Rede von Dr. Guido Westerwelle (FDP) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Guido Westerwelle (FDP) – Plenarprotokoll 16/73
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Frau Bundeskanzlerin, Sie haben um die
Unterstützung für die wichtige EU-Ratspräsidentschaft aus dem
ganzen Hohen Haus gebeten. Sie haben ausdrücklich
nicht nur um die Unterstützung der
Koalitionsfraktionen gebeten, sondern sich auch an die Opposition
gewandt. Ich kann Ihnen jedenfalls für die liberale
Opposition in diesem Hause sagen: Wir werden Sie bei Ihrem
wichtigen Anliegen, die EU-Ratspräsidentschaft zu
einem Erfolg im Interesse unseres Landes zu führen, mit
Sicherheit unterstützen. Darauf können Sie sich
verlassen. Wir werden mit Sicherheit Ihre Arbeit begleiten,
auch kritisch, aber es gibt überhaupt keinen Zweifel
daran: Hier geht es um deutsches Interesse und nicht um
Opposition oder Koalition, meine sehr geehrten Damen
und Herren.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der SPD)
Wir haben mit dieser EU-Ratspräsidentschaft eine
herausragende Chance für Deutschland. Wir haben eine
herausragende Chance für Europa. Ich bin deswegen
übrigens auch ein wenig verwundert, wie wenig ausgeprägt
das Interesse seitens der Kolleginnen und Kollegen
gegenüber dieser ersten Regierungserklärung der
Bundesregierung zur EU-Ratspräsidentschaft ist.
Aber, meine Damen und Herren, wir alle wollen den
Erfolg Ihrer Präsidentschaft. Deswegen will ich zu
Beginn erst einmal darauf aufmerksam machen, dass die
bisherige Außen- und Europapolitik Ihrer Regierung ineinem wesentlichen Punkt eine wohltuende Korrektur
gegenüber der rot-grünen Regierungszeit erfahren hat.
Meine Damen und Herren in der Bundesregierung,
Sie haben gegenüber der Vorgängerregierung zwei
Dinge korrigiert, nicht laut angekündigt, aber doch
spürbar. Es ist nicht mehr die Rede von der Achsenbildung,
es ist nicht mehr die Rede von einer Achse Paris-Berlin,
gar Moskau. Vor allen Dingen hat die Ignoranz in der
Europapolitik gegenüber den kleineren und mittleren
Staaten der Europäischen Union weitestgehend ein Ende
gefunden. Das begrüßen wir ausdrücklich. Es war immer
beste Tradition deutscher Außen- und Europapolitik,
nicht nur die Großen in Europa zu sehen, sondern auch
die kleinen und mittleren Völker in Europa als
Verbündete zu betrachten.
Wir erinnern uns noch, wie die Regierung Schröder/
Fischer zu Beginn ihrer Amtszeit sogar mit Sanktionen
gegen unser Nachbarland Österreich arbeitete, weil dort
eine Regierungsbildung zustande kam, die aus Sicht der
rot-grünen Bundesregierung nicht gewünscht war.
Deswegen ist es wohltuend, dass die Regierung Merkel/
Steinmeier dies offensichtlich korrigiert.
Wir alle werden als Volksvertreter immer wieder in
unseren Veranstaltungen gefragt, was uns Europa bringt.
Ich kann nur das aufgreifen, was die Bundeskanzlerin im
Kern als ihre Begründung genannt hat. Selbst wenn uns
Europa nicht mehr gebracht hätte als jahrzehntelangen
Frieden für unser Land und in Europa selbst, dann hätte
sich der europäische Integrationsprozess längst
gelohnt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der SPD)
Deswegen ist es richtig, dass die europäische
Erweiterung und die Erweiterung des Integrationsprozesses
– dazu zählt auch die Aufnahme von Bulgarien und
Rumänien – zunächst als Friedenschance gesehen wird.
Wann hat es das jemals in unserer Geschichte gegeben,
dass wir Deutschen gewissermaßen von Freunden und
Verbündeten umzingelt waren? Das sollten wir uns sehr
genau einprägen. Es ist ohne jeden Zweifel eine
wunderbare Entwicklung.
Andere fürchten sich vor dem Wettbewerb, der mit
dem Beitritt der ost- und südosteuropäischen Länder
einhergeht. Wer sich vor dem Wettbewerb aus Rumänien
und Bulgarien fürchtet, den müssen wir
realistischerweise darauf hinweisen, dass das erst der Anfang ist. Es
ist die Ouvertüre. Der eigentliche Wettbewerb kommt
noch auf uns zu, und zwar durch China, Indien und den
unterschätzten südamerikanischen Kontinent. Wer
meint, er könne den Wettbewerb schon innerhalb
Europas nicht bestehen, der ist augenscheinlich auch mental
nicht hinreichend für die Herausforderungen der
weltweiten Globalisierung gewappnet.
Dr. Guido WesterwelleIn Wahrheit ist die Globalisierung eine sichere
Entwicklung. Die beste Antwort auf die Globalisierung ist
die Schaffung eines großen europäischen Binnenmarktes
und eine koordinierte europäische Außen- und
Wirtschaftspolitik. Europa ist keine weitere Bedrohung für
Deutschland, sondern unsere Antwort auf den
weltweiten Wettbewerb. Es ist in erster Linie kein Risiko,
sondern eine Chance für unser Land.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Deswegen stellt der Binnenmarkt gewissermaßen ein
Fitnessprogramm für diese Herausforderungen dar. Wir
werden uns daran gewöhnen müssen, in Deutschland
mehr über neue Chancen zu reden statt nur über Risiken.
