Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Drucksache 16/9482
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 3 a: Drucksache 16/9482 –.
Text
Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Drucksache 16/9482
Mein historisches Gedächtnis reicht im Unterschied
zu Ihrem nicht bis zur Ausgabe der Sächsischen Zeitung
vom 13. Dezember 1989 zurück. Wenn er das gesagt
haben sollte, wäre das falsch; er wird sich inzwischen
korrigiert haben.
(Beifall bei der LINKEN – Lachen bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD –
Stephan Hilsberg [SPD]: Das glaube ich mit
Sicherheit! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So
kann man sich auch einen schlanken Fuß
machen!)
– Ich kann ja einmal vortragen, was Sie von der SPD in
der Zeit alles gesagt haben. Da würden Sie sich aber
wundern.
Es gibt also das Problem der unterschiedlichen
Einkommen. Jetzt sagen die FDP und andere:
Unterschiedliche Einkommen gibt es auch zwischen Schleswig-
Holstein und Bayern. – Das stimmt. Trotzdem: Die
Unterschiede zwischen Ost und West sind da viel zu
groß, als dass man sie negieren könnte.
Sie können das Problem auch nicht lösen, indem Sie
sagen: Wir machen eine Einmalzahlung, und dann ist das
erledigt. – Es ist ein hochwertiger Anspruch, dass die
Verkäuferin im Osten und die Verkäuferin im Westen
nach jeweils 30 oder 40 oder wie viel Arbeitsjahren auch
immer in etwa die gleiche Rente bekommen sollen. Das
gilt es durchzusetzen.
Wie kann man das lösen? SPD und Union haben gar
keine Lösung. Es ist wirklich ein Ding, finde ich, was
die Ministerpräsidenten diesbezüglich mit der Frau
Merkel gemacht haben. Es ist allerdings auch ein Ding
– das muss ich einmal ganz klar sagen –, dass sie darauf
hereinfällt. Das ist überhaupt nicht nötig. Dafür gibt es
andere Lösungen.
Was die FDP vorschlägt, funktioniert meines
Erachtens nicht.
Die Grünen sagen: Wir wollen nur noch bei niedrigen
Einkommen eine Höherbewertung. – Das geht auch
nicht.(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ihr Vorschlag
geht gar nicht! Er ist verfassungswidrig!)
Sie können einer Ärztin im Osten nicht erklären,
weshalb sie nach 40 Arbeitsjahren im Vergleich zu einer
Ärztin im Westen
(Zuruf der Abg. Irmingard Schewe-Gerigk
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
– ich rede nicht von den verbeamteten; ich rede von den
angestellten – eine geringere Rente beziehen soll. Das ist
nicht erklärbar und auch nicht gerecht. Das hat mit der
Höhe des Einkommens zunächst einmal nichts zu tun.
Also muss es doch darum gehen, generell eine
Höherbewertung der Einkommen im Osten
hinzubekommen, solange die Einkommen eben – leider –
unterschiedlich sind. Dafür gibt es drei Wege. Das betone ich,
weil Sie meinen, es gebe keine Lösung. Wenn Sie von
der Union sagen: „Es gibt keine Patentlösung“, dann
machen Sie doch meinetwegen eine Lösung ohne Patent!
Aber eine Lösung brauchen wir auf jeden Fall.
Es gibt also drei Wege. Der eine Weg ist, wie heute:
Man macht eine pauschale Höherbewertung der
Einkommen – natürlich nach Angleichung der Rentenwerte.
Das wäre die erste Voraussetzung.
Man könnte auch – da sich etwa öffentlicher Dienst
und Gewerbe unterscheiden – von sechs bis acht
Branchen ausgehen, für die wir unterschiedliche Sätze
festlegen. Das wäre ein zweiter Weg, der etwas komplizierter
ist.
Der dritte Weg ist der komplizierteste, aber auch
gerechteste: Wir gehen von den Arbeitsjahren einer
Ostdeutschen oder eines Ostdeutschen aus und vergleichen
das mit der durchschnittlichen Entlohnung dieser
beruflichen Tätigkeit in den alten Bundesländern. Das muss
man aber individuell errechnen. Dadurch würde eine
Menge Arbeitsplätze bei der Rentenversicherung
geschaffen.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]:
Aha!)
– Wir haben das auch nicht vorgeschlagen. Nein, ich
habe nur gesagt: Das ist der gerechteste Weg; er ist aber
auch der komplizierteste. Das bestreite ich auch nicht.
Damit Sie nicht mit der Ausrede kommen, das sei zu
kompliziert, haben wir den einfachsten Weg
vorgeschlagen: die pauschale Höherbewertung.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Sie
haben Ungerechtigkeit vorgeschlagen!)
– Ja, ich räume ein, dass darin ein Moment der
Ungerechtigkeit enthalten ist.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Ein
großes!)
Deshalb wäre mir die Variante nach den Branchen viel
lieber.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Nehmen Sie
unseren Weg! Der ist viel besser!)
Darüber können wir diskutieren, wenn Sie wirklich an
einer Lösung interessiert sind und nicht nur reden
wollen.
(Stephan Hilsberg [SPD]: Das ist nicht
gerecht! Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu
tun!)
Sie können aber den Rentnerinnen und Rentnern im
Osten nach 18 Jahren Einheit nicht erklären, dass sie
nach wie vor für die gleiche Leistung eine geringere
Rente bekommen.
(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Das
stimmt doch nicht!)
Sie müssen denen, die heute arbeiten, erklären, dass sie
bei längerer Arbeitszeit und niedrigeren Löhnen, die sie
heute beziehen, später eine niedrigere Rente bekommen.
Das ist nicht gerecht. Wir müssen endlich zu der Lösung
kommen, dass es in Deutschland für gleiche Arbeit in
etwa den gleichen Lohn und auch die gleiche Rente gibt.
Abgesehen von den anderen Ungerechtigkeiten bei der
Rente, über deren Beseitigung wir demnächst
diskutieren werden – ich habe am Anfang meiner Rede darauf
hingewiesen, worüber wir alles nicht reden –, ist das ein
Minimum, das man erreichen muss.
Wir sind jetzt im 19. Jahr der Einheit. Wenn Sie
wenigstens sagen würden, im 20. Jahr der Einheit wird das
Problem gelöst sein, dann wäre mir auch das zwar zu
spät, aber es wäre ein gemeinsames Ziel. Lassen Sie uns
gemeinsam daran arbeiten, meinetwegen auch in kleinen
internen Gruppen. Das ist mir alles wurscht; Hauptsache,
es kommt als Ergebnis heraus, dass in Deutschland
diesbezüglich endlich Gerechtigkeit hergestellt ist.
Relationen
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