Alkoholprävention in Deutschland wirksam stärken - Kinder und Jugendliche besser schützen, Gesundheit verbessern
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Alkoholprävention in Deutschland wirksam stärken - Kinder und Jugendliche besser schützen, Gesundheit verbessern
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6016
21. Wahlperiode 19.05.2026
Antrag
der Abgeordneten Linda Heitmann, Denise Loop, Dr. Janosch Dahmen,
Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Simone Fischer, Johannes Wagner, Dr. Armin
Grau, Misbah Khan, Dr. Andrea Lübcke, Sascha Müller, Dr. Sebastian Schäfer,
Stefan Schmidt, Julia Schneider, Awet Tesfaiesus und der Fraktion BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN
Alkoholprävention in Deutschland wirksam stärken – Kinder und Jugendliche
besser schützen, Gesundheit verbessern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Alkohol ist in Deutschland ein weit verbreitetes und gesellschaftlich akzeptiertes
Genussmittel, dessen Konsum jedoch mit erheblichen gesundheitlichen, sozialen und
wirtschaftlichen Auswirkungen verbunden ist. Trotz rückläufiger Entwicklungen in
einigen Bereichen, insbesondere bei Jugendlichen, liegt das Konsumniveau im
internationalen Vergleich weiterhin auf einem relativ hohen Niveau. Der durchschnittliche
Pro-Kopf-Konsum beträgt rund 10,6 Liter reinen Alkohol pro Jahr, und
alkoholbedingte Erkrankungen tragen weiterhin zu einer hohen Zahl an Todesfällen sowie zu
erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten in Milliardenhöhe bei. 1, 2, 3
Besonders wichtig ist der Blick auf Kinder und Jugendliche. Positiv hervorzuheben
ist, dass viele junge Menschen heute bewusster mit Alkohol umgehen als noch vor
einigen Jahren. Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, dass riskante Konsummuster wie
das sogenannte Rauschtrinken weiterhin verbreitet sind. Frühzeitiger Alkoholkonsum
kann die persönliche Entwicklung beeinträchtigen und das Risiko für gesundheitliche
Probleme im späteren Leben erhöhen.4, 5 Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass be-
1 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2024, Die Drogenaffinität Jugendlicher in der
Bundesrepublik Deutschland 2023, online abrufbar unter: www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/PDF/
pressemitteilungen/daten_und_fakten/Infoblatt_DAS_Alkoholkonsum_final.pdf
2 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), 2025, Jahrbuch Sucht 2025, online abrufbar unter:
www.dhs.de/unsere-arbeit/dhs-jahrbuch-sucht/
3 Weltgesundheitsorganisation (WHO), 2024, Global status report on alcohol and health, online abrufbar
unter: www.who.int/publications/i/item/9789240096745; National Institute on Alcohol Abuse and
Alcoholism (NIAAA), 2020, Alcohol and the Adolescent Brain, online abrufbar unter: www.niaaa.nih.gov/
publications/alcohol-and-adolescent-brain
4 Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 2024, Die Drogenaffinität Jugendlicher in Deutschland
2023, online abrufbar unter: www.bioeg.de/forschung/studien/abgeschlossene-studien/studien-ab-
1997/suchtpraevention/die-drogenaffinitaet-jugendlicher-in-der-bundesrepublik-deutschland-2023/
5 Weltgesundheitsorganisation (WHO), 2024, Global status report on alcohol and health, online abrufbar
unter: www.who.int/publications/i/item/9789240096745; National Institute on Alcohol Abuse and
Alcoholism (NIAAA), 2020, Alcohol and the Adolescent Brain, online abrufbar unter: www.niaaa.nih.gov/
publications/alcohol-and-adolescent-brain
stehende Präventionsmaßnahmen zwar bereits Wirkung zeigen, zugleich aber weiter
gestärkt und besser aufeinander abgestimmt werden sollten. Eine wirksame
Alkoholprävention erfordert ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Aufklärung, individueller
Unterstützung und geeigneten strukturellen Rahmenbedingungen. Dabei kommt
insbesondere der Frage eine Bedeutung zu, wie Verfügbarkeit, Werbung und
gesellschaftlicher Umgang mit Alkohol verantwortungsvoll gestaltet werden können.6, 7
Gleichzeitig gilt es, die Situation der Alkoholgetränkebranche differenziert zu
betrachten und mit den Zielen einer wirksamen Alkoholprävention in Einklang zu bringen.
