Sabotageakte gegen kritische Infrastrukturen in Deutschland seit 2020 - Häufigkeit, Einordnung und Maßnahmen zur Resilienzsteigerung
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Sabotageakte gegen kritische Infrastrukturen in Deutschland seit 2020 - Häufigkeit, Einordnung und Maßnahmen zur Resilienzsteigerung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1823
21. Wahlperiode 25.09.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Jörg Zirwes, Hannes Gnauck, Sascha Lensing und
der Fraktion der AfD
Sabotageakte gegen kritische Infrastrukturen in Deutschland seit 2020 –
Häufigkeit, Einordnung und Maßnahmen zur Resilienzsteigerung
Am 9. September 2025 kam es im Berliner Südosten (u. a. Johannisthal,
Adlershof, Bohnsdorf, Niederschöneweide, Altglienicke und Grünau) zu einem
großflächigen Stromausfall infolge eines Brandes an zwei
Freileitungsendmasten am Königsheideweg. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin bestätigte den
Brand sowie die laufenden Reparaturarbeiten und berichtete am Abend, dass
von etwa 50 000 betroffenen Kundinnen und Kunden bis 20.15 Uhr knapp die
Hälfte wieder versorgt werden konnte. Hintergrund sei laut Polizei ein
Brandanschlag, ein Bekennerschreiben werde geprüft (www.stromnetz.berlin/uber-un
s/presse/pressemitteilungen-2025/update-stoerung-treptow-koepenick/ und
www.stromnetz.berlin/uber-uns/presse/pressemitteilungen-2025/update-stoerun
g-treptow-koepenick-2/ sowie die Krisenseite: www.stromnetz.berlin/krisense
ite/).
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, bezeichnete den
Stromausfall in einer offiziellen Mitteilung des Landes Berlin als Folge eines
„gefährlichen Anschlags“ auf die Strominfrastruktur und dankte den Einsatzkräften.
Zugleich verwies er auf die Zuständigkeit der Ermittlungsbehörden
(Pressemitteilung [PM] vom 9. September 2025: www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/presse
mitteilungen/2025/pressemitteilung.1596507.php). Das Bezirksamt Treptow-
Köpenick informierte am 9. September 2025 zusätzlich über den Ausfall in
mehreren Ortsteilen und die betroffenen Verwaltungsgebäude (www.berlin.de/b
a-treptow-koepenick/aktuelles/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.15962
07.php).
Am 10. September 2025 berichtete das Landesportal berlin.de, dass rund
20 000 Haushalte weiterhin ohne Strom waren; Stromnetz Berlin rief zum
Stromsparen auf, um die Wiederversorgung zu stabilisieren (www.berlin.de/akt
uelles/9890881-958090-noch-20000-haushalte-in-berlin-ohne-stro.html). Die
Berliner Feuerwehr veröffentlichte am 9. September 2025 über das offizielle
Bundeswarnportal eine amtliche Mitteilung zu Beeinträchtigungen der
Erreichbarkeit des Notrufs 112 in Teilbereichen infolge des Stromausfalls (https://warn
ung.bund.de/meldungen/mow.DE-BR-B-SE017-20250909-17-001). Nach
Medienangaben bestätigte die Polizei, dass ein Bekennerschreiben auf einer
linksradikalen Internetseite geprüft werde; die Ermittlungen führt der
Staatsschutz des Landeskriminalamts Berlin (z. B. dpa-Meldung/FAZ vom 9.
September 2025: www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/nach-brandanschlag-in-
berlin-prueft-polizei-bekennerschreiben-110677605.html; ZEIT/dpa vom
9. September 2025: www.zeit.de/news/2025-09/09/nach-brandanschlag-
inberlin-prueft-polizei-bekennerschreiben). Eine abschließende Bewertung der
Täterschaft liegt zum Stichtag 10. September 2025 nicht vor; es gilt der
Grundsatz der Unschuldsvermutung.
Der Berliner Vorfall reiht sich in bekannte Angriffe auf kritische
Infrastrukturen (KRITIS) der vergangenen Jahre ein, insbesondere auf Energie- und
Verkehrs- bzw. Bahninfrastruktur:
Am 5. März 2024 führte ein Brandanschlag auf einen Hochspannungsmast in
Brandenburg zu einem Stromausfall, der u. a. die Tesla-Gigafactory in
Grünheide betraf; der Generalbundesanwalt (GBA) übernahm wenige Tage später die
Ermittlungen wegen u. a. verfassungsfeindlicher Sabotage und Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung (Pressemitteilung der Staatskanzlei
Brandenburg vom 5. März 2024: https://brandenburg.de/de/presseamt/detail.php?gsi
d=brandenburg_06.c.833920.de; zur Übernahme durch die Bundesanwaltschaft
vgl. u. a. FAZ vom 8. März 2024 mit GBA-Sprecherin: www.faz.net/aktuell/pol
itik/inland/bundesanwaltschaft-uebernimmt-ermittlungen-zu-tesla-anschlag-195
72956.html).
Am 8. Oktober 2022 waren nach vorsätzlicher Beschädigung von für den
Zugfunk essenziellen Kabeln der Deutschen Bahn an zwei Orten (Berlin-Karow
und Herne) der Bahnverkehr in Norddeutschland für mehrere Stunden gestört;
Bundespolizei und später Bundesanwaltschaft nahmen Ermittlungen auf
(Reuters vom 8. und 9. Oktober 2022 mit Angaben zu Ermittlungsstand und
Ausschluss eines ausländischen Staates als Urheber nach damaliger Bewertung:
www.reuters.com/world/europe/rail-northern-germany-standstill-due-
technicalissue-2022-10-08/ und www.reuters.com/world/europe/no-sign-that-foreign-sta
te-was-behind-german-rail-sabotage-police-2022-10-09/).
