Rede von Alois Karl (CDU/CSU) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8 a und 8 b: Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),.
Text
Rede von Alois Karl (CDU/CSU) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Die größte Gefahr für unsere Demokratie geht
nicht von den wenigen Extremisten aus, sondern von der
Lauheit und von der Interesselosigkeit ganz vieler
unserer Staatsbürger.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
bei Abgeordneten der SPD)
Das hat neulich der scheidende Präsident des
Bayerischen Landtages, Alois Glück, formuliert. Ich glaube, er
hat recht. Es ist mehr als ein Körnchen Wahrheit in
dieser Aussage, und darüber müssen wir uns unterhalten.
Die Problematik verstärkt sich, weil der Staat keinen
Zwang ausüben kann, um Bildung durchzusetzen;
ansonsten würde er selbst Züge des totalitären Staates
annehmen. Dem freiheitlich-demokratischen Staat bleibt
also gar nichts anderes übrig, als die Angebote zu
verstärken und attraktiver zu gestalten. Das ist meines
Erachtens – der Kollege Beck hat das angesprochen – mehr
als eine politische Aufgabe; es ist eine allgemeine
Aufgabe unserer Gesellschaft. Wir brauchen ein
Gesamtkonzept, das die Jungen wie die Alten, die Einheimischen
wie die Migranten einschließt. Es geht darum, nicht bloß
Zeitgeschichte zu vermitteln, sondern auch die
Grundlagen und die Zusammenhänge. Dazu gehört, die
Geschichte der nationalsozialistischen Vergangenheit
genauso wie das Unrecht des SED-Staates darzustellen. Es
ist menschlich, allzu menschlich, dass man das
Negative, das Böse verdrängt und dass man Geschichte
verblassen lassen möchte. Doch ist es ein Skandal, so meine
ich, wenn sich heute frühere Stasiangehörige
zusammentun, um an exponierter Stelle SED-Opfer zu verhöhnen,
sei es in Hohenschönhausen oder an anderen
historischen Plätzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
bei Abgeordneten der SPD)
Solche Provokation ruft nicht nach dem Staatsanwalt,
sondern eigentlich mehr nach politischer
Aufklärungsarbeit. Es geht um die historische Wahrheit und um
Aufklärung.
Gewiss, der Schmerz ist gerade dort am stärksten, wo
wir ihn hautnah empfinden und wo wir am liebsten das
Vergessen sich breitmachen ließen. Es war auch bei uns
ein Fehler in den 50er-Jahren, dass wir das noch frische
Naziunrecht verdrängt und nicht aufgearbeitet haben. Es
war ein Fehler bei uns, die Gräueltaten des Dritten
Reiches nicht schonungslos aufzuarbeiten.
Ich persönlich unterstütze den Antrag nachhaltig, weil
ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere: Die Zeit
des Dritten Reiches lag erst 30 Jahre zurück, und sie war
in frischer Erinnerung, auch bei manchem Lehrer.
Dennoch haben wir über diese Zeit im Unterricht wenig ge-hört. Bis zum Abitur haben wir die Punischen Kriege
dreimal und die napoleonischen Kriege zweimal
durchgenommen. Sogar vom Aufstand der Hottentotten haben
wir mehr gehört als von der nationalsozialistischen Zeit.
Ich glaube, das war ein großer Fehler in unserer
Schulzeit.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
bei Abgeordneten der LINKEN)
Daraus müssen wir lernen, wie wichtig es ist,
politische Bildungsarbeit heute mutig auf unsere
Tagesordnung zu setzen. Das ist auch Aufgabe der Medien. Es
gibt viele gute Beispiele. Ich nenne stellvertretend die
Serie ZDF-History von Professor Knopp, eine
Bildungsarbeit, die sich auch an Nichtfachleute wendet und deren
einziges Manko für mich die späte Sendezeit ist. Zu
einer guten Sendezeit würde sie sehr viel mehr erreichen.
Wir erschrecken heute über die Ergebnisse der PISA-
Studien. Gewiss, die Kompetenzen, die nachgefragt
werden, sind oft mangelhaft. Besonders schmerzlich ist das,
weil wir in diesen Tagen auch den 60. Jahrestag der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begehen.
Hierin sind ebenfalls Kompetenzen und Rechte
formuliert, auch das Grundrecht auf Teilhabe an Bildung.
Diesem Grundrecht entspricht die Grundpflicht,
Bildungsangebote anzunehmen.
Die Demokratie ist zweifellos die schwierigste
Staatsform. Sie ist angewiesen auf das Mitleben, auf das
Mitmachen und auf das Mittun. Die Demokratie lebt vom
Einsatz der aktiven Bürger. Aus diesem Grunde ist es
erschreckend, dass 70 Prozent der Schüler von der DDR
im Unterricht nichts hören, dass sie glauben, die SED sei
keine Partei in einem Unrechtsstaat, in einer Diktatur
gewesen oder Konrad Adenauer sei ein Politiker der SED
gewesen. Diese Beispiele könnte man fortführen; heute
haben wir etliches gehört. Wenn wir hier nicht
gegensteuern – da gebe ich Ihnen, Herr Kollege Beck, recht –,
müsste man alsbald sagen: Deutschland ist ein
Entwicklungsland auf diesem Gebiet.
Wir müssen auch die Integrationspolitik ansprechen.
Wer in diesem Lande dauerhaft lebt, muss seine
Grundlagen kennen. Ich bin dankbar, dass wir die
Haushaltsansätze deutlich erhöht haben. Ich bin auch dankbar, wenn
wir selber mit gutem Beispiel vorangehen, wenn wir
politische Bildung europäisch verstehen, wenn wir darauf
hinwirken, dass die EU nicht bloß als ein bürokratischer
Moloch erscheint, dass sie vielmehr ein Garant für
Frieden, eine friedenstiftende Einrichtung auf diesem
Kontinent ist.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, dies zu
vermitteln, ist unsere Aufgabe. So gesehen bringt politische
Bildung Rendite für die Zukunft, und die gibt es nicht
zum Nulltarif. Ich bin zuversichtlich, dass politische
Bildungsarbeit die Werte unserer rechtsstaatlichen
Demokratie vermitteln kann. Daraus erwächst für uns alle ein
Mehrwert. Politisch gebildete junge Leute sind resistent
gegenüber Extremisten ganz gleich welcher Art, ganz
gleich, ob von der linken oder der rechten Seite. Das so
investierte Geld ist gut angelegt, nämlich in die Bildung
unserer demokratischen Staatsform und in deren
Wehrhaftigkeit.