Rede von Christoph Waitz (FDP) – Aktuelle Stunde: der SPD
Teil von Protokoll der 162. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: der SPD.
Text
Rede von Christoph Waitz (FDP) – Aktuelle Stunde: der SPD
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Gregor Gysi macht uns seit Jahren vor, wie
sich alle verdächtigen Mitarbeiter der Staatssicherheit
verhalten.
(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Wo ist er denn
überhaupt?)
Es wird alles geleugnet. Wenn Beweise auftauchen, wird
nur das zugegeben, was längst aktenkundig und
bewiesen ist.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
CDU/CSU)
Die Zeitungen zitieren übereinstimmend aus den
Stasiakten von Robert Havemann. Gregor Gysi war der
Anwalt von Havemann. Thomas Erwin war Gast im Hause
Havemann und traf dort auf Gysi. Gysi nahm Erwin mit
dem Auto nach Berlin zurück. In der Akte steht dazu:
„Der IM nahm Erwin mit in die Stadt.“ Eine andere
Person war im Auto nicht anwesend. Das
Gesprächsprotokoll von der Autofahrt landete umgehend bei der
Staatssicherheit.
Gregor Gysi habe willentlich und wissentlich an die
Stasi berichtet. Das sagte die Bundesbeauftragte für die
Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes Marianne
Birthler. Dieser Schluss ist in Anbetracht der Aktenlage
auch in meinen Augen notwendig und zulässig.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Der 19-jährige Thomas Erwin geriet infolge dieses
Berichtes in die Fänge der Staatssicherheit. Er wird im
Stasiuntersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen
inhaftiert. Er bleibt Monate in Haft und wurde später in
die Bundesrepublik abgeschoben – vermutlich nachdem
er freigekauft wurde.
So weit, so klar. Unklar ist mir jedoch, warum es so
lange gedauert hat, bis die Informationen zu Gregor Gysi
als IM-Unterlagen eingestuft und als solche von der
BStU herausgegeben wurden. Hat sich die Bewertung
der Akten erst jetzt so dramatisch gewandelt? Dies wäre
ein erstaunlicher Vorgang, waren doch ähnliche Vor-
Christoph Waitzgänge im Zusammenhang mit dem Wirken von Gregor
Gysi schon seit längerem bekannt. Die Gründe und
Hintergründe der Neubewertung dieser Aktenmaterialien
sind klärungsbedürftig.
Wir alle beobachten sehr genau, wie der Kollege Gysi
mit den Vorwürfen gegen seine Person umgeht. Er
spricht von „bösartigen“ Behauptungen, die „frei von
Kenntnis“ erfolgten. Da wird Oskar Lafontaine
vorgeschickt, der von „Angriffen“ gegen Gysi spricht und den
Kopf von Frau Birthler fordert.
(Jörg Tauss [SPD]: Unglaublich! – Dr. Carl-
Christian Dressel [SPD]: Das ist ein
Skandal! – Stephan Hilsberg [SPD]: Unerhört!)
Da wird die Linkspartei bemüht, sich hinter den
Fraktionsvorsitzenden zu stellen. Gregor Gysi gibt nur das
zu, was schon bekannt ist. Er dreht, verdreht und windet
sich. Dabei ist die Aktenlage aus meiner Sicht schlicht
und ergreifend erdrückend.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Die FDP-Fraktion fordert Gregor Gysi und die
Linkspartei auf: Machen Sie Schluss mit dem unsinnigen
Versteckspiel und klären Sie öffentlich die Rolle Ihres
Fraktionsvorsitzenden im Unrechtssystem der DDR! Herr
Gysi, suchen Sie
(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Der ist
abgetaucht!)
den Ausgleich mit denjenigen, denen Sie in Ihrer Rolle
als Anwalt geschadet haben, und entschuldigen Sie sich
für das, was Sie getan haben!
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Beteiligen Sie sich durch die Offenlegung Ihrer Akten an
der Aufarbeitung des Unrechts!
Meine Damen und Herren, Altbundespräsident
Gustav Heinemann hat einmal gesagt:
Wer auf andere mit dem ausgestreckten Zeigefinger
zeigt, der deutet mit drei Fingern seiner Hand auf
sich selbst.
Es geht heute nicht darum, mit dem Finger nur auf
Gregor Gysi und die Linkspartei zu zeigen. Es geht
vielmehr um eine konsequente und unbeeinflusste
Aufarbeitung des SED-Unrechts und um Aufklärung darüber, wo
und in welchem Umfang die SED und die
Staatssicherheit das Leben von Bürgerinnen und Bürgern in Ost- und
Westdeutschland beeinflusst, manipuliert und teilweise
ruiniert und zerstört haben.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der
SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Bei diesen Bemühungen um Aufarbeitung stößt man
sehr schnell an Grenzen. Die FDP-Bundestagsfraktion
hat zweimal vergeblich bei der Bundesregierung
angefragt, wie viele ehemalige Stasimitarbeiter in den
Bundesministerien und den nachgeordneten Behörden tätigsind. Die Bundesregierung hat die Auswertung der
relevanten Personalakten für „praktisch nicht leistbar“
gehalten. Ich meine, sie hat es auch einfach nicht gewollt.
Dabei musste die Bundesregierung auf meine
Nachfrage einräumen, dass ein auch heute noch aktiver
Abteilungsleiter im Bundesministerium der Finanzen als „IM
Konrad“ für die Stasi spioniert hat.
Mit dem „IM Helene“ gibt es einen weiteren aktuellen
Fall im Bundesministerium für Wirtschaft und
Technologie, der aus meiner Sicht von besonderer Bedeutung ist.
Wir können uns ausmalen, dass diese Mitarbeiter nicht
nur ihren Amtseid gebrochen und wissentlich und
willentlich der Bundesrepublik Deutschland geschadet
haben. Sie sind auch heute noch als unentdeckte
Inoffizielle Mitarbeiter einem erheblichen Erpressungspotenzial
ausgesetzt. Sie können auch heute noch von feindlichen
Geheimdiensten erpresst und angeworben werden. Ich
halte beide Fälle nur für die Spitze des Eisbergs. Daher
fordert die FDP-Fraktion von der Bundesregierung nun
endlich Aufklärung und eine fundierte Aufarbeitung der
sogenannten West-IMs im Ministerialapparat.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Aber auch an uns geht der Krug nicht vorbei. Denn
die Antwort auf die Frage, in welchem Umfang
Bundestagsabgeordnete im Zeitraum von 1949 bis 1989
wissentlich und willentlich mit der Staatssicherheit
zusammengearbeitet haben, gehört auch für uns auf die
Tagesordnung.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Der Einwand, dass die Archivbestände der Birthler-
Behörde keine Differenzierung von Tätern und Opfern der
Staatssicherheit ermöglichten, ist unbegründet. Es
genügt ein einfacher Gang in die Außenstellen der Birthler-
Behörde, um sich ein besseres Bild machen zu können.
Gregor Gysi ist der Anlass der heutigen Aktuellen
Stunde. Er muss Grund für uns sein, die Aufarbeitung
des SED-Unrechts und seiner Konsequenzen bis zum
heutigen Tag weiter zu intensivieren.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)