Rede von Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: der SPD
Teil von Protokoll der 162. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: der SPD.
Text
Rede von Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: der SPD
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Als
jemand, der selber seit 30 Jahren als Anwalt tätig ist
– gleicher Jahrgang wie der Kollege Gysi – und das
Glück hatte, diesen Beruf nie unter den Bedingungen
einer Diktatur ausüben zu müssen, neige ich wahrlich
nicht zur Selbstgerechtigkeit. Ich lasse mir aber auch
nicht sagen, dass ich, weil ich nicht unter dieser Diktaturgelebt habe, nicht in der Lage bin, zu beurteilen, was ein
Anwalt in der DDR tun durfte oder nicht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Hier ist wahrlich nicht alles beliebig.
Wenn der Mandant das weiß und ihn beauftragt hat,
kann und muss der Anwalt auch mit dem Teufel reden.
Das gehört zum Job. Es muss aber Folgendes klar sein:
Er tut das im Auftrag und im Interesse des Mandanten
und handelt nicht im Auftrag des Teufels. Hier muss
Klarheit herrschen. Diese fehlt bei Gysi.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Dass wir hier kein neutrales Gremium sind, brauchte
uns der Kollege nicht zu sagen. Hier geht es auch um
parteipolitische Interessen. Das ist doch gar keine Frage.
Ich gebe auch zu, dass die Auseinandersetzung mit der
DDR-Vergangenheit oft aufgeregt vonstattenging, was
aus Sicht der Opfer auch völlig verständlich ist. Wie
sollten sie da emotionslos sein?
Das alles erklärt, warum es Schwierigkeiten im
Umgang mit der Wahrheit gibt und warum es für den
Einzelnen schwierig ist, ehrlich zu sein. Das kann aber niemals
entschuldigen, dass man bis zum heutigen Tag ein
Lügengebäude aufrechterhält, das im Übrigen gerade
implodiert. Das tut Gysi bis zum heutigen Tag mit seiner
Kette von Prozessen und seinem ständigen Versuch, die
Kolportage dessen, was wir hier sagen, durch die
Medien zu verhindern. Nach dem Urteil des
Verwaltungsgerichtes hat er noch eine Chance gehabt, umzudenken. Er
hat sie wiederum verstreichen lassen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Die Aktenlage ist widerleglich, aber man muss sie
begründbar widerlegen. Ein Zitat des MfS-Majors Günter
Lohr vom 27. November 1980:
So bewies er in der bisherigen Zusammenarbeit
Zuverlässigkeit und eine hohe Einsatzbereitschaft, als
er den Rechtsbeistand im Prozeß gegen Bahro
übernahm und im Verfahren gegen Robert Havemann
wegen Verstoßes gegen das Devisengesetz unter
strenger Einhaltung der Konspiration über geplante
Aktivitäten, über das weitere Vorgehen von
Verbindungspersonen, Ziele und Absichten über die
Rechtslagen und ihre Folgen berichtete.
Die Zielstellung besteht darin, dass der Kandidat
nach Abstimmung mit dem MfS … Pläne,
Absichten und Vorhaben des Havemann, seiner
Familienmitglieder, seines Freundes- und Bekanntenkreises
im Rahmen seiner anwaltlichen Aufgaben in
Erfahrung bringt mit dem Ziel, diese für eine positive
Beeinflussung, operative Nutzung bzw. für
Zersetzungsmaßnahmen zu nutzen.
Es steht dort ebenfalls:
Der Kandidat soll mündlich, durch Handschlag,
verpflichtet werden und den Decknamen „Notar“
erhalten.
Das hat die Stasi zu Papier gebracht.
Wolfgang WielandNun hat sich Gregor Gysi hier hingestellt und gesagt,
dass fünf, sechs Jahre später festgestellt wurde, dass er
als IM nicht geeignet war. Das ist überhaupt kein
Widerspruch und widerlegt nicht, dass er zunächst zugearbeitet
und tatsächlich einen eklatanten Mandanten- und
Parteiverrat begangen hat. Dafür spricht alles.
Seine bisherige Verteidigungslinie war, es seien nur
Vieraugengespräche gewesen, die abgehört worden sein
könnten, und es könnte jemand Unterlagen aus seinem
Anwaltsbüro gestohlen haben.
(Thomas Strobl [Heilbronn] [CDU/CSU]:
Lächerlich!)
Zu dieser bisherigen Verteidigungslinie zitiere ich das
Verwaltungsgericht Berlin. Es hat Folgendes gesagt – das
ist die neue Qualität –:
Nach alledem handelt es sich bei diesem
Vorbringen zur Überzeugung der Kammer um eine nicht
glaubhafte bloße Schutzbehauptung.
Ich wiederhole: „eine nicht glaubhafte bloße
Schutzbehauptung“.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP –
Thomas Strobl [Heilbronn] [CDU/CSU]: Jetzt
ist das gerichtlich festgestellt!)
Diese Aussage des Verwaltungsgerichtes ist durch die
Berufungsrücknahme, die Gysi selber vorgenommen hat,
bestandskräftig geworden.
Was wollen Sie denn eigentlich? Sie stellen sich hier
hin und sagen, dass alles sei für Ihren Parteitag getimt
gewesen. Dabei ist es Sache von Herr Gysi, wann er
seine Berufung zurücknimmt. Er hätte das vor einem
Jahr tun können; er hätte sie gar nicht einzulegen
brauchen.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Es ist völlig durchsichtig, wie Sie sich verhalten.
Als Nächstes wurde Marianne Birthler angegriffen.
Gysi sagte, sie werde als Archivarin bezahlt und führe
sich wie eine Art Polizeiermittlerin auf. Ich sage: Sie
hätten es gerne, wenn die Stasi-Unterlagen-Behörde nur
ein Teil des Bundesarchivs wäre. Darauf arbeiten Sie
hin. Noch ist es aber eine aktive Aufklärungsbehörde.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Wenn sie diesen Aufgaben nachkommt, ist sie nicht zu
kritisieren.
Das Verwaltungsgericht hat dazu festgestellt, dass die
Behörde berechtigt – das Gericht sagt: „sogar
verpflichtet“ – sei, die Unterlagen an das Nachrichtenmagazin
Der Spiegel herauszugeben. Sie musste aufgrund der
Gesetzeslage so handeln.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)Fazit: Gregor Gysi selber hat einmal als Begründung
dafür, dass die SED nicht aufgelöst, sondern
weitergeführt wurde – zunächst als SED/PDS, heute als
Linkspartei –, gesagt: Die Geschichte braucht eine
Anlaufstelle, eine Adresse; deswegen können wir nicht einfach
verschwinden. Die Geschichte braucht aber keine
Schutzbehauptungen. Sie braucht vor allem die
Wahrheit. Eine Parole aus dem Prag des Jahres 1968 lautete:
„Die Wahrheit ist revolutionär.“ Sie verändert die
Wirklichkeit und lässt sich durch niemanden auf Dauer
unterdrücken, schon gar nicht durch Gregor Gysi.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)