Long-COVID und PostVac - Aktuelle Situation und Versorgungslage in Deutschland
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Long-COVID und PostVac - Aktuelle Situation und Versorgungslage in Deutschland
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/651
21. Wahlperiode 26.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Martin Sichert, Kay-Uwe Ziegler, Dr. Christina Baum, Carina
Schießl, Alexis L. Giersch, Nicole Hess, Tobias Ebenberger, Claudia Weiss,
Thomas Dietz, Dr. Christoph Birghan und der Fraktion der AfD
Long-COVID und PostVac – Aktuelle Situation und Versorgungslage in
Deutschland
Long- bzw. Post-COVID bzw. das PostVac-Syndrom stellen weiterhin eine
medizinische und gesellschaftliche Herausforderung dar. Trotz der erheblichen
gesundheitlichen und gesellschaftlichen Relevanz räumt die Bundesregierung ein,
dass bislang keine umfassenden Erkenntnisse zu Long- bzw. Post-COVID-
bzw. PostVac-Betroffenen im Rahmen der vorhandenen Statistiken vorliegen.
Dennoch geht sie selbst von einer sechsstelligen Zahl an Erkrankten in
Deutschland aus – wie aus ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion
der AfD auf Bundestagsdrucksache 20/13503 hervorgeht. Diese Diskrepanz
zwischen Wissensstand und Problemausmaß verdeutlicht nach Auffassung der
Fragesteller den dringenden Handlungsbedarf in der Forschung, Versorgung
und sozialrechtlichen Absicherung. Die unzureichende Datenlage erschwert
nicht nur eine zielgerichtete gesundheitspolitische Steuerung, sondern auch
eine verlässliche Einschätzung des Ausmaßes der gesundheitlichen,
wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Long- bzw. Post-COVID bzw. PostVac.
Der Mangel an spezialisierten Behandlungseinrichtungen, strukturellen
Versorgungspfaden und einer bundesweiten Datenbasis erschwert eine adäquate
Versorgung (www.fr.de/panorama/komplett-ueberfordertes-gesundheitssystem-mil
lionen-kranke-seit-corona-vernachlaessigt-zr-93628659.html). Zudem besteht
eine erhebliche Überschneidung mit Myalgischer Enzephalomyelitis/
Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS), das insbesondere bei Jugendlichen und
jungen Erwachsenen als schwere Verlaufsform auftritt (ebd.). Die Zahl der
spezialisierten Anlaufstellen sei begrenzt. Besonders betroffen seien junge
Menschen mit starker Fatigue und Symptomen, die ME/CFS ähneln. Eine
strukturierte Versorgung sei, so der Medienbericht, bislang nicht flächendeckend
gegeben. Die Langzeitfolgen der Corona-Pandemie stellten das Gesundheitssystem
demnach weiterhin vor massive Herausforderungen. Schätzungen zufolge
leiden bundesweit mehrere Millionen Menschen an Long-COVID oder dem
verwandten Krankheitsbild ME/CFS (ebd.). Der Frankfurter Infektiologe Prof.
Dr. Martin Mücke, so der Bericht weiter, spräche in diesem Zusammenhang
von einem „komplett überforderten Gesundheitssystem“ – nicht nur wegen
fehlender Versorgungsangebote, sondern auch aufgrund mangelnder ärztlicher
Weiterbildung und der schleppenden politischen Reaktion. Die Betroffenen,
darunter zunehmend auch Kinder und Jugendliche, seien oft monatelang
arbeitsunfähig, erhielten aber kaum spezialisierte Hilfe oder eine zielgerichtete
Therapie. Fachleute warnen laut dem Bericht vor einem sich abzeichnenden sozialen
und medizinischen Kollaps, wenn nicht zügig gehandelt wird.
Trotz zunehmender Forschung zu Long-COVID besteht in Deutschland
weiterhin ein Mangel an systematischen Datenerhebungen, insbesondere zu
Prävalenz, Symptomverlauf und Langzeitprognose. Derzeit existiert kein für die
Behandlung von Long-COVID zugelassenes Medikament (www.bfarm.de/DE/Ar
zneimittel/Zulassung/Zulassungsrelevante-Themen/Expertengruppe-Long-CO
VID-Off-Label-Use/_node.html).
Die Versorgung von Menschen mit Long- bzw. Post-COVID bzw. PostVac
bleibt in vielen Regionen unzureichend (www.aerzteblatt.de/archiv/long-post-c
ovid-wenn-das-virus-spuren-hinterlaesst-b7b27adf-6c9a-4980-a2c3-f7b6897a
d0e8). Hausärztinnen und Hausärzte sind häufig erste Anlaufstellen, berichten
jedoch über unklare Zuständigkeiten und fehlende spezialisierte
Weiterverweisungspfade (ebd.). Obwohl mit der aktualisierten S1-Leitlinie zu Long- bzw.
