Rede von Jörg Tauss (SPD) – Aktuelle Stunde: der SPD
Teil von Protokoll der 162. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: der SPD.
Text
Rede von Jörg Tauss (SPD) – Aktuelle Stunde: der SPD
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe
Kollegen! Natürlich besteht die spannende Frage, lieber
Kollege Waitz, warum Ihre Partei diese Forderung nicht
während ihrer damaligen Regierungszeit gestellt hat,
sondern erst heute; das ist aber ein Thema für sich. Dann
hätten wir vielleicht ein paar Probleme weniger.
Jörg TaussHeute ist der Ticker voll mit Meldungen über Oskar
Lafontaine. Ich sehe hier viele Mitglieder der PDS bzw.
der Nachfolgepartei sitzen. Ich vermisse in der Tat Herrn
Gysi und Herrn Lafontaine, die beiden Betroffenen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich halte es für skandalös, dass beide hier kneifen.
Nun gut, von Lafontaine sind wir es gewohnt, dass er
immer kneift, wenn es darauf ankommt. Von Lafontaine
sind wir diesen Stil gewohnt. Als es für ihn damals im
Saarland unbequem wurde, hat er die Pressegesetze
verschärft. Jetzt wird Frau Birthler unangenehm. Daher
fordert heute Herr Lafontaine von der Kanzlerin – er sollte
sich einmal über die gesetzlich geregelte
Unabhängigkeit der Stellung von Frau Birthler informieren –, sie
möge Frau Birthler absetzen. Das ist bizarr. Diejenigen,
von denen heute die Ticker mit Meldungen überquellen,
kneifen und weigern sich, an dieser Debatte
teilzunehmen. Das ist für sie bequem. Aber, wie gesagt, wir
Sozialdemokraten kennen das von Lafontaine. Ihr hingegen
lernt ihn gerade kennen, wie ich es auf dem Parteitag
gehört habe.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Heute gab es zusätzlich von Herrn Gysi den
gelungenen Versuch, mit einer Reihe von juristischen Finten und
Verfügungen, die Berichterstattung in den Medien über
das, was Frau Birthler gesagt hat und worüber wir heute
diskutieren, zu verhindern. Auch dazu kann ich nur
sagen: Das ist eine schöne Haltung zu Demokratie und
Pressefreiheit.
(Abg. Oskar Lafontaine [DIE LINKE] und
weitere Abgeordnete der LINKEN betreten
den Plenarsaal – Zurufe von der CDU/CSU:
Oh!)
– Da kommt er ja gerade. Das finde ich ganz prima.
Dann können wir die Diskussion ja fortsetzen. Herzlich
willkommen, Herr Lafontaine. Wir haben zu Ihnen
gerade schon die richtigen Worte gefunden.
Frau Birthler hat gesagt, Gysi habe der Stasi
„willentlich und wissentlich“ zugearbeitet. Gysi erklärte, er
„überlege noch“, juristische Schritte zu ergreifen.
Zwischenzeitlich ist er zumindest gegen die Medien
juristisch vorgegangen. Ich kann nur sagen: Das, was Frau
Birthler festgestellt hat, ergibt sich aus der logischen
Bewertung aller Unterlagen und der Zeugen, über die schon
gesprochen worden ist. Dafür muss man noch nicht
einmal ein Jurist sein: Das ergibt sich aus der Aktenlage.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es wäre an dieser Stelle gut, lieber Herr Gysi, dass
Sie Ihren Kettenhund Lafontaine zurückziehen
(Unruhe bei der LINKEN – Wolfgang Börnsen
[Bönstrup] [CDU/CSU]: Sehr gut!)
und an dieser Stelle klar sagen: Jawohl, ich stelle dar,
was damals meine Rolle war.(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
Ich glaube, damit würden Sie der Demokratie dieses
Landes – das sollten Sie im Übrigen auch aus Achtung
vor sich selbst tun – einen besseren Dienst erweisen, als
Sie dies mit Ihren Beiträgen auf Ihrem Parteitag in
Cottbus oder sonst wo getan haben, um dies in aller Klarheit
zu sagen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich will bei dieser Gelegenheit auch wegen der
unsäglichen Attacken Lafontaines auf Frau Birthler sagen: Die
Arbeit der BStU hinsichtlich der Aufarbeitung ist
überaus positiv. Sie ist auch ein Beleg dafür, dass es unter
rechtsstaatlichen Aspekten und unter Wahrung der
Persönlichkeitsrechte möglich ist, die Situation des
Unrechtsstaates DDR und die Tätigkeit der Stasi, die
Schwert und Schild der SED, also der Vorgängerpartei
der Linken, war, darzustellen. Sie haben sich bis heute
nicht von der Vergangenheit distanziert. Sie sagen
lediglich, dass das alles fast 20 Jahre her ist. Sie können aber
nicht vor der Geschichte kneifen. 20 Jahre sind kein
Argument und keine Rechtfertigung dafür, sich der eigenen
Geschichte auch im persönlichen Bereich zu entziehen.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich war als Forschungspolitiker einige Male an der
Novellierung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes beteiligt.
Ich kann nur sagen, dass mit diesem Gesetz das von uns
verfolgte Ziel, eine politische und historische
Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes unter
den Bedingungen eines freiheitlichen Rechtsstaates und
unter Wahrung von Persönlichkeitsrechten zu
ermöglichen, voll erreicht worden ist. Wir können an dieser
Stelle auf die Arbeit der Behörde und auf Frau Birthler,
die diese Arbeit leistet, stolz sein. Ich sage in aller
Deutlichkeit für die SPD-Fraktion: Ich stehe hinter Frau
Birthler und der Art, wie sie diese Arbeit leistet.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Der Versuch, sie daran zu hindern, ist auch der
Versuch, die Bewältigung der DDR-Vergangenheit zu
hintertreiben. Man muss sich nicht darüber wundern, dass
viele Jugendliche in den alten und in den neuen
Bundesländern immer wieder sagen, sie hätten keine Ahnung
von dem, was damals geschehen ist. Genau deshalb
muss die Arbeit fortgeführt werden.
Oskar Lafontaine verweist, wie gesagt, immer darauf,
all das seien olle Kamellen und die Mauer sei vor fast
20 Jahren gefallen. Dazu habe ich etwas gesagt. Aber,
Herr Lafontaine, man kann aus Ihren Bemerkungen noch
etwas anderes schlussfolgern. Man hat den Eindruck,
Sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen, und Sie
wüssten nicht nur ökonomisch, wo es langgehe. Aber
Ihre Parteifreunde kommen aus einem Staat, der,
unbeeinflusst von der Globalisierung, geschützt durch eine
Weltmacht hinter Mauern und Stacheldraht, all das reali-
Jörg Tausssieren konnte, was Sie heute in Ihrem
Wolkenkuckucksheim auf Ihren Parteitagen formulieren. Dieser Staat ist
pleitegegangen. Sie wollen vertuschen, was vor
20 Jahren in der DDR der Fall war.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Im Übrigen gilt das, was der Deutsche Bundestag
– das ist in einer Drucksache aus der 13. Wahlperiode
festgehalten – klar festgestellt hat: Dr. Gregor Gysi
– darüber waren wir uns mit großer Mehrheit einig – hat
für das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen
Deutschen Demokratischen Republik gearbeitet. Das ist
als erwiesen festgestellt worden.
(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]:
Pfui!)
Diese erwiesene Feststellung werden wir auch heute von
Ihnen nicht vertuschen lassen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Relationen
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