Rede von Dr. Sascha Raabe (SPD) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 11: Drucksachen 16/3019, 16/3835 –.
Text
Rede von Dr. Sascha Raabe (SPD) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Wir befinden uns in der Adventszeit, in
der Weihnachtszeit. Wenn wir durch die Straßen Berlins
gehen, dann sehen wir viele Menschen, deren größte
Sorge derzeit ist, wie sie noch schnell
Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder und ihre anderen Liebsten
kaufen können. Es ist etwas Schönes und Gutes, andere
Menschen zu beschenken. Weihnachten ist ein schöner
Brauch. Aber wir sollten bei alldem nicht aus den Augen
verlieren, dass jeden Tag 30 000 Menschen, vor allem
Kinder, an den Folgen von Hunger und Armut sterben.
Jeder Einzelne von ihnen hätte das Recht, zu leben.
Diejenigen, die nicht verhungern, hätten das Recht, einen
solchen Tag mit Geschenken, Wärme, Liebe und einem
satten Bauch begehen zu können.
Deswegen finden wir die Zielsetzung des Antrags der
Grünen mit dem Titel „Den Hunger in den
Entwicklungsländern wirksam bekämpfen – das Recht auf
Nahrung umsetzen und ländliche Entwicklung fördern“ gut.
Wir alle sind uns, glaube ich, parteiübergreifend über die
Millenniumsentwicklungsziele, zu denen auch die
Halbierung der Zahl der Hungernden gehört – wir wol-
Dr. Sascha Raabelen den Hunger schnellstmöglich ganz beseitigen –
einig.
(Hüseyin-Kenan Aydin [DIE LINKE]: Also
wollt ihr zustimmen?)
Dreiviertel der Ärmsten leben auf dem Land. Deswegen
hat ein Antrag, der sich auf den ländlichen Raum
bezieht, große Bedeutung.
Aber trotzdem ist es so, dass der Antrag der Grünen
neben der guten Zielrichtung ein Verständnis von
ländlicher Entwicklung hat, das unserer Auffassung nach zu
eng gefasst ist. Denn wir in der SPD-
Bundestagsfraktion, aber auch unser Ministerium verstehen mehr
darunter, als nur Traktoren zu kaufen und technische Hilfe für
die Landwirtschaft anzubieten. Wir haben einen
umfassenderen Ansatz, der deutlich macht, dass wir
Entwicklungszusammenarbeit und die Entwicklung ländlicher
Räume in Entwicklungsländern unter anderem als
globale Strukturpolitik verstehen. Denn was nützt der
Kauf von Traktoren, wenn der Landwirt seine Ware
nicht verkaufen kann?
Der Grund dafür, warum viele Geberländer sich mit
ihren Investitionen zurückgezogen haben, liegt eher
darin, dass es sich oft nicht lohnt, in Regionen zu
investieren, in denen die Bauern ihre Produkte nicht mehr auf
den Märkten verkaufen können, weil sie mit
agrarsubventionierten Dumpingprodukten der Industrieländer
konkurrieren müssen. Deswegen richten wir den Fokus
auf die globale Handelspolitik. Wir sind der Auffassung,
dass im Antrag der Grünen zu wenig darauf eingegangen
wird.
Die Punkte zum Ökolandbau im Antrag der Grünen
haben sicherlich ihre Berechtigung. Auch wir wollen,
dass Landwirtschaft nachhaltig betrieben wird. Sie muss
nachhaltig und standortgerecht betrieben werden. Es ist
der falsche Weg, eine Nischenproduktion in
Entwicklungsländern besonders fördern zu wollen. Denn hier
geht es erst einmal darum, Menschen mit Nahrung zu
versorgen. Dabei kann es auch notwendig sein, die
Menschen mithilfe von konventioneller Agrarwirtschaft – so
wie wir es tun – zu versorgen.
Der Antrag der Grünen fordert uns auf, den
Entwicklungsländern keinerlei Hilfestellungen im Bereich der
Gentechnologie zu geben, zum Beispiel wie sie
verantwortungsvoll damit umgehen können, sodass sich
Saatgut nicht unkontrolliert verbreitet und Menschen in
Entwicklungsländern nicht abhängig von Saatgut werden,
das von den Agrarmultis und den Chemiemultis der
Industrieländer angeboten wird. Ich glaube, es ist wichtig,
dass mit der Gentechnologie in Entwicklungsländern
verantwortlich umgegangen wird und wir den
Entwicklungsländern Hilfestellung geben und uns nicht
zurückziehen, wie es der Antrag der Grünen fordert. Man muss
den Willen der Länder respektieren, auch wenn wir in
Deutschland dieses Thema anders handhaben. Jeder
kann seine eigene Meinung dazu haben. Aber man muss
respektieren, was die Entwicklungsländer wollen.
Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass gute
Regierungsführung in den Entwicklungsländern
wichtig ist. Wir unterstützen in einem Umfang von 350 Mil-lionen Euro in 30 Ländern Programme zur ländlichen
Entwicklung. Diese und andere Programme beinhalten
allerdings auch die Förderung der Menschenrechte, von
demokratischen Strukturen und von Rechtssicherheit,
die Transparenz staatlichen Handelns, die
Korruptionsbekämpfung, die Durchführung von
marktwirtschaftlichen Reformen und von Landreformen sowie die
Bildungs- und Gesundheitspolitik.