Die aktuellen Herausforderungen der Branche, insbesondere in der Bier- und
Weinwirtschaft, sollten dabei angemessen berücksichtigt werden. Gerade der Weinbau ist
in vielen Regionen Deutschlands landschaftsprägend und von großer Bedeutung für
Wirtschaft, Tourismus und regionale Identität, steht jedoch zugleich durch
Klimafolgen, veränderte Konsumgewohnheiten und steigende Produktionskosten unter Druck.
Ziel sollte es daher sein, nachhaltige Perspektiven zu schaffen, die wirtschaftliche
Stabilität mit gesundheitspolitischer Verantwortung verbinden. Dazu gehört auch, die
Entwicklung und Vermarktung alkoholfreier Alternativen und die Einführung einer
Rodungsprämie zu unterstützen, die zunehmend auf Interesse stoßen.
Insgesamt zeigt sich, dass bereits positive Entwicklungen und vielfältige Ansatzpunkte
für eine wirksame Alkoholprävention bestehen. Dennoch bleiben die bisherigen
Anstrengungen hinter dem Notwendigen zurück. Es ist an der Zeit, den
gesundheitspolitischen Stellenwert der Alkoholprävention deutlich zu erhöhen und bestehende Lücken
konsequent zu schließen. Die Politik steht in der Verantwortung, den Schutz von
Kindern und Jugendlichen wirksam zu verbessern, den verantwortungsvollen Umgang mit
Alkohol stärker zu fördern und zugleich klare, verlässliche Rahmenbedingungen zu
schaffen. Dafür braucht es jetzt entschlossene politische Schritte und eine kohärente,
wissenschaftlich fundierte Gesamtstrategie, die Prävention verbindlich stärkt und nicht
länger hinter anderen Interessen zurückstehen lässt.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
a) ein umfassendes, wissenschaftlich fundiertes und abgestimmtes Maßnahmenpaket
bestehend aus einer langfristigen Alkoholpräventionsstrategie sowie einem
Alkoholpräventionsgesetz vorzulegen. Dieses soll insbesondere den Kinder- und
Jugendschutz stärken, suchtbelastete Familien und ihre Kinder besser und
nachhaltiger unterstützen sowie niedrigschwellige Angebote zur Schadensminderung und
passgenaue Behandlungs- und Beratungsangebote sicherstellen;
b) die auf den Weg gebrachte Abschaffung des sogenannten „begleiteten Trinkens“
ab 14 Jahren (§ 9 Abs. 2 JuSchG) umzusetzen und im Hinblick auf ihre Wirkung
auf den Kinder- und Jugendschutz zwei Jahre nach Einführung zu evaluieren;
c) die Präsenz und den Ausschank alkoholischer Getränke bei Veranstaltungen, die
sich vorrangig an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren richten, so zu gestalten,
dass ein wirksamer Schutz von Kindern und Jugendlichen sichergestellt ist und
eine Ansprache sowie eine Normalisierung von Alkoholkonsum vermieden wird;
d) Werbung für alkoholhaltige Getränke in auf jugendliche Nutzer*innen
ausgerichteten Apps, Online-Plattformen und Internetangeboten sowie in jugendorientierten
Printmedien und in der Außenwerbung, insbesondere an Verkaufsstellen des
Einzelhandels, zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu untersagen;
6 Weltgesundheitsorganisatione (WHO), Neudefinition von Alkohol, 2024, online abrufbar unter
www.who.int/europe/de/news/item/02-10-2024-redefine-alcohol--who-s-urgent-call-for-europe-to-
rethinkalcohol-s-place-in-society
7 OECD, Harmful alcohol consumption, 2021, online abrufbar unter www.oecd.org/en/topics/harmful-al-
cohol-consumption.html
e) in Zusammenarbeit mit den Ländern und Kommunen auf häufigere Kontrollen,
klare Sanktionen und weitere Schritte hinzuwirken, welche die Einhaltung der
konsequenten Alterskontrolle beim Verkauf von Alkohol stärken sowie die
Einhaltung von Werbebeschränkungen zum Kinder- und Jugendschutz insbesondere
im virtuellen Raum durchsetzen;
f) zu prüfen, wie die Verfügbarkeit alkoholischer Getränke außerhalb der
Gastronomie – auch unter Berücksichtigung internationaler Erfahrungen – so
weiterentwickelt werden kann, dass impulsgetriebene Käufe reduziert und der Zugang für
Kinder und Jugendliche wirksam begrenzt wird; dabei ist insbesondere zu prüfen,
alkoholische Getränke im Kassenbereich nicht mehr frei zugänglich anzubieten;
g) zu prüfen, wie besonders konsumfördernde Verpackungs- und Verkaufsformen