Post-COVID (Stand: 30. Mai 2024) ein wichtiger Schritt zur Standardisierung
von Diagnostik und Versorgung unternommen wurde, bleiben zentrale Fragen
weiterhin ungeklärt (ebd.). Auch eine klare Abgrenzung zu verwandten
Krankheitsbildern wie der Myalgischen Enzephalomyelitis bzw. dem Chronischen
Fatigue-Syndrom der funktionellen somatischen Störungen ist dem Bericht
zufolge bislang nicht gegeben. Die Diagnose stütze sich nach wie vor auf eine
Kombination aus Anamnese, Ausschlussverfahren und klinischer
Einschätzung, weil objektive Biomarker bislang fehlten (ebd.). Darüber hinaus mangele
es an evidenzbasierten kausalen Therapien; die Leitlinie beschränke sich auf
symptomorientierte Empfehlungen (ebd.). Besonders kritisch sei die
unzureichende Datenlage zur Versorgungslage und Symptomatik bei Kindern und
Jugendlichen, die in bisherigen Studien kaum berücksichtigt worden wären.
Auch die langfristige Prognose – etwa hinsichtlich Chronifizierung,
Erwerbsunfähigkeit oder Rehabilitationsverläufen – sei bislang nur unzureichend
erforscht.
Long- bzw. Post-COVID (bzw. PostVac) wirkt sich laut einer Analyse
zunehmend auf den Arbeitsmarkt und das Sozialsystem aus (www.fr.de/wirtschaft/fol
gen-milliardenverluste-wie-long-covid-den-arbeitsmarkt-schwaecht-rentenkass
en-zr-92728043.html). Laut Deutscher Rentenversicherung ist seit Beginn der
Pandemie ein kontinuierlicher Anstieg an Rehabilitationsanträgen im
Zusammenhang mit den Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung zu verzeichnen
(ebd.). Viele Betroffene litten demnach unter anhaltender Erschöpfung
(Fatigue), kognitiven Einschränkungen sowie psychischen Belastungen, die ihre
Erwerbsfähigkeit über Monate hinweg stark einschränkten. Die
Rentenversicherung betone laut dem genannten Medienbericht die Notwendigkeit,
Versorgungsangebote langfristig auszubauen und stärker auf diese Langzeitfolgen
auszurichten. Trotz dieser Entwicklungen mangele es weiterhin an
systematischen Auswertungen über die Zahl der Reha-Anträge, deren
Bewilligungspraxis sowie an belastbaren Zahlen zur Erwerbsminderungsrente im
Zusammenhang mit Long-COVID oder ME/CFS. Auch die Anerkennung als
Berufskrankheit sei bisher weitgehend auf bestimmte Berufsgruppen – etwa das
medizinische Personal – beschränkt, obwohl auch andere Beschäftigte einem erhöhten
Infektionsrisiko ausgesetzt wären.
Im Zuge der Aufarbeitung langfristiger gesundheitlicher Folgen der SARS-
CoV-2-Pandemie wird auch diskutiert, ob bei einzelnen Personen Symptome,
die als Long-COVID klassifiziert werden, möglicherweise durch eine
COVID-19-Impfung ausgelöst oder verstärkt worden sein könnten (vgl. www.n
rwz.de/rottweil/mogliches-long-covid-nach-impfung-biontech-und-pei-reagiere
n-339605.html). Einige Betroffene berichten über Fatigue, neuropathische
Beschwerden oder kognitive Störungen nach Impfungen, insbesondere nach
mRNA-Vakzinen (vgl. www.welt.de/politik/deutschland/plus243697693/Coron
a-Impfung-Wir-sind-keine-Impfgegner-wir-sind-kranke-Menschen.html). Die
Abgrenzung zwischen einem Post-Vakzin-Syndrom und Long-COVID ist
medizinisch bislang unscharf, und es besteht erheblicher Forschungsbedarf (www.
welt.de/politik/deutschland/plus239844503/Nebenwirkung-Impfung-Starke-Sc
hmerzen-Inkontinenz-Augenprobleme.html). Erste Studien und Register, etwa
am Paul-Ehrlich-Institut (PEI) oder in internationalen Kohorten, untersuchen
immunologische Unterschiede zwischen Long-COVID nach Infektion und
potenziellen Impffolgen. Es bedarf einer differenzierten Erfassung, Diagnose und
Versorgung möglicher Post-Vakzin-Syndrome.
