Rede von Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) – Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 16 a und 16 b: Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter.
Text
Rede von Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) – Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter
Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und
Kollegen! Meine Damen und Herren auf der Tribüne! Mit
Ihrer gütigen Erlaubnis, Frau Präsidentin, darf ich zuerst
Frau Mortler und Herrn Hinsken herzlich dafür danken,
dass sie mir von diesem Pult aus beste Genesungsgrüße
gesendet haben. Ich finde, das war sehr freundlich. Viele
von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben das
auf andere Weise auch getan. Vielen Dank. Sie sehen,
ich bin wieder da.
Nun zum Thema. Wir hatten gerade die Gelegenheit,
mit dem Ausschuss eine Fernreise zu unternehmen.
Dabei haben wir zum Beispiel erlebt, wie schwer es ist,
wenn man behindert ist. Ich wundere mich sehr, dass in
keinem Ihrer Anträge – weder von den Grünen noch von
der Koalition – der Begriff barrierefreier Tourismus
auch nur auftaucht, geschweige denn, dass Sie
vernünftige Forderungen stellen, um ihn zu gewährleisten. Ich
bitte Sie, dass wir das in den Ausschussberatungen noch
aufnehmen, damit etwas Sinnvolles dabei herauskommt.
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Dafür haben wir
einen extra Antrag!)
– Das ist ein Antrag zu einem anderen Thema. Aber
warum fehlt es hier?
Wenn wir über Ferntourismus reden, möchte ich
schon einmal darauf hinweisen, dass es verschiedene
Formen von Tourismus gibt. Es gibt die
Urlaubsreisenden, es gibt die Geschäftsreisenden, es gibt die
Privatreisenden, die Verwandte besuchen, es gibt
Städtepartnerschaften und andere Formen von Kultur-, Sport- und
Jugendaustausch. Es gibt auch die Fernreisen von
Soldatinnen und Soldaten, also den Kriegstourismus. Den wir
vollkommen ablehnen, und dabei bleiben wir auch.
Wo sind denn eigentlich die Stellschrauben für die
Politik? Bei den Urlaubsreisen und bei dem Geschäfts-tourismus sind die Stellschrauben hinsichtlich der
Fernreisen gar nicht so groß.
Bei den Städtepartnerschaften und bei den
verschiedenen Formen von Kultur-, Sport- und Jugendaustausch
haben wir als Politikerinnen und als Politiker ganz
andere Möglichkeiten, einzugreifen. Hier können wir
direkt fördern, was von allen Seiten gefordert wird – dass
man Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung
aufnimmt, dass man wirklich die Kultur des Landes, das
man besucht, kennenlernt und dass man wirklich erfährt,
wie es dort zugeht. Das ist in diesen Formen des
Tourismus am ehesten möglich. Vor allen Dingen haben wir
hier die größten Möglichkeiten, einzugreifen. Also
lassen Sie uns nicht so weiche, schwammige
Formulierungen wie „Wir wirken darauf hin“ und „Wir versuchen,
darauf Einfluss zu nehmen“ finden. Lasst uns dort
fördern, wo wir fördern können. Lasst uns etwas Konkretes
machen.
Ein Reiseziel war zum Beispiel Cancún. Niemand
von uns hat sich in den 50 nebeneinanderstehenden
Fünfsternehotels – mehrere noch mit eigenen
Golfplätzen – wirklich wohlgefühlt. Man hat dort von der
einheimischen Bevölkerung nichts gesehen, außer dann, wenn
sie als dienstbare Geister die Räume saubergemacht
haben. In den oberen Etagen übrigens war die
einheimische Bevölkerung, zum Beispiel die Nachfahren der
Majas, nicht mehr zu sehen.
Was haben wir erfahren? Jeden Tag produziert
Cancún 700 Tonnen Müll. Dieser Müll wird in die
Landschaft geschüttet. Die Mangrovenwälder, die durch
einen Hurrikan und die Umweltbelastungen zerstört
worden sind, werden nicht aufgeforstet. Dafür ist kein
Geld da.
Wenn wir die dortige Infrastruktur stärken und der
dortigen Bevölkerung wirklich nützlich sein wollen,
dann muss man sagen, wo die Probleme wirklich liegen.
Wir haben durchaus gesehen, wo sie liegen. Dort müssen
sie gelöst und muss die Situation geändert werden.
Deshalb lassen Sie uns die Anträge nicht so
halbherzig formulieren. Lassen Sie uns im Ausschuss daran
arbeiten, damit herauskommt: An dieser und an jener
Stelle kann die Politik tatsächlich eingreifen. Das muss
dann auch Hand und Fuß haben, und dafür müssen wir
auch ein bisschen Geld in die Hand nehmen. Ich denke,
da sollte man etwas investieren. In diesem
Zusammenhang können wir zum Beispiel darüber reden, dass wir
eine Kerosinsteuer brauchen, aus deren Einnahmen wir
das bezahlen.
Wir wollen an Ort und Stelle Menschen
zusammenbringen, zum Beispiel Jugendliche, die an einem
Jugendaustausch teilnehmen. Nicht nur unsere Jugendlichen
sollen in ferne Länder fahren. Wir sollten auch den
Menschen dort die Möglichkeit geben, zu uns zu kommen,
uns kennenzulernen. Wenn diese weniger Geld haben als
wir, dann müssen wir ihnen Geld zur Verfügung stellen.
Das ist die Form von Tourismus, die wir unterstützen.
Lasst uns nicht nur daran denken, dass die
Gutbetuchten in die Fünfsternehotels fahren, sondern auch dafür
sorgen, dass sich Menschen kennenlernen und eine
Dr. Ilja SeifertWeltanschauung durch das Anschauen der Welt
entwickeln können!
Danke schön.