Warum überlassen wir es zum Beispiel Österreich, eine
Investitionsbrücke nach Osteuropa zu bauen?
Das könnte doch auch unser nationales Projekt in
Deutschland sein.
Wenn wir über die Osterweiterung bzw. über die
Erweiterung insgesamt reden, dann ist neben all dem, was
im Zusammenhang mit Zahlungen und Finanzschlüsseln
im Laufe der nächsten Monaten ohnehin zu beraten und
vielleicht auch kontrovers zu diskutieren sein wird, eine
kritische Anmerkung zu einem von Ihnen bereits
angesprochenen Punkt erforderlich. Das Allermindeste, was
der Deutsche Bundestag hinsichtlich der EU-
Ratspräsidentschaft von der Bundesregierung erwarten kann, ist,
dass sie sich in wesentlichen Fragen der Europapolitik
– etwa in der Türkeifrage – innerhalb der Regierung
einig ist.
Es bleibt ein einmaliger Vorgang, dass der deutsche
Außenminister die eigene Bundeskanzlerin in der
Türkeipolitik öffentlich per Interview zur Ordnung ruft und
anschließend der Vorsitzende der Unionsfraktion
wiederum Herrn Steinmeier kritisiert. So etwas verletzt die
goldene Regel der deutschen Europa- und Außenpolitik.
In Wahrheit sind Sie sich nicht einig. Dabei sollte
man von Ihnen Einigkeit erwarten können. Sie
schwächen mit der Uneinigkeit in der Türkeifrage auch die
europäische Verhandlungsposition gegenüber der Türkei.
Denn es ist völlig klar, dass das Ankaraprotokoll
umgesetzt werden muss. Klar ist auch, dass niemand Mitglied
der Europäischen Union werden kann, der nicht
wenigstens alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union vorher
anerkannt hat. Das kann nicht anders gesehen werden.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dass man
Europa nur glaubwürdig führen kann, wenn man selber
führend ist. Ich kann bei all dem, was Sie sich in Europa
– zu Recht – vornehmen, nur an Sie appellieren, Ihre
Hausaufgaben in der Innenpolitik nicht zu
vernachlässigen. Die Tatsache, dass wir nun eine konjunkturelle Auf-hellung erleben, darf Sie nicht dazu bewegen, vom Kurs
der strukturellen Reformen in Deutschland abzugehen;
denn in Wahrheit ist die Lage im Vergleich zu anderen
europäischen Ländern noch immer nicht komfortabel,
was allein ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik und das
Wirtschaftswachstum zeigt.
Sie haben die Energiepolitik in den Mittelpunkt
gestellt. Das ist klug; denn die Energiepolitik ist eine
Schicksalsfrage nicht nur für Deutschland, sondern
gerade für das hoch entwickelte Europa insgesamt. Aber
dann muss man von Ihnen erwarten, dass Sie in der
Energiepolitik auch gegenüber solchen Ländern in
Europa gesprächsbereit sind, die nicht den törichten
Ausstiegskurs bei der Kernenergie mitmachen wollen.
Weil in Ihrer letzten Regierungserklärung zu Recht von
den Herausforderungen die Rede war, die durch den
Klimawandel auf uns zukommen: Es ist ein Fehler, wenn
sich Deutschland in der Energiepolitik verhält wie der
berühmte Geisterfahrer auf der Autobahn. Alle anderen
Länder investieren in die nukleare Kerntechnologie und
entwickeln sie weiter, während wir aussteigen wollen.
Das ist die falsche Antwort. Wir müssen vielmehr bei
den Energietechnologien durch einen Mix aus
regenerativen und konventionellen Energien sowie der
Kernenergie Spitze sein. Wer das ignoriert, der schadet dem
Klima; denn die CO2-Emissionen können in erster Linie
durch den Einsatz der Kernenergie reduziert werden.
Frau Bundeskanzlerin, im Forschungsbereich,
insbesondere bei der Bio- und der Gentechnologie, ist es nicht
klug – Sie haben in der begrenzten Zeit Ihrer
Regierungserklärung dazu nicht so viel ausführen können; das
ist verständlich –, wenn wir Deutschen beispielsweise
bei der Stammzellforschung in Europa auf der Bremse
stehen, anstatt die Chancen für neue Medikamente und
neue Technologien für unser Land zu begreifen. Es ist
nicht etwa das böse Europa, das uns in der
Energiepolitik oder in der Forschungspolitik behindert. In Wahrheit
stehen wir in Deutschland auf der Bremse. Wir sind
diejenigen, die den europäischen Fortschritt behindern.
Deswegen sage ich zu denjenigen, die immer davon
reden, dass uns Europa nur Bürokratie bringt: In Wahrheit
hat die Bundesregierung – beispielsweise beim
Antidiskriminierungsgesetz – bei dem, was aus Europa
gekommen ist, noch eines draufgesetzt.
Klagen wir also nicht über Europa, sondern machen wir
unsere Arbeit in Deutschland!
Sie haben mit der bevorstehenden Präsidentschaft im
Rat der Europäischen Union eine große Chance. Es ist
eine Chance nicht nur für die Regierung, sondern für
unser Land. Weil wir uns alle für unser Land
verantwortlich fühlen, werden wir, die Opposition, Sie bei der EU-
Ratspräsidentschaft nach besten Kräften und im Rahmen
unserer Möglichkeiten unterstützen.
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)