Das Freiwilligenprogramm "kulturweit" erhalten - Internationalen Freiwilligendienst sichern und stärken
Text
Das Freiwilligenprogramm "kulturweit" erhalten - Internationalen Freiwilligendienst sichern und stärken
Antrag
der Abgeordneten Claudia Roth, Awet Tesfaiesus, Luise Amtsberg, Deborah
Düring, Dr. Moritz Heuberger, Sven Lehmann, Boris Mijatović, Omid
Nouripour, Dr. Anja Reinalter, Ulle Schauws, Jamila Schäfer, Julia Schneider,
Nyke Slawik, Robin Wagener und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Das Freiwilligenprogramm „kulturweit“ erhalten – Internationalen
Freiwilligendienst sichern und stärken
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Das internationale Freiwilligenprogramm „kulturweit“ ist seit 2009 ein zentraler
Bestandteil der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands. Gefördert vom
Auswärtigen Amt, ermöglicht es jungen Menschen in Deutschland, sich in rund 50
Ländern, die meisten davon in Europa, Zentral- und Westasien, in Kultur, Bildungs-
und Natureinrichtungen zu engagieren. Zugleich bietet „kulturweit“ mit dem
Incoming-Programm seit 2015 jungen Menschen aus ausgewählten Ländern die
Möglichkeit, für mehrere Monate in Kultur-, Bildungs-, Natur- und Sporteinrichtungen in
Deutschland mitzuarbeiten. Dadurch wird nicht nur ein aktuelles Deutschlandbild im
Ausland vermittelt, sondern auch internationale Perspektiven, Erfahrungen und
Kompetenzen in Institutionen und die Gesellschaft in Deutschland hineingetragen.
Die Einsparung von rund 5 Millionen Euro entspricht lediglich etwa 0,08 Prozent des
Haushalts 2026 des Auswärtigen Amts und steht in keinem Verhältnis zu den
langfristigen außen-, kultur- und gesellschaftspolitischen Schäden, die durch die Einstellung
entstehen.
Über 6.500 Freiwillige haben durch „kulturweit“ bereits praktische Erfahrungen in
internationalen Kontexten gesammelt und wirken als Multiplikator*innen in
Gesellschaft, Bildung und Zivilgesellschaft nachhaltig weiter (vgl. www.unesco.de/
aktuelles/foerderung-des-internationalen-freiwilligendienstes-kulturweit-endet-2027/). Eine
Verbleibstudie aus dem Jahr 2024 zeigt deutlich, dass die „kulturweit“-Alumni in
hohem Maße langfristig von ihrem Einsatz profitieren: Rund 90 Prozent geben an, durch
ihren Auslandsaufenthalt weltoffener geworden zu sein, etwa 80 Prozent berichten von
einem gestärkten gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl und rund zwei Drittel von
einem vertieften Demokratieverständnis. Viele engagieren sich auch nach ihrem
Freiwilligendienst weiter gesellschaftlich oder schlagen berufliche und akademische Wege
mit internationalem Bezug ein. Gleichzeitig wird auch der berufliche Mehrwert klar
sichtbar: Die Incoming-Alumni bewerten die Bedeutung von „kulturweit“ für ihre
berufliche Weiterentwicklung im Durchschnitt mit 4,4 von 5 Punkten (Deutsche UNE-
SCO-Kommission e. V. (2014): „Verbleibstudie 2024. 15 Jahre kulturweit“ S.10–14).
Insgesamt wird damit deutlich, dass „kulturweit“ mit vergleichsweise geringen Mitteln
einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung qualifizierter, international erfahrener
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5517
21. Wahlperiode 21.04.2026
Fachkräfte leistet – ein Mehrwert, der sich langfristig auch in der Innovations- und
Leistungsfähigkeit der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft niederschlägt.