Da ich gerade über gute Regierungsführung spreche,
möchte ich betonen: Ich denke, es ist richtig, dass die
deutsche Entwicklungszusammenarbeit bei diesem
Thema einen Schwerpunkt setzt. Denn es gibt viele
Länder, die über einen ländlichen Raum verfügen.
Allerdings leben in diesem ländlichen Raum häufig Arme und
Hungernde. Diese Länder wären durchaus in der Lage,
diese Menschen zu ernähren und ihnen ein gutes
Einkommen bzw. Auskommen zu ermöglichen.
Aus besonderem Anlass möchte ich ein Land
hervorheben, von dem ich glaube, dass es durchaus wohlhabend
sein könnte, nämlich Kuba. Kuba ist eine Karibikinsel,
die nahe an den USA liegt. Die dortigen klimatischen
Verhältnisse sind für die landwirtschaftliche Produktion
gut. Eigentlich könnte diese Insel blühen und gedeihen
und alle Menschen könnten in Wohlstand leben. Aber
Kubas Regierung nimmt ihre Bevölkerung in Geiselhaft
und will von Demokratie und Menschenrechten nichts
wissen.
An dieser Stelle muss ich auf etwas hinweisen, das
mich sehr empört hat: Eine Delegation des Deutschen
Bundestages, die Deutsch-Mittelamerikanische
Parlamentariergruppe, wollte aus Solidarität mit der
kubanischen Bevölkerung nach Kuba reisen, um einen Beitrag
zu Verständigung, Dialog und Demokratisierung zu
leisten und den Menschen eine Perspektive zu geben.
Weil wir bei dieser Gelegenheit auch mit
Oppositionellen reden wollten, hat die kubanische Regierung der
Delegation des Deutschen Bundestags den Stuhl vor die
Tür gesetzt. Das darf sich dieses Haus nicht gefallen
lassen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Gute Regierungsführung ist eine Aufgabe, der sich
die Entwicklungsländer selbst stellen müssen. Nur dann,
wenn sie das tun, können wir auch im ländlichen Raum
den Hunger überwinden.
Als Industrienation müssen wir auch unsere eigenen
Hausaufgaben machen. Wie ich bereits vorhin sagte,
geht es dabei auch um die globalen Rahmenbedingungen
im Handelsbereich. In dieser Woche jährt sich das
Scheitern der WTO-Konferenz in Hongkong. Damals ging es
bei der festgefahrenen Doha-Entwicklungsrunde
darum – das steht nach wie vor im Mittelpunkt –, den
Entwicklungsländern für ihre Produkte, auch für ihre
Agrarprodukte, einen fairen Marktzugang zu ermöglichen.
Wir dürfen nicht weiterhin mit enormen Subventionen
Exportdumping betreiben, sodass die Bauern ihre Waren
nicht verkaufen können, weil zum Beispiel tiefgefrore-
Dr. Sascha Raabenes Geflügelfleisch aus der EU in afrikanischen Regalen
liegt. Man kann die Hühnerfarm eines Bauern noch so
sehr unterstützen, auch mit Mitteln der
Entwicklungszusammenarbeit. Aber wenn man diese Situation nicht
ändert, hat er davon nichts.
Das Europaparlament hat heute den Haushalt für
das Jahr 2007 beschlossen. Den größten Haushaltsposten
– er beträgt fast 50 Prozent; das entspricht knapp 55
Milliarden Euro – bilden die Subventionen für die
Landwirtschaft. Ich begrüße ausdrücklich, dass sich in der
Debatte, die wir heute Morgen geführt haben, nicht nur
unsere Entwicklungsministerin, sondern auch die
Bundeskanzlerin für gerechte Handelsbedingungen stark
gemacht hat. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat die
enormen Agrarsubventionen der EU und der USA
vehement kritisiert. Er hat darauf aufmerksam gemacht, dass
die Länder des Südens keine fairen Handelsbedingungen
vorfinden, und betont, dass er das ändern will. Ich denke,
hier hat er Recht.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
– Ja. Wo er Recht hat, hat er Recht. Das müssen auch wir
unterstützen.
Ich glaube, wir müssen auch bei den Verhandlungen
im Rahmen der Economic Partnership Agreements, also
der Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit den
afrikanischen und karibischen Staaten, einfordern, dass den
Entwicklungsländern wirklich faire Handelschancen
eingeräumt werden.
Letztlich hilft die ländliche Entwicklung nicht nur
den Menschen in den Entwicklungsländern. Wie die
Verleihung des Friedensnobelpreises am Sonntag letzter
Woche an Herrn Yunus gezeigt hat, besteht auch ein sehr
starker Zusammenhang zwischen Frieden und
Entwicklung. Das eine bedingt das andere. Meiner Meinung nach
gibt es aber nicht nur einen Zusammenhang zwischen
Entwicklung und Frieden, sondern auch einen
Zusammenhang zwischen Entwicklung und Freiheit. Daher
möchte ich mit einem Zitat von Willy Brandt schließen.
Er hat gesagt:
Satte Menschen sind nicht notwendigerweise frei,
hungernde Menschen sind es in jedem Fall nicht.
Lassen Sie uns in diesem Sinne für die Freiheit kämpfen.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.