Trotz wiederholter Hinweise auf die Bedeutung von Long- bzw. Post-COVID
und PostVac für die öffentliche Gesundheit liegen nach Angaben der
Bundesregierung weiterhin keine systematisch erfassten Daten zur Anzahl und
Versorgungssituation der Betroffenen vor. In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der
Fraktion der AfD auf Bundestagsdrucksache 20/13503 verweist sie auf grobe
Schätzwerte aus Krankenkassendaten, vermeidet jedoch konkrete Angaben zur
tatsächlichen Zahl der Erkrankten, zur Versorgungsqualität oder zu
Rehabilitationsverläufen. Gleichzeitig räumt die Bundesregierung ein, dass eine
differenzierte Erfassung von Langzeitbeschwerden nach SARS-CoV-2-Infektion im
Vergleich zu möglichen längerfristigen Beschwerden nach COVID-19-Impfung
derzeit nicht erfolgt. Damit bleibt unklar, wie hoch der tatsächliche Anteil
impfassoziierter Langzeitbeschwerden ist und ob Betroffene gezielt versorgt
werden können. Auch bei Reha-Maßnahmen fehlen entsprechende
Erfassungsmechanismen, obwohl diese für eine differenzierte medizinische und
sozialrechtliche Bewertung unerlässlich wären.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche konkreten Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung ggf., um
die pathophysiologischen Mechanismen von Long- bzw. Post-COVID
(z. B. Autoimmunreaktionen, Viruspersistenz, Reaktivierung des Epstein-
Barr-Virus (EBV), neuroimmunologische Dysfunktionen) gezielt zu
erforschen?
2. Welche Forschungsprojekte werden derzeit von der Bundesregierung ggf.
gefördert, um valide Biomarker oder objektive Diagnosekriterien für
Long- bzw. Post-COVID zu identifizieren, und welche Einrichtungen sind
daran ggf. beteiligt?
3. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung zum Langzeitverlauf von
Long- bzw. Post-COVID-Erkrankungen vor, insbesondere im Hinblick auf
die Chronifizierung, Erwerbsunfähigkeit und Versorgungsbedarfe über
zwölf Monate hinaus?
4. Welche spezifischen Maßnahmen oder Studien existieren nach Kenntnis
der Bundesregierung in Deutschland zur Versorgung und Erforschung von
Long- bzw. Post-COVID bei Kindern und Jugendlichen, und welche
Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln zieht die Bundesregierung aus
der aktuellen Datenlage in dieser Altersgruppe?
5. Wie viele ambulante Spezialsprechstunden und interdisziplinäre
Behandlungszentren für Long-COVID gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung
derzeit bundesweit, hat sich die Bundesregierung zu deren Verteilung und
Kapazität eine eigene Auffassung gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?
6. Hat sich die Bundesregierung zu der aktuellen Anerkennungspraxis von
Long-COVID als Berufskrankheit bzw. Arbeitsunfall bei medizinischem
Personal und anderen Berufsgruppen mit erhöhtem Expositionsrisiko eine
eigene Auffassung gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?
7. Wie viele Anträge auf medizinische Rehabilitation mit Long-COVID bzw.
ME/CFS als Diagnose wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seit
2021 gestellt und in welchem Umfang abgelehnt oder genehmigt (bitte
jeweils nach Kalenderjahr, Quartal und Bundesland aufteilen)?
8. Wie viele Erwerbsminderungsrenten wurden seit 2021 nach Kenntnis der
Bundesregierung aufgrund von Long-COVID oder ME/CFS beantragt und
wie viele bewilligt (bitte jeweils nach Kalenderjahr, Quartal und
Bundesland aufteilen)?
9. Welche aktuellen Definitionen und Klassifikationen von Long-COVID
und Post-COVID-Syndrom existieren nach Kenntnis der Bundesregierung
(bitte WHO- [World Health Organization], NICE- [National Institute for
Health and Care Excellence] und AWMF-Leitlinien [AWMF =
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften]
abgleichen)?
10. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung ggf., um eine
wissenschaftlich fundierte Differenzierung zwischen Long-COVID nach SARS-
CoV-2-Infektion und möglichen längerfristigen Beschwerden nach
COVID-19-Impfung zu ermöglichen, und inwiefern berücksichtigt sie
dabei ggf., dass beide Patientengruppen vergleichbare oder unterschiedliche
therapeutische Bedarfe haben könnten?
11. Warum verzichtet die Bundesregierung auf eine gesonderte statistische
Erhebung gesundheitlicher Langzeitfolgen nach COVID-19-Impfung,
obwohl diese laut eigenen Angaben medizinisch nicht eindeutig von Long-
COVID zu unterscheiden sind (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
12. Plant die Bundesregierung angesichts der bestehenden Unsicherheiten,
künftig differenziertere Erhebungsinstrumente einzuführen, um Long-
COVID nach Infektion und mögliche postvakzinale Syndrome
systematisch voneinander abgrenzen und vergleichen zu können, und wenn nein,
warum nicht?
Berlin, den 25. Juni 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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