Berücksichtigung strukturschwacher Regionen im neuen Europäischen Wettbewerbsfonds
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Berücksichtigung strukturschwacher Regionen im neuen Europäischen Wettbewerbsfonds
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6167
21. Wahlperiode 29.05.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Janina Böttger, Desiree Becker, Gökay Akbulut, Maik
Brückner, Mirze Edis, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Maren Kaminski, Jan Köstering,
Ina Latendorf, Charlotte Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Lea Reisner, Zada
Salihović, Ulrich Thoden, Donata Vogtschmidt, Sascha Wagner, Christin Willnat
und der Fraktion Die Linke
Berücksichtigung strukturschwacher Regionen im neuen Europäischen
Wettbewerbsfonds
In ihrem Vorschlag für einen neuen Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) setzt
die Kommission der Europäischen Union (EU) einen besonderen Schwerpunkt
auf die Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Ein neuer
Europäischer Fonds für Wettbewerbsfähigkeit (WBF) soll 14 bestehende Fonds
bündeln und mit einem Volumen von 234,3 Mrd. Euro europäische Unternehmen
unterstützen. Eng verknüpft mit dem WBF wird das Programm Horizont
Europa für Forschung und Innovation mit einem Volumen von 175 Mrd. Euro
fortgesetzt. Die Mittel sollen leistungsorientiert und exzellenzbasiert vergeben
werden: Gefördert werden soll nach Qualität und Wirksamkeit der eingereichten
Projekte in offenen Wettbewerbsverfahren.
Die Bundesregierung unterstützt diese Logik der Mittelvergabe. Eine
Mittelvergabe nach geografischen Ausgleichskriterien, wie andere EU-Staaten fordern,
lehnt sie ab. Regionaler Ausgleich und das Erreichen von Kohäsionszielen solle
durch die vorgesehenen Nationalen und Regionalen Partnerschaftspläne
(NRPP) erreicht werden (vgl. www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/
2026/fp10-positionspapier.pdf?__blob=publicationFile&v=2 und https://scienc
ebusiness.net/news/planning-fp10/eu-countries-divided-over-geographical-rule
s-competitiveness-fund).
In den NRPP sollen die Politikbereiche Soziales, regionale und ländliche
Entwicklung, Agrar, Migration, Grenzen, sowie Natur- und Umweltschutz
zusammengefasst werden. Insgesamt wird mit einer deutlichen Kürzung der Mittel
gerechnet, die zur Überwindung regionaler struktureller Ungleichheiten in
Europa beitragen sollen. Die Bundesländer könnten im Rahmen der NRPP in
direkte Konkurrenz um begrenzte Fördermittel geraten.
Von diesem Kürzungsdruck sehen sich die ostdeutschen Bundesländer
besonders betroffen (https://esf.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/20250925_MP
K-Ost-zum-MFR-und-EU-Foerderpolitik.pdf). Zusätzlich könnten sie aufgrund
ihrer strukturellen Ausgangslage geringere Erfolgschancen in
exzellenzbasierten Wettbewerbsverfahren haben als stärker entwickelte Regionen.
Die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland ist
verfassungsrechtlich geboten. Vor diesem Hintergrund ist zu klären, ob und in
welchem Umfang die Bundesregierung diese Verpflichtung in ihre
Verhandlungsführung zum MFR 2028–2034 einbezieht.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hoch waren die an Deutschland geflossenen Mittel aus denjenigen
EU-Fonds und Programmen, die nach dem Vorschlag der Europäischen
Kommission künftig in einem Wettbewerbsfonds gebündelt werden
sollen, in der laufenden Förderperiode (2021 bis 2027 bzw. verfügbar),
aufgeschlüsselt nach Bundesland (sofern die Mittel im Rahmen offener
Wettbewerbsverfahren vergeben werden, bitte die insgesamt an
Zuwendungsempfänger mit Sitz oder Projektstandort im jeweiligen Bundesland
geflossenen Mittel nach Bundesländern aggregiert aufschlüsseln)
a) Horizont Europa,
b) Innovationsfonds,
c) Programm „Digitales Europa“,
d) Fazilität „Connecting Europe“,
e) Europäischer Verteidigungsfonds,
f) Instrument zur Förderung von Munitionsproduktion (ASAP),
g) Instrument zur Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie
durch gemeinsame Beschaffung (EDIRPA),
h) Programm für die europäische Verteidigungsindustrie (EDIP),
i) Programm „EU4Health“,
j) EU-Weltraumprogramm,
k) Programm „Iris²“,
l) Programm „InvestEU“,
m) KMU-Strang des EU-Binnenmarktprogramms (SMP),
n) Programm „LIFE“?
