Wieder in die Kernkraft einsteigen und strategische Fehler korrigieren
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Wieder in die Kernkraft einsteigen und strategische Fehler korrigieren
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4749
21. Wahlperiode 17.03.2026
Antrag
der Abgeordneten Dr. Paul Schmidt, Dr. Rainer Kraft, Andreas Bleck,
Dr. Michael Blos, Dr. Ingo Hahn, Karsten Hilse, Thomas Korell, Manuel
Krauthausen, Marcel Queckemeyer, Dr. Christina Baum, Joachim Bloch, René
Bochmann, Peter Boehringer, Erhard Brucker, Marcus Bühl, Tobias
Ebenberger, Alexis L. Giersch, Lars Haise, Mirco Hanker, Stefan Henze,
Dr. Michael Kaufmann, Martina Kempf, Kurt Kleinschmidt, Maximilian Kneller,
Heinrich Koch, Achim Köhler, Markus Matzerath, Reinhard Mixl, Edgar
Naujok, Iris Nieland, Andreas Paul, Tobias Matthias Peterka, Dr. Rainer
Rothfuß, Lars Schieske, Georg Schroeter, Bernd Schuhmann, Martina Uhr,
Sven Wendorf, Wolfgang Wiehle, Dr. Daniel Zerbin, Jörg Zirwes und der
Fraktion der AfD
Wieder in die Kernkraft einsteigen und strategische Fehler korrigieren
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Dr. Ursula von der Leyen, die Mitglied
der CDU ist, hat am 9. März 2026 in ihrer Rede auf dem Kernenergiegipfel in Paris
betont, dass der Anteil der Kernenergie am europäischen Strommix von einem Drittel
im Jahr 1990 auf heute rund 15 Prozent (nach Kenntnis der Antragssteller Stand 2024
auf etwa 23 Prozent1) gesunken sei, und diesen Rückgang als strategischen Fehler
bezeichnet.2 Die EU hatte bereits 2023 Kernenergie als nachhaltig eingestuft3 und damit
für „nachhaltige“ Anleger die Möglichkeit geschaffen, in Kernenergie zu investieren.
Kommissionspräsidentin von der Leyen kündigte in ihrer Rede zudem eine neue
europäische Strategie für neu zu bauende Kernreaktoren an und sprach gar von einer
„Renaissance der Kernenergie“4. Der Bau neuer sogenannter Kleiner Modularer Reaktoren
(Small Modular Reactors, SMR) werde durch eine neue Investitionsgarantie in Höhe
von 200 Millionen Euro unterstützt.
Kernenergie stellt eine international anerkannte, technisch ausgereifte, gut regelbare
und grundlastfähige Form der Stromerzeugung dar, die in zahlreichen
Industrienationen weiterhin genutzt, modernisiert und ausgebaut wird. Derzeit befinden sich welt-
1 https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20250702-1?utm
2 https://www.nucnet.org/news/von-der-leyen-sets-out-eu-smr-strategy-with-eur200m-guarantee-at-paris-
nuclear-summit-3-2-2026
3 https://finance.ec.europa.eu/sustainable-finance/tools-and-standards/eu-taxonomy-sustainable-activities_en
4 www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/von-der-leyen-will-renaissance-der-kernenergie-in-
dereu,VDT2GPy
weit 66 neue Kernkraftwerke im Bau.5 Nach der vor 15 Jahren inmitten der
Tsunamikatastrophe vor Japan erfolgten Havarie der Kernkraftwerke im japanischen
Fukushima ist weltweit der Neubau vieler Kernreaktoren erfolgt, handelte es sich
damals doch um einen echten sogenannten Größten Anzunehmenden Unfall (GAU), der
allerdings ohne gravierende Auswirkungen blieb und letztendlich beherrscht werden
konnte. Inzwischen ist es erwiesen, dass in keinem Land so umfangreich negativ über
diese Havarie berichtet wurde wie in Deutschland6 Die Bundesregierung (Merkel II,
Merkel III, Merkel IV, Scholz) hat als Reaktion darauf den vollständigen Ausstieg aus
