Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: der SPD
Teil von Protokoll der 162. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: der SPD.
Text
Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: der SPD
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Was Sie
heute hier mit der Debatte bieten, ist ein trauriges
Schauspiel
(Lachen bei der SPD und der CDU/CSU –
Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Und Sie
sind die Hauptfigur! – Zuruf von der CDU/
CSU: Kein Theater, sondern die Wahrheit!)
und zeigt das enge Zusammenwirken der
Bundesbeauftragten Frau Birthler mit gegnerischen und
konkurrierenden Parteien der Linken.
(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Das ist eine Dreistigkeit! –
Zurufe von der CDU/CSU und der SPD:
Pfui! – Unglaublich! – Unverschämt! –
Wieder vertuschen!)
Seit Jahren versuchen Sie mit allen Mitteln, mich zu
beschädigen, um meine Partei zu treffen.
(Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Der Täter
stilisiert sich zum Opfer! – Zurufe von der
CDU/CSU und der SPD: Oh!)
Es zeigt sich aber immer wieder, dass Sie frei von
Kenntnissen und zumindest oftmals nur böswillig
reagieren.
(Beifall bei der LINKEN – Hildegard Müller
[CDU/CSU]: Sie sind Täter, nicht Opfer! –
Markus Grübel [CDU/CSU]: Lügen haben
kurze Beine!)Vom Leben eines Anwalts in der DDR haben Sie
schlicht und einfach keine Ahnung.
(Oskar Lafontaine [DIE LINKE], an die
Abgeordneten gewandt: Hören Sie einmal zu!)
Nachdem ich die Verteidigung und Vertretung von
Robert Havemann übernommen hatte,
(Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]:
Staatsschutz, nicht Mandantenschutz!)
habe ich Folgendes erreicht: Gegen ihn wurde kein
Strafverfahren mehr durchgeführt; es gab keine
Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmen mehr. Nicht
einmal Ordnungsstrafen wurden noch gegen ihn
ausgesprochen. Der gegen ihn vorher verhängte Hausarrest wurde
aufgehoben.
(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Das ist eine
Unverschämtheit! – Reinhard Grindel [CDU/
CSU]: Was ist mit Herrn Erwin?)
Der Verkauf eines weiteren Hauses auf seinem
Grundstück an einen IM konnte durch mich verhindert werden.
Robert Havemann konnte sogar an Feierlichkeiten zur
Befreiung des faschistischen Zuchthauses Brandenburg
mit Erich Honecker teilnehmen, was damals ein in
westdeutschen Medien Erstaunen auslösendes,
herausragendes Ereignis war.
Nennen Sie mir andere Abgeordnete des
Bundestages, die sich für Robert Havemann so eingesetzt haben
wie ich und diesbezüglich so viel erreicht haben.
(Beifall bei der LINKEN – Julia Klöckner
[CDU/CSU]: Das ist eine Unverschämtheit! –
Weitere Zurufe von der CDU/CSU: Peinlich! –
Empörend! – Unerhört!)
Der Stern schilderte einen Fall, in dem ein
angeblicher IM Gespräche mit der Staatssicherheit geführt
haben soll, obwohl er in Wirklichkeit zu dieser Zeit auf
einer Theaterbühne stand, also gar nicht mit der
Staatssicherheit sprechen konnte. Hierzu erklärte die
Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit, dass
sie Diskrepanzen zwischen dem Akteninhalt und
tatsächlichen Begebenheiten nicht untersuchen dürfe.
(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Wo waren Sie
denn nun? Waren Sie im IM-Abhördienst oder
nicht?)
Die Behörde sei auch nicht befugt, Unterlagen zu
bewerten, und auch nicht, Wahrheitsfeststellungen zu treffen.
Das alles können Sie in Nr. 16/2008 des Stern auf
Seite 135 nachlesen. Bei mir aber versuchte der
Bundesbeauftragte bzw. die Bundesbeauftragte seit Jahren
Gegenteiliges, das heißt, den Vergleich von Akteninhalt
und tatsächlichen Begebenheiten, Bewertungen der
Unterlagen und vermeintliche Wahrheitsfeststellungen.
(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Sprechen Sie
doch einmal über das, was Sie gemacht
haben! – Maria Michalk [CDU/CSU]: Warum
sprechen Sie denn nicht frei?)
Dr. Gregor GysiSie unterstellen mir, dass ich die Staatssicherheit über
Robert Havemann im Oktober 1979 direkt informiert
hätte.
