Bewirtschaftung des Edersees (Antwort zu Drs. 21/2318)
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Bewirtschaftung des Edersees (Antwort zu Drs. 21/2318)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2523
21. Wahlperiode 03.11.2025
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Tarek Al-Wazir, Swantje Henrike
Michaelsen, Victoria Broßart, Matthias Gastel und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
– Drucksache 21/2318 –
Bewirtschaftung des Edersees
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Der Edersee ist Teil der Eder, die über die Fulda mit anderen Flüssen wie der
Weser verbunden ist. In diesem Zusammenhang dient der Edersee seit der
Fertigstellung der Staumauer im Jahr 1914 als Stausee, der den Wasserstand der
Fulda reguliert und damit indirekt die Schifffahrt auf der Weser unterstützt.
Bei starkem Regen kann der See auch überschüssiges Wasser speichern und
reduziert somit das Hochwasserrisiko entlang von Eder und Fulda. Des
Weiteren spielt der Edersee eine zentrale Rolle für den Tourismus in der Region, der
in den letzten Jahrzehnten eine immer größere Bedeutung bekommen hat. Als
einer der größten Stauseen Deutschlands bietet er eine Vielzahl an
Freizeitmöglichkeiten. Eingebettet in den Nationalpark Kellerwald-Edersee, einem
von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung,
Wissenschaft und Kultur) als Weltnaturerbe anerkannten Gebiet, ist der See und seine
Umgebung nicht nur ein beliebtes Ziel für Natur- und Wandertourismus,
sondern bietet auch einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt eine Heimat.
Darüber hinaus spielt der Edersee eine wichtige Rolle für den Betrieb des
Laufwasserkraftwerkes in der Staumauer sowie des dortigen
Pumpspeicherkraftwerkes, die nachhaltigen Strom aus Wasserkraft erzeugen und speichern. Durch
den stabilen Wasserspeicher im See kann das Kraftwerk konstant Strom
erzeugen, vorausgesetzt, der Wasserspiegel bleibt im ausreichenden Bereich. Diese
langfristige Verfügbarkeit ist wichtig, weil Wasserkraftwerke im Allgemeinen
geringere Betriebskosten im Vergleich zu fossilen Kraftwerken haben und
einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der deutschen Klimaschutzziele
leisten. Die Bewirtschaftung der Edertalsperre ist seit Jahren Gegenstand
intensiver Diskussionen zwischen Behörden, unterschiedlichen
Interessenvertretungen und der Region. Die zunehmenden sommerlichen Trockenperioden
haben immer öfter zu im Jahresverlauf immer frühzeitigeren
Niedrigwasserständen im Edersee geführt. Mit der Einführung der sog. Triggerlinie und des
Wintersparbetriebs wurde ein fünfjähriger Probebetrieb gestartet, um Wasser
gezielter einzusetzen und Nutzungskonflikte auszugleichen. Ziel war es, trotz
Trockenperioden die Schifffahrt auf der Oberweser abzusichern und zugleich
den Wasserstand des Edersees besser zu schonen. Nach dem Auslaufen des
Probebetriebs im Jahr 2024 stellt sich nun die Frage, warum die gewonnenen
Erfahrungen nach Wahrnehmung der Fragestellenden keinerlei Konsequenzen
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Verkehr vom
3. November 2025 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
haben, sondern man vonseiten des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes
(WSA) Weser zur ursprünglichen Bewirtschaftung zurückkehrt, ohne zu
klären, wie künftig mit den Belangen von Wasserwirtschaft, Tourismus, Ökologie
und Anrainern umgegangen wird.
1. Aus welchem Grund wurde der sog. Triggerlinienbetrieb am Edersee
nach fünf Jahren beendet?
2. Gibt es eine Auswertung des Probebetriebs durch das Wasserstraßen-
und Schifffahrtsamt, und wenn ja, was hat diese Auswertung ergeben
(bitte bei Verfügbarkeit als Anhang anfügen)?
Die Fragen 1 und 2 werden gemeinsam beantwortet.