2. Wie hoch sind die aggregierten Mittel der in Frage 1 genannten Fonds im
Vergleich zu den aggregierten Mitteln aus den Fonds EFRE (Europäische
Fonds für regionale Entwicklung), ESF+ (Europäischer Sozialfonds Plus),
ELER (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des
ländlichen Raums) und JTF (Fonds für einen gerechten Übergang) je
Bundesland in der laufenden Förderperiode?
3. Wie viele Projektanträge aus Deutschland wurden in der laufenden
Förderperiode in den in Frage 1 genannten Fonds aufgrund nicht erreichter
Exzellenz- oder Qualitätskriterien abgelehnt (bitte nach Bundesland des
jeweiligen Sitzes oder Projektstandorts der abgelehnten Projekte
aufschlüsseln)?
4. Hat die Bundesregierung die in den Fragen 1, 2 und 3 erfragten Daten bei
der EU-Kommission angefordert, wenn ja, mit welchem Ergebnis, und
wenn nein, warum nicht?
5. Hat die Bundesregierung eine Folgenabschätzung zur Entwicklung der
deutschen Positionen im Rahmen der MFR-Verhandlungen durchgeführt,
wenn ja, mit welchem Ergebnis, und wenn nein, warum nicht?
6. Wurden die in den Fragen 1, 2 und 3 erfragten Daten in eine etwaige
Folgenabschätzung zur Entwicklung der deutschen Positionen im Rahmen
der MFR-Verhandlungen einbezogen, wenn ja, mit welchem Ergebnis,
und wenn nein, warum nicht?
7. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Ministerpräsidentin und
der Ministerpräsidenten der ostdeutschen Länder vom 25. September
2025, dass strukturschwächere Regionen wie in Ostdeutschland besonders
von den vorgeschlagenen strukturellen Änderungen des nächsten MFR
betroffen wären, und wenn nein, warum kommt die Bundesregierung zu
einer abweichenden Einschätzung?
8. Welche Berechnungen liegen der Bundesregierung zur konkreten Höhe
der erwarteten Kürzungen der in die NRPP überführten Kohäsionsmittel
je Bundesland vor, sofern solche Berechnungen nicht vorliegen, inwiefern
wirkt sich diese Unklarheit auf die Positionen Deutschlands in den MFR-
Verhandlungen aus?
9. Wie bewertet die Bundesregierung die Risiken strukturschwacher
Regionen, in Ostdeutschland in eine „Entwicklungsfalle“ (vgl. neunter
Kohäsionsbericht, Kapitel 1, S. 27 ff.) zu geraten?
10. Wie bewertet die Bundesregierung die ökonomischen Risiken, die sich
aus einer zunehmenden Disparität zwischen strukturschwachen und
strukturstarken Regionen innerhalb der EU-Staaten ergeben (vgl. EU-
Kommission, Forging a Sustainable Future Together, 2024)?
11. Plant die Bundesregierung, strukturschwache Regionen wie in
Ostdeutschland im deutschen NRPP besonders zu berücksichtigen, und wenn
ja, mit welchen Programmen oder Schwerpunkten und in welcher Höhe?
12. Plant die Bundesregierung, die wirtschaftliche Stärkung der ostdeutschen
Bundesländer zum Ziel einer Gleichberechtigung bei exzellenzbasierten
und leistungsorientierten Wettbewerbsverfahren des WBF zu einem
verbindlichen Schwerpunkt des deutschen NRPP zu machen, wenn ja, in
welcher Höhe, und wenn nein, warum nicht?
13. Erwartet die Bundesregierung aus dem künftigen Wettbewerbsfonds
konjunkturpolitische Impulse für die deutsche Wirtschaft, und wenn ja,
welche, und werden diese bundesweiten oder regionalen Einfluss haben?
14. Wie positioniert sich die Bundesregierung in den Verhandlungsprozessen
zum Wunsch anderer Mitgliedstaaten der Europäischen Union nach klaren
Regelungen zur geografischen Vielfalt der Mittelvergabe im
Wettbewerbsfonds?
Berlin, den 20. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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