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Das hat das
Gericht bestätigt! – Reinhard Grindel [CDU/
CSU]: Das ist erwiesen!)
Sie wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass die
Staatssicherheit sich erst im September 1980 entschied, meine
Eignung als IM zu prüfen. Welcher Schwachsinn, wenn
ich schon längst mit ihr zusammengearbeitet hätte.
(Beifall bei der LINKEN – Christel Riemann-
Hanewinckel [SPD]: Da konnte man doch
schon vorher sein, ohne Unterschrift! – Zuruf
von der CDU/CSU: Alles falsch!)
1986 stellte die Staatssicherheit endgültig durch
Beschluss fest, dass ich als IM nicht infrage käme,
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Weil Sie Anwalt
waren!)
weil ich – nun wörtlich – „zur Aufklärung und
Bekämpfung politischer Untergrundtätigkeit nicht geeignet“ war.
Die Staatssicherheit versuchte nicht einmal, mich
anzuwerben.
(Maria Michalk [CDU/CSU]: Ja, weil Sie als
Chef der Anwaltskammer Funktionsträger
waren!)
Sie wollen auch nicht zur Kenntnis nehmen, dass die
Staatssicherheit anschließend gegen mich eine operative
Personenkontrolle zu meiner Überwachung eröffnete,
unter anderem wegen meiner Kontakte zu Mitarbeitern
der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik
Deutschland in der DDR, wegen meiner Kontakte zu
westdeutschen Journalisten, wegen meiner Kontakte zu ehemaligen
Mandanten, das heißt zu Dissidenten, deren Verfahren
bereits abgeschlossen waren oder die die DDR schon
verlassen hatten, zum Beispiel zu Rudolf Bahro. Wegen
so bedeutender Dissidenten wie Robert Havemann und
Rudolf Bahro hatte ich in deren Auftrag regelmäßig
Gespräche mit Mitarbeitern der Abteilung „Staat und
Recht“ des Zentralkomitees der SED. Sie haben bis
heute nicht begriffen, dass diese Partei in der DDR die
führende Rolle spielte.
(Lachen bei der CDU/CSU und der SPD –
Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Wir wissen
schon, dass das Ihre Partei war!)
Sie haben nicht begriffen, dass ich deshalb nur über diese
Kontakte und nicht über ein Kreisgericht als
Rechtsanwalt versuchen konnte, für beide Mandanten das zu
erreichen, was sie wollten und was zum Teil auch gelang
Robert Havemann war zum Zeitpunkt des Endes der
DDR bereits gestorben. Ich hatte ihn bis zu seinem Tod
vertreten. Rudolf Bahro hat auch nach der Wende meinen
anwaltlichen Einsatz mehrfach und ausdrücklich
gewürdigt.
In der DDR entschied das ZK der SED, wen es über
solche Gespräche wie die mit mir informierte. Das galtauch hinsichtlich der Staatssicherheit. Hätte ich
versucht, parallele Beziehungen zur Staatssicherheit
aufzubauen, hätten die Mitarbeiter der Abteilung Staat und
Recht des ZK der SED die Gespräche mit mir beendet.
(Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Wenn sie es
gewusst hätten!)
Wozu sollte ich das riskieren?
Sie begreifen nicht, dass ich schon damals so
souverän war wie heute.
(Beifall bei der LINKEN – Lachen bei der
CDU/CSU und der SPD)
Ich hatte Gespräche mit dem Zentralkomitee, der
führenden Kraft der DDR. Ich brauchte keine Kontakte zur
Staatssicherheit. Sie waren gar nicht nötig, entsprachen
weder meinem Stil noch meiner Würde. Aus den
Unterlagen ergibt sich klar, dass die Staatssicherheit mich
überwachte, mich nicht mochte. Das nützt mir bei Ihnen
gar nichts, weil Sie sich sehnlichst das Gegenteil
wünschen.
(Beifall bei der LINKEN – Zurufe von der
CDU/CSU: Oh!)
Ich weiß nicht, inwieweit Ihre wiederholten, mich
persönlich diffamierenden Attacken in den letzten
Jahren meiner Gesundheit geschadet haben.
Aber eines weiß ich: So schaffen Sie letztlich weder
mich noch die Linke.
(Anhaltender Beifall bei der LINKEN – Die
Abgeordneten der LINKEN erheben sich –
Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Ein sauberer
Demokrat, der den Saal verlässt! – Zurufe von
der CDU/CSU: Peinlich! – Zurufe von der
SPD: Unverfroren! – Unwürdig!)
Relationen
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