Ja, der Probebetrieb wurde ausgewertet und gemeinsam mit den beteiligten
Interessenverbänden sowie dem Regierungspräsidium Kassel erörtert. Die
Auswertung, bei der die Talsperrenbewirtschaftung der letzten 70 Jahre mithilfe der
Triggerlinie nachgestellt wurde, ergab Folgendes:
• Die Triggerlinie hätte in einer Vielzahl der Fälle unnötig eingeschränkt, da
es im weiteren Jahresverlauf noch ausreichend Niederschläge gegeben hat.
Dadurch werden Jahre fälschlicherweise als Trockenjahre ausgewiesen, was
zu unnötigen Abladebeschränkungen für die Schifffahrt geführt hätte.
• Selbst bei korrekter Auslösung hätte die Triggerlinie die Stützung im
Schnitt nur um drei Tage verlängert. Diese zusätzlichen Stützungstage
wären für die Schifffahrt keine ausreichende Kompensation für die
Transportverluste während des Triggerbetriebs.
• Die Absenkung des Zielpegels auf 115 cm im Probebetrieb (2019 bis 2024)
führte zu starken Einschränkungen für die Fahrgastschifffahrt. Sie konnte
aufgrund der reduzierten Wassertiefe nur noch in der Stauhaltung Hameln
verkehren.
3. Ist es die Aufgabe des WSA, darauf zu achten, dass der Wasserspiegel im
Edersee in einem möglichst optimalen Bereich für alle Nutzungen
(Kraftwerk, Hochwasserschutz, Freizeit, Naturschutz) liegt, und wenn
nein, warum nicht?
11. Behält das WSA bei der Abgabe des Wassers aus dem Edersee im Blick,
ob der Wasserpegel im Edersee ausreichend ist, damit das Edersee-
Kraftwerk weiterhin Strom erzeugen kann, und wenn nein, warum nicht?
12. Ist es aus Sicht der Bundesregierung wichtiger, den Wasserpegel der
Weser konstant zu halten oder den Wasserpegel im Edersee, um den Betrieb
des Edersee-Kraftwerkes zu gewährleisten, das touristische Angebot
aufrechtzuerhalten und den Edersee im Rahmen des Hochwasserschutzes zu
nutzen?
Die Fragen 3, 11 und 12 werden aufgrund ihres Sachzusammenhangs
gemeinsam beantwortet.
Die Niedrigwasseraufhöhung auf der Oberweser und der Hochwasserschutz
sind die einzigen primären und rechtlich festgehaltene Nutzungszwecke der
Talsperre. Der dritte, nachgelagerte Nutzungszweck ist die Energiegewinnung.
Zahlreiche weitere Nutzungen sind im Lauf der Zeit hinzugekommen, diese
werden soweit möglich bei der Abgabenplanung berücksichtigt. Dabei legt die
Betriebsvorschrift eine klare Hierarchie der Nutzungszwecke fest. Diese lautet
in folgender Reihenfolge: Stützung der Schifffahrt auf der Oberweser und
Hochwasserschutz, danach Energieerzeugung. In Trockenphasen hat die
Stützung der Oberweser somit Vorrang.
4. Warum gab und gibt es aus Sicht der Bundesregierung, nach dem
Auslaufen des „Triggerlinienbetriebs“ keine weiteren Gespräche der
Interessengemeinschaft Oberweser und des Regionalverbands Eder-Diemel mit
dem WSA zur künftigen Edersee-Bewirtschaftung?
Ein regelmäßiger Dialog zwischen dem Regionalverband Eder-Diemel e. V.
und der Interessengemeinschaft Oberweser unter Moderation des
Regierungspräsidiums Kassel und der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des
Bundes hat bis 2024 stattgefunden und wurde nach Abschluss des Probebetriebs der
„Triggerlinie“ einvernehmlich beendet. Einem weiteren Dialog zur
Wasserbewirtschaftung mit den Anrainern der Edertalsperre steht die WSV offen
gegenüber.
5. Welche Maßnahmen unternimmt das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt
Weser für eine sparsamere Bewirtschaftung der Edertalsperre im
Sommer?
