Lithium im Jadartal und die Rolle der Bundesregierung bei der Umsetzung der Rohstoffpartnerschaft der EU mit Serbien
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Lithium im Jadartal und die Rolle der Bundesregierung bei der Umsetzung der Rohstoffpartnerschaft der EU mit Serbien
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4969
21. Wahlperiode 25.03.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Charlotte Antonia Neuhäuser, Desiree Becker, Gökay Akbulut,
Janina Böttger, Maik Brückner, Dr. Fabian Fahl, Katrin Fey, Vinzenz Glaser,
Ates Gürpinar, Cansu Özdemir, Lea Reisner, Zada Salihović, Lisa Schubert,
Ulrich Thoden, Donata Vogtschmidt, Sascha Wagner, Christin Willnat und
der Fraktion Die Linke
Lithium im Jadartal und die Rolle der Bundesregierung bei der Umsetzung der
Rohstoffpartnerschaft der EU mit Serbien
Nach anhaltendem Widerstand der lokalen Bevölkerung änderte der
Bergbaukonzern Rio Tinto Anfang November 2025 den Status des von der EU-
Kommission als „strategisch“ eingestuften Projekts zum Lithiumabbau im
Jadartal auf „Pflege & Instandhaltung“. Stattdessen wolle der multinationale
Konzern sich auf Projekte konzentrieren, die kurzfristig erfolgreich sein können
und das Projekt im Jadartal einer umfangreichen Überprüfung der Kosten-
Nutzen-Rechnung unterziehen. Eine endgültige Absage des Projekts stellt
dieser Schritt jedoch nicht dar, wie Rio Tinto außerdem betonte (https://europeanw
esternbalkans.com/2025/11/13/rio-tinto-for-ewb-our-companys-priority-now-i
s-to-retain-legal-rights-over-the-jadar-project/). Der geplante Abbau von
Lithium und Bor im Jadartal war seit Beginn der Explorationstätigkeiten auf starken
Widerstand seitens der lokalen Bevölkerung gestoßen. Denn die Gewinnung
von Lithium aus Festgestein ist mit extrem hohem Wasserbedarf und mit
Verschmutzung des Grundwassers verbunden, wodurch Ökosysteme und
Landwirtschaft gefährdet werden. Ein rezentes europäisches Beispiel dafür ist der
Lithiumabbau in Barroso im Norden Portugals (https://eeb.org/wp-content/uplo
ads/2024/12/Factsheet-Strategic-Projects-Barroso-021224.pdf). Das Jadartal
hat nicht nur die größten Trinkwasserreservoirs Serbiens, sondern weist auch
eine hohe Biodiversität auf, weswegen ein derartiges Bergbauprojekt zu
außerordentlich hohen Schäden führen könnte. Die von Rio Tinto dazu
veröffentlichten Gutachten sind auch nach Auffassung der Fragestellenden mindestens
lückenhaft und wurden von einer Reihe wissenschaftlicher und
zivilgesellschaftlicher Akteure scharf kritisiert (https://marssadrine.org/en/general-informat
ion/). Auch die Solidarität in der gesamtserbischen Bevölkerung mit der
lokalen Bevölkerung des Jadartals ist groß. Als der Abbau im Jadartal 2021 zum
ersten Mal genehmigt wurde, löste das landesweite Demonstrationen aus, die
schließlich einen Stopp des Projekts erzwingen konnten. Als der Stopp 2024
vom serbischen Verfassungsgerichtshof gekippt wurde, trafen kurz darauf der
damalige Bundeskanzler Olaf Scholz und der damalige stellvertretende EU-
Kommissionspräsident Maroš Šefčovič in Belgrad ein, um mit Serbiens
Präsident Aleksandar Vučić ein „Abkommen über die strategische Partnerschaft zu
nachhaltigen Rohstoffen, Batterie-Wertschöpfungsketten und
Elektrofahrzeugen“ zu unterzeichnen. Außerdem erhielt das Projekt den Status eines
strategischen Projekts im Sinne des Critical Raw Materials Acts (CRMA) der EU
(https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ:L_202401252).
Zeitgleich mit der aktuellen Ankündigung Rio Tintos, das Projekt
vorübergehend zu pausieren, jährte sich der Einsturz eines Bahnhofvordaches in der
Stadt Novi Sad zum ersten Mal, der 16 Todesopfer forderte und eine erneute
Welle landesweiter Anti-Regierungsproteste auslöste (www.tagesschau.de/ausl
and/europa/serbien-gedenken-novisad-100.html). Die Regierung von Präsident
Aleksandar Vučić ging gegen diese, nach Beobachtern, mit
unverhältnismäßiger und rechtswidriger Gewalt vor. Auch die widerständigen Bewohnerinnen
und Bewohner des Jadartals sind als Staatsfeinde bezeichnet worden und sind
Ziel von Morddrohungen und Festnahmen (www.theguardian.com/business/arti
cle/2024/aug/22/activist-serbia-rio-tinto-lithium-mining-environment-death-thr
eats, https://europeanwesternbalkans.com/2024/08/12/activists-arrested-after-a-
mass-protest-against-lithium-mining-in-serbia/). Dadurch stellt sich die Frage,
wie die Bundesregierung weiterhin zu dem Projekt und der strategischen
Rohstoffpartnerschaft mit Serbien steht und ob das Lithiumprojekt im Falle einer
Wiederaufnahme und Förderlizenzvergabe weiterhin durch die
Bundesregierung unterstützt würde.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Liegen der Bundesregierung Informationen über die Dauer der Pausierung
des Lithiumprojekts im Jadartal durch Rio Tinto vor, und wenn ja,
welche?
