Rede von Arnold Vaatz (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/222
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Arnold Vaatz (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/222
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Dass das Grundgesetz der Bundesrepublik
Deutschland die deutsche Wiedervereinigung als
politisches Ziel aufrechterhalten hat und damit dazu
beigetragen hat, zu verhindern, dass eine eigene DDR-
Staatsbürgerschaft anerkannt wurde, war eine der
Grundvoraussetzungen für die deutsche
Wiedervereinigung. Dafür bin ich ganz besonders dankbar.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Diese Tatsache bewirkte aber noch mehr: Sie hat
nicht nur den Flüchtlingen, die damals die Botschaften
besetzt hatten, Mut gegeben und es ihnen ermöglicht,
ungeschädigt in den Westen zu gelangen, sondern sie
diente auch all denjenigen, die sich damals entschlossenhatten, in der DDR zu bleiben, als letzte Zuflucht und
gab ihnen Hoffnung. Das muss, wie ich glaube, noch
hinzugefügt werden.
Gleichwohl muss gesagt werden: Die Tatsache, dass
das Grundgesetz die deutsche Wiedervereinigung als
politisches Ziel beibehalten hat, ist nicht allein hinreichend
dafür gewesen, dass das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland dann zu unserer gemeinsamen
deutschen Verfassung geworden ist, sondern dazu trug auch
der überragende Erfolg bei, den die auf dem Fundament
des Grundgesetzes gewachsene Bundesrepublik
Deutschland nach dem Krieg hatte.
Dieser Erfolg hat die Menschen in Ostdeutschland und
darüber hinaus die Menschen im gesamten damaligen
sowjetischen Einflussbereich nicht eine Sekunde lang
zögern lassen bei der Antwort auf die Frage, welcher
Gesellschaftsaufbau die optimalen Entfaltungschancen
für alle bietet und welchen man im eigenen Land
anwenden soll. Insofern hat das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland auch den Weg für die Einheit Europas
bereitet.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und der FDP)
Man muss außerdem sagen: Das lag nicht allein am
Grundgesetz, sondern auch an den Personen, die damals
daran gearbeitet haben, dass der Geist des
Grundgesetzes in der damaligen Situation umgesetzt wurde. Da bin
ich Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher ganz
besonders dankbar, dass sie damals für die Einheit
gearbeitet haben und sich nicht wie andere, die das zum Teil
noch heute tun, gegen die Einheit gestellt haben.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Peter Ramsauer hat schon den Slogan aufgegriffen,
der uns gelegentlich entgegengehalten wird, nämlich
dass das Grundgesetz den Menschen in Ostdeutschland
übergestülpt worden sei. Ich möchte die Kritik an
diesem Slogan gerne noch etwas verstärken. Hinzuzufügen
wäre etwa, dass diese Aussage eigentlich Ausdruck
ungeheurer Arroganz ist, nämlich einer Arroganz
gegenüber der freien Entscheidung der Menschen in
Ostdeutschland.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und der FDP)
Man versucht, diese Menschen nachträglich für
unmündig zu erklären nach dem Motto: Sie wussten ja nicht,
was sie taten. Aber genau das stimmt nicht. Sie wussten
genau, was sie taten, und sie würden es heute wieder so
tun. Man kann nur dann auf die Idee kommen, ihnen ein
entsprechendes Unwissen zu unterstellen, wenn man
unberücksichtigt lässt, was für ein Albtraum es für die
Ostdeutschen gewesen wäre, wenn sie diese geschichtliche
Stunde, die ihnen plötzlich die nicht mehr für möglich
gehaltene deutsche Wiedervereinigung eröffnete,
verstolpert hätten. Genau dies wollten sie unter allen
Umständen vermeiden. Deshalb sind sie kein Risiko einge-
Arnold Vaatzgangen. Und, meine Damen und Herren, das war richtig
so.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
bei Abgeordneten der SPD)
Um ein Stück weit zu illustrieren, wie gefährlich die
Lage damals war, möchte ich einiges in Erinnerung
rufen. Ich will zwar unter gar keinen Umständen alle
Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei in einen Topf
werfen – viele von ihnen haben Enormes für die
deutsche Wiedervereinigung und auch für das Wachhalten
des Gedankens daran getan; dazu zähle ich Willy Brandt,
Henning Voscherau und andere –, aber doch daran
erinnern, welche Auffassung Oskar Lafontaine damals
vertreten hat. Oskar Lafontaine hat im Dezember 1989
gesagt, man müsse den Zugriff der Übersiedler aus dem
Osten auf die Solidarsysteme im Westen einschränken.
Das war seine Auffassung. Auch Herr Schröder hat
gesagt: Wir müssen verhindern, dass sich die DDR-Bürger
über Gebühr an den Leistungen bedienen, für die die
Westdeutschen Beiträge gezahlt haben.
(Zurufe von der CDU/CSU: Ungeheuerlich! –
Was sagt Herr Gysi dazu?)
