Rede von Uwe Barth (FDP) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Uwe Barth (FDP) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Es ist um die zwar wenigen, aber immerhin vorhandenen
positiven Ansätze in dem Antrag sehr schade, weil sie
unter einem ganzen Berg von falschen Behauptungen,
selektiv und tendenziell verwendeten Fakten und
falschen Schlussfolgerungen verschüttet sind.
Jawohl, unser Bildungssystem wirkt leider immer
noch selektiv. Jawohl, das ist nicht gut, das müssen wir
ändern. Jawohl, dazu muss auch Politik beitragen. Aber
nein, es ist nicht allein Aufgabe von Politik. Nein, das ist
nicht die Folge von quasi böswilligen Handlungen von
Politikern oder gar irgendwelchen Lehrern. Nein, es ist
keine zwangsläufige Folge von Strukturen.
(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Aber auch!)
Nein, liebe Kollegen von den Grünen, Gleichmacherei
ist kein hehrer Grundsatz, sondern ein grundfalscher
Ansatz.
(Beifall bei der FDP – Swen Schulz [Spandau]
[SPD]: Das ist einfach ein grundfalsches
Verständnis! Sie wollen einfach nur an dem Irrtum
festhalten!)
Soziale Selektivität ist ein Phänomen, zu dem viele
unterschiedliche Faktoren beitragen. Ich will ein paar
nennen, die in dem Antrag völlig verschwiegen werden.
(Ute Kumpf [SPD]: Wo waren Sie, als Kollege
Rossmann gesprochen hat?)
Die Erkenntnis, dass Bildung einen Wert an sich hat und
dass sie Voraussetzungen für das ganze Leben schafft, ist
in unserer Gesellschaft nicht gleichmäßig verteilt. Der
Satz, den auch meine Oma mir immer wieder gesagt hat:
„Lerne ordentlich, damit später einmal etwas aus dir
wird“, wird in bildungsnahen und bildungsfernen
Elternhäusern sicherlich ganz unterschiedlich weitergegeben.
Schauen wir, wo unter den Weihnachtsbäumen Bücher
liegen und in welchen Elternhäusern Kinder dazu
angehalten werden, diese Bücher zu lesen.
Schließlich stellt sich die Frage, welche Eltern es
sind, die durch Druck auf die Lehrer dafür sorgen, dass
ihre Kinder eine Gymnasialempfehlung bekommen,
obwohl sie von ihren Leistungen her nicht geeignet sind,
Uwe Barth(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Aber der umgekehrte Fall ist doch
viel häufiger!)
und welchen Elternhäusern das eher egal ist. Wir alle
kennen die Antworten. All dies trägt mit dazu bei, dass
sich die soziale Selektion als objektiv wahrnehmbare
Realität in den Statistiken niederschlägt.
Die Korrelation zwischen sozialer Herkunft und
Gymnasialempfehlung hat übrigens entgegen den
Behauptungen in Ihrem Antrag in den letzten Jahren
deutlich abgenommen. Zugegeben, das ist kein Grund zum
Ausruhen, aber es ist immerhin ein Fakt, den man auch
zur Kenntnis nehmen muss.
Wir wissen zwar, dass es Schülerinnen und Schüler
mit Migrationshintergrund im Bildungssystem nicht
leicht haben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass
beispielsweise Kinder von Migranten aus Vietnam ihre
deutschen Mitschüler bei den Noten in den Schatten
stellen.
(Marion Seib [CDU/CSU]: Auch das ist
richtig!)
Das hat möglicherweise mit der Wertschätzung der
Bildung zu tun, die in der jeweiligen Kultur bzw. in den
Elternhäusern vermittelt wird. Eine Folge oder gar der
Beweis einer gezielten Benachteiligung ist dies bestimmt
nicht.
(Beifall bei der FDP – Widerspruch bei
Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN – Swen Schulz [Spandau]
[SPD]: Deswegen müssen doch die anderen
unterstützt werden!)
Die Strukturdebatte, die Sie beginnen, liebe
Kolleginnen und Kollegen, ist weder zweckdienlich noch in
irgendeiner Form begründet. Als Rot-Grün in Nordrhein-
Westfalen regiert hat, gehörten die nordrhein-
westfälischen Kinder im bundesweiten Bildungsvergleich zu den
Verlierern.
(René Röspel [SPD]: Was? Dort gibt es die
meisten Schulabschlüsse und die meisten
Studenten!)
Die Bildungsdurchlässigkeit ist im strikt dreigliedrigen
System Baden-Württembergs besonders hoch, und die
Lebensperspektiven für Kinder aus sozial
benachteiligten Elternhäusern stellen sich in Bayern am günstigsten
dar. Zwar ist auch dort nicht alles Gold, was glänzt, aber
IGLU und PISA zeigen, dass es Lichtblicke gibt.
Deutsche Kinder sind besser geworden. Die Konzepte der
individuellen Förderung, der schulischen
Eigenständigkeit und eines neuen Bewusstseins unter den Pädagogen
beginnen zu greifen.
Es gibt noch mehr, was die Politik tun kann, damit
sich unser Bildungssystem weiter verbessert. Dazu
gehören die Voraussetzungen für eine bessere
vorschulische Bildung, mehr Eigenständigkeit für die Schulen, die
verbesserte Überprüfung der schulischen Bildungsleis-tungen und die Verbesserung der Lehreraus- und -
weiterbildung. Es geht auch darum, von den Besten zu lernen,
und vor allem um eines, nämlich die Anerkennung von
erbrachten Leistungen und erzielten Verbesserungen.
Das nämlich motiviert Menschen, und Motivation ist
eine der wichtigsten Triebfedern, die alle am
Bildungssystem Beteiligten für ihren persönlichen Erfolg
brauchen.
Herzlichen Dank.