Die von der Bundesregierung angekündigte Einstellung der Förderung ab 2027 erfolgt
trotz anhaltend hoher Nachfrage und trifft ein etabliertes Programm, das maßgeblich
zur internationalen Verständigung, zur Vermittlung eines modernen
Deutschlandbildes sowie zur Stärkung zivilgesellschaftlicher Kooperation beiträgt. Insbesondere vor
dem Hintergrund, dass derzeit rund zwei Drittel der Einsätze der Outgoing-
Freiwilligen in Europa sowie in Zentral- und Westasien als auch der Mongolei sind, schwächt
die Einstellung der Förderung von „kulturweit“ den Austausch gerade in für
Deutschland geostrategisch wichtigen Regionen. Hinzu kommt, dass „kulturweit“ nachhaltig
tragfähige Netzwerke schafft: Nach Hochrechnungen waren 2.371 Outgoing-Alumni
auch nach ihrem Freiwilligendienst bei einem „kulturweit“-Partner ehrenamtlich oder
hauptberuflich aktiv (ebd. S. 6). Mit der Einstellung des Programms droht somit nicht
nur der Verlust zukünftiger Austauschformate, sondern auch die Schwächung bereits
bestehender internationaler Partnerschaften.
Die Entscheidung widerspricht dem politischen Kurs der Bundesregierung, von jungen
Menschen mehr gesellschaftliches Engagement und Einsatz einzufordern. Mit dem
zum Januar 2026 in Kraft getretenen Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes
wird darauf abgezielt, das „Potenzial“ junger Menschen systematischer zu erfassen
und für den Dienst an der Gesellschaft zu mobilisieren (www.bmvg.de/de/neuer-
wehrdienst). Zugleich fordern führende Vertreter*innen der Koalition, darunter der
Generalsekretär der CDU, Carsten Linnemann, die Einführung eines verpflichtenden
Gesellschaftsjahres für junge Menschen (vgl. www.zeit.de/politik/deutschland/2025-
12/carsten-linnemann-frank-walter-steinmeier-freiwilligendienst-wehrpflicht). Umso
widersprüchlicher ist es, gleichzeitig etablierte und funktionierende Programme
freiwilligen Engagements abzuschaffen. Programme wie „kulturweit“ fördern genau
dieses Engagement, indem sie junge Menschen frühzeitig an internationale
Zusammenarbeit, globale Herausforderungen und verantwortungsvolles Handeln heranführen. Wer
mehr Einsatz und Verantwortung einfordert, muss auch die Strukturen stärken, die
genau dieses Engagement ermöglichen.
Eine Einstellung des Programms führt bereits jetzt konkret zum Abbau gewachsener
Strukturen: Mit der Entscheidung, keine neuen Bewerbungen für den Jahrgang 2027
mehr anzunehmen, befindet sich „kulturweit“ faktisch bereits in der Abwicklung (vgl.
www.kulturweit.de/foerderstopp). Trägerorganisationen verlieren Planungssicherheit,
Netzwerke drohen auseinanderzufallen und interessierte junge Menschen werden
aktuell bereits abgewiesen. Ein späterer Wiederaufbau dieser Strukturen wäre mit
erheblichem und vermeidbarem Aufwand verbunden.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die Entscheidung zur Einstellung des internationalen Freiwilligendienstes
„kulturweit“ umgehend zurückzunehmen und die Fortführung des Outgoing- und
Incoming-Programms über 2026 hinaus sicherzustellen;
2. kurzfristig die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen, um
Planungssicherheit für Trägerorganisationen und Bewerber*innen zu gewährleisten und
einen Abbau bestehender Strukturen zu verhindern;
3. im Bundeshaushalt 2027 die erforderlichen Mittel für den dauerhaften Erhalt und
die Weiterentwicklung von „kulturweit“ zu verankern;
4. das Incoming-Programm weiter auszubauen, um wechselseitigen,
partnerschaftlichen Zusammenarbeit und globale Gerechtigkeit zu fördern;
5. die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik insgesamt zu stärken und
internationale Freiwilligendienste als strategisches Instrument der Außen- und
Entwicklungspolitik anzuerkennen und auszubauen;
6. gemeinsam mit den Trägerorganisationen, insbesondere der Deutschen UNE-
SCO-Kommission, eine Perspektive zur qualitativen Weiterentwicklung und
langfristigen Absicherung internationaler Freiwilligendienste zu erarbeiten;
7. sich darüber hinaus auch für die Stärkung und verlässliche Finanzierung anderer
internationaler Freiwilligendienste wie „weltwärts“ oder das „ASA-Programm“
einzusetzen.
