Rede von Dr. Wolf Bauer (CDU/CSU) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 11: Drucksachen 16/3019, 16/3835 –.
Text
Rede von Dr. Wolf Bauer (CDU/CSU) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Herr Präsident! Meine Damen! Meine Herren! Meine
lieben Kolleginnen und Kollegen! In vielen Ländern
rund um den Globus ist die Bekämpfung des Hungers
die wichtigste Voraussetzung für eine positive
Entwicklung. Letztendlich wollen wir alle eine positive
Entwicklung erreichen; darum müssen wir kämpfen. Wir haben
die Zahl schon gehört: 850 Millionen Hungernde. Das ist
natürlich viel zu viel. Diese Zahl muss sinken. Wir
haben auch von dem Millenniumsziel gehört: Bis 2015
wollen wir die Zahl der Hungernden halbieren. Das ist
ein hochgestecktes Ziel; aber wir müssen es erreichen.
Dabei stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass
auf der einen Seite in Ländern wie Ghana, Mosambik
und Brasilien erfreulicherweise beachtliche Fortschritte
bei der Bekämpfung des Hungers erzielt werden
konnten, während auf der anderen Seite die Situation in
ganzen Regionen unverändert dramatisch ist. Wir müssen
zunächst nach den Ursachen fragen und diese
analysieren.
Bei der Sicherung der Ernährung sind drei
Elemente von entscheidender Bedeutung:
Erstens: eine ausreichende Produktion guter
Nahrungsmittel. Sie kann durch Veränderungen in vielen
Bereichen erreicht werden.
Zweitens: der Zugang zu Nahrung. Damit meine ich
auch die fehlende Kaufkraft in vielen Ländern.
Drittens: die Verwertung der Nahrungsmittel.
Daraus wird ersichtlich, dass in den einzelnen
Entwicklungsländern je nach Problemlage unterschiedliche
Handlungsfelder gewählt werden müssen. Wenn man
Dr. Wolf Bauersich beispielsweise Afrika anschaut, stellt man fest, dass
im Unterschied zu anderen Regionen die Erträge pro
Kopf der Bevölkerung in den letzten Jahren dramatisch
zurückgegangen sind. Hier muss man mehr in die
landwirtschaftliche Produktion investieren.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
So können wir etwas erreichen.
In anderen Ländern, beispielsweise in Lateinamerika,
haben wir ein Problem mit der Kaufkraft. Dort müssen
wir der Bevölkerung eine ganz andere Form der Hilfe
zukommen lassen. Sozialprogramme wie „Fome Zero“
in Brasilien sind dabei sicherlich ein guter Ansatzpunkt.
Oftmals scheitert eine ausreichende Versorgung mit
Nahrungsmitteln am fehlenden Zugang von Bauern zu
Land und an mangelhaft durchgeführten Landreformen.
Eine umverteilende Landreform allein ist in den meisten
Fällen aber nicht ausreichend, um eine nachhaltige
ländliche Entwicklung zu erreichen. Auch hier müssen wir
individuelle Lösungen finden.
Die Implementierung von Agrarreformen führt nicht
nur zu einer Umverteilung von Land, sondern auch dazu,
dass Bauern und Landlose in die Lage versetzt werden,
nachhaltig zu produzieren. Sie müssen am Markt und
damit am Wettbewerb teilhaben können. Natürlich müssen
sie entsprechende Ressourcen wie auch Kapital zur
Verfügung haben. Hierbei sind Aus- und Fortbildung mit
Sicherheit ganz wichtige Punkte; beides müssen wir
weiterhin fördern.
Die Bundesregierung – das muss man anerkennen –
unterstützt Agrar- und Bodenreformen, indem sie im
politischen Dialog mit den Regierungen der
Partnerländer hierfür eintritt. Hierbei spielen die finanzielle
Förderung des Aufkaufs von Land im Zuge von Landreformen,
das Angebot zur Beratung bei
Landverfassungsreformen, die Hilfe bei Fragen sozialverträglicher
Landverteilung, aber auch der Zugang von Frauen zu Ressourcen
neben vielen anderen Dingen eine wichtige Rolle.
