Finanzielle und gesellschaftliche Lasten des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft
Text
Finanzielle und gesellschaftliche Lasten des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3286
21. Wahlperiode 16.12.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Enrico Komning, Leif-Erik Holm, Dr. Malte Kaufmann, Marc
Bernhard, Bernd Schattner, Raimond Scheirich, Mathias Weiser, Udo Theodor
Hemmelgarn, Thomas Korell, Dr. Michael Espendiller und der Fraktion der AfD
Finanzielle und gesellschaftliche Lasten des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft
In seinem aktuellen Bericht zur „Umsetzung der Wasserstoffstrategie des
Bundes“ auf Bundestagsdrucksache 21/2425 stellt der Bundesrechnungshof die
Wasserstoffstrategie der Bundesregierung infrage. Sie sei „weit davon entfernt,
ihr Ziel zu erreichen, bis zum Jahr 2030 eine Wasserstoffwirtschaft zu
etablieren“ (S. 2).
Was die Methode der Bundesregierung beim Hochlauf der
Wasserstoffwirtschaft betrifft, heißt es in demselben Bericht wörtlich, dass die
Bundesregierung dabei „praktisch einen ‚planwirtschaftlichen‘ Ansatz verfolgt“ (S. 28).
Damit ist gemeint, dass es in Bezug auf Wasserstoff, obwohl er eine
„Schlüsselrolle in der Energiewende“ spiele, „an Angebot, Nachfrage und Infrastruktur“
fehle (S. 2). Mehr oder weniger der gesamte Markt für Wasserstoff müsse
demnach offenbar erst durch politische Maßnahmen planwirtschaftlich geschaffen
werden, was in keinem Fall zu den staatspolitischen Aufgaben in einem
sozialmarktwirtschaftlich organisierten System gehöre.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hatte
Gelegenheit, sich zum Bericht des Bundesrechnungshofs zu äußern, widersprach dabei
dem Begriff der „Planwirtschaft“ für die Beschreibung ihres Vorgehens jedoch
nicht.
Die von der Fraktion der AfD auf Bundestagsdrucksache 20/7141 (S. 3 f.)
geäußerten Befürchtungen, dass es sich bei dem im Jahreswirtschaftsbericht 2022
(auf Bundestagsdrucksache 20/520) angekündigten Wandel von der Sozialen
zur Sozial-ökologischen Marktwirtschaft nicht um eine harmlose
Weiterentwicklung der Marktwirtschaft handele, sondern um eine tiefgreifende
Änderung des deutschen Wirtschaftssystems weg von der Marktwirtschaft, sind
demnach nach Auffassung der Fragesteller vom Bericht des
Bundesrechnungshofs und der stillschweigenden Zustimmung des BMWE bestätigt worden.
Aus Sicht der Fragesteller erzeugt das Vorgehen der Bundesregierung beim
Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft mindestens zwei massive Probleme.
Erstens investiert der Bund, wie auch der Bundesrechnungshof berichtet,
Milliardenbeträge, um Nachfrage, Angebot und Infrastruktur für Wasserstoff aus dem
Nichts zu schaffen. Laut der Fortschreibung der nationalen Wasserstoffstrategie
auf Bundestagsdrucksache 20/7910 (S. 7) geschieht das durch eine Mischung
aus sechs Instrumenten: Ausschreibungen für systemdienliche Elektrolyse,
IPCEI H2 (Important Project of Common European Interest Hydrogen),
Reallabore der Energiewende, Umsetzung RED-II-Richtlinie (RED = Renewable
Energy Directive) in Deutschland, neue Förderrichtlinie Offshore-Elektrolyse
und weitere indirekte Maßnahmen zur Erhöhung der Elektrolyse-Kapazität.
Diese Ausgaben allein belasten Steuerzahler und Unternehmen schon sehr
stark. Hinzukommt, dass das BMWE laut dem o. g. Bericht des
Bundesrechnungshofs (S. 15) die Wirkung der einzelnen Instrumente teilweise noch nicht
einmal klar benennen kann. Zweitens halten die Fragesteller den Rückgriff auf
planwirtschaftliche Ansätze gerade auch im Hinblick auf die Erfahrungen der
jüngeren deutschen Geschichte für äußerst problematisch und in der aktuellen
wirtschaftlichen Lage für inopportun.
