturschaffenden gesprochen haben, die für Europa, seine Friedens-
und Sozialstaatsidee stehen und damit ein
Millionenpublikum begeistern. Wir von der Linken haben es in den
letzten Tagen auch wieder getan. Herausgekommen ist
die Berliner Gegenerklärung. Ich zitiere daraus:
Die „Berliner Erklärung“ ... dürfte wohl eher ein
„Berliner Verschweigen“ werden. ... Die
französische Ratspräsidentschaft [soll] auf die
Verabschiedung des gescheiterten Verfassungsvertrages,
diesmal zerlegt in mehrere unübersichtliche Teile und
Verträge, drängen. Erhalten wird ... die aufrüstungs-
Dr. Diether Dehmfixierte und neoliberale Substanz. Sie soll dann
ohne Volksabstimmungen durchgedrückt werden.
Selbst in jenen Ländern, die zunächst ... zugestimmt
hatten, weiß die Bundesregierung: die Mehrheit ist
dahin. Ausgerechnet die Regierung eines Landes, in
dem keine Volksabstimmung über den
europäischen Verfassungsvertrag vorgesehen ist, versucht,
demokratische Referenden anderer Länder
auszuhebeln.
Die Kulturschaffenden nennen dies einen kalten
Putsch der neoliberalen Eliten
und fordern:
ein Ende der Geheimdiplomatie, europaweite
Volksabstimmungen über eine europäische
Verfassung, statt Aufrüstungsgebot das
Angriffskriegsverbot des Grundgesetzes und der UN-Charta, statt
Neoliberalismus im Verfassungsrang die
Sozialstaatsregelung unseres Grundgesetzes und die
sozialen Menschenrechte der UN-Charta!
Nur so bekommt die EU die verfassungsrechtlichen
Voraussetzungen, um aus der Sackgasse der G-8-
Globalisierer herauszukommen.
Diese Erklärung haben unter anderem unterschrieben:
Daniela Dahn, Schriftstellerin, Katja Ebstein, Sängerin,
Professor Dr. Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler,
Dr. Manfred Maurenbrecher, Liedermacher, Diether
Dehm,
(Lachen bei der CDU/CSU, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Gert
Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Wer ist
Diether Dehm?
Alexander Ulrich, Gregor Gysi, Oskar Lafontaine,
Reinhard Mey, Peter Sodann, Henning Venske,
Konstantin Wecker.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Was ist mit Klaus Lage?)
Frau Merkel, verhelfen Sie Europa wieder zu seiner
Ursprungsidee! Die ist gebaut auf Frieden in der Welt
– nicht nur bei uns – und soziale Gerechtigkeit.