Für die bundespolitische Einordnung ist der Regelungsrahmen maßgeblich: Die
Richtlinie (EU) 2022/2557 über die Resilienz kritischer Einrichtungen (CER)
verpflichtet die Mitgliedstaaten u. a. zur Identifikation kritischer Einrichtungen,
zur Durchführung sektorspezifischer Risikoanalysen und zur Einrichtung von
Melde-, Aufsichts- und Unterstützungsmechanismen (Amtsblatt/EUR-Lex:
https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2022/2557/oj/eng; PDF: https://eur-lex.europ
a.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=CELEX%3A32022L2557). Die
Bundesregierung hat am 30. Juli 2025 in der Bundespressekonferenz bekräftigt, mit
Hochdruck an einem neuen Gesetzentwurf zu einem KRITIS-Dachgesetz zur
Umsetzung der CER-Richtlinie zu arbeiten (www.bundesregierung.de/breg-de/
aktuelles/regierungspressekonferenz-vom-30-juli-2025-2374154). Das
Bundesministerium des Innern (BMI) weist zugleich darauf hin, dass das
parlamentarische Verfahren in der vergangenen Legislatur nicht abgeschlossen werden
konnte und die Umsetzung der CER-Richtlinie weiterhin ansteht (BMI-
Themenseite „Schutz kritischer Infrastrukturen“: www.bmi.bund.de/DE/theme
n/bevoelkerungsschutz/schutz-kritischer-infrastrukturen/schutz-kritischer-infras
trukturen-node.html).
Als kriminalstatistischer Kontext (ohne Vorfestlegung zur Tätermotivation bei
Einzelfällen) ist auf die Fallzahlen zur Politisch motivierten Kriminalität
(PMK) 2024 hinzuweisen: Bundeskriminalamt (BKA) und BMI berichten für
2024 84 172 politisch motivierte Straftaten insgesamt (+40,22 Prozent ggü.
2023). Die PMK-Erfassung erfolgt nach dem bundeseinheitlichen KPMD-
PMK-System (KPMD-PMK = Kriminalpolizeilicher Meldedienst in Fällen
Politisch motivierter Kriminalität; BKA-Fachseite und BMI-Pressemitteilung vom
20. Mai 2025: www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKZ
ahlen2024/PMKZahlen2024_node.html; Factsheet-PDF: www.bmi.bund.de/Sh
aredDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI25045_pmk202
4-factsheet.pdf?__blob=publicationFile&v=7; BMI-PM: www.bmi.bund.de/Sh
aredDocs/pressemitteilungen/DE/2025/05/pmk2024.html).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche gesicherten Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zum
Stromausfall im Berliner Südosten am 9. September 2025 vor (Tatmodus,
Schadensbild, betroffene Anlagen, Umfang der Versorgungsunterbrechung)?
2. Welche Bundesbehörden waren oder sind in die Ermittlungen oder
Unterstützungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Vorfall eingebunden,
und mit welchen Aufgaben?
3. Wie viele Fälle von mutmaßlicher Sabotage gegen Energie- oder
Verkehrsinfrastruktur wurden seit 2020 in Deutschland registriert, und wie
verteilen sich diese Fälle nach Jahr und Bundesland?
4. Wie viele dieser Fälle (vgl. Frage 3) wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung als Politisch motivierte Kriminalität eingestuft, und welchen
Phänomenbereichen der PMK wurden sie jeweils zugeordnet?
5. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu möglichen
Verbindungen solcher Vorfälle in Deutschland mit ausländischen
Nachrichtendiensten oder staatlich gesteuerten Aktivitäten vor?
6. Welche Auswirkungen hatten die dokumentierten Vorfälle seit 2020 auf
die öffentliche Versorgung (Haushalte, Krankenhäuser, Rettungsdienste,
Telekommunikation), und wie viele Personen waren insgesamt betroffen?
7. In wie vielen Fällen kam es seit 2020 im Zusammenhang mit Angriffen
auf kritische Infrastrukturen zu Verletzten oder Toten, und wenn es zu
Verletzten oder Toten kam, wie viele Personen waren jeweils betroffen?
8. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu den wirtschaftlichen
und betrieblichen Schäden (z. B. Produktionsausfälle,
Wiederherstellungskosten) infolge solcher Vorfälle vor?
9. Wie bewertet die Bundesregierung aktuell die Gefährdungslage für
Angriffe auf Energie- und Verkehrsinfrastrukturen in Deutschland?
10. Wie ist der Umsetzungsstand der EU-Richtlinie 2022/2557 über die
Resilienz kritischer Einrichtungen (CER-Richtlinie) in nationales Recht, und
welche Regelungen zu Mindeststandards, Meldepflichten und
Aufsichtsmechanismen sind vorgesehen?
11. Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung seit 2020
ergriffen oder eingeleitet, um die Resilienz kritischer Infrastrukturen gegenüber
Sabotageakten zu erhöhen?
12. Welche Kooperations- oder Übungsformate zwischen Bund, Ländern,
Betreibern kritischer Infrastrukturen und internationalen Partnern (EU,
NATO) wurden seit 2020 zur Abwehr oder Bewältigung von Angriffen
auf kritische Infrastrukturen durchgeführt?
Berlin, den 24. September 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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