Aus der Talsperre wird jeweils nur so viel Wasser abgegeben, wie nach den
Prognoseberechnungen erforderlich ist, um den Abfluss am Pegel auf einen
Mindestwert von 55 m³/s zu halten. Dabei wird die Ressource Wasser so
sparsam und effizient wie möglich eingesetzt, um eine nachhaltige Bewirtschaftung
sicherzustellen.
6. Plant das WSA die Mindestreserve in der Talsperre für trockene Sommer
heraufzusetzen und den Wintersparbetrieb auszuweiten, um so
zusätzliche Bewirtschaftungsreserven in niederschlagsarmen Monaten
vorzuhalten, und wenn nein, warum nicht?
Der Wintersparbetrieb hat sich während des bisherigen Probebetriebs bewährt.
Das WSA Weser plant daher, diesen im Einvernehmen mit dem
Regierungspräsidium Kassel auszuweiten.
Eine generelle Erhöhung der Mindestreserve in der Talsperre ist nicht
vorgesehen und würde dem Nutzungszweck der Talsperre entgegenstehen. Ein
Heraufsetzen des Reserveraums würde zu einer Verkürzung der
Stützungszeiträume und zu einer längeren Phase mit Mindestabgabe führen. Das bedeutet,
weniger Wasser zur Stützung der Wasserstände in der Oberweser und damit eine
stärkere Einschränkung für die Schifffahrt.
7. Welche Bedeutung hat der Edersee aus Sicht der Bundesregierung für
den Hochwasserschutz der Region?
Die Edertalsperre ist mit der entsprechenden jetzigen Steuerung essenziell für
den Hochwasserschutz der Region. So konnte beispielweise die
Hochwasserspitze zum Jahreswechsel 2023/2024 für Hann. Münden um etwa 150 cm
reduziert werden.
8. Welche Bedeutung hat der Edersee aus Sicht der Bundesregierung im
Rahmen der Erzeugung erneuerbaren Stroms und als Speicher durch das
dortige Wasserkraftwerk sowie das Pumpspeicherkraftwerk für die
Erreichung der Klimaschutzziele der Bundesregierung?
Das Wasserkraftwerk Hemfurth I sowie die nachgelagerten
Pumpspeicherkraftwerke Waldeck I und Waldeck II leisten mit ihrer CO₂-neutralen
Stromerzeugung einen Beitrag zur Erreichung der nationalen Klimaschutzziele. Das in der
Staumauer integrierte Wasserkraftwerk versorgte in den Jahren 2023 und 2024
jeweils über 17 000 Haushalte mit regenerativem Strom (Annahme 3 500 kWh/
Jahr pro Haushalt). Die Pumpspeicheranlagen Waldeck I und Waldeck II nutzen
in Zeiten von Stromüberangebot Wasser aus dem unterhalb der Edertalsperre
gelegenen Affolderner See. Gemeinsam stellen sie eine Leistung von 620
Megawatt bereit und tragen damit wesentlich zum Ausgleich von
Lastschwankungen und Spitzenlasten im Stromnetz bei.
9. Wie viele Binnenschiffe passieren nach Kenntnis der Bundesregierung
die Weser täglich, und welchen Wasserpegel benötigen diese Schiffe?
10. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der
Binnenschiffe auf der Weser im Verlauf der letzten 15 Jahre entwickelt (bitte
nach Jahren aufschlüsseln), und welche Wassertiefe benötigten diese
Binnenschiffe?
Die Fragen 9 und 10 werden aufgrund ihres Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Der Bundesregierung liegen keine behördlichen Datenerhebungen vor, die die
gesamte Weser umfassen. Aus den Verkehrsberichten und Angaben der
Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt ergibt sich für die Mittelweser ein
Güteraufkommen von bis zu 3 Millionen Tonnen und ein
Frachtschiffaufkommen von bis zu 4 700 Schiffen pro Jahr. Auf der Oberweser ist deutlich weniger
Verkehr, hauptsächlich Schwergut- und Kiestransporte, sowie Fahrgastschiffe.