2. War die Bundesregierung über die Entscheidung, das Projekt
vorübergehend zu pausieren, von Rio Tinto oder serbischen Regierungsstellen
vorab informiert oder wurde sie im Nachgang informiert, wenn ja, wann,
und von wem?
3. Liegen der Bundesregierung über die öffentlichen Statements Rio Tintos
hinausgehende Informationen zu den Gründen für die Entscheidung vor,
wenn ja, wann, und welche (bitte detailliert mit Beschreibungen
auflisten)?
4. Welche Arbeiten fallen nach Kenntnis der Bundesregierung unter die von
Rio Tinto angekündigten „Care & Maintenance“-Arbeiten und werden
weiterhin am Ort des Projekts durchgeführt?
5. Wird nach Kenntnis der Bundesregierung die Infrastruktur am Ort des
Projekts derzeit weiter ausgebaut (Transport, Exploration, Förderung)?
6. Gab es seit der Bekanntgabe der vorübergehenden Einstellung der
Tätigkeiten im Jadartal durch Rio Tinto einen Austausch zwischen der
Bundesregierung und Rio Tinto (bitte nach Ort, Datum und teilnehmenden
Regierungsvertreterinnen und Regierungsvertretern auflisten)?
7. Fanden seit der Ankündigung, das Projekt zu pausieren, Gespräche
zwischen der Bundesregierung und Vertreterinnen und Vertretern der
serbischen Regierung statt (bitte nach Ort, Datum und teilnehmenden
Regierungsvertreterinnen und Regierungsvertretern auflisten)?
8. Fanden seit der Ankündigung, das Projekt zu pausieren, Treffen zwischen
der Bundesregierung und Vertreterinnen und Vertretern der serbischen
Zivilgesellschaft statt (bitte nach Ort, Datum und teilnehmenden
Regierungsvertreterinnen und Regierungsvertretern auflisten)?
9. Ist die strategische Partnerschaft zwischen der EU und Serbien nach
Einschätzung der Bundesregierung durch eine mögliche Erosion der
demokratischen Grundrechte in Serbien gefährdet?
10. Wie soll die Partnerschaft mit Serbien konkret umgesetzt werden, um
gegenseitigen Nutzen und Nachhaltigkeit zu gewährleisten, und welche
konkreten Maßnahmen sind dafür vorgesehen?
11. Gibt es für die Bundesregierung eine rote Linie hinsichtlich etwaiger
zukünftiger Verstöße gegen demokratische Grundrechte, bei deren
Überschreitung die strategische Rohstoffpartnerschaft mit Serbien
aufgekündigt wird?
12. Hat Rio Tinto nach Kenntnis der Bundesregierung mittlerweile den
Zivilgesellschaftlichen Beirat zum Jadar-Projekt eingerichtet, so wie 2024 von
der damaligen Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und
Klimaschutz Dr. Franziska Brantner angekündigt (https://taz.de/Staatssekr
etaerin-ueber-Lithium/!6026645/)?
13. Wie setzt sich die Bundesregierung für mögliche Entschädigungen der
Bewohnerinnen und Bewohnern des Jadartals für entstandene
Umweltverschmutzungen durch die bisherigen Explorationsaktivitäten ein?
14. Liegt der Bundesregierung mittlerweile (mit Verweis auf
Bundestagsdrucksache 20/13947) eine Umweltverträglichkeitsprüfung des Jadar-
Projekts auf Englisch vor?
15. Liegen nach Kenntnis der Bundesregierung Beschwerden der
Bewohnerinnen und Bewohner des Jadartals mit Bezug auf das Jadar-Projekt an das
Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) auf Grundlage
des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes vor, und wenn ja welche (bitte
Datum der Beschwerde und Stand der Beschwerdebearbeitung angeben)?