In dem vorliegenden Antrag von Bündnis 90/Die
Grünen „Den Hunger in Entwicklungsländern wirksam
bekämpfen – das Recht auf Nahrung umsetzen und
ländliche Entwicklung fördern“ wird kritisiert, dass sich die
internationale Agrarforschung zu sehr auf die Gebiete
konzentriert, die ertragsstark sind bzw. bewässert
werden können. Ich kann das so nicht sehen und ich meine,
die Kritik ist nicht angebracht, weil dadurch auch
wichtige Impulse und Beiträge geliefert werden, um gerade
dieses Problem bewältigen zu können.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Auch durch die in dem Antrag geforderte
Ausrichtung auf die ökologische Landwirtschaft allein – das
haben wir eben schon gehört – kann nicht entscheidend
zur Linderung des Hungers beigetragen werden. Hier
müssen wir ebenfalls alle Möglichkeiten ausschöpfen,
die sinnvoll sind und uns weiterhelfen.Meine Damen und Herren, wir müssen uns von
ideologischen Präferenzen lösen
und nach vernünftigen, standortgerechten und
nachhaltigen Lösungen suchen, sie finden und dann auch
umsetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir den
Entwicklungsländern – sozusagen unseren Partnerländern – nicht
vorschreiben können und wollen, was sie zu tun und was
sie zu lassen haben. Wir können nur gemeinsam und auf
gleicher Augenhöhe mit ihnen vernünftige Lösungen
finden, Programme entwickeln und die sozialen,
politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen
vor Ort mit einbauen. Nur dadurch werden wir eine
sinnvolle Arbeit leisten können.
Es ist auch schon angeklungen, dass die
Partnerländer selbst natürlich ebenfalls in der Verantwortung sind.
Ich bin froh darüber – Sie von den Grünen verweisen in
Ihrem Antrag ja auch darauf –, dass es die freiwilligen
Leitlinien zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung gibt.
Sie sind ein großer und wichtiger Beitrag zur
Bekämpfung des Hungers. Die jeweiligen nationalen
Regierungen werden durch sie in die Pflicht genommen, dafür
Sorge zu tragen, dass die Bevölkerung einen
ausreichenden Zugang zu Nahrung hat. Von dieser Verantwortung
werden wir die Regierungen auch nicht entbinden.
Unsere Entwicklungszusammenarbeit kann nur subsidiär
sein. Daran müssen wir entsprechend arbeiten und das
müssen wir unterstützen.
Wir sollten dabei allerdings auch überlegen, wie wir
das bereits angesprochene Instrument der freiwilligen
Leitlinien weiterentwickeln können, damit dadurch noch
besser zur Bekämpfung des Hungers beigetragen werden
kann. Vorstellbar wäre ein effektives Monitoring-
Instrument, um die Erfolge und auch Probleme der nationalen
Regierungen bei der Bekämpfung des Hungers zu
dokumentieren und zu analysieren. Dazu liegt ja bereits eine
entsprechende Studie vor, die als Grundlage für die
Beratung dienen kann.
Darüber hinaus ist die Erweiterung des Pakts für
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte um die
Möglichkeit eines Individualbeschwerdeverfahrens zu
diskutieren. Derzeit arbeitet bereits eine Arbeitsgruppe des
UN-Menschenrechtsrates daran. Vielleicht gelingt es uns
ja, die Möglichkeit einer Individualbeschwerde
hinsichtlich des Rechts auf Zugang zu Nahrung auf
internationaler Ebene vor dem entsprechend zuständigen UN-
Ausschuss zu schaffen.
(Beifall des Abg. Thilo Hoppe [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])
So könnten die Regierungen besser in die Verantwortung
genommen werden, die Verpflichtungen aus den
jeweiligen freiwilligen Leitlinien einzuhalten und umzusetzen.
Dass wir all dies nicht im Alleingang bewältigen
können, liegt auf der Hand. Die Notwendigkeit einer
Dr. Wolf Bauerbesseren internationalen Absprache und
Arbeitsteilung wird von niemandem bestritten.
Ich befürchte aber, dass die FAO allein mit dieser
Aufgabe möglicherweise überfordert ist. Ich hätte mir
gewünscht, dass in dem Antrag auch auf andere wichtige
internationale Gremien, wie beispielsweise die Global
Donor Platform for Rural Development, verwiesen
worden wäre.
Des Weiteren ist in dem vorgelegten Antrag zu lesen,
dass wir die marktverzerrenden Agrarsubventionen
senken sollen. Ich glaube, dass wir hier mutiger sein
müssen und auch wollen. Daher ist es unser Ziel, die
Agrarexportsubventionen nicht nur zu senken, sondern
langfristig ganz abzuschaffen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Meine Damen, meine Herren, bei all diesen kritischen
Anmerkungen zu dem Antrag der Fraktion des
Bündnisses 90/Die Grünen, die ich jetzt gemacht habe, möchte
ich ausdrücklich festhalten, dass er in vielen wichtigen
Teilen richtige Vorschläge enthält und dass wir seitens
der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wesentliche Teile
auch unterstützen. Trotzdem ist uns der Antrag an vielen
Stellen – dies ist bereits kritisiert worden – zu pauschal
und zu tendenziös. Aus diesem Grunde müssen wir ihn
leider ablehnen.
Ich hoffe nur, dass wir bald zu einem gemeinsamen
Antrag kommen – das ist ja auch bereits mehrmals
angesprochen worden – und dass wir hier einen vernünftigen
und guten Antrag verabschieden, mit dem wir alle
unsere Ziele verwirklicht sehen.
Danke schön.