Der im Bericht des Bundesrechnungshofs wiedergegebenen Stellungnahme des
BMWE ist zu entnehmen, dass mit einer grundsätzlichen Änderung der Politik
nicht zu rechnen ist: „Angesichts der verbindlichen europäischen und
nationalen Klimaschutzziele gebe es keine Alternative zur Dekarbonisierung der
Industrie, der Energiewirtschaft und des Gebäude- und Verkehrssektors. Ohne
den Einsatz von grünem und blauem Wasserstoff ließen sich die im
Klimaschutzgesetz verankerten Klimaziele nicht erreichen“ (S. 27).
Für die Fragesteller liest sich das so, als gäbe es nach Ansicht der
Bundesregierung keine Alternative zu einem planwirtschaftlichen Ansatz, jedenfalls so
lange nicht, wie sie die Klimaschutzziele als maßgebend verfolgt.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Stimmt die Bundesregierung dem Bundesrechnungshof in der
Einschätzung zu, dass die Bundesregierung beim Hochlauf der
Wasserstoffwirtschaft einen planwirtschaftlichen Ansatz verfolgt, und wie begründet sie
ihre Antwort (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
2. Stimmt die Bundesregierung dem Bundesrechnungshof in der
Einschätzung zu, dass die Bundesregierung noch weitere und weitergehende
planwirtschaftliche Maßnahmen, wie z. B. „klare Vorgaben zur sukzessiven
Umrüstung von Gaskraftwerken auf Wasserstoff“ (Bundestagsdrucksache
21/2425, S. 31), wird einsetzen müssen, um die geplante und für die
Energiewende nötige Versorgung mit Wasserstoff sicherzustellen?
3. Sieht die Bundesregierung aktuell eine Möglichkeit, den aus Sicht der
Energiewende rechtzeitigen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in einem
anderen als laut Bundesrechnungshof planwirtschaftlichen Ansatz zu
erreichen?
4. Ist es nach Ansicht der Bundesregierung möglich, die europäischen und
nationalen Klimaziele ohne den Einsatz von planwirtschaftlichen
Ansätzen und Instrumenten zu erreichen, und wenn ja, wie?
5. Inwiefern ist der Einsatz von laut Bundesrechnungshof
planwirtschaftlichen Instrumenten zur Erreichung der Klimaziele aus Sicht der
Bundesregierung mit der Sozialen Marktwirtschaft vereinbar, zu der sich die
Koalitionsparteien CDU, CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag eindeutig
bekannt und diesbezüglich ein Versprechen abgegeben haben?
6. Verwendet die Bundesregierung bei der Verfolgung der sogenannten
sozial-ökologischen Transformation aus ihrer Sicht planwirtschaftliche
Instrumente, und wenn ja, um welche handelt es sich dabei?
7. Verwendet die Bundesregierung bei der Verfolgung der sogenannten
sozial-ökologischen Transformation aus ihrer Sicht marktwirtschaftliche
Instrumente, und wenn ja, um welche handelt es sich dabei?
8. Hat die Bundesregierung Bedenken beim Einsatz von planwirtschaftlichen
Instrumenten, und wenn ja, welche?
9. Erwägt die Bundesregierung, die laut Bundesrechnungshof
planwirtschaftlichen Ansätze bei der Umsetzung der Wasserstoffwirtschaft oder
anderer Bestandteile der sogenannten sozial-ökologischen Transformation
einzustellen oder in ihrem Umfang zu verringern, und wenn ja, wie sehen
die Pläne der Bundesregierung diesbezüglich aus?