Der Zielpegel von 120 cm in Hann. Münden entspricht eine Fahrwassertiefe auf
der Oberweser von etwa 100 cm. Eine Reduzierung würde den Stillstand der
Schifffahrt auf der Oberweser bedeuten.
13. Wie bewertet die Bundesregierung das Auslaufen des Probebetriebs der
Triggerlinie im Zusammenhang mit den Vorgaben aus dem
Klimaanpassungsgesetz?
Das Bundes-Klimaanpassungsgesetz trifft keine direkten Vorgaben zur
Bewirtschaftung von Talsperren.
14. Auf welche Daten und Messreihen greift das WSA bei der Berechnung
der wasserwirtschaftlichen Maßnahmen zum Hochwasserschutz im
Bereich der Edertalsperre zurück?
Das Modell zur Abgabenplanung der Edertalsperre berücksichtigt alle
relevanten Wetter- und Abflussdaten, die zur Verfügung stehen. Hierzu gehören
ebenso großräumige Wetterlagen auf Basis der Daten des Deutschen
Wetterdienstes (DWD), als auch Einbeziehung lokaler Abflussverhältnisse anhand
von Daten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV)
und der Länder.
15. Über wie viele Messstellen (z. B. Pegel, Zuflussmessungen,
Niederschlagsstationen) verfügt das WSA im Einzugsgebiet der Edertalsperre,
und wie sind diese räumlich verteilt?
Im Einzugsgebiet der Edertalsperre werden zwei Pegelmessstationen vom
WSA Weser betrieben: Der Pegel Schmittlotheim und der Pegel Herzhausen.
16. Welche Daten werden hierbei regelmäßig erfasst (z. B.
Niederschlagsmengen, Abflusswerte, Schneeschmelze, Bodenfeuchte)?
a) Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Fragestellenden, dass
eine genauere und vorausschauendere Bewirtschaftung der
Edertalsperre möglich wäre, wenn zusätzliche Daten erhoben würden?
b) Wenn ja, welche weiteren Datenarten und wie viele zusätzliche
Messstellen wären aus Sicht der Bundesregierung bzw. des WSA
erforderlich, um die Steuerung von Hochwasserschutz und
Wasserbewirtschaftung am Edersee zu verbessern?
Die Fragen 16 bis 16b werden gemeinsam beantwortet.
Zur Bewirtschaftung der Talsperren werden zahlreiche unterschiedliche
Datenquellen herangezogen. Dabei sind nicht nur die Messstationen im
Einzugsgebiet der Edertalsperre von Bedeutung, sondern auch jene in den
Einzugsgebieten von Fulda, Werra und Weser. Die verwendeten Daten umfassen unter
anderem historische meteorologische Daten (Messstationen des DWD, HYRAS
etc.), verschiedene meteorologische Vorhersageprodukte (z. B. ECMWF,
ICON-EU), Abflussdaten von insgesamt 34 WSA eigenen Pegeln und sechs
Länderpegeln sowie Schneevolumen aus dem SNOW4-Modell des DWD.
Der Nutzen zusätzlicher Messdaten ist begrenzt, da die Abflussmodelle bereits
umfassend kalibriert und optimiert sind, sodass zusätzliche Daten nur noch
geringfügige Verbesserungen erwarten lassen.
17. Sind der Bundesregierung Forschungsprojekte im Bereich Talsperren
und Künstliche Intelligenz (KI) bekannt (vgl. beispielsweise das Projekt
„Prowave“ der Universität Duisburg-Essen, www.zfk.de/wasser-abwasse
r/talsperren-steuerung-durch-ki-harzwasserwerke-machen-den-ersten-sch
ritt)?
Entsprechende Forschungsprojekte sind bekannt.
18. Hat die Bundesregierung eine Auffassung zu der Frage, welche
Bedeutung solch ein KI-Projekt (vgl. Frage 17) für den Hochwasserschutz am
Edersee hat, und wenn ja, wie lautet diese?
Alle relevanten Wetter- und Abflussdaten fließen bereits in die Modelle ein. KI
würde die Abgabenplanung nicht verbessern, sondern v. a. eine schnellere
Datenverarbeitung ermöglichen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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