16. Liegen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW; mit Verweis auf
Bundestagsdrucksache 20/13947) nach Kenntnis der Bundesregierung
Projekte zur Auswahl für den Rohstofffonds aus Serbien und Bosnien-
Herzegowina vor, und wenn ja, welche (bitte nach Ort, geförderten
Rohstoffen, Förderart, Förderhöhe, Laufzeit und Unternehmen auflisten)?
a) Wurden bereits Projekte ausgewählt, und wenn ja, welche (bitte nach
Ort, geförderten Rohstoffen, Förderart, Förderhöhe, Laufzeit und
Unternehmen auflisten)?
b) Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl der geförderten Projekte?
17. Wurde mittlerweile (mit Verweis auf Bundestagsdrucksache 20/13947) ein
Antrag auf einen ungebundenen Finanzkredit für das Projekt im Jadartal
gestellt, und wenn ja, mit welcher Begründung wurde dieser angenommen
bzw. abgelehnt?
18. Gibt es mittlerweile (mit Verweis auf Bundestagsdrucksache 20/13947)
Verträge mit Trafigura oder anderen Rohstoffhändlern über die Lieferung
von Lithium nach Deutschland?
19. In welchem Verarbeitungsgrad soll Lithium nach Deutschland geliefert
werden?
20. Sind der Bundesregierung Vorverträge deutscher Konzerne mit Rio Tinto
im Zusammenhang mit einer Public-Private-Partnership bekannt, und
wenn ja, welche sind das (bitte nach Unternehmen und Gegenstand der
Verträge auflisten)?
21. Erhalten Bergbauprojekte in Serbien und Bosnien-Herzegowina aktuell
Hermes-Bürgschaften durch die Bundesregierung, und wenn ja, welche
(bitte mit Ort, Höhe der Bürgschaften, Rohstoff und Unternehmen
auflisten)?
22. Erhalten Bergbauprojekte in Serbien und Bosnien-Herzegowina Kredite
durch die IPEX-Bank der KfW, und wenn ja, welche (bitte tabellarisch mit
Ort, Höhe der Kredite, Rohstoff und Unternehmen auflisten)?
23. Erhalten Bergbauprojekte in Serbien und Bosnien-Herzegowina
Exportfinanzierung durch die IPEX-Bank der KfW, und wenn ja, welche (bitte
tabellarisch mit Ort, Höhe der Kredite, Rohstoff und Unternehmen
auflisten)?
24. Erhalten Bergbauprojekte in Serbien und Bosnien-Herzegowina
Finanzierung durch die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft der
KfW, und wenn ja, welche (bitte tabellarisch mit Ort, Art und Höhe der
Finanzierung, Rohstoff und Unternehmen auflisten)?
25. Nach welchen Kriterien werden Projekte in Serbien und Bosnien-
Herzegowina durch die KfW und ihre Tochtergesellschaften ggf.
unterstützt (bitte detailliert auflisten)?
26. Welche konkreten Maßnahmen setzt die KfW zur Überprüfung der
Einhaltung der von der KfW angewandten Umwelt- und
Menschenrechtsstandards bei den von ihr und ihren Tochtergesellschaften geförderten
Projekten?
27. Welche konkreten Schritte (z. B. Auflagen, Überprüfungen, Widerruf)
unternimmt die Bundesregierung, wenn in UFK-finanzierten (UFK =
ungebundener Finanzkredit) Projekten nach der Garantieerteilung Verstöße
gegen Umwelt-, Sozial- oder Menschenrechtsstandards festgestellt
werden, und nach welchen Kriterien werden diese Schritte ausgelöst?
28. Wie stellt die KfW sicher, dass bei der Vergabe von UFK-Garantien die
Interessen lokaler Bevölkerungsgruppen an den Orten der geförderten
Projekte berücksichtigt werden?
29. Die Anwendung welcher konkreten Beteiligungsverfahren ist
Voraussetzung für die Vergabe einer UFK-Garantie?
30. Gab es seit 2017 bis heute Fälle, in denen UFK-Garantien in Serbien
aufgrund von Verstößen gegen ESG-Standards (ESG = Environmental, Social
and Governance – Umwelt, Soziales, Menschenrechte) widerrufen,
angepasst oder eingeschränkt wurden, wenn ja, welche Projekte und Verstöße
waren betroffen, und welche Sanktionierungen wurden ausgesprochen?
31. Bestehen im Rahmen von UFK-Garantien Möglichkeiten zur
Sanktionierung von Garantienehmern oder Projektunternehmen bei Nichteinhaltung
von Umwelt-, Sozial- oder Menschenrechtsstandards, und wenn ja,
welche?
32. Gab es seit Anfang 2022 Treffen zwischen der Bundesregierung und
Vertreterinnen und Vertretern der Unternehmen Arcore oder Rock Tech
Lithium im Zusammenhang mit dem Lithiumabbau in Bosnien-Herzegowina
(bitte mit Daten, Beteiligten und Orten auflisten)?
33. Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um
sicherzustellen, dass es bei in Deutschland entdeckten Lithiumvorkommen nicht
zu Umweltverschmutzungen und Menschenrechtsverletzungen kommt?
Berlin, den 13. März 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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