10. Steht das Erreichen der sogenannten Klimaneutralität nach Ansicht der
Bundesregierung im Konflikt mit anderen Zielen, Pflichten oder
Aufgaben des Bundes?
a) Wenn ja, welche anderen Ziele, Pflichten oder Aufgaben sind das?
b) Wenn ja, inwiefern stehen diese Ziele, Pflichten oder Aufgaben im
Konflikt mit dem Ziel der Erreichung der sogenannten
Klimaneutralität?
c) Wenn ja, spielen diese anderen Ziele, Pflichten oder Aufgaben des
Bundes eine Rolle bei der aktuellen Überarbeitung der
Wasserstoffstrategie des Bundes, und wenn ja, welche?
11. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und der Freiheit der Berufswahl und
Berufsausübung, wenn ja, worin besteht dieser Konflikt, und wie sieht die
Abwägung des Bundes in dieser Angelegenheit aus?
12. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und der Gewährleistung des Eigentums, wenn ja,
worin besteht dieser Konflikt, und wie sieht die Abwägung des Bundes in
dieser Angelegenheit aus?
13. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und dem Sozialstaatsprinzip, wenn ja, worin
besteht dieser Konflikt, und wie sieht die Abwägung des Bundes in dieser
Angelegenheit aus?
14. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit Deutschlands, wenn ja, worin besteht dieser Konflikt,
und wie sieht die Abwägung des Bundes in dieser Angelegenheit aus?
15. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und Artikel 109 Absatz 3 des Grundgesetzes,
wonach Haushalte von Bund und Ländern grundsätzlich ohne Einnahmen aus
Krediten auszugleichen sind, wenn ja, worin besteht dieser Konflikt, und
wie sieht die Abwägung des Bundes in dieser Angelegenheit aus?
16. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und der Gewährleistung einer verlässlichen,
sicheren und kostengünstigen Energieversorgung, wenn ja, worin besteht dieser
Konflikt, und wie sieht die Abwägung des Bundes in dieser
Angelegenheit aus?
17. Besteht nach Ansicht der Bundesregierung ein Konflikt zwischen dem
Erreichen der Klimaziele und der Aufrechterhaltung der
Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, wenn ja, worin besteht dieser Konflikt, und wie sieht
die Abwägung des Bundes in dieser Angelegenheit aus?
18. Wurden oder werden externe Beratungsunternehmen (z. B.
PricewaterhouseCoopers [PwC], KPMG, Ernst & Young [EY]) bei der aktuellen
Überarbeitung der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung einbezogen,
und wenn ja, in welchem Umfang (bitte ggf. den Auftragswert nennen)?
19. Gab es nach Kenntnis bzw. auf Veranlassung der Bundesregierung bisher
bereits Ausschreibungen für systemdienliche Elektrolyse?
a) Wenn ja, in welchem Umfang und auf welche Art und Weise wird bei
den einzelnen Ausschreibungen gefördert oder soll gefördert werden?
b) Wenn nein, für wann sind die ersten Ausschreibungen geplant, und in
welchem Umfang und auf welche Art und Weise soll dabei gefördert
werden?
c) Wenn nein, was ist der Grund für die Verzögerung?
20. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die gesamte
Fördersumme, mit der IPCEI-Projekte bisher vom Bund gefördert wurden?
21. Haben seit der Antwort der Bundesregierung auf Bundestagsdrucksache
21/2320 weitere IPCEI-Projekte eine Förderzusage bekommen oder sind
gefördert worden, und wenn ja, in welcher Höhe jeweils?
22. Wie bewertet die Bundesregierung die Rolle und den Erfolg des
Instruments IPCEI H2 beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft?
23. Wie viele Fördermittel haben nach Kenntnis der Bundesregierung die
bereits laufenden oder ehemaligen Reallabore der Energiewende bisher
jeweils erhalten, und welcher Anteil der gesamten Fördersumme fällt dabei
auf Reallabore, die sich mit der Wasserstoffwirtschaft befassen?
24. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils die Zusagen
für Fördermittel für aktuell laufende oder bewilligte Reallabore der
Energiewende, und welcher Anteil der gesamten bewilligten Fördersumme
fällt dabei auf Reallabore, die sich mit der Wasserstoffwirtschaft befassen?