der Kernenergie nicht nur finalisiert, sondern in den darauffolgenden Jahren auch mit
der Vollendung von Tatsachen erzwungen. Seit 2023 befinden sich in Deutschland
keine Kernkraftwerke mehr in Betrieb, in Japan dagegen 14. Zudem sind in Japan fünf
neue Kernkraftwerke im Bau.7
Deutschland spürt bei seiner zunehmend unsicheren und kostspieliger werdenden
Energieversorgung seinen fatalen Fehler des Kernenergieausstiegs von Tag zu Tag
mehr – ist doch eine sichere und kostengünstige Stromversorgung Grundlage
wettbewerbsfähiger industrieller Wertschöpfung, wirtschaftlicher Stabilität und sozialer
Sicherheit in Deutschland.8, 9
Der Kernenergieausstieg ist jedoch, wie der Verzicht auf jede neue Technik,
keineswegs irreversibel. Zum heutigen Grad der versuchten Verunmöglichung der
Kernenergie haben vor allem die Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte unter Führung
von CDU/CSU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ganz entscheidend
beigetragen. Dennoch gibt es noch heute Anlagen und Standorte, die eine volkswirtschaftlich
effektive Nutzung der Kernenergie erlauben. Dies zu ermöglichen, wird jedoch von
der derzeitigen Bundesregierung trotz allem nicht annähernd erwogen, obgleich
Bundeskanzler Friedrich Merz die Einschätzung der EU-Kommissionspräsidentin teilt, der
sogenannte Atomausstieg sei ein großer Fehler gewesen. Dennoch hält er den
Ausstiegsbeschluss – nach Auffassung von Martin Huber (CSU) zumindest teilweise10 und
nach Auffassung der Antragsteller völlig unzutreffend – für irreversibel.11 Dabei
bestünde eine Bevölkerungsmehrheit12 und auch eine Bundestagsmehrheit für den
Wiedereinstieg. Ende 2024 forderte die CDU gar noch eine Reaktivierung einiger
bestehender Kernkraftwerke, also den Ausstieg aus dem Atomausstieg.13
Die Standorte der inzwischen stillgelegten Kernkraftwerke verfügen über geeignete
Infrastruktur, darunter Netzanbindung, Anbindung an Straßen, Bahngleise und
Schifffahrtswege, Kraftwerksflächen, Kühlmöglichkeiten und hochqualifiziertes Personal.
Die im Rückbau befindlichen Anlagen könnten wiederhergestellt werden oder neue
Kernkraftwerke ließen sich an den bestehenden Standorten errichten.14 Durch
geschickte Auswahl der Typen – sofort verfügbare große Leichtwasserreaktoren oder
künftige kleine Modulare Reaktoren (SMR)15 – kann praktisch jeder aktuelle und
ehemalige Standort maßgeschneidert und effizient genutzt werden.
5 www.worldnuclearreport.org/IMG/pdf/wnisr2025-update-en.pdf
6 www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00029735/ilm1-2014100055.pdf
7 https://globalenergymonitor.org/projects/global-nuclear-power-tracker/tracker-map/
8 www.dw.com/de/hohe-strompreise-eine-gefahr-f%C3%BCr-deutschlands-industrie/a-71595018
9 www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-strompreis-marktversagen-trifft-arme-9212.htm
10 www.br.de/nachrichten/meldung/csu-widerspricht-kanzler-atomausstieg-nicht-irreversibel%2C3007b4d4c
11 www.dw.com/de/atomkraft-kernenergie-kernkraft-europa-eu-kommission-von-der-leyen-friedrich-
merzmacron/a-76293452
12 www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energie-mehrheit-will-laut-umfrage-zurueck-zur-
atomkraft/100118987.html
13 www.fr.de/politik/union-rueckkehr-atomkraft-kernenergie-cdu-csu-gruene-kohlekraft-industrie-wirtschaft-