Berlin, den 21. April 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Die geplante Einstellung des internationalen Freiwilligendienstes „kulturweit“ ist ein erheblicher Rückschritt für
die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands.
Die Wirkung von „kulturweit“ ist langfristig und nachhaltig: Viele ehemalige Freiwillige engagieren sich auch
nach ihrem Einsatz weiter gesellschaftlich und bringen ihre internationalen Erfahrungen in Beruf und
Zivilgesellschaft ein. Damit trägt das Programm zur Ausbildung einer Generation bei, die globale Zusammenhänge
versteht und aktiv an Lösungen mitarbeitet.
Die Entscheidung zur Einstellung erfolgt trotz nachweislicher Erfolge und hoher Nachfrage und wird auch von
beteiligten Institutionen ausdrücklich bedauert (vgl. www.unesco.de/aktuelles/foerderung-des-
internationalenfreiwilligendienstes-kulturweit-endet-2027).
Gerade in einer Zeit zunehmender internationaler Krisen ist internationale Begegnung und kultureller Austausch
ein zentraler Bestandteil einer vorausschauenden Außen- und Entwicklungspolitik.
Darüber hinaus besteht akuter Handlungsbedarf: Die Einstellung des Programms wird bereits konkret vollzogen.
Es werden keine neuen Bewerbungen mehr angenommen, während parallel die Abwicklung vorbereitet wird.
Das Programm „kulturweit“ befindet sich damit faktisch bereits in der Auflösung. Diese Entwicklung führt zum
Verlust gewachsener Strukturen, internationaler Partnerschaften und Planungssicherheit. Trägerorganisationen
verlieren ihre Grundlage, Netzwerke drohen zu zerfallen und engagierte junge Menschen werden von einer
Teilnahme ausgeschlossen.
Die Begründung der Bundesregierung, das Programm aus Kostengründen einzustellen, ist nicht überzeugend.
Die Einsparungen sind im Verhältnis zum Gesamthaushalt des Auswärtigen Amtes minimal, während der
politische und gesellschaftliche Schaden erheblich ist.
Hinzu kommt die politische Widersprüchlichkeit: Während verstärkt über die Notwendigkeit von mehr
gesellschaftlichem Engagement, Pflichtdiensten oder Wehrdienst diskutiert wird und mit dem neuen Wehrdienstmodell
junge Menschen gezielt stärker in den Dienst eingebunden werden sollen, werden bestehende und
funktionierende Programme freiwilligen Engagements abgebaut. Der Deutsche Bundesjugendring betont in diesem
Zusammenhang ausdrücklich, dass das Engagement junger Menschen von Freiwilligkeit lebt und fordert eine
gleichwertige Förderung zivilgesellschaftlicher Dienste statt einer einseitigen Fokussierung auf den Wehrdienst (vgl.
www.dbjr.de/artikel/freiwilligkeit-statt-pflicht-die-debatte-um-das-wehrdienstmodernisierungsgesetz).
Wenn Programme wie „kulturweit“ gestrichen werden, untergräbt dies die Glaubwürdigkeit dieser politischen
Zielsetzung und schwächt die Motivation junger Menschen, sich einzubringen.
Die Fortführung von „kulturweit“ ist eine strategische Entscheidung für die Zukunft der Auswärtigen Kultur-
und Bildungspolitik. Mit vergleichsweise geringen Mitteln wird ein erheblicher Mehrwert für internationale
Verständigung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Förderung junger Menschen erzielt werden.
Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ist klar: Dieses Programm muss erhalten und gestärkt werden.
Entsprechend werden wird sich die Fraktion mit Nachdruck in die Haushaltsverhandlungen für 2027 einbringen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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