Rede von Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 11: Drucksachen 16/3019, 16/3835 –.
Text
Rede von Thilo Hoppe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es
wird schwierig, in vier Minuten auf all die Argumente
und Unterstellungen einzugehen. Ich möchte am Ende
dieser Debatte noch einige Zahlen und klare Fakten
allgemeinverständlich darlegen.
Es gibt acht Millenniumsziele. Bei sieben
Millenniumszielen gibt es – wenn auch bescheidene –
Fortschritte. Bei dem wichtigsten Ziel – die Halbierung der
Zahl der Hungernden bis 2015 – gibt es aber keinerlei
Fortschritte, die Kurve verläuft vielmehr in die falsche
Richtung – das haben schon einige Redner festgestellt –:
Die Zahl der Hungernden steigt.
Das müsste doch zu einem Aufschrei und einer
kritischen Selbstreflexion führen. Woran liegt das?
Zur kritischen Reflexion müssten die Regierungen der
vom Hunger betroffenen Staaten, aber auch die Akteure
der Entwicklungszusammenarbeit eigentlich einen
Sonderkrisengipfel durchführen.
Es gibt noch eine zweite Kurve. Das hat heute noch
niemand deutlich gesagt. Herr Addicks, Sie haben
festgestellt, dass die Mittel für die Entwicklungshilfe und
die Zahl der Hungernden zunehmen. Daraus haben Sie
geschlossen, dass die Entwicklungshilfe womöglich
sogar eine Ursache dafür ist oder zumindest das Problem
nicht verbessert.
(Dr. Karl Addicks [FDP]: Das habe ich nicht
gesagt!)
Erlauben Sie mir eine genauere Betrachtung. Nach
den neuesten Zahlen von UNDP – dem
Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen – ist der Anteil der
Entwicklungshilfemittel, die für den ländlichen Raum
bzw. den Agrarbereich gedacht sind, von 1990 bis 2005
von 12 Prozent auf etwas mehr als 3 Prozent
zurückgegangen.
Wir haben in der letzten Wahlperiode und in dieser
Wahlperiode im Entwicklungsausschuss zwei
Anhörungen durchgeführt. Alle Sachverständigen aus den
wissenschaftlichen Instituten haben übereinstimmend
festgestellt, dass der Bereich ländliche Entwicklung– speziell der Agrarsektor – sträflich vernachlässigt
wird. Das ist doch absolut widersinnig: Die Zahl der
Hungernden steigt, aber die Gelder für die Betroffenen
werden in diesem Bereich gekürzt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Auf diesen Missstand – um nicht zu sagen: Skandal –
machen wir mit unserem Antrag aufmerksam.
Es reicht nicht aus, als Reaktion eine Träne darüber
zu vergießen, dass 30 000 Menschen pro Tag
verhungern. Ich gebe zu, dass auch ich viele Reden mit
Betroffenheitspädagogik oder mit aufrüttelnden
Einzelschicksalen begonnen habe, die ich in den Notaufnahmelagern
in Niger selber kennen gelernt habe. Das allein reicht
aber nicht.
Es ist jetzt notwendig, auf den Missstand zu
reagieren. Dazu fordern alle kirchlichen Hilfswerke und NGOs
wie Brot für die Welt, Misereor oder FIAN mehr Geld
und neue Konzepte für die ländliche Entwicklung,
und zwar besonders für die Landwirtschaft.
Ich begreife nicht, dass zwar in den Anhörungen viele
Fachpolitiker dieser Forderung zustimmen, dass aber im
Etat dieser Bereich nach wie vor in zunehmendem Maße
vernachlässigt wird.
(Hüseyin-Kenan Aydin [DIE LINKE]: Das ist
die Heuchelei!)
Diesen Skandal prangern wir an. Ich bitte Sie, das
endlich anzugehen.
Es gab einen Beitrag – und zwar von Herrn Dr. Bauer –
mit sehr viel Substanz auch zum Thema Recht auf
Nahrung. Dafür möchte ich mich bedanken.
Damit komme ich zu meinem nächsten Punkt. Was
das Recht auf Nahrung angeht, müssen drei
Voraussetzungen geschaffen werden. Erstens sind mehr Geld und
neue Konzepte für den ländlichen Raum in der
Entwicklungszusammenarbeit notwendig. Aber das
Gegenteil ist der Fall, und zwar nicht nur in Deutschland,
sondern international. Das muss zu einem Aufschrei führen.
Zweitens muss das Recht auf Nahrung einen sehr
großen Stellenwert bekommen. Das stößt manchmal an die
Grenzen einer überstrapazierten Ownership. Wenn unser
Ministerium beispielsweise in Verhandlungen mit der
Regierung von Niger darauf hinweist, dass die
Entwicklungszusammenarbeit auf drei Bereiche beschränkt
werden muss, um sich nicht zu verzetteln, und der
Regierung die Auswahl dieser Bereiche überlässt, darf es
einem Land mit extrem vielen Hungertoten nicht
möglich sein, dass die Regierung in diesem Fall der
ländlichen Entwicklung eine geringere Bedeutung beimisst
und sich für andere Sektoren entscheidet.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN)
In einem Land, in dem Menschen verhungern, dürfen
nicht andere Sektoren den ländlichen Bereich
verdrängen.
Thilo HoppeDrittens. Wie der Kollege Sascha Raabe zu Recht
festgestellt hat, reicht eine Senkung der
Agrarexportsubventionen nicht aus. Wir sind gerne bereit, den
Antrag in diesem Punkt noch radikaler zu formulieren. Wir
fordern die Abschaffung aller marktverzerrenden
Agrarsubventionen. Das ist völlig klar.
Wir brauchen gerechte Strukturen im Welthandel. Das
hat auch Herr Bauer festgestellt. Aber in einem Punkt
möchte ich ihm deutlich widersprechen. Es wurde das
Bild gemalt, dass mit einem freien Welthandel, mit
Handelsliberalisierung und einem verbesserten Marktzugang
für die Entwicklungsländer das Problem des Hungers
überall gelöst werden kann.
Es gibt zwei weitere Kurven, die eigentlich kaum
zusammenpassen. Es gibt Länder, die auf dem Papier
Wirtschaftswachstum durch die Ausweitung der
Plantagenexportwirtschaft haben. Trotzdem steigt dort die Zahl
der Hungernden. Warum? Wenn es keine flankierende
Sozialpolitik, kein progressiv gestaffeltes Steuersystem
und keine Umweltgesetzgebung in den betreffenden
Ländern gibt, dann führt eine Ausweitung der
Plantagenwirtschaft zur Verdrängung von Kleinbauern,
Familienbetrieben und Indigenen. Das kann man in vielen
Ländern mit einer starken Weltmarktintegration sehen.
Diese kann unter anderen Voraussetzungen sehr
segensreich sein. Wir vertreten keine Abschottungstheorie.
Wenn es aber keine flankierende Gesetzgebung gibt,
dann führt die Weltmarktintegration zu noch mehr
Hungernden, als wir heute bereits haben.