Das war die damalige Situation. Dies hat Herr Schröder
noch am 27. Januar 1990 gesagt. Daran erkennen Sie,
wie dringend es für uns gewesen ist, in dieser Frage
klare Verhältnisse zu schaffen. Ich bin dankbar dafür,
dass es gelungen ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Oskar Lafontaine [DIE LINKE]: Wissen Sie,
dass die Demokratie auch zur Wahrheit
verpflichtet?)
– Selbstverständlich, Herr Lafontaine, habe ich davon
etwas gehört. Zur Wahrheit hätte aber auch gehört, dass
Sie heute an dieser Stelle zu Ihren damaligen Reden
korrekt Stellung genommen hätten. Das haben Sie nicht
getan.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Zuruf von der CDU/CSU: Ja, das wäre an der
Zeit! Ein bisschen Selbstbeschäftigung!)
Als ich hier Ihre eigentumsphilosophische Vorlesung
verfolgt habe, habe ich bedauert, dass Sie in Ihrem
Saarland nicht die Möglichkeit hatten, die Umsetzung Ihrer
Ideen in Ostdeutschland persönlich mitzumachen und
mitzuerleben. Sie wären ein hervorragender Leiter der
staatlichen Plankommission des Bezirks Karl-Marx-
Stadt geworden, Herr Lafontaine.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU, der
FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Heiterkeit bei Abgeordneten der SPD)
Meine Damen und Herren, derzeit diskutieren wir
über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder
nicht. Der Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-
Vorpommern sagt, er wolle durch diese Diskussion die
DDR gegen den Vorwurf verteidigen, es hätte in diesem
Staat auch nicht das geringste bisschen Gute gegeben.
Diesen Vorwurf erhebt niemand. Ich kenne überhauptniemanden, der sagt, in der DDR habe es nicht das
geringste bisschen Gute gegeben.
Diese Frage ist auch nicht relevant in Bezug darauf,
ob man die DDR als Unrechtsstaat qualifiziert.
Denn wer die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet, der
bestreitet nicht, dass es in dieser DDR absolut vernünftige
Vorschriften gegeben hat. Die Straßenverkehrsordnung,
vielleicht abgesehen von der Tempo-100-Regelung, war
eine vernünftige Regelung.
Das Gleiche gilt für das Zivilrecht. Der frühere
Ministerpräsident de Maizière hat allen Grund, immer wieder
darauf hinzuweisen, was passiert wäre, wenn man alle
Verwaltungsakte aufgehoben hätte. Dann wären nämlich
alle Ehen in der damaligen DDR geschieden gewesen.
Also Unsinn! Das heißt, es bestand überhaupt kein
universeller Korrekturbedarf für alle Entscheidungen der
DDR. Auch das besagt der Begriff Unrechtsstaat nicht.
Der Begriff Unrechtsstaat besagt etwas anderes. Er
besagt, dass diejenigen, die sich in der DDR das Recht zur
Gesetzgebung angemaßt haben, dieses Recht nicht
hatten, weil sie dazu nicht durch freie Wahlen legitimiert
waren.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der
FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Deshalb war die DDR selbstverständlich ein
Unrechtsstaat. Dieser Unrechtsstaat ging weit über die
bloße Tatsache der Nichtlegitimation der Volkskammer
hinaus. Denn er hat zusätzlich auch noch dafür gesorgt,
dass es keine Gewaltenteilung, keine unabhängige
Gerichtsbarkeit und insbesondere keine
Verfassungsgerichtsbarkeit gab,
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
mit der die Bürger die eigentlich in der damaligen DDR-
Verfassung festgeschriebenen Grundrechte gegen den
Staat hätten einklagen können. Diese Tatsachen
qualifizieren die DDR als einen Unrechtstaat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
bei Abgeordneten der SPD)
Ich hatte gehofft, dass man sich dieser Tatsache
gerade in der jetzigen Diskussion etwas stärker bewusst
wird. In der damaligen DDR haben wir
selbstverständlich im Fernsehen gesehen, wie man gleichzeitig mit
dem Bestehen des Repressionsregimes in der DDR im
Westen mit der Bundesrepublik Deutschland
umgegangen ist. In den 70er-Jahren wurde die Bundesrepublik
Deutschland als ein Polizeistaat, als alles mögliche
Negative bezeichnet, unter anderem auch von Herrschaften,
die hier mit im Raum sitzen.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Hier dürfen Sie sich direkter
ausdrücken! Wir sind hier nicht in der DDR!)
Arnold VaatzDer Beweis dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland
kein Polizeistaat war, ist, dass man ihn einen Polizeistaat
nennen durfte.
Dass die DDR ein Polizeistaat war, beweist die Tatsache,
dass die Polizei kam, wenn man diesen Staat so nannte.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)
Das alles ist zum Glück vorbei.
Meine Redezeit ist leider abgelaufen. Das tut mir
außerordentlich leid; denn ich habe noch eine ganze Menge
mehr vorbereitet. Vielleicht kann ich das beim nächsten
Mal sagen.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
bei Abgeordneten der SPD)