25. Wie bewertet die Bundesregierung die Rolle und den Erfolg des
Instruments Reallabore der Energiewende beim Hochlauf der
Wasserstoffwirtschaft?
26. Kam es nach Kenntnis der Bundesregierung schon zu Fördermaßnahmen
oder Ausschreibungen im Rahmen der Umsetzung der RED-II- oder
RED-III-Richtlinie?
a) Wenn ja, in welchem Umfang und auf welche Art und Weise wird bei
den einzelnen Projekten oder Ausschreibungen gefördert oder soll
gefördert werden?
b) Wenn nein, für wann sind die ersten Fördermaßnahmen oder
Ausschreibungen geplant, und in welchem Umfang und auf welche Art
und Weise soll dabei gefördert werden?
c) Wenn nein, was ist der Grund für die Verzögerung?
27. Kam es nach Kenntnis der Bundesregierung schon zu Fördermaßnahmen
im Rahmen der neuen Förderrichtlinie Offshore-Elektrolyse?
a) Wenn ja, in welchem Umfang und auf welche Art und Weise wird bei
den einzelnen Projekten oder Ausschreibungen gefördert oder soll
gefördert werden?
b) Wenn nein, für wann sind die ersten Fördermaßnahmen oder
Ausschreibungen geplant, und in welchem Umfang und auf welche Art
und Weise soll dabei gefördert werden?
c) Wenn nein, was ist der Grund für die Verzögerung?
28. Welche einzelnen und konkreten Maßnahmen fasst die Bundesregierung
unter der Bezeichnung „Weitere indirekte Maßnahmen zur Erhöhung der
Elektrolyse-Kapazität“ zusammen (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
a) Welche Maßnahmen werden bereits umgesetzt, welche sollen noch
umgesetzt werden, und auf welche Art soll dabei jeweils gefördert
werden?
b) Welche Projekte werden durch die einzelnen, bereits umgesetzten
Maßnahmen jeweils gefördert, und wie hoch ist jeweils die
Fördersumme?
c) Welche Fördersummen plant die Bundesregierung ggf. für die noch
umzusetzenden Maßnahmen jeweils ein?
29. Wie bewertet die Bundesregierung die Rolle und den Erfolg des
Instruments der weiteren indirekten Maßnahmen zur Erhöhung der Elektrolyse-
Kapazität beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, soweit sie schon
umgesetzt wurden?
30. Gibt es neben den in der Fortschreibung der Wasserstoffstrategie
genannten sechs Instrumenten noch weitere Wege, mit denen die
Bundesregierung den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland fördert, wenn
ja, welche sind das, und wie hoch ist dabei jeweils die eingesetzte
Fördersumme?
31. Plant die Bundesregierung, Änderungen an den sechs in der
Fortschreibung der Wasserstoffstrategie genannten Förderinstrumenten
vorzunehmen, wenn ja, welche, und warum?
32. Plant die Bundesregierung, in Zukunft weitere Instrumente einzusetzen,
um den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft zu bewerkstelligen, wenn ja,
welche, und wie hoch soll ggf. jeweils die Fördersumme ausfallen?
Berlin, den 2. Dezember 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Bernd Schattner (Kleine Anfrage)
- asked ← Enrico Komning (Kleine Anfrage)
- asked ← Leif-Erik Holm (Kleine Anfrage)
- asked ← Malte Kaufmann (Kleine Anfrage)
- asked ← Marc Bernhard (Kleine Anfrage)
- asked ← Mathias Weiser (Kleine Anfrage)
- asked ← Michael Espendiller (Kleine Anfrage)
- asked ← Raimond Scheirich (Kleine Anfrage)
- asked ← Thomas Korell (Kleine Anfrage)
- asked ← Udo Theodor Hemmelgarn (Kleine Anfrage)
- authored ← Enrico Komning
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Leif-Erik Holm
- part_of_vorgang → Finanzielle und gesellschaftliche Lasten des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft (Kleine Anfrage)