erneuerbare-zr-93349910.html
14 Radiant Energy Group: Wiederinbetriebnahme deutscher Kernkraftwerke: Machbarkeit und Zeitplan.
www.radiantenergygroup.com/reports/restarting-germanys-reactors-feasibility-and-schedule
15 www.grs.de/de/aktuelles/kernkraftwerke-im-kleinformat-was-steckt-hinter-smr-konzepten
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
mit entsprechender Änderung des Atomgesetzes und in Zusammenarbeit mit den
Bundesländern sowie den zuständigen Behörden durch Schaffung der rechtlichen und
genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen für die Nutzung der Kernkraft zur
Stromerzeugung – den Kernenergieausstieg umgehend rückgängig zu machen und dabei
1. unverzüglich den Stopp des Rückbaus der deutschen Kernkraftwerke (KKW) zu
veranlassen, bestmöglich auf die Wiederinbetriebnahme der drei zuletzt
abgeschalteten KKW-Blöcke (Emsland, Neckarwestheim II, Isar 2) und von Brokdorf
hinzuwirken und dabei den Zustand der einzelnen Anlagen ständig zu erfassen;
2. die wirtschaftlichen und technischen Bedingungen des Wiederaufbaus der bereits
länger stillgelegten Kernkraftwerke (z. B. Grohnde, Philippsburg 2,
Grafenrheinfeld, Gundremmingen C) prüfen zu lassen und auf diesen hinzuwirken;
3. für die noch vorhandenen Standorte, wo der Rückbau bereits zu weit
fortgeschritten ist (u. a. Greifswald-Lubmin, Stendal-Arneburg, Obrigheim, Philippsburg 1,
Neckarwestheim I, Isar 1, Stade, Würgassen, Unterweser, Gundremmingen B,
Mülheim-Kärlich), mit der entsprechenden dort existierenden Infrastruktur
(Umspannwerke, Schienen-, Straßen-, Flussanbindung, Verwaltungsgebäude) auf die
Nutzung geeigneter, bereits verfügbarer und mehrfach gebauter Reaktortypen
(z. B. des Europäischen Druckwasserreaktors EPR bzw. EPR216, des APWR17
sowie des amerikanischen AP100018, die z. B. in Frankreich und Finnland
betrieben bzw. in Polen19 gebaut werden) bestmöglich hinzuarbeiten;
4. dort, wo sich der Bau gängiger Reaktortypen als nicht oder nur sehr eingeschränkt
möglich erweist, den Bau sich noch in Entwicklung befindlicher Typen, z. B.
SMR bei geringerer Anschlussleistung, zu prüfen und, falls sinnvoll, zu
erleichtern und zu ermöglichen;
5. an den vorgenannten Standorten die jeweilige (Wieder-)Inbetriebnahme
bürokratiearm mit verbindlich langer Laufzeit ohne Begrenzung durch Neufassung des
Atomgesetzes und anderer Regelungen zu gewährleisten, um einen sich
wirtschaftlich selbständig tragenden Betrieb mit einer kostengünstigen
Stromerzeugung zu ermöglichen;
6. unverzüglich jedwede (z. B. rechtliche und energiepolitische) Voraussetzungen
zu prüfen und vorzubereiten, damit Deutschland sich an europäischen
Programmen zur Entwicklung und industriellen Nutzung neuer Reaktortypen (SMR,
schnelle Reaktoren etc.) beteiligen und hierfür Mittel aus EU-
Investitionsprogrammen optimal nutzen kann.
Berlin, den 17. März 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
16 www.framatome.com/en/customers/nuclear/epr2-program/#2024
17 https://en.wikipedia.org/wiki/Mitsubishi_APWR
18 https://en.wikipedia.org/wiki/AP1000
19 www.neimagazine.com/news/arabelle-for-polish-ap1000/?cf-view
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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