alkoholischer Getränke (z. B. Kleinstgebinde) reguliert werden können und
entsprechende Maßnahmen zur Anpassung einzuleiten;
h) eine systematische Überprüfung und Weiterentwicklung der bestehenden
Alkoholsteuer anzustoßen mit dem Ziel, diese zu vereinfachen und möglichst stärker
am Alkoholgehalt auszurichten;
i) die finanzielle Stärkung von Präventions- und Suchthilfeangeboten weiter zu
verbessern und dabei auch zusätzliche Spielräume einzubeziehen, die sich aus einer
Weiterentwicklung der Alkoholbesteuerung ergeben können;
j) zu prüfen, wie durch geeignete Maßnahmen sichergestellt werden kann, dass
alkoholfreie Getränke in der Gastronomie flächendeckend verfügbar, attraktiv
gestaltet und preislich gegenüber alkoholhaltigen Getränken begünstigt werden;
k) ein Forschungs- und Förderprogramm zur Stärkung des Marktsegments
alkoholfreier Getränke mit dem Ziel, innovative und qualitativ hochwertige Alternativen
zu alkoholischen Getränken zu schaffen;
l) zielgruppenspezifische Präventionsmaßnahmen und -angebote für Jugendliche,
Eltern und Fachkräfte auszubauen;
m) attraktive Alternativen zum Konsum zu fördern und verstärkt in Freizeit-, Sport-
und Kulturangebote für Jugendliche sowie in die offene Kinder- und Jugendarbeit
zu investieren.
Berlin, den 19. Mai 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Angesichts der erheblichen Auswirkungen von Alkoholkonsum auf Gesundheit und Gesellschaft bleibt die
Weiterentwicklung einer wirksamen und ganzheitlichen Alkoholpräventionsstrategie eine zentrale
gesundheitspolitische Aufgabe. Bereits 2020 hat die Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mit ihrem Antrag
„Alkoholpräventionsstrategie entwickeln und europäisch voranbringen“ (Deutscher Bundestag, Drucksache 19/24386)
Impulse für ein umfassendes Maßnahmenpaket gesetzt.
Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass insbesondere ein ausgewogenes Zusammenspiel
aus strukturellen Rahmenbedingungen und zielgerichteten Maßnahmen im Kinder- und Jugendschutz
entscheidend ist, um den Alkoholkonsum langfristig zu reduzieren und gesundheitliche Belastungen zu verringern. Dabei
wird auch in internationalen Empfehlungen – etwa der WHO – darauf hingewiesen, dass bestehende Maßnahmen
weiterentwickelt und stärker aufeinander abgestimmt werden können. Ein besonderes Potenzial liegt in der
sogenannten Verhältnisprävention, die darauf abzielt, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass riskanter Konsum
weniger begünstigt wird. Internationale Erfahrungen zeigen, dass solche Ansätze insbesondere bei Jugendlichen
wirksam sein können.
Zahlreiche Studien sowie Berichte der WHO zeigen, dass Maßnahmen wie eine am Alkoholgehalt orientierte
Preisgestaltung, eine verantwortungsvolle Regulierung der Verfügbarkeit sowie ein sensibler Umgang mit
Werbung wirksame Beiträge zur Reduzierung alkoholbedingter Gesundheitsschäden leisten können. Ziel ist es dabei
nicht, individuelle Freiheitsrechte einzuschränken, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, die informierte
Entscheidungen erleichtern und insbesondere Kinder und Jugendliche besser schützen.
Ergänzend dazu kommt präventiven Ansätzen in den Lebenswelten von Jugendlichen eine zentrale Bedeutung
zu. Neben klaren Rahmenbedingungen sind zielgruppengerechte Aufklärung und unterstützende Angebote
erforderlich, die an den Lebensrealitäten junger Menschen ansetzen und sie dabei stärken, reflektierte und
selbstbestimmte Entscheidungen im Umgang mit Alkohol zu treffen. Um aktuelle Entwicklungen im Konsumverhalten
besser zu verstehen und geeignete Maßnahmen weiterzuentwickeln, ist es zudem wichtig, pädagogische
Fachkräfte, Lehrkräfte sowie Eltern kontinuierlich zu unterstützen und zu informieren. Präventionsangebote im
Rahmen des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes leisten hierbei einen wichtigen Beitrag und sollten
entsprechend gestärkt werden.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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